Unsere Winzerchampagner

Wie ich lernte Champagner zu lieben

Lange Zeit bin ich davon ausgegangen, dass die Champagne das langweiligste Anbaugebiet der Welt ist. Manchmal fielen mir regelrecht die Augen zu, wenn ich ein Glas Champagner in der Hand hielt, weil ein gepflegtes Vorurteil ja in der Lage ist, den Geschmack wie den Verstand zu lähmen, und das Desinteresse mich fast einschlafen ließ. Ich träumte, dass es in den weiten leeren Räumen der Champagne, in denen Maschinen die Arbeit längst übernommen hatten, doch noch irgendwo am Rande, in einem unbekannten Winkel, da, wo die Reben nicht kerzengerade, sondern etwas schräg sich mehr duckten als in den Himmel wuchsen, ein alter Mann stand, mit schmutzigen, zerschürften Händen, und Trauben mit einer alten Schere von der Rebe schnitt. Ein greiser Winzer, der voll Verachtung von der Spitze seines in hügeligen Wellen verlaufenden Weinbergs ins Herz der Finsternis blickte, da, wo der Wein nichts mehr mit dem Menschen, der in wachsen ließ, zu tun hatte und sich hinter prunkvollen Palästen verbarg. Dann drehte er sich um, ließ die letzte Traube auf den Boden sinken, zuckte leichthin mit den Achseln und ging davon. Erwachend war die Gleichgültigkeit, mit der ich dem Getränk in meiner Hand begegnete, einem bitteren Schauer gewichen, aber der Grund dafür wollte mir nicht recht einfallen. So musste es wohl kommen, dass ich mich eines Tages auf die Suche begeben würde, aber dass eine Reise in das bekannteste Weinanbaugebiet der Welt noch eine Entdeckungsreise werden könnte, war mir damals nicht bewusst.


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Wie ich lernte Champagner zu lieben

Lange Zeit bin ich davon ausgegangen, dass die Champagne das langweiligste Anbaugebiet der Welt ist. Manchmal fielen mir regelrecht die Augen zu, wenn ich ein Glas Champagner in der Hand hielt.

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91 WineSpectator

Der Carte Verte brut Blanc de Blancs Grand Cru hat alles was ein Champagner brau...

Der Carte Verte brut Blanc de Blancs Grand Cru hat alles was ein Champagner braucht! Frische Zitrusfrüchte, feine Hefetöne, leicht beschwingt, duftig und mit toller Eleganz. Man me...

27,90 € 0,75l (1l = 37,20 €)
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Thibaut Brocard ist gerade einmal Mitte 20, leitet aber
schon das Familie...

Thibaut Brocard ist gerade einmal Mitte 20, leitet aber
schon das Familienweingut in der Champagne. Seine Reben wachsen im Süden des Gebiets im Tal der Seine, wo die Champag...

27,90 € 0,75l (1l = 37,20 €)
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91 WineSpectator

Der Basic-Champagner Brut Tradition der Familie Chapuy wird aus Chardonnay, Pino...

Der Basic-Champagner Brut Tradition der Familie Chapuy wird aus Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier gekeltert, den drei traditionellen Rebsorten der Region. In den letzten Jah...

24,50 € 0,75l (1l = 32,67 €)
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91 Vinous

Der Grand Reserve Brut von Dehours, der zu mehr als einem Drittel aus Lagerweine...

Der Grand Reserve Brut von Dehours, der zu mehr als einem Drittel aus Lagerweinen komponiert ist, bietet für einen "Hauscuvée" eine enorme Komplexität und feine Reife. Alle Trauben...

29,00 € 0,75l (1l = 38,67 €)
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91 WineSpectator

Der Carte Verte brut Blanc de Blancs Grand Cru von Chapuy zeigt den großen Quali...

Der Carte Verte brut Blanc de Blancs Grand Cru von Chapuy zeigt den großen Qualitätsanspruch des Familienbetriebs und die Liebe zum authentischen Champagner-Wein, jenseits der gro...

14,50 € 0,375l (1l = 38,67 €)
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93 WineSpectator

Der Récolte Noir, zu 100 % aus Pinot Noir gekeltert, ist die pure Eleganz. Er ha...

Der Récolte Noir, zu 100 % aus Pinot Noir gekeltert, ist die pure Eleganz. Er hat eigentlich von allem, was in der Champagne vorkommt, etwas. Die typisch erdigen Noten und roten Fr...

33,00 € 0,75l (1l = 44,00 €)
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Der Chapuy brut rosé ist ein duftig feiner Champagner aus dem kleinen Familienbe...

Der Chapuy brut rosé ist ein duftig feiner Champagner aus dem kleinen Familienbetrieb in Oger. Man legt hier sehr viel Wert auf klare Fruchtnoten und eine crémig weinige Art. Das W...

28,50 € 0,75l (1l = 38,00 €)
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2008 haben die Chapuys wieder ihren Jahrgangschampagner „Livrée Noire“ herausgebracht, ganz ausgewogen mit 50% Chardonnay und 50% Pinot Noir. Über drei Jahre muss ein Jahrgangscham...

35,00 € 0,75l in Gepa (1l = 46,67 €)
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93 Vinous

Der Récolte Rosé Brut von Davy Dosnon besteht fast ganz aus Pinot Noir, enthält ...

