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Vom Geist des Bordeaux

Burdigala ist nicht von einem durch eine Wölfin gesäugten Nachfahren des Aeneas gegründet worden, keine römische Kaiserin stand Pate, keine Göttin lieh ihr den Namen. Burd bedeutet nichts anderes als Sumpf und wenn der Ort nicht von so großer strategischer Bedeutung und mit einem so guten und geschützten Zugang zur Seehandelsroute im Golf von Biskaya ausgestattet gewesen wäre … die Römer hätten niemals die kleine keltische Siedlung befestigt und ausgebaut. Sümpfe, da drohten nur Malaria und Überschwemmungen. Schnell stellte sich aber auch heraus, dass Wein hier gut wuchs und der war wichtig für das Überleben Roms, denn seine Armeen verbrauchten ihn in großen Mengen und in den Provinzen war er ein Ausdruck römischer Lebenskultur.

Also fuhren die Schiffe mit Wein beladen die Gironde hinunter zum Meer und kamen, wenn sie Glück hatten, mit anderen Waren zurück. Aus Burdigala wurde Bordeaux und der Handel riss nicht ab. Lange waren die Könige von England Herren über die Stadt und das Land, das damals Aquitanien hieß. Gehandelt wurde natürlich trotzdem, mit allem und jedem und immer auch mit Wein. 1453 kam Bordeaux zurück unter französische Herrschaft. Die Bordelaiser interessierte unterdessen weniger, welche Fahne auf dem Hôtel de Ville wehte, jedoch umso mehr, ob ihr Absatzmarkt in England nicht zusammenbrechen würde. Clairet oder Claret, wie heute noch jeder Bordeaux in England genannt wird, war ein heller, roséartiger Wein und sehr beliebt, weil er deutlich leichter war als die Weine aus Spanien oder Portugal. Die Engländer tranken ihn wahrscheinlich, um nüchtern zu werden und blieben ihm treu auch als er rot und dunkel wurde und sie mit Napoleon und anderen französischen Herrschern im Krieg lagen.

Porte Cailhau - BordeauxPlessac bei Blaye - Bordeaux

Spätestens im 17. Jahrhundert wurde es unter französischen Adeligen schick, ein Schloss in Aquitaine zu haben und dort Wein zu bereiten. Was sie nicht selber trinken konnten, verschifften die aus ganz Europa stammenden Handelsherren von Bordeaux aus und machten dabei meist einen guten Schnitt. Dafür Geld zu verdienen, interessierte sich der Adel nämlich nicht.

Mit der französischen Revolution nahmen auch die reichen Handelsherren immer mehr die Gepflogenheiten der ehemaligen Hochwohlgeborenen an und leisteten sich nicht nur Köche und Equipagen, sondern auch Weingüter. Sie propagierten die Namen der Châteaux, aber immer nur als Verlängerung ihrer Aktivitäten als Weinhändler. Bis in die 1950er Jahre war auf den Flaschen vieler Grand Crus der Name des Abfüllers in größeren Lettern zu finden als der des Châteaus. Das bürgte für Qualität und die war oft beachtlich. Doch der Weinmarkt veränderte sich. Die großen Händler verschwanden, Bordeaux wurde als Hafen unbedeutend und niemand konnte mehr sein Qualitätssiegel auf die Flaschen setzen. In vielen Châteaux wurde das Geld knapp, man verpasste die notwendigen Investitionen und nahm es mit der Herstellung oft nicht mehr so genau. Und als in den 60er und 70er Jahren oft auch das Wetter nicht mitspielte, kamen grauenerregende Weine auf den Markt. Hätte Thomas Jefferson damals die Region bereist, er hätte wahrscheinlich keine Zeile an die Weine verschwendet.

