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Neu im Weinkeller: Puig-Parahy - Jahrhunderte im Keller!

Unsere Südfrankreich-Weinreise führt uns bis in Richtung spanische Grenze. Dort fahren wir durch die Berge, hoch über den Col de la Bataille zum Força Réal, einer alten Ermitage auf einem Felssporn hoch über dem Têt-Tal. Hier scheint der Canigou zum Greifen nah und man kann sich kaum satt sehen an dem mächtigen Berg. Aber der kalte Wind treibt uns bald davon. Wir ahnen noch nicht, dass wir schon zwei Tage später wieder hier oben stehen werden. Es geht an den Ausläufern der Pyrenäenan Thuir vorbei Richtung Spanien. Die Berge werden zu Hügeln, die aromatisch duftende Macia zu Getreide, Gemüse und Rebstöcken. Das ländliche Frankreich zwischen Idylle und Langeweile.

Das Navi zeigt nicht genau an, wo es langgeht, die Avenue des Pyrénées ist eine Ansammlung von Schlammlöchern, auch Google kennt das Weingut nicht und fragen können wir niemanden, denn in dem kleinen alten Winzerdorf sind um die Mittagszeit alle Fenster und Türen verschlossen. Man hat den Eindruck, auch dieser Ort sei, wie so viele oben in den Bergen, fast entvölkert. Wir fahren fünf mal um die Kirche von Passa, Einbahnstraßen kennt man hier schon. Noreen zuckt mit den Achseln. „Ist was her, dass ich hier war, und die Häuser sehen alle so gleich aus.“ An den Wein und den Keller kann sie sich deutlich besser erinnern. „Chef, da wirst Du Augen machen ...“, hatte sie gesagt. Werde ich, und wie.

Das kleine Haus direkt neben der Kirche ist völlig unscheinbar. Nichts deutet darauf hin, dass hier ein Winzer einen der größten Schätze hütet, die ich je in Weinkellern sehen durfte. Das handgeschriebene Schild Puig-Parahy an der Klingel ist kaum zu entziffern, aber Georges Mutter führt uns freundlich erzählend ins Wohnzimmer. „George ist sicher schon unterwegs“,meint sie. Wir waren mal wieder pünktlich, glaube, das sollten wir uns bald abgewöhnen. Im Wohnzimmer stehen auf einem alten Tisch ungefähr dreißig bis vierzig Flaschen, die meisten geöffnet. Auf dem Boden, in jeder Ecke, unter dem Tisch stehen weitere, viele. An die zweihundert Flaschen liegen im Halbdunkeln eines alten südfranzösischen Wohnzimmers herum. „Rivesaltes“, flüstert Noreen und lächelt wissend. Ich schaue dagegen wohl etwas blöd: Rivesaltes, das ist doch der Aperitif. Der wird doch normalerweise nicht in diese komischen dunklen halben Flaschen gefüllt.

„Bonjour“, flüstert George leise. Viel wird er darüber hinaus nicht sagen mit seiner feinen, nasalen Stimme. „Oui ...“, manchmal, „Non ....“, seltener „peut-être ...“ Er lächelt eher etwas verlegen, wenn man seine Weine lobt, und in sich hinein, wenn er sie selber verkostet. Dann bekommen seine Augen jenen müden Glanz, der die Freude von Generationen umfasst und Glück und etwas Traurigkeit darüber, dass nur noch wenige diese große Tradition pflegen und noch weniger sie schätzen.

Erst einmal verkosten wir aber die beiden trockenen Weine von Puig-Parahy. Der George 2011. „Oui“, sagt George, „da fragen gerade viele Leute nach. Vielleicht wegen der 91 Parker Punkte..." Wir sind uns nicht sicher, ob das ein Ausdruck der Freude über die Bewertung ist. Eine wunderbare mundfüllende Syrah-Cuvée mit lebendigen Sauerkirschnoten, jodigen Tönen, toller Präsenz und einfach ready to drink. „Oui“, meint George, „der 09er und 10er brauchten einfach mehr Zeit.“ Wobei derAusdruck „mehr Zeit“ klingt, als sei es der eigentliche Wertmesser für Qualität. Der Fort Saint Pierre zeigt, dass die Weine von George oft genau das brauchen, Zeit. Der 10er muss ordentlich belüftet werden, bevor er seine Stärken zeigt. Die alten Rebstöcke ergeben einen Wein, der zwar ähnlich wie der George ist, aber mehr Ledernoten und ein pfeffrigeres, kräutrigeres Aroma besitzt. Zwei Weine mit einem grandiosen Preis-Genuss-Verhältnis.

Trotzdem, wenn ich an jenen Nachmittag im dunklen Wohnzimmer der Familie Puig denke, dann ist mir fast nur das präsent, was jetzt folgte. George griff zu einer jener dunklen halben Flaschen, auf denen nur eine Nummer und kein Etikett angebracht war. Sie standen und lagen in jeder Ecke des Zimmers. Verschlossen, geöffnet, halbvoll, fast leer, überall. „2009“, sagte er leise. Was jetzt kam, war ein Frontalangriff auf die Sinne. Es war rot, aber eindeutig auf dem Weg ins Bräunliche, es roch verführerisch nach Süßkirschen in Schokolade, nach den Kräutern des Roussillon und vor allem sprang es einem im Glas an. Man hatte regelrecht Angst, seine Nase ins Glas zu stecken. Dieser 09er war irgendwie ein wildes Tier. Mein Gaumen war perplex. Süßwein. Ok, das hatte ich jetzt auch schon geahnt und dass die Nummern auf den Flaschen die Jahrgänge waren, geschenkt, aber dem wilden Tier, das jetzt auf meiner Zunge explodierte, war ich noch nicht begegnet.

