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ORTSWEIN-SPECIAL

1855 veröffentlichte der Naturwissenschaftler Jules Lavalle die Histoire et Statistique de la Vigne de Grands Vins de la Côte-d’Or. In dem Jahr, in dem das Bordeaux seine Weingüter klassifizierte, ging es Lavalle darum, Ähnliches im Burgund zu unternehmen. Dabei baute er aber auf ein etwas anderes Prinzip. In der Handelsstadt Bordeaux wurde sozusagen die Marke des Weinguts klassifiziert. Die Weinberge dort sind homogener und der menschliche Faktor wichtiger, also war es das Château mit nicht ganz klar definiertem Weinbergsbesitz rundherum, welches die Einstufung erhielt. Im Burgund, das wussten schon die Zisterzienser, die hier seit dem Mittelalter Weine anbauten, ändert sich das Terroir auf kleinstem Raum und jeder Weinberg zeigt Besonderheiten und eigenen Charakter. Manche taugen nur für einfache Zechweine, während 100 Meter weiter der Boden und das Mikroklima so gut sind, dass man den Weinberg mit einer Mauer umgeben hat, um Traubendiebe abzuhalten. Lavalle fasste dieses historisch gewachsene Wissen zusammen und untermauerte es, im Geiste der Aufklärung, durch entsprechende statistische Daten. Terroir als exakte Wissenschaft.

Das Prinzip war im Grunde einfach. Je genauer definiert die Herkunft eines Weines ist, desto mehr galt er. Also ein Wein aus der fest umrissenen Region Burgund sollte besser und vor allem eben auch typischer sein als ein Wein von irgendeinem Acker irgendwo aus Frankreich. Ein Wein, der ein Dorf als Herkunft im Namen trug, besser als ein einfacher Bourgogne, ein Wein von einem Premier-Cru-Weinberg natürlich noch besser und ein Grand Cru die Spitze des Weinbaus. Das Konzept war in seinen Grundzügen so einleuchtend und vor allen Dingen auch für den Konsumenten so simpel und gut verständlich, dass es sich schnell durchsetzte – trotz der unübersichtlichen Vielfalt der Einzellagen. Das Prinzip Burgund war geboren.

Wie so oft bei mehrstufigen Konzepten bleibt aber die Mitte ein wenig im Dunkeln. Wie in der Schule, wo der Klassenprimus auch beim Klassentreffen 20 Jahre später noch jedem ein Begriff ist, genau wie der Klassenclown, der sich nie um seine Noten geschert hat. In Deutschland verstand man schnell, dass das Cru-System aus dem Burgund sich perfekt auf die deutschen Weinanbaugebiete übertragen ließ. Es war aber weniger die weinbauliche Erkenntnis, dass in Cold-Climate-Gebieten die Lage besonders wichtig ist, als vielmehr das preußische Finanzamt, das nämlich begriff, dass für bessere Lagen mehr Geld bezahlt wurde und man diese daher auch höher besteuern konnte. Mit preußischer Effizienz wurden also Kartografen losgeschickt, die vorher noch Schlachtfelder für das Militär aufgezeichnet hatten, und die Steilhänge in den Blick genommen. Daher stammen sehr detaillierte Weinbergskarten, in denen neben den allgemeinen Weinbergen die guten und die besonders guten farblich hervorgehoben wurden. Die großen deutschen Lagen-Weine traten einen internationalen Siegeszug an und selbst in Paris waren sie Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts auf den Weinkarten der Top-Hotels zu finden. Und wenn es für einen damals sündhaft teuren Scharzhofberger, Idig oder Steinwein nicht reichte, trank man halt einen Deidesheimer, Kaseler oder Kiedricher. Ja, die waren damals jedem Weinfreund ein Begriff.

Wir decken den Mantel des Schweigens über die dunklen Jahrzehnte des deutschen Weins und springen sofort ins Jetzt. Das Terroir spielt wieder die Hauptrolle, die ihm gebührt und bei den Spitzenwinzern des VDP ist es klar, dass eine Große Lage und eine Großlage nur ein kleiner semantischer, aber ein großer geschmacklicher Unterschied ist. Und jedem Weinfreund ist bewusst, dass ein Großes Gewächs die Spitze des deutschen Weinbaus darstellt. Aber Ortsweine? Vielleicht gelingt die Übersetzung des klangvollen Village ins Deutsche nicht so einfach. Ein Ort ist ja nun eine eher abstrakte räumliche Angabe und kann so ziemlich alles sein. Aber die Alternativen klingen auch nicht gut: Dorfwein? Klingt Privinziell. Gemeindewein? Prost, Herr Pfarrer! Kaffwein … Lassen wir das und blieben wir beim Ortswein.

Denn – und das ist die gute Nachricht für alle Weinfreunde – was einst für die Weine aus dem Burgund galt, gilt heute erst recht für die Weine aus Deutschland. Bei sehr vielen Winzern sind die Weine mit dem Ortsnamen darauf ein regelrechtes Schnäppchen. Ein Wachenheimer, Brauneberger, Erdener, Kaseler oder wie sie alle heißen, kommen bei den Top-Erzeugern aus Top-Lagen und werden mit viel Liebe und Aufmerksamkeit erzeugt. Wer Wein aus Genuss trinkt, sollte sich eigentlich (solange so wenige merken, was ihnen da entgeht) den Keller randvoll machen mit Ortsweinen der deutschen Spitzenweingüter. Da kann man in vielen Fällen sofort Spaß mit haben, aber in jedem Fall in ein paar Jahren. Der finanzielle Einsatz ist überschaubar, und man muss nicht lange grübeln, ob Gelegenheit, Menüfolge und Reifezeitpunkt perfekt sind. Und ob überhaupt die richtigen Gäste dabei sind, um eine der sechs zugeteilten Flaschen GG aufzumachen. Der Clou ist: es wird trotzdem ein großartiges Erlebnis sein, das können wir versprechen.

Irgendwann wird die internationale Weinwelt sich an das Ö in Mölsheim gewöhnt haben und das unaussprechliche „ch“ in Wachenheim einfach so aussprechen, wie es gerade kommt. Und dann werden die Ortsnamen in den Bars in New York und Paris so sexy klingen, wie die Weine schmecken. Aber bis dahin werden wir, die es früher und besser wussten viel, viel Spaß haben. Also mehr Villages Allemandes in den Keller und auf den Tisch.