Der Récolte Rosé Brut von Davy Dosnon besteht fast ganz aus Pinot Noir, enthält ein klein wenig Pinot Meunier. Das Markenzeichen von Davy Dosnon ist die unheimliche Eleganz in sei...

38,00 € 0,75l (1l = 50,67 €)
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Fortsetzung

VON MYTHEN UND MONETEN

Nein, die Witwe Clicquot steht nicht mehr jeden Tag im Weinberg und streichelt einzelne Trauben liebevoll mit der Hand. Nein, die Witwe ist nicht nur lange schon tot und begraben, sie ist auch vergessen und allenfalls ihr Name ist noch gewünscht als Aushängeschild eines internationalen Luxusgüterkonzerns. Sie ist Champagne-Folklore wie die vielen Bilder von pittoresken Chateaus und verwinkelten Gehöften mit alten Wein-Pressen, glücklichen Menschen, die Traube für Traube ernten und im sonnenbeschienenen Weinberg, ein Glas Champagner in der Hand, zu Mittag essen. Wenn Sie als Weinhändler über Champagner sprechen, dann tun Sie das so gut wie nie mit Winzern, nicht einmal mit Leuten, die irgendwann in ihrem Leben eine Traube in der Hand gehabt haben, außer vielleicht im Supermarkt. Sie reden mit Brand-Managern, mit Sales-Managern Germany West, mit Key-Account-Assistants und mit allem anderen, was die Visitenkarten-Anglizismen so hergeben, und dabei beschleicht einen bald das Gefühl, dass man genauso gut über Staubsauger, Erdbeerjoghurt oder Energy-Drinks reden könnte. Die Hochglanzprospekte, die einem bei diesen Terminen vorgelegt werden und zum Einkauf der Produkte anregen sollen, sind weder grafisch noch druckkostentechnisch ein Zeichen grassierender Armut und die Bilder zeigen Flaschen, die in anmutige Zwangsjacken aus rosa Krokodillederimitat gehüllt werden, in elfenbeinfarben lackierten Teakholzkisten mit eingebautem Kühlaggregat liegen oder von schönen Menschen mit schnellen Autos vor pittoresken Schlössern geöffnet werden. Das Bild, das die Champagne in unserem Büro hinterlässt, ist eher das alerter Manager im Nadelstreifenanzug und B- bis C-Promis, die auf Charity-Partys gesponserte Markenbrause trinken. Statt mich damit zu beschäftigen, könnte ich auch die Gala lesen. Dieselben Leute, der gleiche Schein.

THE ONLY WAY IS UP

Leider überbringen alle diese Anglizismen-Träger, deren Dienstwagen man ja schon ansieht, dass mit Champagner Geld verdient wird, zumeist schlechte Nachrichten. Und das geht zuverlässig wie die Morgenandacht im Kloster wie folgt: Die Ernte war wieder so gering, 10 % weniger, die Qualität musste ja noch besser werden, leider, leider, müssen wir, Sie verstehen schon, die Preise, erhöhen, sind ja nur 10 % ... Da sieht man dann schon im Geiste die Phalanx der großen Champagner- Produzenten im zerrissenen Hemdchen vor einem stehen und bei Wasser und trocken Brot darben. Bei einer Gelegenheit habe ich dann mal einen der üblichen Verdächtigen mit einer kleinen negativen Zinseszinsrechnung überrascht. „Wir kennen uns nun schon seit 10 Jahren. Seitdem höre ich, dass die Ernte dieses, also jedes Jahr, um 10 % niedriger ausgefallen sei, wenn das so weitergeht, wächst bis zu meiner Rente in der ganzen Champagne gerade mal noch eine Traube. Dann werde ich der Preiserhöhung sicherlich gelassen gegenüberstehen, bin aber auf die angekündigte Qualitätssteigerung sehr gespannt.“

DER HENRY FORD DES WEINS

Natürlich tue ich den Witwen und auch dem alten Mönch Pérignon etwas unrecht. Sie haben es ja nicht böse gemeint, ganz im Gegenteil, sie wollten nur das Beste für ihre Kundschaft. Aber dann passierte dem Mönch Pérignon das große Unglück. Eigentlich ging es ihm darum, die großen Jahrgangsschwankungen, das unabwägbare, das die Natur mit sich brachte, etwas abzufedern. Also cuvetierte er mehrere Jahrgänge miteinander und führte neue Hygiene-Standards ein. Das Produkt sollte verlässlich werden, jedes Jahr möglichst gleich, und auch gut schmecken. Unerhörtes in einer Zeit, in der Weine mal göttlich, mal grottenschlecht sein konnten, je nach Jahr, nach Fass, nach Erntezeitpunkt. In der ein Wein auf dem Weingut himmlisch und wenn er beim Verbraucher endlich angelangt war unsäglich sein konnte, denn der meiste Wein verdarb auf den schwierigen Lieferwegen. Verlässlichkeit, Standardisierung setzten Pérignon & Co dagegen. Die Arbeit wurde aufgeteilt, Spezialisten für jeden Prozess ausgebildet, mehr Wissen und Können, weniger Zufall und Glück. Verlässlichkeit als Verkaufsargument, industrialisierte Weinherstellung in ihren Anfangstagen. Das 17. Jahrhundert war das Zeitalter der Aufklärung, mit Descartes schnurrten die Gewissheiten auf das eigene Ich zurück und so konnte auch ein Mönch wenigstens in der Weinherstellung den Glauben durch das Wissen ersetzen. Doch trotz aller Vorkehrungen gelang es nicht ganz, zu verhindern, dass hier und da eine Charge des stillen Weines verdarb. So geschah es mit einer auf Flaschen gefüllten – damals sehr selten und äußerst sophisticated – Lieferung für einen englischen Adeligen. Als der Wein auf der Insel ankam, war der restliche Traubenzucker im Wein noch einmal vergoren

