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Schräge Vögel I

Der Kollege war höchst nervös, schließlich hatte sich gerade eine Weinikone, eine lebende Legende angesagt um mit ihm Mitarbeitern und ein paar handverlesenen Kunden zu verkosten. Der Erzeuger eines Weines den man zwar ganz normal kaufen kann, dem man aber geradezu Wunderdinge nachsagt. Die Zauberbrause vom anderen Stern, wenn man denn so einige Dinge berücksichtigt. "Der war noch nicht reif genug", hörte ich immer wenn ich von meinen zwar interessanten aber dann doch nicht so ungemein spektakulären Erlebnissen mit diesem Wein berichtete, "20 Jahre sind das Mindeste". "Dekantieren" hörte ich häufiger "den Jahrgang mindestens 18h vorher" mit gehobenem Zeigefinger, "und die Karaffe in den Kühlschrank stellen". Es gab viele Ratschläge und wenn ich die alle beachten würde käme ich wahrscheinlich gar nicht mehr zum trinken, also hab ich diesen Wein nur recht selten verkostet. Das es noch viel schlimmer kommen sollte hatte wohl auch der Kollege nicht geahnt. 

Der als etwas schrullig bekannte Winzer stand endlich im Türrahmen, man hatte ein paar Jahrgänge seines Weines aufgebaut und wollte zur  gemeinsamen Verkostung schreiten, da stellte der Assistent des Winzers eine recht unverfängliche Frage. "Hat jemand ein Mobiltelefon dabei?" Es wurden ihm natürlich direkt mehrere zur Benutzung angeboten. Ein Missverständnis wie sich herausstellte, der Adlatus des Meisters klärte auf. Man müsse sofort alle elektronischen Geräte aus dem Zimmer entfernen, sonst wäre eine vernünftige Verkostung nicht möglich. Wahrscheinlich seien die Weine aufgrund der Strahlung ohnehin schon beeinträchtigt. Man widerspricht nicht wenn der Meister da ist und so ein wohlfeiler Wunsch ist ja schnell erfüllt. Also beginnt nach der Entfernung der elektronischen Störfeuer das Zeremoniell von neuem. Der Meister hebt die erste Flasche an und will ausgießen, doch versteinerten Blicks lässt er sie wieder sinken und dreht die Rückseite dem verdutzten Weinhändler entgegen. Der schaut auf das Rückenetikett und ist etwas ratlos bis der Finger des Meisters darunter rutscht. Ein Strichcode, ein EAN-Code ein kleines Etikett auf der Flasche mit 13 Zahlen und einigen dünnen und dicken Balken drauf, das der Kollege dort angebracht hat um an der Kasse besser und schneller Arbeiten zu können, eine genauere Inventur zu haben und was sonst noch so die moderne Technik an Vorteilen mit sich bringt. Ein Lichtstrahl der darauf fällt stellt anhand der Dicke der Balken fest wie die Nummer lautet und findet über diese dann den passenden Artikel in der Warenwirtschaft. Einfach und genial. 

Der Meister aber ließ die Flasche sinken. Er würde jetzt nicht mehr verkosten können meinte er sichtlich erschüttert und mitgenommen und er nähme auch in Zukunft davon Abstand den Kollegen der seine Weine so behandle zu beliefern. Damit schritt von dannen. Sein Adlatus meinte da müsste man schon Verständnis haben, erst würden die Weine hier der Belastung durch elektronische Geräte ausgesetzt und dann, dieser Frevel. Schließlich wisse doch jeder, das der sogenannte  EAN-Code durch seine Strichstruktur die natürliche Ordnung des Kosmos durcheinanderbringen würde und das dies sich unweigerlich auf die Harmonie und Authentizität des Weines verheerend auswirken müsse. Ja, schlimmer noch, es entständen in Zusammenhang mit Licht radionische Strahlungen, die die energetische Wirkung der Lichtzellen im Weine negativ umpolen und ihnen damit eine hohe Toxizität verleihen würden. Es täte im Leid, aber wir müssten wohl alle betroffenen Flaschen entsorgen, was übrigens, so warf er so nebenbei ein, für alle Flaschen im Lager gelte. Ungenießbar, verdorben, vom Kosmos verbannt.

Dann ging auch er.

Nach einer Minute schweigens griff der Kollege zu den Flaschen und schenkte seinen Mitarbeitern und den Kunden reichlich ein. "Toxisch", polterte er, "Jawoll, Alkohol ist toxisch, vor allem in den Mengen die wir jetzt trinken müssen. Ihr habt ja gehört wir müssen alle Flaschen vernichten, damit uns der Himmel nicht auf den Kopf fällt."