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Pfalz live 2. Tag

Das strenge Paradies

Mandelblüte, strahlend blauer Himmel ? als ich gestern ankam, gab sich die Pfalz alle Mühe, Werbeprospektbilder zu liefern. Der Mandelbaum vor dem Forster Kirchenstück war fast provokativ ? gut, dass Natur nicht kitschig sein kann. Nach dem Henninger bin ich noch einmal kurz in den Saumagen gegangen. Hier kamen mir schon die ersten Bienen entgegen, während in den Reben noch der Winterschnitt gemacht wurde. Leider hat die Sonne jetzt eine Pause eingelegt und heute ist klassisches Schmuddelwetter angesagt. Zum verkosten vielleicht besser, aber der kleine Abstecher in die Weinberge fällt wohl leider aus.

Weinkeller von Buhl

Eines der beliebtesten Weingüter im Kölner Weinkeller ist sicherlich Reichsrat von Buhl in Deidesheim. Das liegt auch an der großen Palette verschiedener Weine die man hier bekommt und an den hervorragenden Sekten. Hier hatten wir im letzten Jahr den richtigen Riecher gehabt und uns den besten Rieslingsekt Deutschlands (Gault Millau) exklusiv für den Kölner Weinkeller sichern können. Bald werden die letzten Flaschen ausgetrunken sein, aber die gute Nachricht ist, dass es einen Nachfolger geben wird. Nachdem im heißen Jahrgang 2003 kein Sekt aus dem Pechstein gemacht worden ist, gibt es im Jahrgang 2004 wieder einen ?Grand Cru Sekt? aus dem Hause Buhl. Wir haben natürlich direkt wieder reichlich reserviert, denn er steht dem Vorgänger in nichts nach. Momentan ist er noch etwas filigraner und mit sehr feinen Apfel und Mirabellennoten, aber im Abgang zeigt sich auch hier die fast salzige Mineralität. Bis zum Mai werden wir uns aber noch gedulden müssen.

Auch bei Buhl gibt es jetzt einen sommerlichen Rosé, der hauptsächlich aus Spätburgunder gepresst wird und so ganz anders ist als das Pendant von Bürklin-Wolf. Hell in der Farbe, fast wie eine Pastellzeichnung. Auch auf dem Gaumen ist er ein eher duftiger Vertreter und mit nur 12% Alkohol ein wirklich leichter Sommerwein. Den Weißburgunder aus 2007 haben wir ja schon im Weinkeller und er ist wie die Jahre davor gut und fein. In diesem Jahr vielleicht noch etwas schlanker und trotzdem mit lang anhaltender Aromatik. Sicherlich darf man vor frischer Säure keine Angst haben bei diesem Wein, aber wenn sie so schön reif und harmonisch wirkt. Das gleiche gilt aber auch für den normalen Riesling QbA. So ein typischer Pfälzer Wein! Da bekommt man gleich Hunger auf eine gute Leberwurst mit Bauernbrot. Unkompliziert muss halt nicht langweilig heißen. Eine Überraschung war der Chardonnay, von dem es aber nur wenig gibt. ?Na, die Rebsorte ist momentan ein wenig aus der Mode,? meint Christoph Graf. Das war auch mal ganz anders und wenn man den Chardonnay hier verkostet, kann man die Verachtung die er mittlerweile von manchen Weinfreunden bekommt, nicht wirklich nachvollziehen. Im Duft war er noch nicht ganz entwickelt, da sollte man vielleicht noch bis in den April warten, aber auf der Zunge tanzen die cremige Art des Chardonnay und die frischen Früchte der Pfälzer Weine zusammen einen beschwingten Walzer. Ananas, Maracuja, war da nicht ein Minzblatt? Spannend, süffig, aber nicht schwierig.

Verkostung

Der Sauvignon blanc wird glaube ich nicht mein Wein. Mir waren auch immer diese Übersee Sauvignon mit diesem Jeff Koons Duft suspekt. Hier hat man wenigstens keinen rosa Ceccoliniahimmel, aber dafür ordentlich grünes Graß und vielleicht noch eine kleine Hollandgurke. ?Den reißt man uns aus den Händen. Da brauchst du auch nichts von zu nehmen?, meint Christoph. Na gut dass die Geschmäcker unterschiedlich sind und vielleicht kann meine Zunge ihre Rieslingsozialisation ja auch nicht ablegen.