ERSTE FREUNDSCHAFT

Es gab also viele Gründe, kein Freund des Champagners zu sein und auf angekündigte Brand-Manager- Besuche, neue Preislisten, Verkostungen und alles, was mit dem Thema zu tun hat, mit größtem Unmut zu reagieren. Zuverlässig konnte man mir mit dem Thema Champagner den Tag verderben. Selbst wenn er mir schmeckte, kam nicht wirklich ein euphorisches Gefühl auf. Nein, ich bin kein Champagner-Freund oder besser sollte ich sagen, ich war kein Champagner-Freund … Erste Risse bekam diese Aversion ja schon, als wir vor vier Jahren einen Champagner aus Oger verkosteten. Chapuy. Keine Marke, kein Abfüller, der, um Authentizität zu beweisen, ein Veuve auf sein Etikett setzen muss, richtige Menschen, die das tun, was viele Winzer auf dieser Welt machen, was in der Champagne aber äußerst selten zu finden ist: aus eigenen Trauben einen eigenen Wein. Das Produkt ist sensationell und wenn wir den Carte Verte nicht ins Sortiment genommen hätten, wäre meine Champagner-Aversion wahrscheinlich zu einer echten Phobie gewachsen. Erst dachten wir, es wird uns wohl gehen wie den meisten Weinhändlern. Man hat alibimäßig einen Winzer-Champagner im Sortiment, aber hauptsächlich verkauft man alle diese Marken, diese Steak-Frites zu horrenden Preisen abspeisen lassen und hat immerhin das Gefühl, am Savoir-vivre teilgenommen, am kulinarischen Geist Frankreichs geschnuppert zu haben. Die ganze Champagne ist besetzt vom Geist des Mammons. Die ganze? Nein, wir sind in Gallien und wir waren selber erstaunt, dass es immer mehr kleine Produzenten gibt, die Widerstand leisten und den Zaubertrank nicht als ein Produkt rein zur Gewinnmaximierung interpretieren. vorgebliche Vielfalt. Eigentlich hätte uns damals schon klar werden müssen, dass die Wein-Freunde in Deutschland längst nach etwas anderem suchen. War Champagner vor Chapuy eher ein Thema, das die Kunden zu Weihnachten, Silvester, zum Geburtstag, oder wenn es mal wieder von den großen Marken Sonderangebote gab, interessierte, kamen jetzt plötzlich immer mehr, die einfach mal einen leckeren Champagner haben wollten. Einfach so, der Grund lag in dem Getränk selber.

INITIALZÜNDUNG

Die ProWein in Düsseldorf ist mittlerweile die größte Wein-Messe der Welt und eigentlich kein Ort, wo man wirklich Entdeckungen machen kann. Aber wie es so ist, manchmal findet man das Beste, wenn man nicht danach sucht. Wir hatten den ganzen Tag lange und anstrengende Gespräche gehabt und viele günstige Weine verkostet, um zu sehen, von welchen wir Probeflaschen anfordern wollten. Nicht immer ein Vergnügen. In einer abgelegenen Region einer eher mäßig besuchten Halle hatten wir noch einen Termin mit einem französischen Vertreter, der eine ganze Reihe interessanter Weingüter vertritt. Nebenan standen einige jüngere Leute an teils sehr stylischen und teils sehr improvisierten Tischen und langweilten sich. Hier oben, in der letzten Ecke der ProWein, war nichts los. Noch eine Stunde, dann war der erste Tag des Jahrmarkts vorbei. Für alle, die denken, die ProWein bestünde nur aus lustigen und feuchtfröhlichen Tagen: Es wird zwar viel verkostet, aber nichts getrunken (bei uns jedenfalls) und nach ungefähr 200 verkosteten Weinen, von denen man 90 nicht haben will, 90 nicht brauchen kann und 20 ohnehin schon im Sortiment hat, freut man sich am Ende des Tages auf ein Bier. Sie können sich vorstellen, wie groß die Sehnsucht ist, endlich einmal etwas TRINKEN zu können und etwas auf dem Gaumen zu haben, das kein Wein ist, wenn Sie bedenken, dass die ProWein in Düsseldorf stattfindet und es dort ja bekanntermaßen nur ein bierähnliches Getränk gibt, das man als Kölner normalerweise meidet. Nach dem letzten unfassbar unreifen Bordeaux, „klassisches Aromaprofil“ war die Bezeichnung unseres Gastgebers dazu, kam mir die Vision, jetzt unbedingt und schnell etwas anderes am Gaumen haben zu müssen. Wir verabschiedeten uns unter freundlichen Komplimenten von Bordeaux & Co und wechselten schnell hinüber zu den Ständen mit der Aufschrift „Champagner Lounge“.

