Die andere Rioja – Oscar und Eva

Die Region - la Rioja.

Das fruchtbare Tal zwischen der Sierra Cantabria, die vor den Nordwinden schützt, und der Sierra de la Demanda, die nach Süden und Westen hin die Ebene abschirmt, sodass die eisigen Winter der Meseta kaum durchdringen. Von Alfaro im Südosten bis Haro im Nordwesten sind es gut 100 km, dazwischen wird auf gut 60.000 Hektar Wein angebaut. Viel Wein. Sehr viel Wein.

20.000 Winzer soll es hier geben. Aber was heißt Winzer in der Region?

Die Rioja war schon immer von der Landwirtschaft geprägt. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit spielte der Wein nur eine untergeordnete Rolle. Man baute Trauben an, aber auch Gemüse, Obst und vor allem Getreide. Die Aufteilung war klar: Gemüse dort, wo der Boden am fruchtbarsten und die Bewässerungsmöglichkeiten am besten waren, sonst überall Getreide, zwischendurch Obstbäume und wo gar nichts anderes ging, wuchsen Weinreben. Die felsigen Hänge waren dafür prädestiniert. Wenn man sich nördlich von San Vicente oder Laguardia an den Hängen der Sierra Cantabria durch das Gestrüpp schlägt, sieht man auf manchen waagerechten Felsplatten seltsame Vertiefungen: Trujales. Hier wurden direkt neben dem Weinberg die Trauben ausgepresst und der Most dann in die Dörfer getragen, um ihn dort zu vergären. Erst später wanderte der Weinanbau in die Ebene und damit begann die Geschichte der Rioja als der Inbegriff des spanischen Weins. Eine Geschichte mit Höhen und vielen Tiefen und von Anfang an auch eine Geschichte von großen „Kellereien“ und kleinen Weinbauern.

Seit dem 15. Jahrhundert wurde genug Wein produziert, sodass er auch außerhalb der für die Region wichtigen Klöster als Handelsware interessant wurde. Und so kam zu der Dreiteilung der Region in adeligen und kirchlichen Landbesitz sowie in die Arbeit der kleinen Campesinos, der Bauern, die ihre Mischbetriebe oft auf gepachtetem Grund hatten, noch eine weitere Gruppe hinzu: die Weinhändler. Mit ihren guten Beziehungen begann der Aufstieg der Wein-Rioja, denn der Wein wurde nun in großen Mengen exportiert. Mit Maultieren wurde er nach Norden bis in die Häfen von Bilbao und Santander geschafft, nach Süden über den Ebro bis Saragossa, nach Westen über die Meseta bis Burgos und Valladolid. Die Campesinos verkauften Trauben oder auch direkt ihren Wein an die großen Landgüter und an die Händler. Diese bestimmten die Preise, mischten die Weine nach Gutdünken zusammen – oft auch mit Weinen aus anderen Regionen – und kümmerten sich um den Verkauf. Und wenn der einmal nicht gut lief, dann kauften sie halt nichts und die Campesinos blieben auf ihrem Wein sitzen.

„Die Straßen und Häuser der Rioja sind aus Wein gebaut“, schrieb ein Chronist einmal und das war nicht im übertragenen Sinne gemeint, denn es gab immer wieder Zeiten, in denen kaum Wein verkauft wurde und niemand wusste, wohin mit den Mengen, und so mischte man den Mörtel der Häuser einfach mit Wein statt Wasser an oder ließ ihn einfach die Straße hinunterlaufen. Wein war billiger als frisches Wasser in solchen Zeiten. Dann wurde wieder mehr Getreide und Obst angebaut und weniger Wein, bis dieser wieder teurer und damit rentabler wurde. Ein stetiges Auf und Ab durch die Jahrhunderte.

Irgendwann kamen Händler auf die Idee, große Lagerhäuser zu bauen, um so in Jahren mit großer Ernte für Jahre mit kleiner Ernte vorbeugen und einen plötzlichen Nachfragerückgang (zum Beispiel durch Kriege) aussitzen zu können. Das steigerte langfristig noch einmal die Abhängigkeit der kleinen Weinbauern, die sich solche Investitionen nicht leisten konnten, von den großen Gütern und Händlern, führte aber auch zu besserem Wein, denn nur den konnte man lagern und es entstand ein in der Weinwelt ganz neues Prinzip: gelagerter Wein wurde als hochwertiger Wein verkauft (siehe auch unseren Blogpost zum „Reserva Prinzip“ ).

