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Neu im Weinkeller: Die Merkelbach-Brüder

Vorgeschichte

Die Mosel ist ein enges Tal, links und rechts durch kühle, dunkle Höhenzüge begrenzt und man hat manchmal den Eindruck, dass der Moselaner, wie zu römischer Zeit, die dunklen Wälder von Eifel und Hunsrück fürchtet und nur betritt, wenn er Holz für seine Fässer braucht. In so einem Tal fließt natürlich nicht nur das Wasser schnell, sondern auch Informationen und Gerüchte. Jeder kennt jeden und da die Moselaner von alters her Fremde gewohnt und dabei gastfreundlich sind, erzählen sie, bei einem Glas Riesling versteht sich, gerne und viel. Wir waren lange bei Markus Molitor und irgendwann, als wir über Vergangenheit und Zukunft der Mosel, über Weine und Winzer sprachen, fiel der Name „Merkelbach”. Es klang so, als habe er gerade von einem Nachbarn, den eigentlich jeder kennen muss, gesprochen. Zwei Tage später saßen wir im alten Verkostungszimmer an der Wehlener Brücke und alberten mit Katharina Prüm fleißig rum. Mosel-Riesling macht freudig und beschwingt, selbst wenn man ihn nur verkostet. Wir sprachen über Lagen, über Dornfelder in der Wehlener Sonnenuhr (was dann einer unserer Aprilscherze werden sollte) und über Weingüter in der Region, die wie die Prüms auch in den düsteren Zeiten große Weine gemacht haben. Da fiel wieder der Name, „die Merkelbach-Brüder”. Am Nachmittag standen wir mit Erni Loosen im ältesten und steilsten Teil des Ürziger Würzgartens und sprachen über die Plackerei im Weinberg. „Schaut euch das an”, sagte er, „wer weiß, ob hier noch lange Reben stehen, die Jungen wollen diese Weinberge gar nicht mehr bewirtschaften. Hier sieht man fast nur alte Leute drin. Der Moselaner scheint zäh zu sein. Hier irgendwo müssen die Merkelbach-Brüder aus Ürzig ja auch noch eine Parzelle bewirtschaften. Die sind jetzt auch schon über achtzig und machen ihren Wein noch wie vor über fünfzig Jahren …” Es klang anerkennend und ein wenig wehmütig.

Als wir wieder im Weinkeller waren, fielen uns die so vielfach erwähnten Merkelbach-Brüder wieder ein und schließlich waren wir für unser Weinbrevier wieder auf einer Mosel-Entdeckungsreise. Wir besorgten uns also zwölf verschiedene Flaschen, was erstaunlich schnell ging, und dann, eines Freitagmorgens, verkosteten wir. Um es kurz zu machen: Es war eine der beschwingtesten, eindrucksvollsten und amüsantesten Verkostungen, die wir je im Keller hatten. Da mussten wir also unbedingt noch hin.

Aus der Zeit gefallen?

Modern, schnell, innovativ sein – wer heute nicht das Geschäft von morgen macht, ist indiskutabel, wer sich nicht beständig neu erfindet, skurril. Zeit ist etwas, das beständig zerrinnt und vor uns wegläuft, wir aber versuchen ständig, ihr voraus zu sein. Gleichzeitig lesen wir in der Landlust von Bauernhäusern, die seit 300 Jahren unverändert in der Landschaft stehen, kaufen die guten alten Dinge und unser Smartphone erinnert uns laut quakend, dass wir um 18 Uhr ja noch ein Seminar für Entschleunigungs-Yoga haben, in dem wir in einer halben Stunde das Relaxen lernen müssen. Wenn man bei Alfred und Rolf Merkelbach in das tiefe Wohnzimmersofa fällt, wo jede Verkostung stattfindet, hat man den Eindruck, dadurch auch ohne Yoga etwas aus der Zeit zu fallen. Um hier direkt jedem Missverständnis vorzubeugen: Die Merkelbachs sind nicht altmodisch, eigentlich sind sie in dem, was sie tun, sogar auf ihre, vielleicht auf Moselaner Art und Weise, sehr modern. Alfred ist mittlerweile 80 Jahre alt und sein „kleiner” Bruder Rolf ist nur drei Jahre jünger. Andere Leute sind da schon längst in Rente und sonnen sich auf Mallorca. Alfreds Rente sieht so aus, wie sein ganzes Leben aussah: Er steht im Weinberg, vielleicht nicht mehr bei jedem Wetter, und hilft seinem Bruder, der jetzt seit kurzem der Chef ist beim Weinmachen. Seit 1951 macht er das jetzt. „Unser Vater ist ja früh gestorben”, meint er, „und wir haben ja schon immer in Weinberg und Keller geholfen. Da war klar, dass wir von der Schule abgehen, das Weingut übernehmen würden.” Das „Weingut” hatte damals ungefähr einen Hektar, jetzt hat es zwei. Darunter sind besten Parzellen im Ürziger Würzgarten, Erdener Treppchen und im Kinheimer Rosenberg. Steile Lagen auf rutschigem Schieferboden, moseltypische Einzelpfahl-Erziehung, da hat mancher Zwanzigjährige schon Probleme bei der Weinbergsarbeit.