ERLEUCHTUNG

Jérôme Coessens, der sozusagen in der letzten Ecke der äußersten Peripherie der ProWein stand, war sichtlich nervös. Verkaufen? Sein Produkt eloquent und werbewirksam zu vermarkten, potenzielle Kunden in Trance zu reden, sofort einen Verkaufsabschluss zu erreichen, all das lag ihm nicht. Mein Missmut war schon wieder auf Standard-Champagner- Niveau eingeschwenkt, während wir als Erstes den Non Dosage ins Glas bekamen. Wir schauten uns an. Das war irgendwie anders, das war fein, aber auf eine gewisse Art auch brutal, das schmeckte mutig und erfrischend. Das Erstaunen in unseren Gesichtern schien der Auslöser für Jérôme zu sein. Er fing an zu erzählen. Ich grätschte ein, Fangfrage: „Wie viele Flaschen macht ihr denn?“ „Vom Non Dosage? Ungefähr 1.000 in dem Jahr, oft auch weniger und häufig gar keinen ...“ Autsch. „Äh und insgesamt?“ „Etwas mehr als 20.000 ...“ Jetzt fing Jérôme an zu reden, immer mehr, immer schneller. Bald reichte mein Französisch nicht mehr aus, aber meine Menschenkenntnis sagte mir, hier macht jemand etwas mit Leidenschaft, hier bekommt jemand leuchtende Augen, wenn er von seiner Arbeit, viel Arbeit erzählt. 15 Minuten später standen wir in einer anderen Ecke der Peripherie, in der ein junger Mann etwas gelangweilt an einem der stylischen Tische hinter teils modernen, teils grotesk altmodischen Flaschen stand. Thibaud war genervt. Seine erste internationale Messe, was ja auch erst einmal nicht wenig Geld kostet, und dann war man hier in einer Ecke, in der niemand vorbeikommt. Wir probierten seine erste eigene Cuvée, sein Baby sozusagen. Auch das war so viel anders als alles, was wir bisher kannten. Dann taute auch er auf und wir verkosteten schnell wieder, in den Profi-Modus schaltend, hintereinander die Rebsorten-Champagner und die Jahrgangs-Champagner, auch rebsortenrein. Das war die erste Erleuchtung. Champagner kann anders schmecken, es scheint tatsächlich noch Winzer zu geben, und unter denen auch welche, die etwas Individuelles produzieren. Dann kam die zweite Erleuchtung, als Thibaud uns eine Preisliste aushändigte. Wir schauten drüber und waren angesichts der Qualitäten nicht besonders schockiert, das war ok. Wir nickten. „Das ist die Endverbraucherpreisliste ...“, sagte er. „Äh, netto“ „Nein, brutto ... eine Händlerliste schicke ich euch gerne zu, wenn ihr mir eure Visitenkarte dalasst.“ Das war klug und das war vielversprechend, das klang nach großem Champagner-Kino zu kleinen Preisen. Das war etwas, an dem wir dranbleiben mussten. Es gab sie vielleicht doch, die gallischen Dörfer, die den großen Häusern Widerstand leisteten und die wollten wir jetzt finden. Es sollte schwerer sein als gedacht.

SUCHE & AUFBRUCH

Wir begannen also zu suchen und es war klar, es musste etwas Neues dabei sein. Es mussten ungewöhnliche Ideen dabei sein, wir wollten die Vielfalt der Champagne abbilden, wenn es sie denn wirklich gab. Wir suchten im Internet. In der Tat, es gibt mehr kleine Winzer, als wir dachten, aber da gibt es eben auch viel lieblosen Durchschnitt. Keine wirklich schlechten Sachen, aber nichts, was anders ist, was besonders ist, was von einer Idee erzählt. Wozu auch das Besondere machen, wenn man vom Normalen schon ganz gut leben kann. In der Champagne ist niemand, der etwas Land besitzt, auf dem Trauben wachsen, wirklich arm. Eher im Gegenteil, das Champagner-System sorgt dafür, dass auch Mittelmäßiges und Schlechtes seine Abnehmer zu hohen Preisen findet. Große Cuvées sind geduldig. Wenn man genug mischt, fällt das nicht so auf, die Menge zählt. Wir fragten Freunde, Sommeliers, Leute, die sich in der Champagne auskennen. Oft fielen die gleichen Namen. Egly-Ouriet z. B. haben wir schon. Toll, limitiert und wir wollten nicht zwei oder drei Winzer, die schon irgendwie bekannt sind, wir wollten die unbekannte Vielfalt. Schließlich ist Champagner Cold Climate eigentlich klassisches Terroir für individuelle Weine. Selosse, ja, haben wir, 12 Flaschen im Jahr, manchmal 18, vielleicht. Irgendwie kamen wir auch immer wieder auf die beiden zurück, die wir auf der ProWein verkostet hatten, obwohl die in Deutschland niemand zu kennen schien. Wir riefen die Winzer an und stellten eine Frage, die man eigentlich nicht stellt: „Habt ihr auch Kollegen, Winzer aus anderen Bereichen der Champagne, die ihr empfehlen könnt?“ Und wir bekamen tatsächlich Antworten. Eine Art Guerilla unter sich. Wir bestellten Proben bei gefühlt 100 Winzern, wir verkosteten blind, mehrmals dieselben Sachen, oft gegen die großen Namen und Sachen, die wir bereits im Sortiment hatten. Wir diskutierten und waren auch nicht immer einer Meinung. Schließlich hatten wir ungefähr zehn Namen und jetzt war klar, wir mussten erst einmal da hin. Wir wollten wissen, was die Leute machen und warum.

