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Neu im Weinkeller: Van Volxem

Es war ein Klosterweingut der Societas Jesu, der Jesuiten, dann, nach der Säkularisation, gehörte es einer Trierer Brauerei-Familie, die ihm seinen Namen gab, für ein paar Jahre einem Münchner Unternehmer und schließlich wieder einem Brauerei-Sohn aus der Eifel. Eigentlich eine kuriose Geschichte und sie wird noch kurioser, da es sich dabei mittlerweile um eines der gefragtesten Weingüter Deutschlands handelt. Hier verkauft man keinen Wein, man teilt ihn zu.

Als wir bei Roman Niewodniczanski in Wiltingen sind, sitzen zwei Japaner und fünf Franzosen mit am Tisch, Sommeliers und Weinhändler. Roman holt eine angebrochene Flasche aus dem Kühlschrank und schenkt ein. „Der ist schon ein paar Tage offen, aber ich glaube das geht noch.“ Alle verkosten. Guter Wein, vielleicht nicht groß, reif, aber kein Stück alt. „Ist nicht von mir“, sagt Roman und lächelt. „Und welcher Jahrgang?“ Ich war schon mehrmals bei Roman im roten, altehrwürdigen Verkostungszimmer mit dem langen dunklen Eichentisch, ich kenne diese „Scherze“ und weiß, dass man sich hier nur blamieren kann. Also am besten nichts sagen. „Frühe 80er, vielleicht”, meint eine Stimme. „Nee, was älter, 70er oder Ende 60er“, da ahnt jemand schon etwas. „Also schmecken kann ich es nicht, aber ich würde sagen noch älter“, wage ich mich jetzt vor. Roman grinst, der Streich galt vor allem den Franzosen, die Riesling wahrscheinlich nur jung kennen und im Vergleich zu dem hier ist das alles noch sehr, sehr jung.

„Als die hier gefüllt worden ist, waren wir alle noch nicht auf der Welt”, sagt er und hebt die Flasche hoch. „1947!“ Natürlich geht jetzt ein Geraune und Getuschel los, die Kollegen aus Paris schauen ungläubig und etwas fassungslos drein. „Dabei ist das noch nicht einmal eine wirkliche Top-Füllung, aber aus einer guten Lage”, er schaut auf die Flasche, „die es heute aber unter dem Namen nicht mehr gibt.”

Fast 80 Jahre haben dem Wein nicht besonders viel anhaben können, reif, aber kein Petrol, sicher auch nicht mehr super spannend, wenn man vom Alter absieht. „Das war damals so etwas wie eine Genossenschaft. Von denen eine mittlere Qualität. Erstaunlich!“, sagt er mehr zu sich selber. „Aber es zeigt doch, wie groß die Weine an Saar und Mosel sein können, selbst die einfachen.“ Er hat unzählige alte Mosel-Flaschen in seinem Keller, zu Forschungszwecken, wie er sagt, aber was sich wie ein Scherz anhört, ist ihm sehr ernst, denn Niewo, wie ihn alle wegen seines unaussprechlichen Namens nennen, forscht wirklich in Sachen Wein. Je mehr man mit ihm durch Weinberge und Keller rennt, desto mehr merkt man, dass hier nichts dem Zufall überlassen wird. Es wird zwar experimentiert, aber wissenschaftlich sozusagen, und alles nur mit dem Ziel, den verschütteten Glanz der großen Saar-Rieslinge wiederzufinden. Roman ist so etwas wie ein Riesling-Ethno- und Saar-Archäologe.

