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Unterwegs im Loiretal

Leonardo da Vinci war ein kluger Mann und ohne Zweifel ein Visionär. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Frankreich: der junge König Franz l. hatte ihm Kost, Logis und Anerkennung sowie eine Unterkunft in bester Lage im Loiretal in Aussicht gestellt. Das Angebot des „artist in residence" war für den bereits über 60-jährigen Altmeister im richtigen Moment gekommen und so machten sich Leonardo, Mona Lisa und des Künstlers Entourage auf den Weg nach Amboise - mit im Gepäck nicht nur das berühmteste Lächeln der Kunstgeschichte, sondern auch eine Menge genialer Entwürfe und Ideen. Eine davon soll, so erzählen uns die Chronisten, ein Treppenhaus gewesen sein. Mit dieser nicht nur für das frühe 16. Jahrhundert schlichtweg atemberaubenden Wendeltreppe setzte der italienische Künstler dem Renommierbau des jungen Königs, Schloss Chambord, gleichsam die Krone auf. Das Besondere an der doppelt gewendelten Treppe — und hier schließt sich für Loire-Reisende im Pandemiesommer 2020 der Kreis: wer hinaufsteigt, sieht zwar die Hinuntergehenden, kann sie aber nicht berühren. Was einst höfischer Tändelei gedient haben mag, macht die Treppe heute zur schönsten Corona-Einbahnstraßenlösung, die wir kennen.

Der (Wein-)Garten Frankreichs

Alles andere als eine Einbahnstraße aber ist die Loire selbst — Frankreichs über tausend Kilometer lange Lebensader, die auf ihrem Weg aus dem Zentralmassiv bis hin zu ihrer Mündung in den Atlantik gleich zwölf Departements durchfließt. Sie ist ein (meist) ruhiger Strom, ihr Tal weit und von einer ganz besonderen Ausgeglichenheit. Nicht ohne Grund kennt man den zentralen Abschnitt zwischen Sully-sur-Loire und Chalonnes auch als „Garten Frankreichs". Als diese Gegend im Jahr 2000 zum UNESCO Weltkulturerbe erhoben wurde, begründete man das offiziell mit der großen landschaftlichen Schönheit, den hübschen Schlösschen, der einzigartigen Kultur, die hier zu finden sei. Wir allerdings könnten uns vorstellen, dass so manch ein Jurymitglied dabei auch die einzigartige Vielfalt der hier kultivierten Weine im Kopf hatte. Denn was hier, in Frankreichs drittgrößtem Anbaugebiet (52.000 Hektar), aus den Kellern kommt, sucht an Facettenreichtum in der Tat seinesgleichen. Daher gibt es auch nicht so etwas wie einen typischen Loirewein. Zu verschieden sind die Böden, deren Zusammensetzung von Granit und Gneis über Schiefer (Anjou!), Sandstein, Tuffstein (Saumur!) bis hin zu kiesdurchsetzten Schwemmböden reicht, auch die mikroklimatischen Unterschiede sind groß. Kein Wunder also, dass sich die vier Hauptrebsorten der Region, Cabernet Franc, Chenin Blanc, Sauvignon Blanc und Melon de Bourgogne von ihren unterschiedlichsten Seiten zeigen. Diese Bandbreite spiegeln auch die mehr als 50 offiziell ausgewiesenen Appellationen wider, die sich auf einer Länge von 800 Kilometern verteilen – und die wir nur zu gerne mal besuchen würden, eine nach der anderen. Heute reicht es allerdings leider nur für eine Reise mit dem Finger auf der Landkarte.

Von Sancerre bis Muscadet

Dieser Fluss schenkt ordentlich ein, folgen wir also dem Flusslauf der Loire und ihren Nebenflüssen Cher und Indre von Osten her, treffen wir zunächst im zentralen Loiretal, dem Centre-Loire, mit Sancerre, Pouilly-Fumé und Menetou-Salon auf die ersten Highlights. Es folgen nach Orléans flussabwärts die Weinberge der Touraine mit einer Menge kleiner Appellationen: Chinon, Vouvray oder auch Bourgueil, um nur ein paar wenige zu nennen. Weiter geht es Richtung Anjou-Saumur, wo mit Savennières, Coulée de Serrant und Quart de Chaumes Grand Cru einige der berühmtesten Weine ganz Frankreichs zu Hause sind. Zum Mündungstrichter der Loire hin, im Pays Nantais (der Gegend um Nantes), liegen die Weinberge der Muscadet und man schmeckt förmlich schon die salzige Luft des nahen Atlantiks.

Sie prägt auch die frischen, sehr schlanken und präzisen Weine der AOC Muscadet, der dem Volumen nach größten Appellation des Loiretals. Gut gekühlt sind sie nicht nur ideale Begleiter von Austern und Meeresfrüchten, sondern passen auch bestens zu einem Picknick. Ganz besonders zu cremigem Ziegenkäse aus Saint-Maure-de-Touraine und knusprigem Baguette, mit dem wir am Ufer der Loire unsere Besichtigung ausklingen lassen - nachdem wir Leonardos Treppe noch ein paar Mal rauf und runter gelaufen sind und uns wie Kinder über diesen architektonischen Geniestreich freuen. Mehr braucht es auch in diesem Sommer nicht für einen kleinen Glücksmoment am Wegesrand.

Text: Andrea Heinzinger