Fortsetzung

Ein gepflegtes Vorurteil ist ja in der Lage, den Geschmack wie den Verstand zu lähmen, und das Desinteresse ließ mich fast einschlafen. Ich träumte, dass es in den weiten leeren Räumen der Champagne, in denen Maschinen die Arbeit längst übernommen hatten, doch noch irgendwo am Rande, in einem unbekannten Winkel, da, wo die Reben nicht kerzengerade, sondern etwas schräg sich mehr duckten als in den Himmel wuchsen, ein alter Mann stand, mit schmutzigen, zerschürften Händen, und Trauben mit einer alten Schere von der Rebe schnitt. Ein greiser Winzer, der voll Verachtung von der Spitze seines in hügeligen Wellen verlaufenden Weinbergs ins Herz der Finsternis blickte, da, wo der Wein nichts mehr mit dem Menschen, der in wachsen ließ, zu tun hatte und sich hinter prunkvollen Palästen verbarg. Dann drehte er sich um, ließ die letzte Traube auf den Boden sinken, zuckte leichthin mit den Achseln und ging davon. Erwachend war die Gleichgültigkeit, mit der ich dem Getränk in meiner Hand begegnete, einem bitteren Schauer gewichen, aber der Grund dafür wollte mir nicht recht einfallen. So musste es wohl kommen, dass ich mich eines Tages auf die Suche begeben würde, aber dass eine Reise in das bekannteste Weinanbaugebiet der Welt noch eine Entdeckungsreise werden könnte, war mir damals nicht bewusst.

VON MYTHEN UND MONETEN

Nein, die Witwe Clicquot steht nicht mehr jeden Tag im Weinberg und streichelt einzelne Trauben liebevoll mit der Hand. Nein, die Witwe ist nicht nur lange schon tot und begraben, sie ist auch vergessen und allenfalls ihr Name ist noch gewünscht als Aushängeschild eines internationalen Luxusgüterkonzerns. Sie ist Champagne-Folklore wie die vielen Bilder von pittoresken Chateaus und verwinkelten Gehöften mit alten Wein-Pressen, glücklichen Menschen, die Traube für Traube ernten und im sonnenbeschienenen Weinberg, ein Glas Champagner in der Hand, zu Mittag essen. Wenn Sie als Weinhändler über Champagner sprechen, dann tun Sie das so gut wie nie mit Winzern, nicht einmal mit Leuten, die irgendwann in ihrem Leben eine Traube in der Hand gehabt haben, außer vielleicht im Supermarkt. Sie reden mit Brand-Managern, mit Sales-Managern Germany West, mit Key-Account-Assistants und mit allem anderen, was die Visitenkarten-Anglizismen so hergeben, und dabei beschleicht einen bald das Gefühl, dass man genauso gut über Staubsauger, Erdbeerjoghurt oder Energy-Drinks reden könnte. Die Hochglanzprospekte, die einem bei diesen Terminen vorgelegt werden und zum Einkauf der Produkte anregen sollen, sind weder grafisch noch druckkostentechnisch ein Zeichen grassierender Armut und die Bilder zeigen Flaschen, die in anmutige Zwangsjacken aus rosa Krokodillederimitat gehüllt werden, in elfenbeinfarben lackierten Teakholzkisten mit eingebautem Kühlaggregat liegen oder von schönen Menschen mit schnellen Autos vor pittoresken Schlössern geöffnet werden. Das Bild, das die Champagne in unserem Büro hinterlässt, ist eher das alerter Manager im Nadelstreifenanzug und B- bis C-Promis, die auf Charity-Partys gesponserte Markenbrause trinken. Statt mich damit zu beschäftigen, könnte ich auch die Gala lesen. Dieselben Leute, der gleiche Schein.

THE ONLY WAY IS UP

Leider überbringen alle diese Anglizismen-Träger, deren Dienstwagen man ja schon ansieht, dass mit Champagner Geld verdient wird, zumeist schlechte Nachrichten. Und das geht zuverlässig wie die Morgenandacht im Kloster wie folgt: Die Ernte war wieder so gering, 10 % weniger, die Qualität musste ja noch besser werden, leider, leider, müssen wir, Sie verstehen schon, die Preise, erhöhen, sind ja nur 10 % ... Da sieht man dann schon im Geiste die Phalanx der großen Champagner- Produzenten im zerrissenen Hemdchen vor einem stehen und bei Wasser und trocken Brot darben. Bei einer Gelegenheit habe ich dann mal einen der üblichen Verdächtigen mit einer kleinen negativen Zinseszinsrechnung überrascht. „Wir kennen uns nun schon seit 10 Jahren. Seitdem höre ich, dass die Ernte dieses, also jedes Jahr, um 10 % niedriger ausgefallen sei, wenn das so weitergeht, wächst bis zu meiner Rente in der ganzen Champagne gerade mal noch eine Traube. Dann werde ich der Preiserhöhung sicherlich gelassen gegenüberstehen, bin aber auf die angekündigte Qualitätssteigerung sehr gespannt.“