Wenn wir sonst zu Verkostungen kommen, ist alles vorbereitet. Die Weine stehen Spalier, die Preislisten liegen bereit, hochprofessionelle Verkostungsgläser und von Designern gestaltete Spucknäpfe stehen auf dem Tisch. Dann merken wir manchmal, dass wir für viele Winzer ein wichtiger Händler sind und professionell genug versucht der eine oder andere auch möglichst viele Weine zu zeigen, um breit in unserem Sortiment vertreten zu sein.

Alfred und Rolf lächeln freundlich, aber nirgends steht ein Wein im Wohnzimmer, nirgends ein Glas, ein Spucknapf. Stattdessen schauen längst verstorbene Verwandte streng auf uns herab. Der Moselaner ist freundlich, aber auch misstrauisch. Es ist eine neue, aber irgendwie auch sehr gute Erfahrung, nicht direkt mit dem Verkauf überfahren zu werden. Wir erzählen ein wenig, wie wir auf das Weingut gekommen sind, warum wir gerne die Weine in unserem Sortiment hätten, und was uns bei unserer Vorab-Verkostung am besten gefallen hat. Die Merkelbachs schauen milde lächelnd skeptisch. „Na, wollen wir denn was probieren?”, meint Alfred nach einer gefühlten Ewigkeit. Rolf zuckt mit den Achseln, „Ja, was denn …?” „Den '02er vielleicht?”, fragen wir freundlich und sind gleichzeitig etwas entsetzt über uns, direkt damit anzufangen. Aber Rolf steht schon auf und Alfred lächelt freundlich. Es kommen Gläser auf den Tisch. Geschliffene, kleine Gläser, wie sie auch bei meiner Mutter noch im Schrank stehen, und die bei uns nie genutzt werden. Ein Spucknapf kommt nicht auf den Tisch, wir werden hier auch keinen sehen. Wahrscheinlich ist es für die Brüder völlig absurd, einen Wein wieder auszuspucken. Ist es ja eigentlich auch. Langsam kommt mehr Leben in das Wohnzimmer, wir verkosten '03er. Marco Lindauer fragt, was sie denn in dem heißen Jahr gemacht hätten, um die erstaunliche Frische, die der Wein noch hat, zu erhalten. Alfred und Rolf schauen sich an und zucken mit den Schultern. Vielleicht merkt man nach 52 Weinjahrgängen gar nicht mehr, wenn man etwas besser oder anders macht. „Ja, 2003 war heiß, schmeckt aber”, meint Rolf. Wir brauchen das kaum in Worte zu fassen, man sieht das unseren aus dem Sofa heraus leuchtenden Augen wohl an. Wir lachen alle vier. Nein, sie machen nichts neu. Wenn andere Winzer darüber reden, Wein wie vor 100 Jahren zu machen, und dabei mit den tollsten Dingen ankommen, die dann seltsam verfärbte Weine mit komischen Aromen ergeben, zu denen der Verkoster allenfalls ein „Ah, interessant” sagen kann, dann ist das oft die Erfindung von Neuem, nur um eine Tradition, die man nicht wirklich kennt, vorzugaukeln. Die PR-Maschine muss sich drehen und dafür produziert man immer neue Geschichten. Bei den Merkelbach Brüdern wird nichts Neues erzählt, die Geschichte heißt ganz einfach, guten Mosel-Wein zu machen. Wie schon der Vater und dessen Vater, da braucht man nicht viele Worte drüber zu verlieren.