In der Verkostung geht es los mit einem Sekt. 1900 heißt er und der Name hat natürlich nur indirekt etwas mit dem Weinjahrgang zu tun. „Ende des 20. Jahrhunderts waren die Sekte von der Saar teurer als jeder Champagner“, doziert er. „So teuer und gesucht, dass man sie oft gar nicht auf den Weinkarten der Restaurants und Hotels fand. Das war sozusagen Bückware, nur den Kennern vorbehalten.“ Die Produktion großer Sekte war damals natürlich eine gewollte Konkurrenz zum Champagner, entsprang aber auch winzerischer Klugheit. In kühleren Jahren reiften die Trauben nicht so stark aus, wie das heute der Fall ist. Für Sekt braucht man in der Regel aber auch Lesegut, das nicht so hoch im Mostgewicht ist, da sonst zu viel Alkohol entsteht und der Sekt unharmonisch wird. Man konnte oder musste die Grundweine für die Sekte auch lange lagern und später auf der Flasche war das vor dem Degorgieren genauso. Ein gut gefüllter Sektkeller sicherte dem Winzer also auch in klimatisch schwierigen Jahren, wie das an der Saar lange Zeit immer wieder vorkam, ein vernünftiges Einkommen. Doppelte Klugheit also. Das und die Tatsache, dass viele der Reben für den Sekt um 1900 gepflanzt worden sind, geben ihm seinen Namen. Der 1900 mit einer Hefelagerung von bis zu 5 Jahren versucht gar nicht, Champagner zu kopieren, er hat aber auch wenig gemein mit den vielen frischen, fruchtbetonten Riesling-Sekten, die man kennt. Er ist üppig, fast etwas würzig exotisch und doch sehr angenehm rund.

„Aktuelles kann ich euch leider nicht zeigen“, sagt Roman. „Wir füllen immer erst sehr spät und Fassproben sagen oft noch nicht so viel über den späteren Wein aus.“ Wir probieren also vergangene Jahrgänge, von denen es natürlich nichts mehr zu kaufen gibt, leider. Eine großartige Probe und die Franzosen wirken etwas überrascht, als er die Frage, ob sie seine Weine nicht in Paris auf ihre Karten nehmen könnten, verneint. „Leider hab ich eh nicht genug und in Frankreich hab ich auch keinen Importeur …“ Es tut ihm wirklich leid, aber natürlich schafft man so auch Begehrlichkeiten. Ein deutscher Winzer, der die Anfrage französischer Top-Restaurants ablehnt, mon dieu!

Wenig später fahren wir ein Stück die Saar hinunter, wo sie eine enge Schleife macht und die Weinberge wie eine Wand über dem Fluss stehen. Roman fährt seinen Geländewagen lässig über die schmalen Weinbergswege. Dann stehen wir fast senkrecht über der Saar. Der Gottesfuß. „Das Einzigartige bei den Saar-Weißweinen sind die skelettreichen Böden, die wir hier besonders in den Steillagen haben.“ Er nimmt ein paar Steine in die Hand. „Große und kleine Steine, also immer stärker verwitterter Schiefer, bilden hier den Boden. Das versorgt die Wurzeln in großem Maße mit Mineralien, speichert etwas, aber nicht zu viel Wasser, verwöhnt die Rebstöcke also nicht.“ In der Tat bestehen die Steilhänge aus mehr oder minder grobem Geröll, in dem fast wie Staub immer feinerer Eintrag von der Verwitterung oder durch Wind eingebettet ist. Das Ganze wirkt sehr fragil und man hat irgendwie permanent Angst, mit dem ganzen Hang ins Tal zu rutschen. „Auf einem fruchtbaren Kartoffelacker würde sicher kein guter Wein wachsen“, meint Roman, „aber weltweit stehen Weißweine eher auf den etwas fruchtbareren Böden, was eigentlich schade ist.“

Weiter geht es, wir fahren noch bei seinen Arbeitern vorbei, die gerade bei 3 °C, Wind und immer wieder aufkommendem Regen den Rebschnitt machen. „Ohne diese Leute und ihre Arbeit gäbe es diese Weine gar nicht“, meint Roman. Einige der Arbeiter sind schon von Anfang an dabei. „Denen braucht man nichts mehr zu erzählen, die beherrschen diese Arbeit besser als ich“, er ist sichtlich stolz auf sein Team. „Unser Wein ist zu 100 % Handarbeit. Der Weinberg wird manuell bearbeitet, die Reben geschnitten und gebunden, von Hand gepflegt und vor allem auch abgeerntet und zuletzt wird auch nach der Ernte noch händisch selektiert und sortiert. Wenn man da Leute hat, denen das egal ist, was sie tun, kann nichts dabei rumkommen.“ Wir lassen die Weinbergs- Arbeiter Mittag machen. Roman will uns von seinem neuesten Projekt berichten und es uns natürlich auch zeigen.