DER HENRY FORD DES WEINS

Natürlich tue ich den Witwen und auch dem alten Mönch Pérignon etwas unrecht. Sie haben es ja nicht böse gemeint, ganz im Gegenteil, sie wollten nur das Beste für ihre Kundschaft. Aber dann passierte dem Mönch Pérignon das große Unglück. Eigentlich ging es ihm darum, die großen Jahrgangsschwankungen, das unabwägbare, das die Natur mit sich brachte, etwas abzufedern. Also cuvetierte er mehrere Jahrgänge miteinander und führte neue Hygiene-Standards ein. Das Produkt sollte verlässlich werden, jedes Jahr möglichst gleich, und auch gut schmecken. Unerhörtes in einer Zeit, in der Weine mal göttlich, mal grottenschlecht sein konnten, je nach Jahr, nach Fass, nach Erntezeitpunkt. In der ein Wein auf dem Weingut himmlisch und wenn er beim Verbraucher endlich angelangt war unsäglich sein konnte, denn der meiste Wein verdarb auf den schwierigen Lieferwegen. Verlässlichkeit, Standardisierung setzten Pérignon & Co dagegen. Die Arbeit wurde aufgeteilt, Spezialisten für jeden Prozess ausgebildet, mehr Wissen und Können, weniger Zufall und Glück. Verlässlichkeit als Verkaufsargument, industrialisierte Weinherstellung in ihren Anfangstagen. Das 17. Jahrhundert war das Zeitalter der Aufklärung, mit Descartes schnurrten die Gewissheiten auf das eigene Ich zurück und so konnte auch ein Mönch wenigstens in der Weinherstellung den Glauben durch das Wissen ersetzen. Doch trotz aller Vorkehrungen gelang es nicht ganz, zu verhindern, dass hier und da eine Charge des stillen Weines verdarb. So geschah es mit einer auf Flaschen gefüllten – damals sehr selten und äußerst sophisticated – Lieferung für einen englischen Adeligen. Als der Wein auf der Insel ankam, war der restliche Traubenzucker im Wein noch einmal vergoren

ERSTE FREUNDSCHAFT

Es gab also viele Gründe, kein Freund des Champagners zu sein und auf angekündigte Brand-Manager- Besuche, neue Preislisten, Verkostungen und alles, was mit dem Thema zu tun hat, mit größtem Unmut zu reagieren. Zuverlässig konnte man mir mit dem Thema Champagner den Tag verderben. Selbst wenn er mir schmeckte, kam nicht wirklich ein euphorisches Gefühl auf. Nein, ich bin kein Champagner-Freund oder besser sollte ich sagen, ich war kein Champagner-Freund … Erste Risse bekam diese Aversion ja schon, als wir vor vier Jahren einen Champagner aus Oger verkosteten. Chapuy. Keine Marke, kein Abfüller, der, um Authentizität zu beweisen, ein Veuve auf sein Etikett setzen muss, richtige Menschen, die das tun, was viele Winzer auf dieser Welt machen, was in der Champagne aber äußerst selten zu finden ist: aus eigenen Trauben einen eigenen Wein. Das Produkt ist sensationell und wenn wir den Carte Verte nicht ins Sortiment genommen hätten, wäre meine Champagner-Aversion wahrscheinlich zu einer echten Phobie gewachsen. Erst dachten wir, es wird uns wohl gehen wie den meisten Weinhändlern. Man hat alibimäßig einen Winzer-Champagner im Sortiment, aber hauptsächlich verkauft man alle diese Marken, diese Steak-Frites zu horrenden Preisen abspeisen lassen und hat immerhin das Gefühl, am Savoir-vivre teilgenommen, am kulinarischen Geist Frankreichs geschnuppert zu haben. Die ganze Champagne ist besetzt vom Geist des Mammons. Die ganze? Nein, wir sind in Gallien und wir waren selber erstaunt, dass es immer mehr kleine Produzenten gibt, die Widerstand leisten und den Zaubertrank nicht als ein Produkt rein zur Gewinnmaximierung interpretieren. vorgebliche Vielfalt. Eigentlich hätte uns damals schon klar werden müssen, dass die Wein-Freunde in Deutschland längst nach etwas anderem suchen. War Champagner vor Chapuy eher ein Thema, das die Kunden zu Weihnachten, Silvester, zum Geburtstag, oder wenn es mal wieder von den großen Marken Sonderangebote gab, interessierte, kamen jetzt plötzlich immer mehr, die einfach mal einen leckeren Champagner haben wollten. Einfach so, der Grund lag in dem Getränk selber.