Bis heute hat sich daran nur wenig verändert. 20.000 „Winzer“? Ja, aber die wenigsten von Ihnen verkaufen wirklich Wein. Das meiste geht über die großen Namen, die jeder kennt, und für die eine Produktion von fünf bis sechs Millionen Flaschen keine Besonderheit ist. Die „Campesinos“ verkaufen ihre Trauben - oder seltener den fertigen Wein - an die großen Häuser. Dort wird er kuvertiert und unter dem klingenden Namen verkauft. Es gibt so manchen spektakulären Weingutsneubau, zu dem kein einziger Hektar eigene Rebfläche gehört. Business as usual.

Alegre Valganon

 

Das Dorf – Sajazarra.

Wir sind in Sajazarra, ganz im Westen der Rioja. Hierhin fahren Touristen nicht wegen des Weins, sondern weil der Ort „eines der schönsten Dörfer Spaniens“ ist, wie ein Schild am Ortseingang erzählt. Es gibt die Reste einer alten Stadtmauer aus dem 12 Jahrhundert, eine Kirche aus dieser Zeit, ein fast postkartenkitschiges Castello aus dem 15 Jahrhundert und vielleicht hundert alte Steinhäuser die engen Gassen, die ein paar schöne Dorfplätze umschließen, und deren Errichtung weiter zurückreicht als die Erinnerung der Bewohner. Alt heißt hier alt. Aber in Sajazarra wohnen auch nur noch 150 Menschen. Im Altstadtkern selbst, den der Rio Ea sehr malerisch an drei Seiten umfließt, sind es vielleicht nur noch 50, und an jedem zweiten Haus hängt ein Schild „se vende“: zu verkaufen. Wenn der Reiseführer „pittoresk“ schreibt, heißt das nicht unbedingt, dass man hier auch wohnen möchte oder kann.

Hier treffen wir Oscar und Eva, die sich am Rand des Ortes eine kleine Halle und ein altes Weingutsgebäude gekauft haben. Es ist zugleich eine der beiden letzten Bodegas, die es im Ort noch gibt. „Hier sind eigentlich 42 Weingüter registriert“, sagt Oscar, „aber nur zwei machen noch wirklich Wein. Die vierzig anderen sind leere Gebäude.“

Eva Valgañon kommt aus dem Nachbardorf Fonzaleche, dem letzten Rioja-Weindorf vor der Meseta. „Meine Familie macht seit mindestens 150 Jahren Wein“, erzählt sie und so hat sie Weinbau studiert und ist zur Arbeit erst einmal ins Ausland gegangen, nach Italien. Ungewöhnlich genug. „Im Piemont bei den kleinen Top-Winzern haben wir gelernt, dass man anders Wein machen kann“, sagt Oscar, der Eva in Norditalien kennen und lieben gelernt hat. Anders, das heißt in der Rioja erst einmal: selbst Wein machen. In kleinen Mengen und mit einer Herkunft, die sich nicht auf 100 mal 50 Kilometer erstreckt, sondern auf einen Ort, einen kleinen Weinberg und die Reben, die dort unter ganz besonderen Bedingungen entstehen. Für die Rioja war das neu und traditionell zugleich.