Wie kommt eigentlich ein junger Mann aus einer Eifeler Brauerei-Familie dazu, in Wiltingen Wein zu machen? Er zuckt mit den Schultern und lächelt etwas verlegen, so richtig erklären kann er das auch nicht. Es ist wie bei jemandem, der eine Mission hat, in die er immer stärker reinrutscht, überzeugt, etwas Großes und Wichtiges zu tun. Irgendwann ist es dann einfach so und schwer zu erklären, weshalb. „Na, ich hab ja meine Diplomarbeit über den Strukturwandel geschrieben und da war meine These, dass die Krise an Mosel und Saar auch eine Chance ist, denn nach den ganzen überextrahierten Parker Punkte Weinen, so hab ich damals gesagt, wird eine Zeit kommen, in der die Welt wieder elegante, feine Weine mit tollem Trinkfluss sucht.” Als Unternehmensberater bei Ernst & Young in München hat es ihn auch immer wieder in die Heimat gezogen und da hat er dann angefangen, unter anderem Winzer zu beraten. „Das war mehr ein Hobby, aber ich habe viel dabei gelernt, auch, dass das mit Anzug, Aktenkoffer und schickem Büro in München nichts für mich ist. Irgendwann bin ich dann über eine alte Weinkarte gestolpert, in der die großen Lagenweine von der Saar und auch aus dem Weingut Van Volxem deutlich teurer waren als die 1er Crus aus dem Bordeaux. Das hat mich elektrisiert.” Wir steuern jetzt durch Ockfen fahrend in ein kleines Seitental. Links oben liegt der Bockstein, eine Lage, die in den letzten Jahren wieder großes Renommee erlangt hat. „Zum Glück war der Besitzer des Weinguts nicht wirklich glücklich mit seinem Engagement. Also hab ich es gekauft.” Mal eben so ein Weingut kaufen, das sieht nicht nach dem Mann aus, bei dem jede Vision einem strikten Plan folgt. Er lacht. „Ok, es hat natürlich geholfen, dass ich mir das Geld nicht bei der Bank leihen musste. Aber auch bei uns in der Familie gilt: Ein Investment muss sich rentieren.“ Das Schöne an so alten Familienbetrieben ist, dass „rentieren“ nicht heißen muss, sofort oder in zehn Jahren, hier denkt man etwas nachhaltiger, auch über Generationen. „Ich habe damals schon geglaubt, dass die Saar eine große Zukunft vor sich haben wird, auch bei trockenen oder sagen wir trocken schmeckenden Weinen, die international beliebt sind. Heute können wir in fast jedem Jahr große trockene Weine ernten. Wir wissen besser, wie es geht und das Klima ist spürbar wärmer geworden, da können 0,5 °C aufs Jahr schon einen Riesen-Unterschied machen.” Natürlich war sein Investment in der Familie auch umstritten. Weinbau, an der Saar, Ende der 90er?

„War klar, dass das kein einfacher Weg sein würde, anfangs war ich manchmal 200 Tage im Jahr unterwegs, um für den Saar-Wein zu trommeln. Man musste den Leuten erst beibringen, wie große Saar-Weine sein konnten.