INITIALZÜNDUNG

Die ProWein in Düsseldorf ist mittlerweile die größte Wein-Messe der Welt und eigentlich kein Ort, wo man wirklich Entdeckungen machen kann. Aber wie es so ist, manchmal findet man das Beste, wenn man nicht danach sucht. Wir hatten den ganzen Tag lange und anstrengende Gespräche gehabt und viele günstige Weine verkostet, um zu sehen, von welchen wir Probeflaschen anfordern wollten. Nicht immer ein Vergnügen. In einer abgelegenen Region einer eher mäßig besuchten Halle hatten wir noch einen Termin mit einem französischen Vertreter, der eine ganze Reihe interessanter Weingüter vertritt. Nebenan standen einige jüngere Leute an teils sehr stylischen und teils sehr improvisierten Tischen und langweilten sich. Hier oben, in der letzten Ecke der ProWein, war nichts los. Noch eine Stunde, dann war der erste Tag des Jahrmarkts vorbei. Für alle, die denken, die ProWein bestünde nur aus lustigen und feuchtfröhlichen Tagen: Es wird zwar viel verkostet, aber nichts getrunken (bei uns jedenfalls) und nach ungefähr 200 verkosteten Weinen, von denen man 90 nicht haben will, 90 nicht brauchen kann und 20 ohnehin schon im Sortiment hat, freut man sich am Ende des Tages auf ein Bier. Sie können sich vorstellen, wie groß die Sehnsucht ist, endlich einmal etwas TRINKEN zu können und etwas auf dem Gaumen zu haben, das kein Wein ist, wenn Sie bedenken, dass die ProWein in Düsseldorf stattfindet und es dort ja bekanntermaßen nur ein bierähnliches Getränk gibt, das man als Kölner normalerweise meidet. Nach dem letzten unfassbar unreifen Bordeaux, „klassisches Aromaprofil“ war die Bezeichnung unseres Gastgebers dazu, kam mir die Vision, jetzt unbedingt und schnell etwas anderes am Gaumen haben zu müssen. Wir verabschiedeten uns unter freundlichen Komplimenten von Bordeaux & Co und wechselten schnell hinüber zu den Ständen mit der Aufschrift „Champagner Lounge“.

ERLEUCHTUNG

Jérôme Coessens, der sozusagen in der letzten Ecke der äußersten Peripherie der ProWein stand, war sichtlich nervös. Verkaufen? Sein Produkt eloquent und werbewirksam zu vermarkten, potenzielle Kunden in Trance zu reden, sofort einen Verkaufsabschluss zu erreichen, all das lag ihm nicht. Mein Missmut war schon wieder auf Standard-Champagner- Niveau eingeschwenkt, während wir als Erstes den Non Dosage ins Glas bekamen. Wir schauten uns an. Das war irgendwie anders, das war fein, aber auf eine gewisse Art auch brutal, das schmeckte mutig und erfrischend. Das Erstaunen in unseren Gesichtern schien der Auslöser für Jérôme zu sein. Er fing an zu erzählen. Ich grätschte ein, Fangfrage: „Wie viele Flaschen macht ihr denn?“ „Vom Non Dosage? Ungefähr 1.000 in dem Jahr, oft auch weniger und häufig gar keinen ...“ Autsch. „Äh und insgesamt?“ „Etwas mehr als 20.000 ...“ Jetzt fing Jérôme an zu reden, immer mehr, immer schneller. Bald reichte mein Französisch nicht mehr aus, aber meine Menschenkenntnis sagte mir, hier macht jemand etwas mit Leidenschaft, hier bekommt jemand leuchtende Augen, wenn er von seiner Arbeit, viel Arbeit erzählt. 15 Minuten später standen wir in einer anderen Ecke der Peripherie, in der ein junger Mann etwas gelangweilt an einem der stylischen Tische hinter teils modernen, teils grotesk altmodischen Flaschen stand. Thibaud war genervt. Seine erste internationale Messe, was ja auch erst einmal nicht wenig Geld kostet, und dann war man hier in einer Ecke, in der niemand vorbeikommt. Wir probierten seine erste eigene Cuvée, sein Baby sozusagen. Auch das war so viel anders als alles, was wir bisher kannten. Dann taute auch er auf und wir verkosteten schnell wieder, in den Profi-Modus schaltend, hintereinander die Rebsorten-Champagner und die Jahrgangs-Champagner, auch rebsortenrein. Das war die erste Erleuchtung. Champagner kann anders schmecken, es scheint tatsächlich noch Winzer zu geben, und unter denen auch welche, die etwas Individuelles produzieren. Dann kam die zweite Erleuchtung, als Thibaud uns eine Preisliste aushändigte. Wir schauten drüber und waren angesichts der Qualitäten nicht besonders schockiert, das war ok. Wir nickten. „Das ist die Endverbraucherpreisliste ...“, sagte er. „Äh, netto“ „Nein, brutto ... eine Händlerliste schicke ich euch gerne zu, wenn ihr mir eure Visitenkarte dalasst.“ Das war klug und das war vielversprechend, das klang nach großem Champagner-Kino zu kleinen Preisen. Das war etwas, an dem wir dranbleiben mussten. Es gab sie vielleicht doch, die gallischen Dörfer, die den großen Häusern Widerstand leisteten und die wollten wir jetzt finden. Es sollte schwerer sein als gedacht.

