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Wie die Päpste an die Rhône kamen

„Unam sanctam ecclesiam catholicam etipsam apostolicam urgente“, begann das Schrieben, das am 18. November 1302 für größere Aufregung und einige Probleme in der Christenheit sorgen sollte. Es endete mit den Worten: „So erklären wir denn, dass alle menschliche Kreatur bei Verlust ihrer Seelen Seligkeit untertan sein muss dem Papst in Rom...“ Der da so das Seelenheil verteilte, war der Bischof von Rom, der erste unter den Bischöfen und Stellvertreter Gottes auf Erden, Bendetto Caetani, genannt Bonifatius VIII.

Vorausgegangen war ein langer Streit der Päpste mit den weltlichen Mächten. Allen voran Friedrich II., der Staufer, wollte das Supremat der Kirche vor der weltlichen Macht nicht anerkennen. Bonifatius versuchte nun, gut 50 Jahre nach dem Tod Friedrichs, verlorenes Terrain wiedergutzumachen. Dabei ging es ihm nicht einmal um die Macht des Handelns, er wollte gar nicht Exekutive sein. Nach der sogenannten Zweischwerterlehre führten Könige und Kaiser die weltliche Macht im Auftrag der geistlichen aus. Sie durfte ihnen zwar keine direkten Anweisungen geben, aber letztendlich sollte der Papst die einzige Instanz sein, die Könige & Kaiser richten konnte. Er selber dagegen war nur Gott verantwortlich. Heute würde man so etwas als Lean Management bezeichnen: Mach mal; wenn es richtig war, sagen wir, es war Gottes, also des Stellvertreters, Eingebung, wenn nicht – Exkommunikation. Nur dass damals die Exkommunizierten statt Abfindung einen Scheiterhaufen bekamen.

Philipp IV. von Frankreich, auch genannt der Schöne, gegen dessen weltliche Macht diese päpstliche Bulle gerichtet war, tobte nicht einmal. Der Streit war schon über Jahre eskaliert, mal ließ Philipp einen papsttreuen Bischof verhaften, mal versuchte der Papst, den französischen Klerus gegen Philipp aufzuwiegeln. So ging es hin und her, wobei Philipp deutlich geschickter agierte und auch etwas skrupelloser war. Nach der „Unam sanctam“-Bulle ließ er kurzerhand eine Versammlung hoher französischer Adeliger und Prälaten im Louvre einberufen, den Papst wegen Häresie anklagen und schließlich für abgesetzt erklären. Alles völlig illegal und eigentlich rechtlich wirkungslos. Aber Philipp legte direkt nach, der Schöne war ein skrupelloser Taktiker; er schickte seinen Gesandten nach Italien, um dort auf einem Generalkonzil das Urteil durch die eingeschüchterten Kleriker bestätigen zu lassen. Ausgestattet mit Geld, Truppen und dem guten Argument der Macht fand er schnell Unterstützung für seinen antipäpstlichen Blitzkrieg. Der Papst selber floh in seine Sommerresidenz in Anagni und bereitete die Exkommunikation des Königs vor. Handstreichartig aber stürmten die Truppen Philipps Stadt und Residenz und nahmen den Papst kurzerhand gefangen. Zwei Tage lang versuchten sie ihn mehr oder minder freundlich zum Rücktritt zu überreden, bevor die Einwohner der Stadt die Besetzer wieder hinauswarfen.

Ein wildes Hin und Her und offensichtlich zu viel für den 68 Jahre alten Papst. Fiebrig und geschwächt fiel er nach einem heftigen Wutanfall (wohl gegen den schönen Philipp) um und entschwand zu seinem Boss. Seine beiden Nachfolger hatten wenig Lust, ein ähnliches Schicksal zu erleiden und legten sich gar nicht erst mit dem Franzosen an. Aber selbst damit war Philipp nicht zufrieden. Immer mehr Kardinäle waren französisch und auf deren freundliche Ratschläge hin bestimmte das Konklave 1305 Bertrand de Got, Erzbischof von Bordeaux und ein enger Freund Philipps, zum Papst. Clemens V. kam gar nicht mehr auf die Idee, nach Rom zu gehen, er ließ sich direkt im schönen Avignon nieder. Das Papsttum war französisch geworden. In der offiziellen Version hatte man Rom wegen der Unsicherheit und der Malaria-verseuchten Sümpfe verlassen. Nach Clemens kam Johannes XII und der ließ sich dann endgültig in der Provence nieder. Er baute auf einem Hügel über dem Rhône-Tal ein Schloss, in das er zur Sommerfrische ging. 1333 wurde es fertiggestellt und der kleine Ort Châteauneuf Calcernier, nach dem dort vorherrschenden Gestein und einem frühmittelalterlichen castro novo benannt, erlebte einen Aufschwung im Schatten des Papstes. 1377 kehrte der erste Papst wieder nach Rom zurück, Gregor XI. Aber nicht jeder in der Kirche war damit einverstanden, also wählte man mehrere einzige Stellvertreter Gottes auf Erden, zeitweise bis zu drei und die residierten in Rom, Avignon und in Peniscola in Spanien. Kurz bevor das „Papstwerden“ inflationär wurde, einigte man sich dann doch und 1417 gab es wieder nur ein Oberhaupt der Kirche und das saß in Rom. Die Renaissance mit seinen noch interessanteren Medici-Päpsten konnte kommen. Avignon blieb der imposante Palast und dem Ort Châteauneuf Calcernier die Papstburg. Immer öfter wurde Calcernier nun Châteauneuf Calcernier dit de Pape genannt oder einfach Châteauneuf-du-Pape. Und da es nichts Schöneres gibt, als in alten, längstin völlig anderen Farben erscheinenden Erinnerungen zu schwelgen und der Bürgermeister des Ortes den Werbewert des Papstweins erkannte, wurde der Name 1893 offiziell geändert und aus dem Wein der Region wurde auch offiziell der Papstwein.

Natürlich war das aus Marketing-Gesichtspunkten grandios, aber auch schlicht und einfach gelogen. Die Päpste in Avignon bevorzugten allesamt die Weine aus Beaune. Die erlebten daraufhin Anfang des 14. Jahrhunderts einen solchen Nachfrageschub, dass man die durstigen Kehlen in ganz Frankreich kaum zu laben vermochte. Man verfiel schnell auf den Gedanken, die Weine ein wenig zu „verbessern“ und in der Tat kamen jetzt häufig die Reben der südlichen Rhône zum Einsatz. Die Weine der Region wurden nach Beaune transportiert und dann mit den Burgundern „vermählt“ oder auch direkt als Weine aus Beaune verkauft. Man bezeichnete diese südfranzösische Dosage freundlich als vin de médecine. Das ging so weiter bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg und wurde erst eingedämmt, als 1923 die AOC Châteauneuf entstand. Jetzt war Burgunder endlich wieder Burgunder und Rhône-Wein kam von der Rhône – weitgehend jedenfalls. Die Päpste aber tranken längst wieder Chianti.

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