Früher sagte man immer, in den Saar-Weinen könne man den Stahl der Fabriken flussaufwärts schmecken. Klar, wenn ich die Trauben unreif ernte, dann schmecken sie so, stahlig. Wir wollten aber reife, harmonische Weine, die trotzdem wenig Alkohol haben, das mussten wir nicht nur im Weinberg umsetzen, sondern dann auch den Kunden zeigen. Aber wenn ich das so sehe, hat es ja ganz gut funktioniert und meine Familie beglückwünscht mich jetzt zu meiner guten Investition und ich muss im Familienbetrieb auch schon mal wieder den Berater spielen.” Er sagt das zufrieden, aber kein Stück überheblich. Roman ist aber noch lange nicht am Ende mit dem, was er aus van Volxem machen will. Wir sind mittlerweile auf einen steilen Waldweg eingebogen. Es hatte tagelang geregnet, der Land Rover quält sich den matschigen Weg hinauf. Es geht um Kehren, in denen man hin- und herrangieren muss, die Reifen rutschen, der Wagen schlingert bergauf. „Ich liebe dieses Auto”, meint Roman, „aber ich habe den Fehler gemacht, hier die teuren, keine Ahnung was für Reifen draufzuziehen, die sind wahrscheinlich für die Autobahn gut, aber hier –”, er fuhrwerkt in Gang- und Allradschaltung herum. „Da waren die billigeren deutlich besser. Muss ich unbedingt wieder ändern, das ist ja lebensgefährlich.” Wir kommen in einer scharfen Kurve zum Stehen. Vor uns ein enorm steiler Hang, mit Brombeergestrüpp und halbhohen Birken zugewachsen. Hier und da sieht man noch, dass hier einmal Reben standen. „Der Geisberg”, sagt er stolz und fürchterlich aufgeregt. Wir schauen etwas verdutzt. „Ich hab euch doch am Weingut die alte Weinkarte gezeigt. Da waren die teuersten Weine drauf 1. Scharzhofberg, 2. Bernkasteler Doctor und 3 …, na der Geisberg. Unfassbar, dass man hier nach und nach die Parzellen aufgegeben hat. Zu teuer in der Bewirtschaftung, zu schwierig, zu weit weg. Ach, was auch immer.” Wir rutschen weiter über die Piste bergauf, durch Kurven und Schlamm. Rechts geht es runter wie auf den steilsten Ski-Pisten. Ich fühle mich etwas mulmig. Mitten auf dem Hang sind einige Arbeiter zugange. Mit Motorsägen und anderem schweren Gerät roden sie den ehemaligen Weinberg, befreien ihn von Dornen und Gestrüpp und planieren ihn wieder. „Wir müssen hier bis Samstag fertig sein, danach ist Schonzeit, da darf nichts mehr gerodet werden.” Wir haben Mittwoch, und bis auf einen schmalen Streifen sieht der Hang noch aus wie Urwald. „Sechs Hektar legen wir hier wieder an.” Niewo steht wie ein Feldherr im steilen Hang, der blonde Zwei-Meter-Mann sieht aus wie Blücher, der seine Truppen über den Rhein dirigiert. Der Marshall Vorwärts des Saar-Rieslings. „Der Geisberg ist eine der besten Lagen der Region, vor allem in heißen Sommern, von denen wir ja mehr erwarten, wird er seine Stärke ausspielen. Hier oben haben wir viel Wald, da kommt Wasser und kühle Luft herunter. Wir werden also wenige Probleme mit Überreife oder Wassermangel haben. Dann ist das hier eine extreme Steillage, mit perfekter Sonneneinstrahlung und tollem steinigen Boden. Das wird großer Wein hier.”

Die sechs Hektar hat er zusammen mit seinem Freund und Winzerkollegen Markus Molitor gekauft. „Über 50 Besitzer mussten wir dazu überreden. Wenn einer nein gesagt hätte, wäre das Projekt geplatzt.” Montag erst war alles final unter Dach und Fach. Zwei Tage später stehen schon die Arbeiter parat, um Gestrüpp und Wald wieder in einen Weinberg zu verwandeln. Es muss schnell gehen bei Roman, andererseits sagt er aber auch: „In ein paar Jahren werden wir zwar schon die ersten Weine von hier haben, aber das wahre Potenzial dieser Lage werden erst meine Kinder ausreizen können.”

Am Abend kommen wir in unser kleines Gasthaus. Der ältere Herr hinter der Theke zeigt uns die Zimmer und zapft uns zwei Bier. „Ah, ihr macht in Wein, bei wem wart ihr denn?” Es gibt nichts Schöneres nach einem langen Wein- und Verkostungstag als abends ein kühles Bier. „Beim Roman, ach ja, super. Toller Kerl, was der hier alles aufgezogen hat ist für das Tal schon großartig. Und dabei ist er immer nett. Wenn ich an die Plackerei denke, die wir früher immer im Weinberg hatten. Als Kind, kurz nach dem Krieg, da haben wir ja alle mithelfen müssen. Schon toll, dass das überhaupt noch jemand macht und damit auch so einen Erfolg hat.” Wir bestellen noch ein zweites Bier und hören gespannt den Geschichten aus den verlorenen Jahrzehnten der Saar zu.

 

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