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Unsere Entdeckung des Jahres - Weingut Weedenborn aus Rheinhessen

„Hinterland“, so nannten die Winzer unten an der Rheinfront früher oft etwas abwertend die hügelige Region, die westlich des Rheins Richtung Alzey liegt. Triste Hügel, auf denen landwirtschaftliche Mischbetriebe in kleinen Orten mit den Namen Framersheim, Eppelsheim, Gundersheim oder Gau-Heppenheim das Bild bestimmen. Hier hat lange Zeit niemand nur vom Weinbau gelebt. Zu kalt, zu windig, aber auch zu unbekannt war die Region. Dann kam der erste Hype, irgendwann in den 80er Jahren. Man trug Vokuhila-Frisuren und trank Dornfelder. Die Fasspreise für den belanglosen Rotwein schossen in die Höhe. Viele Winzer hinten im Hügelland wähnten eine Chance und rissen raus was ging, um Dornfelder zu pflanzen. Dann passierte das Unvermeidliche: Der Dornfelder kam – wie auch, zum Glück, die seltsamen Frisuren – immer mehr aus der Mode und das stark angewachsene Heer der Dornfelder-Reben produzierte Rebsaft, den keiner mehr haben wollte. Irgendwann kostete ein Liter Dornfelder auf dem Fassweinmarkt weniger als ein Liter Mineralwasser im Supermarkt. Niemand setzte mehr einen Cent auf Rheinhessen. Selbst die starken Weine vom Roten Hang in Nierstein, die einst zu den besten und berühmtesten Weißweinen der Welt gezählt wurden, gerieten oft unverdient immer stärker in den Rheinhessen-Strudel, ein Mahlstrom der Belanglosigkeit. Ende der 90er machten dann einige Winzer wie Wittmann, Keller oder Battenfeld-Spanier von sich reden. Plötzlich entdeckte man, was in den Hügeln um Westhofen oder Flörsheim an Wein möglich ist. Aber die Betriebe blieben irgendwie Solitäre und wenn man einen J.J. Prüm immer als Moselweingut sieht oder einen Buhl als Pfälzer, so blieb in den Gedanken der Weinfreunde die Herkunft dieser Weine immer seltsam unbestimmt. Die Kunden fragten nach Mosel, nach Nahe, nach Pfälzerwein, aber „Haben Sie nicht einen leckeren Rheinhessen ...?“ habe ich noch nie gehört.

Dabei hat hier so ganz nebenbei eine der erstaunlichsten Entwicklungen im Weinbau stattgefunden. Rheinhessen, vor allem das Hügelland, wurde innovativ, erfinderisch, jung und vor allem weiblich. In vielen ehemaligen landwirtschaftlichen Mischbetrieben kam eine neue Generation ans Ruder. Hatten Vater und Großvater noch von Mais, Korn, Kartoffeln und etwas Wein gelebt, so setzten die Jungen nur noch auf Wein. Man spezialisierte sich, um besser zu werden, viel besser. Hörte man vor der Jahrtausendwende, wenn man den Winzerberuf anstrebte, noch: „Ach, Landwirt. Na wenn’s zu nix Vernünftigem reicht“, wurden die Unkenrufe langsam leiser, und wer nach 2010 auf einem Weingut eine Lehre begann, nach Geisenheim studieren und zum Praktikum nach Neuseeland ging, wurde von seinen Abi-Kollegen, die Jura oder BWL studierten, neidisch angeschaut. „Winzer, wie cool ist das denn …“