Wir gehen nicht in das pittoreske Zentrum des Ortes, sondern erst einmal in die Calle San Juan, die oberhalb des Rio Ea am Ortsrand liegt. Gut 30 kleine Steinhäuser sind hier in den steilen Hang gebaut, dahinter ragen vereinzelt Kamine aus der Erde. „In jedem dieser Häuser wurde Wein produziert“, erzählt Oscar, „vierzig Familien machten hier Weine aus mindestens vierzig verschiedenen Weinbergen. Jeder anders und doch alles Rioja.“ „Jetzt ist alles verlassen“, meint Eva und erklärt uns wie das so funktionierte. „Dadurch, dass das Haus am Hang gebaut war, konnte man oben das Lesegut einfüllen und dann auf der nächsten Etage die Trauben mazerieren. Darunter waren dann Fässer oder Betontanks, in denen die Gärung stattfand und der junge Wein gelagert wurde.“ Dass der Wein aus Sajazarra schon damals etwas Besonderes war, sieht man an dem, was sich hinter - oder besser unter - den Häusern befindet, denn hier sind tiefe Keller in den Kalkstein gegraben. Durchaus ungewöhnlich, den meist wurde der junge Wein schnell an die großen Weinhändler und Weingüter verkauft. Lagern konnten sich nur wenige leisten (mehr darüber in unserem Blogpost das „Reserva Prinzip“). In Sajazarra scheint jeder ein Lager gehabt zu haben und einige davon waren durchaus groß, wie Oscar erzählt. Wir treffen Felix, der gerade auf dem Weg in einen dieser Keller ist, das Haus davor steht nicht mehr, es ist irgendwann zusammengefallen, aber wie wir sehen werden, ist der in den Felsen gegrabene Keller noch in Betrieb. „Felix ist einer unserer besten Traubenlieferanten“, erzählt Oscar. Er hat einen kleinen, aber sehr guten Weinberg direkt am Ortsrand. Einen Weinberg, den er nie verkaufen wird, obwohl es harte Arbeit ist und sich kaum lohnt. „Wir bezahlen ihm deutlich mehr als die Genossenschaft“, meint Eva, „aber es ist trotzdem harte Arbeit.“ „Dafür sind die Trauben aber auch besonders“, ergänzt Oscar. Viele Trauben sind es nicht und wie sich zeigt, verkauft er sie auch nicht alle, denn Felix hat sich die Tradition bewahrt, selbst Wein zu machen. Ungefähr zehn bis zwanzig Prozent der Ernte behält er und schafft sie in seinen kleinen Keller. Vom alten Betontank, in der Ecke des Kellers hat er die obere Hälfte weggestemmt, sodass eine Art Bottich entstanden ist. In Portugal nennt man so etwas lagar. Jetzt ist er gekommen, um die Traubenschalen, die sich oben abgesetzt haben, noch einmal unterzustoßen und zu sehen, wann er den Most in die paar Stahlbehälter füllen kann, die an der Wand stehen. Der Keller ist vielleicht zehn Meter lang, zwei Meter breit und an den meisten Stellen muss man sich bücken. Zwei einzelne Glühbirnen baumeln an Kabeln von der Decke, die jeden deutschen Elektriker sofort erstarren ließen. Es ist feucht und riecht, nun ja, sagen wir mal nach „natural wine“. „Das gibt so 500 Liter“, meint Felix. Jahresbedarf für die Familie. Oscar grinst, „das ist die Rioja, die ich meine.“ Und Eva ergänzt, „wir haben uns umgesehen, ob wir nicht eines dieser Häuser kaufen können, aber die sind alle zu klein. Was wir jetzt haben, ist etwas moderner, zumindest die Halle.“ Zu klein ist gut. In einer Region, in den Produktionsmengen von Betrieben nach Millionen Flaschen bemessen werden, sind die beiden mit vierzig- bis fünfzigtausend Flaschen eine Art Micro-Vinery und mit ihrem Konzept pure Avantgarde.

Wir sind in der Halle, die unweit der ganz alten Weinhäuser am Ea liegt. „Wir wollten unbedingt direkt im Ort unseren Wein machen“, erzählt Oscar, „wir meinten, das sind wir der Region schuldig. Eine Halle im Gewerbegebiet hätte sich irgendwie falsch angefühlt für das, was wir machen.“ Die nicht einmal fünfzigtausend Flaschen von Eva und Oscar verteilen sich nämlich nicht auf Crianza, Reserva und Gran Reserva, sondern auf ihre eigenen Weinstile und vor allem auf Weinberge. Es gibt so viel Ungewöhnliches im Vergleich zu anderen Rioja-Weingütern. Ein Grund mehr, sie näher kennenzulernen, jeden für sich mit Genuss und Abenteuerlust zu probieren und mit ihnen eine andere Welt der spanischen Winzerkultur kennenzulernen.

Die anderen Weine – Blanco.