„Wow“, sagte ich laut, „grandios!“ „Peut-être“, meinte George und lächelte in sich hinein, er wusste ja, dass dies erst der Auftakt war, „2005.“ Das war deutlich anders, oxidativer, aber nicht so wie Madeira oder Tawny Port. Auch hier war mehr Frische und diese herrliche Frucht, die dem Wein eine wunderbare Lebendigkeit verlieh, dabei kein so wildes Tier mehr, sondern eine elegante Dame in einem verführerischen Dior- Kleid. Ich war verliebt. „Äh“, jetzt war der Moment gekommen, sich zum Affen zu machen, „was ist das jetzt genau?“ „Oooch Chef“, meinte Noreen. „Rivesaltes“, antwortete George nachsichtig freundlich. Er war es wohl gewohnt, dass selbst Weinkenner das nicht wirklich kannten.

„Früher war es üblich, aus den besten Jahrgängen, wenn ein Kind geboren wurde oder man heiratete, die besten Trauben der Ernte nicht durchgären zu lassen. Sie wurden mit Alkohol abgestoppt, so blieb der natürliche Traubenzucker erhalten und die Weine waren fast unbegrenzt haltbar“, George wurde richtig gesprächig, „irgendwann war es ein Statussymbol, einen Keller mit möglichst vielen alten Weinen zu haben. Das war der Wein für die großen Jubiläen in der Familie, für die Mitgift und in schlechten Zeiten konnte man davon auch was verkaufen.“ „Wie lange macht ihr das schon so?“Er lächelte sehr freundlich, „Ma famille? Dix-huit générations ...“ „Achzehn Generationen?“ „Oui ... seit 1446 ... eine lange Zeit.“ Es gab 1995, dann 1963, dann 1958. Die Weine wurden immer dunkler und konzentrierter. Das Erstaunliche war, dass mit der Konzentration der Süße auch die Säure zunahm und beides ein überaus spannendes Gleichgewicht eingingen. Der 1940 kam dickflüssig ins Glas und wirkte trotz seiner Süße, seiner karamelligen und tabakigen Noten fast frisch. 1930. „George, wie viele Flaschen hast du denn noch vom 30er ...?“ Er lächelte freundlich. "Flaschen? Der 30er liegt doch noch im Betontank ...“ Ich musste etwas nach Luft schnappen. „Irgendwann, wenn er ALT ist, kommt er dann ins Holzfass.“ Wenn er ALT ist, der 30er.

Jetzt fing George an, unter dem großen Esstisch nach was zu suchen, er hatte sich selbst das Stichwort gegeben und kam wieder hoch mit zwei Flaschen in der Hand. „Ja, vielleicht sollten wir mal was Altes verkosten“, meinte er und schenkte aus einer Flasche ein, auf der eintausendneunhundertundvierzehn stand. Als die Trauben für diesen Wein geerntet wurden, begann in Flandern der endlos grausame Stellungskrieg. Der Grande Guerre, das große Unglück war in vollem Gange und hier im Roussillon machte man einen Wein, der 100 Jahre später den Erbfeind von damals in größere Verzückung versetzen sollte. Nicht nur geschmacklich wurden wir ein wenig überwältigt und nervös, als wir davon nippten. Wir vergaßen sogar, Notizen zu machen. „Un siècle. Exactement“, meinte George versonnen. Auf der letzten Flasche stand neunzehnhundertundeins. 113 Jahre hatte dieser Wein im Betontank und schließlich im Holzfass in einem Keller von Passa zugebracht, er hatte Kaiser und Könige kommen und gehen sehen, hatte zwei Weltkriege überlebt und zauberte jetzt ein seliges, inwendiges Lächeln in unsere Augen. Wir merkten, dass wir George gar nicht zu diesem Wein beglückwünschen mussten, schließlich hatte sein Groß- oder sogar Urgroßvater ihn bereitet und für die kommenden Generationen beiseitegelegt. Er war nicht das Produkt eines einzelnen Menschen, er war, wie alle Rivesaltes von Puig-Parahy, das Werk einer Familie, einer Abfolge der immer selben Idee von Identität, er war in der Tat ein flüssiges Kulturerbe – zum Genuss und damit auch zur Vernichtung bestimmt. „Peut-être“, meinte George. „Wie viel habt ihr denn überhaupt noch so von den älteren Sachen?“, fragte ich. George wiegte den Kopf. „Wir legen immer mindestens so viel beiseite, wie wir entnehmen, das haben wir schon immer so gemacht.“

Es scheint gar nicht drauf anzukommen, wie viel viel ist. Man kann nur hoffen, dass die nächste Generation das auch so sieht. Wir stiegen noch in den Keller, vorbei an einem Betontank mit einem 84 Jahre alten Wein, in einen Keller, in dem in jeder Ecke, unter dem Staub der Jahrhunderte, Fässer standen. Kleine, große, alte, sehr alte. Fässer, auf denen viele Zahlen standen, in einer Ecke 1910, 1898 und 1895.

 

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