Monzernheim, 600 Einwohner stark, liegt direkt neben Hochborn auf einem Plateau etwas südöstlich von Alzey. Nur knapp 300 Meter ist dieser „Berg“ hoch, aber als wir im April an seinen Hängen stehen, pfeift der Wind von Norden extrem kalt das Rheintal hinunter. „Hier ist es immer windig“, meint Gesine, die sich in weiser Voraussicht mit Mütze und dicker Jacke bewaffnet hat, „und der Wind ist dazu auch meistens noch kühl.“ Auf dem Plateau selber, das erstaunlicherweise zu den niederschlagsärmsten Regionen Deutschlands zählt, gibt es nur Kartoffeln, Rüben, Korn und unzählige Windräder, aber an seinen Hängen stehen die Reben dicht an dicht. „Steingrube, Kirchspiel, Aulerde“, zeigt uns Gesine die Lagen, „und da hinten sind Morstein und Brunnenhäuschen.“ An der Südkante des Plateaus liegen einige der bekanntesten und besten Lagen Deutschlands direkt nebeneinander. „Hier oben, wo wir jetzt stehen, ist es eher kühl. Hier wird Weinbau direkt zum Abenteuer. Der Fuß des Hangs ist schon 100 Höhenmeter niedriger, ein klimatischer Unterschied, den man erst einmal so gar nicht sieht.“ Auch der Boden verändert sich von oben nach unten und von West nach Ost. „Zwischen Westhofen und Monzernheim haben wir so auf engstem Raum sehr unterschiedliches Terroir. Mehr vom Kalkstein geprägte Böden, Stücke, wo die Lößlehmauflage etwas dicker ist oder, vor allem im mittleren Bereich der Steingrube und des Kirchspiels, den roten Lehm, der meine Weine ganz besonders prägt.“

Seit mehr als zehn Jahren ist sie jetzt auf dem Weingut tätig, seit 2008 leitet sie es komplett eigenständig. 16 Hektar bewirtschaftet sie, kein besonders großes Weingut, aber für einen kleinen Familienbetrieb immer viel zu tun. „Als ich 2003 Abitur gemacht habe“, sie denkt kurz nach und lacht, „oh Gott, das ist ja jetzt auch schon wieder 13 Jahre her … Jedenfalls habe ich damals nicht lange überlegt, was ich werden wollte. Ich hab mir eine Lehrstelle bei Bassermann-Jordan organisiert, bin dann noch etwas bei Gutzler’s (bekanntes Weingut in Rheinhessen) gewesen, da ich da mehr über Rotwein lernen konnte und schließlich noch für ein Praktikum nach Südafrika zu Vergelegen.“ Zielstrebig ist sie. Als wir mit ihr im Keller verkosten und sie auf den Barriquefässern herumturnt, um Proben zu ziehen, erzählt sie, was wo gut läuft, wo sie noch Potenzial sieht und warum sie was wie macht. Alles ganz unprätentiös und vor allem haben wir nicht den Eindruck, dass hier eine Werbeveranstaltung stattfindet, eher ein lautes Nachdenken unter Fachleuten in Sachen Wein. „Nach der Lehre habe ich kurz überlegt, ob ich nach Geisenheim gehe und da noch ein Weinbaustudium hinterherschiebe, aber ich habe dann was anderes gemacht.“ Handelsmanagement hat sie noch studiert. „Ich kann jetzt zwar keine großartigen chemischen Formeln aufschreiben und ich weiß auch oft nicht, was man nach landläufiger Meinung Geisenheims ‚jetzt‘ so macht, aber ich glaube, meine Weine werden trotzdem ganz ordentlich.“ Was man so macht! Wir kennen einige Winzer, die nie eine Weinbau-Uni von innen gesehen haben und von denen kommen oft ziemlich spannende Weine, während es Verkoster gibt, die behaupten, sie können anhand des Wein-Stils eindeutig erkennen, zu welcher Zeit der Weinmacher auf welche Universität gegangen ist. Und um dich etwas zu beruhigen, liebe Gesine, wir haben wenige Geisenheimer getroffen, die ein Jahr nach Beendigung ihres Studiums die, ihnen als wichtig eingebläuten, Formeln noch beherrschen. Zu einem Weingut gehört so viel mehr als nur guter Wein, und in den letzten Jahren sind uns sicherlich wenige Winzer begegnet, die das besser verstanden haben und cleverer umsetzen als Gesine auf dem Weedenborner Hof im kleinen Monzernheim.

