Ein Unternehmen der

REWE Group Logo

Zu Besuch bei der Winzerin des Jahres - Theresa Breuer

Rüdesheim im Februar – es regnet leicht, schneedurchsetzt, ein eisiger Wind lässt Sibirien-Gefühle aufkommen. Oben auf dem Niederwalddenkmal ist der Boden weiß bedeckt. „Es braust ein Ruf wie Donnerhall / Wie Schwertgeklirr und Wogenprall: / Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein“, steht dort in Stein gemeißelt. Im Moment wäre uns ein warmer Mittelmeerstrand lieber. Wir stehen vor dem einen Teil des Weinguts Georg Breuer. Der Schwerlastverkehr zwängt sich durch den Ort über die Grabenstraße. Eine Baustelle zwingt die LKW dazu, fast über den schmalen Bürgersteig zu fahren. Langsamer kennen die Trucker scheinbar trotzdem nicht.

Unten in der Drosselgasse haben die Amerikaner „The German Gemütlichkeit“ erfunden. Nach dem Krieg war der deutsche Wein nicht mehr berühmt und beliebt, international trank man anderes. Die großen Villen, die Herrschaftshäuser und stattlichen Weingüter, die hier in den letzten hundert Jahren entstanden waren, standen plötzlich sinnentleert unter den markigen, ebenso obsoleten Sprüchen der Germania dort droben. Die Ersten, die in dieses Vakuum stießen, waren GIs, die in der Drosselgasse dem jetzt billigen Rheinwein in großen Mengen zusprachen und die unter „Gemütlichkeit“ etwas Ähnliches verstanden wie Bodrum- und Ibiza-Urlauber unter „Erholung“. Von Gemütlichkeit aber keine Spur, nicht einmal in der Drosselgasse (Ausnahmen wie das Breuersche Restaurant bestätigen die Regel) und erst recht nicht unten am Rhein, wo auf vielleicht 20 Metern Breite Radweg, Bundesstraße, Bahnlinie und Souvenirmeile um ihre Daseinsberechtigung kämpfen. Auf dem von so 

Wir gehen erst einmal zusammen rüber in den alten Teil des Weinguts. Was aussieht wie eine normale Villa aus den besseren Tagen Rüdesheims, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als komplettes Weingut. Was wir für eine stattliche Garageneinfahrt halten, wird im Herbst mal eben schnell mittels einer Zeltplane zu einer Trauben-Annahme umfunktioniert. Hinter den drei Garagentoren verbergen sich die ersten Tanks, eine Presse und was man sonst noch so alles braucht. Über enge und schiefe Stiegen geht es dann hinab in einen erstaunlich großen, aber sehr verwinkelten Keller. Hier arbeiten zu müssen sieht nicht nach großem Vergnügen aus. „Och, das geht schon“, meint Theresa lachend, „hier und da müssen wir etwas improvisieren.“ Sie zeigt uns alte Holzfässer und die verschiedenen Gewölbe des Kellers, irgendwann wird es schwer nachzuvollziehen, um wie viele Ecken wir jetzt gebogen sind. „Aber wir haben schon geplant, die Situation hier etwas zu verbessern und was Neues zu bauen“, meint Theresa. „Ah, wollt ihr vor dem Ort was Neues bauen …“ Jetzt lächelt sie etwas vorwurfsvoll. „Vor dem Ort? Nein. Wir gehören hier nach Rüdesheim, wenn jetzt alle hier rausgehen, bleibt ja außer den Souvenirläden gar nichts mehr übrig.“ In der Grabenstraße, dem zweiten Sitz des Weingutes, wo neben einem früheren Gutsweinausschank auch der kleine Hofladen der Breuers steht, ist Platz. Oder besser: kann Platz geschaffen werden, denn an der einen Seite des Karrees steht eine runtergekommene, leere Halle, in der vor einiger Zeit mal ein Supermarkt war. „Das wäre schön, wenn wir hier das Weingut komplett hinverlegen könnten“, meint Theresa, „dann wären wir mitten im Ort und könnten trotzdem gut arbeiten.“ziemlich jedem Fahrzeug missachteten Fußgängerüberweg kommt uns schließlich Theresa Breuer fröhlich pfeifend und lächelnd entgegen. „Schön, dass ihr mich mal wieder besuchen kommt …“ Gute Laune kann so ansteckend sein.

Wir steigen unter das alte Gebäude, in dem einmal eine Weinschänke war und das dann Büros und den Gutsverkauf beherbergen soll. Auch hier alte Gewölbekeller, aber deutlich großzügiger als drüben. „Das Weingut ist ja aus einer Weinhandlung und Sektkellerei heraus entstanden, da brauchte man große Lagerkapazitäten.“ Im ausgehenden 19. Jahrhundert konnte man mit deutschem Wein viel Geld verdienen, vor allem die Weinhändler und Sektkellereien. Dass die Winzer ihren Wein selber vermarkteten, war eher die Ausnahme. Die Weinhändler kauften Fuder bei den Erzeugern und füllten selber, vor allem aber lagerten sie die Weine auch. Große Weine kamen oft erst dann auf den Markt, wenn man sie für trinkreif hielt. In den Kellern an Rhein und Mosel lagen so Unmengen älterer Jahrgänge in Fässern und Flaschen. Wein direkt zu verkaufen, so schnell als möglich? Beaujolais Primeur? Was für ein Unfug, hätten die Händler von damals wohl gesagt. Und Recht hatten sie. Als Bernhard Breuer das Weingut in den 80er-Jahren übernahm, hat er sich an die Philosophie aus der großen Zeit der Rheingau-Weine erinnert. Es gab schon recht bald eine konsequente Hierarchie im Weingut: Gutswein, die „Estate“-Weine, Ortsweine, dann so etwas wie ein Lagen-Cuvée, der Terra Montosa und dann die Einzellagen wie Nonnenberg, Rottland, Roseneck, Schlossberg. Gerade die Großen brauchen Zeit, viel Zeit. Bei den berühmten „Zehn-Jahre-später-Verkostungen“, die Weinführer ja immer wieder durchführen, liegen die Breuer-Weine mit erstaunlicher Gleichmäßigkeit immer weit vorne. Als Bernhard Breuer 2004 plötzlich starb, war er eine wirkliche Wein-Ikone, sein Weingut international bekannt und seine Weine der Maßstab für große Rheingauer.