Rolf holt noch ein paar Flaschen, aber eine nach der anderen. Alfred holt das Kellerbuch seines Großvaters hervor. In Sütterlin. 1870: Am 17. Juli Mobilmachung, infolgedessen keine vollständigen Notizen von diesem Jahr. 1871 notiert er dann wieder stoisch die verkauften Fässer, die Lagen und den Preis. „Da sind alle Weine noch direkt als Fuder an die Kommissionäre verkauft worden”, meint Alfred. „Haben wir auch lange gemacht. Aber 1975 haben wir dann direkt vor dem Ort unseren Keller neu gebaut und dann haben wir immer mehr selber gefüllt.” „Als wir noch alles hier im Haus gemacht haben, mussten wir ja jede Flasche rein- und wieder raustragen, da war das schon eine tolle Erleichterung”, ergänzt Rolf. Wir verkosten weiter.

„Was könnten wir denn von dem '02er noch haben?”, fragen wir vorsichtig. „Na, 50 Flaschen haben wir da noch”, sie nicken sich beide zu, „wenn ihr die haben wollt.” Wollen wir, natürlich. So stellen wir das Sortiment Wein um Wein zusammen.

Die Brüder haben jeden Bestand im Kopf. Schließlich schlagen sie vor, doch noch an den Fuß des Würzgartens zu gehen, da steht auch ihr „neues” Weingut. Eine kleine Halle, ein kühler Keller mit Fässern und alles, was da drin ist, hat schon Jahrzehnte auf dem Buckel. Ein herrlicher alter Fendt Schlepper. „Na“, meint Rolf, „da war mal der Anlasser kaputt, ist aber auch schon was her.” Die Etikettier-Maschine, hier muss man die Flaschen noch einzeln einlegen. „Funktioniert ohne Probleme und bei den paar Flaschen.” Nachher stehen wir am Fuße des Würzgartens in der ersten Frühlingssonne. Es wird richtig warm. „Ja, hier unten haben wir eine kleine Parzelle”, meint Alfred und Rolf zeigt nach oben auf die Felsen, wo der Würzgarten drohend steil über dem Tal hängt. „Und da oben auch, da ist es besonders schön.”

Wir verabschieden uns und müssen erst einmal hoch in den Würzgarten und tief durchatmen. Wir haben irgendwie den Eindruck, dass wir gerade zwei der klügsten und besten Winzer begegnet sind, die wir je getroffen haben. Hier wird nichts gewinnoptimiert, keine Journalisten eingeladen, kein Vertrieb aufgebaut, hier wird Wein gemacht, weil Weinmachen das ist, was die Merkelbachs immer machen wollten, und weil ein Leben ohne den Wein, den Merkelbach Wein, nicht vorstellbar ist. Hier wird Wein gemacht wie vor fünfzig Jahren, weil es keinen Grund gibt, den Wein anders zu machen, weil es unter der Prämisse, die die Brüder haben, gar keinen besseren Wein geben kann. Alfred und Rolf wollen nicht den größten, besten, einzigartigsten Wein der Mosel oder der Welt machen, sie wollen einfach ihren wunderbar traditionellen, ja, vielleicht auch altmodischen Mosel-Wein machen. Einen Wein, der klar und fröhlich, der großartig und einfach zugleich ist, den man nach wenigen und vielen Jahren trinken kann, ein Wein, der die Mosel großgemacht und ihr, als er nicht mehr in Mode war, auch etwas das Genick gebrochen hat. Aber, das haben wir an diesem Nachmittag im Verkostungssofa gelernt: Wer immer nach der Mode geht, der verpasst sein Leben. Und eigentlich sind es die anderen, die versuchen, schneller als die Zeit zu sein, die aus der Zeit gefallen sind und nicht die beiden Merkelbach-Brüder, die einfach das tun, was sie schon immer getan haben und was das Schönste dieser Erde ist. Ach, nur einen Vorwurf müssen wir euch machen, Alfred und Rolf. Und diesen Vorwurf haben wir sicher noch nie einem Winzer gemacht: Ihr seid viel zu günstig für das, was da in der Flasche ist und wenn die Kollegen im Bordeaux einmal eine Flasche eurer '02er-Auslese ins Glas bekämen, müssten sie vor Wut alle ihre Grand-Cru-Reben rausreißen und demütig auf den Knien zum Ürziger Würzgarten pilgern. Aber vielleicht ist es nach mehr als fünfzig Jahrgängen auch egal, ob man zu günstig ist, aber das Lächeln auf euren Gesichtern, als wir die Bestellung fertiggestellt hatten und damit euer erster und einziger Fachhändler in Deutschland sind, hat uns mehr das Herz gewärmt als die Frühlingssonne im Weinberg. Hoffentlich dürfen wir noch recht oft bei euch in das zeitlose Verkostungssofa eintauchen.

 

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