In Sachen Sauvignon blanc ist sie ebenfalls weit vorne, da eilt ihr ihr Ruf auch in Fachkreisen voraus. Als wir zwei Tage vorher bei Wilhelm Weil im Rheingau sind, beglückwünscht er uns zu unserem neuen Weingut. „Die Sauvignons blanc, die Gesine da macht, liebe ich sehr“, meint er, „für mich gehören sie zu den besten in Deutschland.“ Wir hatten ihm gar nichts von unserem Termin erzählt, aber die Weinwelt ist klein und der Rhein keine wirkliche Grenze. „Ich war da letzte Woche noch mit …“ und jetzt nennt er die Namen von zwei Winzern, die beim Sauvignon durchaus als Koryphäen gelten, „denen musste ich das mal unbedingt zeigen.“ Er schwärmt noch ein bisschen von Gesines Weinen und beschreibt, wie schwierig es ist, guten Sauvignon blanc zu machen. „Der Erntezeitpunkt verzeiht hier nichts: Zu früh, dann kommt dieses Grasige raus, was so viele Weine haben, etwas zu spät, dann wird er breit, opulent und langweilig und wenn er erst einmal Botrytis hat, auch nur minimal, ist es vorbei. Da hat Gesine ein echtes Händchen für.“ Sprachs und öffnete eine Flasche vom ’08er Gräfenberg.

Sauvignon blanc? Wieso überhaupt? Vielleicht wegen Südafrika. „Nein, nicht unbedingt“, meint Gesine, „ich möchte auch nicht auf den Sauvignon reduziert werden, die Rieslinge und die anderen Weine sind mir genauso wichtig, aber da hab ich scheinbar eine kaum besetzte Lücke gefunden. Wir hatten den halt dastehen und dann eben noch in einer der Top-Lagen, auf diesem genialen roten Löß und dem Kalk. Da ich diesen grasigen Stil nicht so mag, habe ich ein wenig rumexperimentiert. Versucht, etwas mehr Eleganz und Finesse in den Wein zu bringen. Beim Fumé dann auch mit Barrique, was den Top-Sauvignons ziemlich gut steht. Hat wohl ganz gut geklappt.“ Ziemlich gut, würden wir sagen! Und auch ziemlich clever, denn mit diesen Weinen hat sie fast eine Art Alleinstellungsmerkmal in Deutschland. Gute Weine sollten natürlich auch Aufmerksamkeit erregen, aber manchmal vergisst man darüber, wie gut und spektakulär präzise ihre anderen Weine sind. Klarheit und Brillanz und das in jeder Preisklasse.

„Den Rotweinen muss ich mich jetzt mal etwas intensiver widmen“, meint Gesine, als wir den ’15er St. Laurent und den Pinot aus dem Barrique probieren. Ein echter Wow-Effekt: klar, strahlend, enorm kraftvoll, aber auch kühl und von einer Struktur durchdrungen, wie man sie bei großen Burgundern findet. Es wird aber noch etwas dauern, bis sie auf den Markt kommen. „Beim Pinot wahrscheinlich drei Jahre“, meint Gesine, „schauen wir mal.“ Es klingt so lässig, so gar nicht nach viel Arbeit, aber so konzentriert, wie sie das hervorbringt, merkt man, dass hier nichts dem Zufall überlassen, dass hier um jede Traube gekämpft wird. „Ja“, meint sie lachend, „mein Vater hat es nicht immer einfach mit mir.“ Im Weinbau denkt man eher in Jahrzehnten denn in Jahren. Umso erstaunlicher, was hier in den letzten acht Jahren entstanden ist. Wir werden auf der Mainzer Weinbörse noch von ein paar anderen Winzern auf unsere Neuentdeckung angesprochen, meist freundlich grinsend. Was wohl heißen soll, „von wegen Neuentdeckung“. Rheinhessen mag zwar das flächenmäßig größte Anbaugebiet Deutschlands sein, unter den Winzerkollegen spricht sich aber ziemlich schnell herum, wenn irgendwo was Besonderes im Entstehen ist.

Außergewöhnliche Weine entstehen dort, wo außergewöhnliche Menschen und ein besonderes Terroir zusammenkommen. Dass so etwas fast vor unserer Haustür möglich ist, freut uns besonders.

 

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