Im Paradiesgarten

Jetzt kamen die Lagenweine, alles noch Fassproben: Hergottsacker, Musenhang, Kieselberg, Mäushöhle, Leinhöhle. Auch hier gibt es Neues, nicht an den Lagen, da kann man wohl kaum etwas verbessern, aber es werden auf den Weinen in Zukunft keine Prädikate mehr stehen; Spätlese, Kabinett etc. ?Wenn wir es mit dem Terroir ernst meinen, dann müssen wir die Lagencharakteristik herausarbeiten und das Prädikat darf nicht im Vordergrund stehen?, so Christoph Graf. Richtig! Denn jede dieser Lagen hat ihre eigene Art und da sind Prädikate nicht immer hilfreich. Der Hergottsacker eher im Kabinett-Stil zeigt sich als everybodys darling. Ein saftiger runder Klassiker mit Granny Smith und etwas Pampelmuse. Der Musenhang (was für ein schöner Name) verführt einen mit seiner Reife und dem schmelzigen Abgang. Weinbergpfirsiche und ein, zwei rote Beeren. Der Kieselberg, auf einem Bergrücken oberhalb von Deidesheim und mit eben jenen Kieseln im Boden, gehört seit je her zu einer meiner Lieblingslagen. Ich liebe diese saftig-mineralische Pfälzer Säure, die vielleicht auch mal ein wenig unelegant wirken kann, aber einem immer das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Der Kieselberg hat sie Jahr für Jahr und wer ihn nicht sofort trinkt, sondern zwei bis drei Jahre wartet wird ein Fruchtwunder erleben. Was bisher noch etwas für Säurefetischisten war, gefällt plötzlich jedem der etwas Ahnung von Wein hat. Ganze Fruchtkörbe gießt er dann verschwenderisch ins Glas und bleibt dabei doch schlank und frisch. Der 07er zeigte sicht jetzt noch ein wenig spröde, so als wolle er weder die frische Säure, noch die Früchte richtig zeigen. Geradezu embryonales Stadium der Pfälzer Saftigkeit. Aber der lange mineralische Abgang und die floralen Töne lassen Großes erwarten. Kieselberg, wir sehen uns 2010 wieder! Die Mäushöhle, hier kommen wir schon dem Spätlese Charakter näher, war im Moment am wenigsten entwickelt, aber hier merkte man schon den Schmelz, der sie eines Tages und das ist gar nicht mehr so weit hin, zu einem großen Charmeur machen wird. Die Leinhöhle, im halbtrockenen ? garstig Wort ? Bereich war im Vorjahrgang bei uns ja in kürzester Zeit ausverkauft. Jeder der sie probiert hatte wollte sie auch haben, wer sie nicht probiert hatte, las ?halbtrocken? und ging seines Weges. Da war aber auch eine opulente Frucht und früh war er schon sehr offen. Ja, ein fast exhibitionistischer Wein. Der neue Jahrgang zeigt sich da ein wenig zugeknöpfter aber eben auch nicht so plakativ. Hier spielen exotische Früchte und eine dezente Cremigkeit miteinander und werden dirigiert von einer perfekt abgefederten Säure. Wenn der Wein sich in zwei, drei Monaten gefunden hat ist er pure Eleganz.

Mittagspause. Vom Gutsgebäude sind es ja nur ein paar Meter bis zu dem Traditionslokal der Pfalz. Der Deidesheimer Hof thront regelrecht gegenüber dem alten Rathaus. Ein erstaunliches Restaurant und Hotel. Sicherlich haben die vielen Staatsbesuche im Schlepptau von Helmut Kohl dazu beigetragen den Ruf des Hauses zu mehren, aber nur weil Gorbatschow, die Queen oder auch Placido Domingo hier schon Saumagen gegessen haben, wird man doch wohl nicht elitär werden. Hier ist alles klassische Gastlichkeit, aufmerksam, unaufdringlich. Die Inhaberfamilie kommt noch selber an den Tischen vorbei, begrüßt Stammgäste wie Touristen freundlich, der Service (wo kommen bloß so viele Kellner her?) ist unaufdringlich aber immer präsent und in der Gaststube hat sich in den letzten 35 Jahren wohl auch nichts verändert. Man fühlt sich sofort zu Hause. Auch bei dem exzellenten, deftigen Essen. Und wer es fein und moderner mag, geht einfach in den Keller. Das Feinschmeckerrestaurant ist sternegeschmückt und sicherlich eines der besten in der Region. Der Kalbstafelspitz in der Stube oben, wo die Pfälzer Küchentradition gepflegt wird, jedenfalls war nahe an der Perfektion. Mürbe, fein aromatisch mit einigen Flocken frischem Meerrettich und duftigen Bouillonkartoffeln. Nur was die drei kleinen Häufchen Preiselbeergelee in der milden Meerrettichsauce sollten habe ich nicht ganz verstanden. Aber vielleicht ist das auch meine grundsätzliche Aversion gegen Marmelade zum Fleisch. Vielleicht könnte es auch ein paar mehr offene Weine geben und vielleicht auch mal ein paar Positionen über die gängigen Gutsweine hinaus. Hier muß man sich an die sehr gut bestückte Flaschenweinauswahl halten, was mir mittags alleine etwas schwer viel. Aber mit dem Silvaner aus dem Odinstal hoch über Wachenheim war ich ja auch bestens bedient.