Einige Wochen später. Es ist immer noch unerfreulich kalt in Deutschland. Ich treffe Theresa wieder bei der Gala der Weinzeitschrift Falstaff im Schloss Hugenpoet. Heute Abend wird hier neben dem Sommelier und dem Newcomer auch der Winzer oder die Winzerin des Jahres gekürt. Drei stehen jeweils zur Auswahl. Es wird eine Sommelière des Jahres geben (Nina Mann), eine Newcomerin des Jahres (Victoria Lergenmüller) und schließlich auch eine Winzerin des Jahres. Die Weinwelt scheint in diesem Jahr fest in Frauenhand. Als der Name von Theresa Breuer aufgerufen wird, schaut sie ziemlich ungläubig. Scheint so, als hätte sie wirklich nicht damit gerechnet, dabei, so sagt es die Chefredakteurin, war der Abstand am Ende der Wahl, bei der die wichtigsten Fachleute der deutschen Weinszene schriftlich und geheim abstimmen dürfen, erstaunlich hoch gewesen. „Aber die anderen Nominierten“, sagt sie ziemlich aufgekratzt, „hätten das doch viel mehr verdient als ich …“ Mit knapp 20 Jahren hat sie 2004 die Leitung des Weinguts übernommen. „Mich hatte keiner aus der Familie gedrängt“, meint sie, „ganz im Gegenteil. Die hatten alle auch etwas Angst, dass der Druck zu groß wird. Aber ich wollte das unbedingt.“ Erstaunlich, mit welcher Ruhe und Gelassenheit sie dann das Weingut behutsam weiterentwickelt hat. „Ich brauchte das ja nicht neu zu erfinden“, meint sie, „mein Vater hatte ja alles so angelegt und ein Weinberg verändert sich ja nicht in ein paar Jahren.“ Aber die Weinwelt verändert sich eben doch und wer glaubt, sich auf den Lorbeeren, die er einmal errungen hat, ausruhen zu können, ist schnell auch wieder weg. Gerade in Deutschland, denn das deutsche Weinwunder ist noch äußerst fragil. Nach zwölf Jahren kann man nur sagen, ein verdienter Preis, denn das Weingut ganz unspektakulär als Ikone des deutschen Weinbaus so weiterzuführen, ist dann doch genauso schwierig, wie alles neu zu erfinden. Und ein paar Extra-Punkte gab es von den Juroren sicherlich noch obendrauf, weil sie die vielleicht fröhlichste und gelassenste deutsche Spitzenwinzerin ist, was zeigt, dass man ernsthafte Weine auch mit viel Freude machen kann und dass es sich selbst im Eissturm lohnt, nach Rüdesheim zu kommen. Zwischen B 42, Bahnlinie, Drosselgasse und der fest und treu auf dem Berg stehenden Wacht am Rhein gibt es nämlich nicht nur einige der besten Weine, sondern auch eine der sympathischsten Winzerinnen Deutschlands.

 

UNSERE WEINTIPPS


Spätburgunder GB Rouge
Individuell würziges Bouquet nach Wacholder, Lakritz und schwarzem Pfeffer. Dunkle Kirschen und frische Pflaumen geben sich ein Stelldichein. Spätburgunder-Duft. Kompromisslos trocken ausgebauter, eigensinniger Spätburgunder. Die Würzigkeit setzt sich auch am Gaumen fort. Straff und geradlinig, ohne nostalgische Gemütlichkeit. Für Experimentierfreudige. Belüften!

2013 Spätburgunder GB Rouge 0,75l 12,00 € 91 Galloni

 

Terra Montosa Riesling
Der Terra Montosa ist eine Selektion der zweitbesten Partien der besten Lagen des Weingutes. Diskrete Aromen von Bergamotte, Grapefruit und getrockneten Kräutern. Kompromisslos trocken. Geradlinigkeit bestimmt den Gaumen. Feine Zestenherbe und schöne Länge im Finish.

2014 Terra Montosa Riesling 0,75l statt 18,50 € nur 16,50 € 92 Galloni

 

Riesling Berg Rottland
Animierend frisch nach Limette, Melisse mit gelben Fruchtkomponenten wie Pfirsich und frischen Birnen. Toller Saft mit straffer Frische und Tonicherbem Abgang.

2014 Riesling Berg Rottland 0,75l 31,50 € 94 Galloni

 

Riesling Nonnenberg
Herber und etwas erdiger Duft mit verhaltener Aromatik nach Kamille, Zitruszesten, Verveine und Steinobst. Schlanker, filigraner Gaumenauftakt mit Vitalität. Kompakt mit guter Struktur und langem Finish.

2014 Riesling Nonnenberg 0,75l 38,00 € 93 Parker