SUCHE & AUFBRUCH

Wir begannen also zu suchen und es war klar, es musste etwas Neues dabei sein. Es mussten ungewöhnliche Ideen dabei sein, wir wollten die Vielfalt der Champagne abbilden, wenn es sie denn wirklich gab. Wir suchten im Internet. In der Tat, es gibt mehr kleine Winzer, als wir dachten, aber da gibt es eben auch viel lieblosen Durchschnitt. Keine wirklich schlechten Sachen, aber nichts, was anders ist, was besonders ist, was von einer Idee erzählt. Wozu auch das Besondere machen, wenn man vom Normalen schon ganz gut leben kann. In der Champagne ist niemand, der etwas Land besitzt, auf dem Trauben wachsen, wirklich arm. Eher im Gegenteil, das Champagner-System sorgt dafür, dass auch Mittelmäßiges und Schlechtes seine Abnehmer zu hohen Preisen findet. Große Cuvées sind geduldig. Wenn man genug mischt, fällt das nicht so auf, die Menge zählt. Wir fragten Freunde, Sommeliers, Leute, die sich in der Champagne auskennen. Oft fielen die gleichen Namen. Egly-Ouriet z. B. haben wir schon. Toll, limitiert und wir wollten nicht zwei oder drei Winzer, die schon irgendwie bekannt sind, wir wollten die unbekannte Vielfalt. Schließlich ist Champagner Cold Climate eigentlich klassisches Terroir für individuelle Weine. Selosse, ja, haben wir, 12 Flaschen im Jahr, manchmal 18, vielleicht. Irgendwie kamen wir auch immer wieder auf die beiden zurück, die wir auf der ProWein verkostet hatten, obwohl die in Deutschland niemand zu kennen schien. Wir riefen die Winzer an und stellten eine Frage, die man eigentlich nicht stellt: „Habt ihr auch Kollegen, Winzer aus anderen Bereichen der Champagne, die ihr empfehlen könnt?“ Und wir bekamen tatsächlich Antworten. Eine Art Guerilla unter sich. Wir bestellten Proben bei gefühlt 100 Winzern, wir verkosteten blind, mehrmals dieselben Sachen, oft gegen die großen Namen und Sachen, die wir bereits im Sortiment hatten. Wir diskutierten und waren auch nicht immer einer Meinung. Schließlich hatten wir ungefähr zehn Namen und jetzt war klar, wir mussten erst einmal da hin. Wir wollten wissen, was die Leute machen und warum.

Die Regionen

VALLE DE LA MARNE

Von Epernay aus erstreckt sich das Marne-Tal gut 40 km nach Westen. An beiden Seiten des Flusses wachsen hauptsächlich Pinot Noir und Pinot Meunier, eine Rebsorte, die man außer in der Champagne fast nur noch in Württemberg findet, wo sie Schwarzriesling heißt. Landschaftlich ist das breite Tal, an dessen mäßig steilen Flanken sich die Weinreben langziehen und kleine Ortschaften verstreut liegen, sicherlich eine der schönsten Regionen der Champagne. Im Valle da la Marne liegen einige der für ihre Einzellagen bekanntesten Orte der Champagne, wie Dizy oder Cumières

MONTAGNE DE REIMS, AMBONNAY

Die Montagne de Reims ist der nördliche Abschluss der Champagne. Direkt vor den Toren von Reims beginnt die Montagne. Mehr ein Hügel als ein Berg, aber an seinen Hängen stehen immerhin rund 5.000 Hektar unter Reben. Die besten sicherlich da, wo der Berg nach Südwesten hin zum Marne-Tal verläuft. Bouzy und Ambonnay bauen mittlerweile hauptsächlich Pinot Noir an, aber hier steht auch noch etwas Chardonnay und Pinot Meunier.

CÔTE DES BLANCS

Chardonnay und fast nichts anderes. Die Farbe der mit mehr als 95 % der Anbaufläche vorherrschenden Rebsorte hat den nach Osten geneigten Hängen südlich von Epernay ihren Namen gegeben. Sanft fallen sie zur Marne hin ab und sind so geschützt vor Wind und zu viel Regen, der vom Atlantik hinüberzieht. Hier wird sicherlich der größte Anteil an Spitzen-Champagnern erzeugt. Wobei Champagner, die rein aus einem der vielen Untergebiete stammen, in den großen Häusern selten sind. Man findet sie eher bei den kleinen Winzern, die sich hauptsächlich noch aus ihren eigenen Weinbergen versorgen.

DIE CÔTE DES BARS

Gut 150 km sind es von Reims nach Bar-sur- Seine. Hier ist man dem Burgund näher als dem Herzen der Champagne, aber trotzdem stehen hier an den Hügeln oberhalb der Seine mehr als 20 % der Champagner-Reben, hauptsächlich Pinot Noir. Die Champagne-Touristen fahren hier vorbei auf ihrem Weg in den Süden, aber kaum einer hält an. In den Köpfen der Wein-Freunde wächst ein Champagner maximal einen Korkenknall von Reims oder Epernay entfernt und trotzdem ist die Côte des Bars für den Champagner extrem wichtig und viele der großen Häuser sehen mit Sorge, was hier gerade passiert. Fast 90 % der Reben sind hier Pinot Noir und der sorgt für die Kraft im Champagner, so kann man mit den Côtedes- Bars-Weinen bei so mancher eher dürftigen Cuvée für den nötigen Pep sorgen. Die Grundweine von hier sind also beliebt, aber immer mehr junge Produzenten wollen nicht mehr an die reichen Leute im Norden verkaufen, sondern selber Champagner machen. Ein Hauch von Aufstand und Revolution hängt über dem Seine-Tal. Eine Revolution, die das Zeug dazu hat, Champagner von einem Markenprodukt wieder zu einem richtigen Wein werden zu lassen. Wir waren erstaunt, was wir dort alles entdeckt haben. 

 

von andreas brensing