La Cité du Vin - BordeauxPont-Jacques-Chaban-Delmas-Bordeaux

Aber das Bordeaux hat Händlergene und Handel heißt Wandel, heißt Anpassung und Lernbereitschaft. Es spricht für die Region, das dies nicht im luftleeren Raum geschah, sondern auf den Grundlagen dessen, was das Bordeaux groß gemacht hatte. Im Burgund bewirtschafteten zuerst die Klöster abgegrenzte, oft ummauerte Weinberge. Nach der Säkularisation mussten sich die Winzer mit immer kleineren Parzellen begnügen und notgedrungen die Vorzüge der einzelnen Kleinstlagen herausarbeiten. Im Bordelais dagegen waren die Flächen immer groß und auch relativ einheitlich. Die von den Klöstern geprägten Burgunder verstanden Wein als Gottesgeschenk, dem man eigentlich nichts mehr hinzufügen musste, denn das Gegebene könnte man nur noch verderben. Die Bordelaiser verstanden Wein schon seit den Römern als Handelsware und sie wussten, dass die beste Ware den höchsten Preis erzielt. Ihr Ansatz war also nicht, den authentischsten, sondern einfach den besten Wein zu machen. Aber sie wussten auch, dass der beste Wein nicht gegen Boden und Klima zu machen war, sondern nur mit ihm. So entstand der moderne Bordeaux als pragmatischer Ansatz, immer den bestmöglichen Wein zu machen. Natürlich hieß das auch, verschiedene Rebsorten zu nutzen, denn die Stilistik steht im Vordergrund. Dieses Ideal ist zutiefst von Vernunft bestimmt. Eigentlich möchte man hier jedes Jahr den gleichen Wein machen und jedes Jahr den besten. Dieses Scheitern am Unmöglichen wird nicht als Defizit, sondern als Herausforderung verstanden. Der Glaube an die Symbiose aus Fortschritt und Tradition scheint bei vielen Bordelaisern ungebremst. Daher auch der Expansionsdrang der Grands Châteaux. Wenn man auf 30 Hektar große Weine machen kann, warum sollte man das nicht auch auf 60 oder 100 können, vorausgesetzt der Boden ist entsprechend und man hat genug Leute und Technik? Ganz im Gegenteil, kann man bei mehr Fläche nicht auch besser selektionieren? Die ersten Ansätze, am rechten Ufer auch einzelne Weinberge gesondert auszubauen, wären ohne die großen Kenntnisse die man heute über Weine hat, ohne die technischen Möglichkeiten und ohne den Wunsch sich hier und da auch einmal bewusst von Médoc und Co. abzugrenzen, gar nicht möglich.

Und was ist mit dem ewigen Vorwurf, die “modernen” Bordeaux seien gar keine richtigen Bordeaux mehr? Nicht mehr lagerfähig, nicht mehr so kühl und unnahbar. Denken wir zurück an die vielen Weine aus den 70er und 80er Jahren, auf die man wirklich zwanzig Jahre warten musste, ehe man sie trinken konnte, ohne sich den Gaumen zu verätzen. “Was am Stock nicht gelingt, schafft vielleicht der Keller”, schien da oft das Motto in Sachen Reife zu sein. Wer einmal einen 65er Château XYZ verkostet hat, kann doch nicht wirklich glauben, dass das das Ideal sein sollte. Objektiv gesehen sind die Weine im Bordelais in den letzten zwanzig Jahren besser geworden als je zuvor. Aber leider nimmt auch die Nostalgie der älter werdenden Weinfreunde jedes Jahr zu.

Place de la Bourse - Bordeaux

Aber Bordeaux ist natürlich teuer, oder? Wenn ein Château Pétrus für 5.000 Euro im Regal steht, bekommt der natürlich deutlich mehr Aufmerksamkeit, als 5.000 Flaschen Château Schabrack für einen Euro. Wobei eigentlich letzteres das deutlich größere Entsetzen hervorrufen sollte. Es ist doch erstaunlich – wir alle kennen die großen Namen und halten jedes Jahr den Atem an, wenn uns die Subskriptionspreise wieder zu hoch erscheinen. Aber gleichzeitig hat das Bordeaux einen der niedrigsten Durchschnittspreise aller Weinregionen weltweit. Die Grand Crus sind nur ein Tropfen in einem Ozean oft mehr oder weniger schlechten Weins. Und einer der Gründe für unsere Reise nach Aquitanien war es auch, die anderen Weine zu finden, die nicht nur weniger schlecht sind, sondern wirklich gut. Ganz pragmatisch à la bordelaise. Als Händler der meint, seinen Kunden immer nur die besten und spannendsten Weine bieten zu müssen.

 

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