Weißwein. Aus der Rioja. Entweder ist der sehr günstig und sehr einfach oder sehr besonders und sehr teuer. Belangloser Sommerwein oder Ikone – dazwischen gibt es nicht viel. „Dabei war die Rioja lange Zeit eher weiß“, meint Oscar. Mit eher ist so was wie Rosé oder bräunlich gemeint … Rosé, weil man Weinberge früher im gemischten Satz gepflanzt hat und immer ein paar rote Reben darunter waren. Geerntet und vinifiziert wurde jeweils ein Weinberg, alles auf einmal, und so gab es das, was man früher als Rioja Clarete bezeichnet hat. Nicht das, was wir heute unter Rosé verstehen. Bräunlich, nun ja. Oxidation war immer ein Problem. Es ging schon damit los, dass man kaum in der Lage war, die geernteten Trauben schnell abzupressen. Das alte Rioja kannte eher Mischbetriebe und schnelle Pick-Up-Trucks gab es noch nicht. Wenn der Weinberg abgeerntet war, dauerte es, bis die Trauben in der Weingutsgasse ankamen und dann noch einmal, bis sie abgepresst werden konnten. Zwischendurch musste das Vieh versorgt werden oder was auch immer. So gab es von vornherein eine natürliche Mazeration, den Kontakt zischen Most und Traubenschalen, der aus den Schalen Phenole, Tannine und viele Aromastoffe herauslöst und gleichzeitig die Gefahr mit sich bringt, dass der Wein oxidiert. Das moderne, industrielle Rioja, wollte aber saubere, kristallklare, fruchtbetonte Weine. Strandweine. Also abpressen, runterkühlen, Reinzuchthefen dazu und dann schnell und ordentlich filtrieren. Eva führt uns zu einem Bottich, auf dem ein Hut aus goldgelben Trauben schwimmt. Das Glas, das sie untertaucht ist gefüllt mit einem hellen, leicht goldbraunen klaren Saft. Weißwein. „Wir glauben an die Viura“, sagt sie, „sie benötigt nur eine etwas andere Behandlung als andere Rebsorten. Der Kontakt mit den Beerenhäuten ist wichtig. Nicht so viel, dass es einen Orange-Wein ergibt, nicht eigentlich oxidativ, aber eben spürbar in den Tanninen und mit einer leichten Phenolik. Das ist ein total natürlicher Prozess und wir lernen dabei jedes Jahr hinzu.“ Es ist erstaunlich, wie einfach das aussieht, ein Bottich, abgedeckt mit einer Plastikfolie und schon wird aus einem belanglosen Strandwein ein großer Weißwein. Wir ahnen aber, dass es so einfach nicht ist, wenn wir den beiden zuhören, wie sie über den Wein, der da im Werden ist, sprechen. Der Rioja Blanco ist ein absolut grandioser Einstieg in diese Welt des besonderen weißen Rioja. Er mutet fast salzig an, mit einem betörend komplexen Duft nach Mandeln, Orangen und Blüten. Eine Mischung aus Fino Sherry und exotischer Frucht. Ein sensationeller Essensbegleiter. War so der „alte“ Rioja? Wahrscheinlich nicht - oder nur, wenn alles mal perfekt gelungen war. Aber so wie bei Oscar und Eva ist der weiße Rioja eine großartige Symbiose aus dem kargen Kalkterrain, dem extremen Klima und dem traditionsbewussten Modernismus zweier Wein-Enthusiasten. Man stellt sich unwillkürlich die Frage, wie lange kann das Reifen, wann ist das perfekt zu trinken? Eva zuckt mit den Schultern: „Wenn Viura nicht reifen könnte, dann würde ja kein Mensch über Tontonia Blanco reden…“

Alegre Valganon

 

Die anderen Weine – Tinto.