Am Nachmittag durfte ich dann die großen Lagenweine im Herrschaftshaus bei Buhl verkosten und während der Probe war ich immer nervöser und unruhiger geworden. Es geht mir so, wenn ich einen neuen Schriftsteller entdecke, dessen Stil mich so anregt, dass ich Angst habe, ihn gar nicht schnell genug lesen zu können. Diesen Nachmittag würde ich mit meiner ersten Hanns Henny Jahn Lektüre vergleichen, dabei waren die Weine eben kein ?Fluss ohne Ufer?, sondern ein klarer, kühler Strom vor dem man ängstlich stehen bleibt, wenn man nicht den Mut hat, hineinzuspringen. Mit der 07er Kollektion hat man bei Buhls die Reduktion von allem Überflüssigen vielleicht auf die Spitze getrieben. Streng, fast spröde zeigen sie sich, aber mit einer unmittelbaren Ehrlichkeit für die man die Augen weit aufreißen muss, sonst übersieht man sie. Da ist der Reiterpfad aus Ruppertsberg. Maskulin, kühl, explizit nicht exotisch, ein Hyperboräer, der mich mit der unnahbaren Kühle augenblicklich fasziniert hat. Der Pechstein, natürlich wie immer von Anfang an ein leuchtender Wein, der mit ein wenig Vulkanexotik spielt, aber eben nicht verspielt ist. Auch hier diese klare Art und zum Schluss bleibt er lang und fast ein wenig melancholisch auf der Zunge. Das Ungeheuer war leider gerade etwas unwillig. Reife Mirabellen, vielleicht noch eine Quitte, aber irgendwie stand er sich selber im Weg. Wird noch! Denn auch der wollte einfach nicht vom Gaumen. Jesuitengarten! Wenn es dieses Jahr bei den Buhl Weinen so etwas wie Exotik gibt, dann hier. Aber nicht verschwenderisch erschlagend, Ananas, Lychee, Mango, Rosen durch eine salzige Kette gebändigt. Kein laissez faire Wein, man würde auch nicht wissen wo einem der Kopf steht, wenn er alle diese Früchte auf einmal losließe. Gezügelte Spannung. Am extraktreichsten ist sicher der Kirchenstück. Vorne gibt es eine Vorahnung von Süße aber hinten dann pure Stoffigkeit und war da nicht auch ein Hauch Chili. Der braucht mindestens zehn Jahre. Das erstaunliche. Man hat den Eindruck alle diese großen Lagen sind leicht, schlank, ja geradezu karg, aber darin steckt eine Vielfalt und Spannung, wie ich sie selten erlebt habe. Hier hat kaum einer der Weine mehr als 13% Alkohol und kaum noch Restsüße. Nichts für Blindverkostungen, da gewinnen immer die Süßen, aber Weine zum trinken, lagern, philosophieren, diskutieren ? große Weine zum Leben.

Als Verkostungsdessert gab es dann noch etwas Süßes. Zuerst eine Scheurebe Auslese aus dem Reiterpfad. Kein spektakulärer Wein, aber mit der leichten Sauvignon Nase, der feinen und nicht zu aufdringlichen Süße und der guten Würze ein großartiger Spaßwein. Über den günstigen Preis von 11,- ? für die halbe Flasche kann man sich da freuen. Aus der 1. Lage, dem Forster Ungeheuer kommen dann noch zwei Rieslinge, die es aber genau wie die großen Lagenweine erst im Herbst geben wird. Die Auslese ist reine Harmonie. Klare Rieslingfrucht, die Säure sehr harmonisch eingebunden. Ein Klassiker. Bei der Beerenauslese ist es zurzeit nichts mit der Harmonie, eher etwas Krawall. In der Nase ist alles noch einigermaßen ruhig, aber auch hier merkt man schon, dass da eine ordentliche Säure hinter steckt, Karamell, überreife Äpfel. Auf der Zunge dann ein wenig Terror. 11 Gramm Säure greifen an! Dann kommt ein Schwall von sehr reifen Früchten, von Nougat und am Ende, irgendwo in der Unendlichkeit des Abgangs verbinden sich beide. Was ein Wein. Jetzt herausfordernd ? Hass mich oder Lieb mich, ihm kann es egal sein ? aber dann mit einem Versprechen an eine große Zukunft lockend.

Jetzt wollten wir ja noch kurz in den Weinberg. Dem nebeligen und nassen Wetter trotzend. Also fahren wir in den Paradiesgarten und setzen uns an einen Aussichtspunkt von dem aus man momentan nur den Dunst über Deidesheim sieht, unter die, in künstlerischer Hinsicht etwas unausgegorene Eva und? Da haben wir doch ganz in Gedanken den Rest der Beerenauslese-Probe eingesteckt und im Auto finden sich auch zwei Gläser. So kann man auch im Februar bei 5 Grad im Nieselregen den goldenen Herbst beschwören, die Götter halten die Waage eine zögernde Stunde an. Wie sagt man in Deidesheim bescheiden über sich selbst: Die Vertreibung ins Paradies.