Rioja Tinto gehört ins Barrique-Fass, muss kraftvoll sein, leicht oxidativ und einen feinen Vanilleunterton haben? Nichts ist blödsinniger als das. Meinen jedenfalls Eva und Oscar. Tempranillo und Garnacha können, im eher kühlen Klima und auf den kargen Böden der besten Weinberge des Rioja gewachsen, durchaus feine, elegante Weine mit erstaunlicher Frische und fast burgundischer Anmutung ergeben. Bei Alegre & Valgañon gibt es keine Reservas oder Gran Reservas: „Weine werden ja nicht dadurch besser, dass man sie länger im Fass liegen lässt“, meint Oscar, „das ist eine Erfindung des industriellen Rioja.“ Hier kommen die Weine eher ins große Fass und das auch nur für länger, wenn eine Oxidation ausdrücklich gewünscht ist (z.B. bei einem besonderen Very-Old-Style Weißwein). „Wir wollen die Rebe und das Terroir, auf dem sie wächst, einfangen, nicht das Holz, in dem der Wein gelegen hat“, sagt Eva. Der „einfache“ Tinto kommt aus den Lagen rund um Sajazarra (unter anderem auch aus Felix‘ Weinberg). Mehr Tempranillo als Garnacha und trotzdem meilenweit entfernt von den Rioja-Weinen der großen Häuser. Mit seiner Frische und klaren, straffen Art, erinnert er mehr an Burgund als an Weine mit einem goldenen Drahtgeflecht. Die reinsortige Garnacha stammt von zwei Terroirs, beides Kalkböden. Ein Weinberg im Norden an den Montes Obarenes, einer im Süden an den Hängen der gegenüberliegenden Berge. „Ich liebe die Garnacha“, meint Oscar, „man vermutet sie eigentlich nur in der südlichen Rioja, wo sie kraftvolle, manchmal auch etwas plumpe Weine ergibt. Aber hier im Norden, in der Kälte, wird sie elegant und fein, nervig und frisch. Das ist etwas ganz anderes.“ „La Calleja“, erzählt Eva, „das war unser erster Wein. Eine Parzelle bei Fonzaleche, die meiner Familie schon ewig gehört. Weiter im Nordwesten wächst kein Rioja.“ Und erstaunlich genug, La Calleja ist reinsortig mit Tempranillo bestückt. Reinsortig? „Nun“, meint Eva, „es stehen da auch ein paar Weißweinreben im Weinberg“, die werden natürlich mit vinifiziert. Ein erstaunlicher Wein, wenn man bedenkt, wo er wächst. Tempranillo kann fein und von verführerischer Kraft sein, aber auch tintig, marmeladig und fad, wenn er überreif ist oder unendlich spröde und schlimmstenfalls mit kratziger Säure, wenn er unreif ist. Kommt leider oft genug vor, manchmal beides in einer Flasche. La Calleja ist messerscharf mit herber Frische und feiner Kräutrigkeit. Der Wein wandelt perfekt auf dem Grad zwischen nördlicher Rhône, Côte d´Or und, nun ja, dem vergessenen Rioja. Man kann nur hoffen, dass es bald mehr solche Weinberge für Oscar und Eva gibt.

Das Terroir - Cool Climate.

Mehr Weinberge? Leicht gesagt. Wir stehen südöstlich von Sajazarra auf einem kleinen Hügel. Es sieht aus wie ein Sandhaufen, aber unter dem dünnen Boden ist reiner Kalkfels. Es hat in den letzten Tagen geregnet, sodass sich zwischen Hügel und Ort eine kleine Lagune gebildet hat. Ein Fischreiher versucht sein Glück. „Das ist ein aufgelassener Weinberg gewesen“, erzählt Eva, „die alten Steinmauern wurden in Generationen aufgeschichtet, um den Boden festzuhalten. Eine unglaubliche Arbeit und dann konnte man nur ein paar Obstbäume pflanzen und ein paar Weinreben, die einen sehr geringen Ertrag brachten. Unten versuchte man es mit Getreide. Brot war wichtiger als Wein.“ Jetzt ist unten viel mit Wein bepflanzt, das Getreide kommt woanders her. „Es wäre schade die Weinberge hier, auf denen unser Vorfahren Jahrhunderte gearbeitet haben, verfallen zu lassen“, sagt sie und sie müsste eigentlich ergänzen, weil es den Weinfans bei Rioja offensichtlich gleichgültig ist, wo in der Region und auf welchen Böden ihre Weine wachsen. „In den Siebzigern hat man hier plötzlich eine Unmenge an Weinbergen gepflanzt“, erklärt sie, „und weil der Wein billig, schnell und in großen Mengen produziert werden musste, denn die großen Abfüller haben nicht viel gezahlt, hat man alles gemacht, was möglich ist. Das heißt vor allem: alles an Chemie, denn die konnte man parktischerweise dann auch direkt bei den Abfüllern kaufen. Wir haben einige Weinberge übernommen, die biologisch tot waren.“ Was die beiden machen, bezeichnen sie als regenerativen Weinbau. „Die Reben hier sind 90 bis 100 Jahre alt, die sind etwas Besonderes“, erklärt Oscar, „solange wir die erhalten können, tun wir das.“ Und sie versuchen alles, um dem Boden seine Vitalität zurückzugeben. Wie schwierig das ist, sehen wir, als Eva sich die paar neu gepflanzten Rebstöcke anschaut. Nicht alle sind angegangen: „Wenn die nächsten Jahre auch so trocken sind, müssen wir uns überlegen, ob wir den Weinberg hier überhaupt noch halten können.“

„Trocken. Verstehen wir. Aber wieso redet ihr eigentlich die ganze Zeit von Cool-Climate-Weinbau? Wir sind doch in Spanien …?“ „Alfaro im Süden“, erklärt uns Oscar, „liegt auf ca. 300 Metern, Haro schon auf 480 und unsere Weinberge hier auf 500 bis 600 Metern. Die Rioja ist im Sommer heiß und in den letzten Jahren auch ziemlich trocken, im Winter kann es hier aber ganz schön ungemütlich sein. Vor allem hier bei Fonzaleche und Sajazarra.“ Denn kurz nach den letzten Weinbergen beginnt Kastilien und damit die Mesata. In den Süden der Rioja ist es von hier aus doppelt so weit wie nach Burgos und über die berühmte Stadt am Jakobsweg sagt man ja, es gäbe hier neun Monate Winter und drei Monate Sommer im Jahr. Von der Meseta, der ungemütlichen Hochebene Zentralspaniens, kommt mit großer Verlässlichkeit ein kalter Wind herunter, der bis nach Sajazarra fegt und die Montes Obarenes im Norden sind deutlich niedriger als im Westen die Sierra Cantabria, was zu mehr feuchter Luft aus dem Norden führt. „Hier treffen kalte und feuchte Luft aufeinander“, erklärt Oscar, „das heißt im Winter regelmäßig Schnee.“ Ok, das mit dem Ferienhaus in Sajazarra überlegen wir uns vielleicht noch einmal.

Brot, Wein und Txogitxu - die Küche.

Man kann mit einem spanischen Winzer keinen Termin machen, ohne zusammen essen zu gehen. Wobei in Spanien die Übergänge zwischen Arbeit, Essen und den einzelnen Mahlzeiten natürlich fließend sind. Während wir die neuen Jahrgänge der Weine verkosten, auch die unserer Entdeckung des Jahres, schneidet Oscar Chorizo und Manchego auf. Es gibt Oliven, Brot und natürlich Tortilla. Mit am Tisch sitzt der einzige Mitarbeiter des Weinguts, ein paar Freunde, die auch etwas mit Wein zu tun haben und der Hund Roma, der Weinhändler offensichtlich nicht besonders mag. Am Morgen hat die Weinpresse ihre Arbeit eingestellt. Was genau damit ist, ließ sich nicht herausfinden. Eher unschön, denn eine zweite Presse gibt es nicht und zwei Bottiche warten darauf, abgepresst zu werden. Also wird telefoniert und diskutiert und natürlich gegessen und getrunken. Irgendwann hat Oscar den richtigen Ansprechpartner am Telefon und meldet Erfolg: Der Techniker kann sich denken, woran es liegt, und will Morgen vorbeikommen. Mañana. Oscar entkorkt entspannt eine Flasche, ein deutscher Winzer wäre jetzt wohl etwas nervöser… „Come on“, meint Oscar, „tomorrow, not mañana.“ Und er redet ganz entspannt, was er und Eva noch alles vorhaben. Zehn Jahre sind in der Weinwelt keine Zeit und was der erste La Calleja 2014 wirklich wert war, sieht man eigentlich erst jetzt. Mehr Einzellagen auf jeden Fall, nach Möglichkeit mehr Garnacha, aber die Weichen sind schon richtiggestellt. „Ist es einfach, Weinberge zu kaufen?“ fragen wir. „Nun ja“, mein Oscar, „Weinberge sind mittlerweile auch ein Spekulationsobjekt und manch einer verkauft oder verpachtet lieber an eines der großen Unternehmen als an uns. Und die guten Weinberge sind ja leider auch die, die viel Arbeit machen. Wir sind ja nur zu zweit.“ Also ist die Antwort eher nein. „Aber“, sagt er „es gibt jetzt eine kleine Gemeinschaft von Winzern, die so arbeiten wollen wie wir. Eher am Terroir orientiert als an der Lagerzeit, vor Ort und mit klassischen Methoden. Schau mal ,was du in den Top- und Szenerestaurants in New York, London oder Berlin noch aus dem Rioja auf den Karten findest oder was Sommeliers dir empfehlen. Gran Reserva Especial? Nada! Ich glaube, dass wir auf dem richtigen Weg sind und richtig groß werden wollten wir ja eh nie… jetzt gehen wir aber Essen. Mittagszeit.“ Es ist 14:30 h, Sebastian ist irritiert. „Äh, war das nicht jetzt schon das Essen …?“ - „Das war noch nicht einmal die Vorspeise.“ Im nahen Cuzcurrita landen wir in einem klassischen Asador. Oscar stellt eine Flasche auf den Tisch, die er noch schnell aus seinem Keller geholt hat. Viña Ardanza – Neunzehnhundertsiebzig. „Was man so 1970 nennt“, meint Oscar und entkorkt die Flasche. Wie meint er das? „Hab ich euch erzählt, dass ich eine Zeit lang mit alten Rioja Weinen gehandelt habe? Sehr spannend. Das mit dem 70er ist eine besondere Geschichte. Da der sehr hoch angesehen und die DO mit ihren Kontrollen noch nicht ganz so weit war, haben viele Kellereien einfach alles, was so rund um die 70er abgefüllt worden ist, als 70er deklariert. In manchen Fässern werden auch verschiedene Jahrgänge kuvertiert worden sein. Das war im der Rioja so üblich und auch gar nicht verwerflich, in der Champagne ist das ja immer noch Standard. Einzellage und Jahrgang, das war nicht das Rioja der großen Erzeuger. Da stand dann auch 70 irgendwie für ‚guter Wein‘“ Er lacht und hat Recht, der Wein ist wirklich gut. Eher burgundisch geprägt, wunderbar elegant und kein Stück müde. Er bestellt eine Lubina gegrillt, geht auch mit Rotwein, jedenfalls mit diesem. Piementos, die hier so gut sind, dass man nie wieder anderen Paprika essen möchte. Und Cecina, das luftgetrocknete Stierfleisch, das hier so genial marmoriert, butterzart und intensiv rauchig im Aroma ist, dass es sich an den Wein geradezu anschmiegt. Der Patron, ein Freund Oscars, schwenkt den 70er im Glas, „Bueno“ meint er. „Passt gut zur Cecina“, meint Oscar, „die ist ja sensationell. Wo kommt die denn her?“ - „Ich hab einen neuen Metzger in Leon, der trocknet die sehr schonend und nimmt dafür ein altes, fein marmoriertes Rindfleisch.“ - „Ah, Txogitxu aus dem Baskenland“, werfe ich ein. „Nein, Kuh aus Westfalen, Deutschland…“

Verkostung

 

Epilog

Am 5. Juni 1899 gruben Leute des Weininstituts von Haro in Sajazarra einen schlecht aussehenden Rebstock aus. Es war das Befürchtete: daktulosphaira vitifoliae. Die Reblaus hatte die Rioja erreicht, in wenigen Jahren gingen alle Rebstöcke, die nicht neu gepflanzt wurden, ein und die Rebfläche sank stark. In Logroño arbeiteten zehn Jahre später mehr Menschen in der Tabakindustrie als im Weinbau.

Heute pflegen zwei Winzer die damals in Sajazarra in die Erde gesetzten Reben und dabei die wenigen, die die Reblaus überlebt haben, mit leidenschaftlicher Hingabe, um sie zu erhalten und das neue Rioja mit dem alten Rioja zu versöhnen, um besondere Weine zu erschaffen, die mehr von ihrer Heimat, vom Klima und dem Boden erzählen als der am Reisbrett entworfene Weingeschmack.

Es ist uns eine Freude, sie dabei zu begleiten und wir sind sehr gespannt darauf, was die andere Rioja uns noch an großen Weinen bringen wird.

ZU DEN WEINEN

Bei unserem Besuch in Sajazarra haben wir auch einen Film gedreht. Schauen Sie rein und lernen Sie die Winzer persönlich kennen!



Hier finden Sie die Empfehlungen des Jahres: