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Auf Umwegen zum Wein

Wir fahren die Landstraße auf und ab. Google behauptet, hier irgendwo müsse Le Colombier sein. Noreen fragt ein paar Leute, die gerade umziehen. Straße stimmt, aber Le Colombier? Nö, hier gibt es kein Weingut, das so heißt. Zurück nach Jonquières, ok auf der Adresse stand Sarrians, ein Örtchen weiter. Anrufen, keiner hebt ab. Statt Google Maps einmal die alte Methode, auf dem Wochenmarkt nachfragen. Schulterzucken. Vacqueyras? Das ist ein anderer Ort, da keinen wir keine Winzer. Wir sind mittlerweile mindestens 30 Minuten zu spät.

“Das passiert uns nie”, meint Noreen. Jetzt endlich: Jean Louis Mourre hebt ab. “Ja einfach die Straße hoch und dann kurz hinter dem Ort auf der rechten Seite”, meint er völlig entspannt. Wir fahren durch den Ort, die letzten Häuser kommen. Weinberge, ein Weingut auf der linken Seite ohne Schild, das kann es nicht sein. Jetzt nur noch Weinberge. Wieder anrufen, “Ja, ja noch ein Stück. Ist nicht weit.” Also nach weiteren zwei Kilometern kommt ein kleines Schild an einer Einfahrt, die L-förmig so weit runtergeht, dass man das Hausdach hinter den Rebzeilen kaum sieht. Jean Louis steht entspannt in der Sonne, die heute endlich mal vorbehaltlos scheint und meint nur: “Habt ihr’s gefunden …” “Ja, dein Google Eintrag ist falsch!” Er zuckt nur mit den Achseln und meint: “Willst du gut leben, musst du dich verstecken.” Ein Satz den er wohl verinnerlicht hat. Dann grinst er, “das ist mir doch gelungen.” In der Tat, sein Weingut und sein Wohnhaus, eine alte Mühle liegen in einem Seitental direkt neben Vacqueyras. Ein Anblick, bei dem Joseph von Eichendorff wohl mindestens drei Gedichte aus der Feder geflossen wären. “Seht ihr, da hinten ist Vacqueyras, dort die Dentelles und der Mont Ventoux. Hier hat man alles im Blick, gesehen wird man aber nicht.” Das sagt er alles in einem fast perfekten, leicht fließendem Deutsch. Manchmal sucht er nach Worten, aber wenn er sie nicht findet, umschreibt er einfach, was er meint. Das klingt ab und an geradezu poetisch.

Wir fahren rüber nach Vacqueyras und hinter dem Ort in einen Weinberg und einen steilen Feldweg hoch. Das Auto setzt mehrmals mit einem lauten Krachen auf. “Geht noch”, meint Jean Louis ungerührt. Mitten in einem kleinen Waldstück liegen ein paar Weinberge am Hang und geben ein herrlichen Blick auf die Umgebung von Vacqueyras frei. “Den Weinberg hab ich erst seit ein paar Jahren”, meint er, “ich suche meine Weinberge am liebsten so aus, dass nicht allzuviele drumherum sind.” “Magst du keine Nachbarn?”, frage ich lachend. “Kommt drauf an”, antwortet er sehr vieldeutig, “aber wisst ihr, ich mache seit ich hier bin Bio-Anbau. 2011 hab ich mich zertifizieren lassen und hier sind nicht einmal zehn Prozent der Weinbergev biologisch. Da finde ich es ganz gut, wenn ich etwas abseits liege. Außerdem mag ich es, am Rande des Weinbergs Kräuter zu pflücken für die Küche und wenn da viele Tiere sind und es Blumen gibt.” In der Herbstsonne riecht es nach Rosmarin und wildem Bohnenkraut. Fast wie abgesprochen sitzt groß, grün und kämpferisch eine Gottesanbeterin auf einem Stein und zwei Meter weiter die nächste auf einer verblühten Blume. “Religieuse, davon gibt es in dem Weinberg viele”, meint Jean Louis “wie heißt die noch einmal in Deutsch?” Amüsant, beide Sprachen scheinen bei dem Anblick der Fangschrecke auf die gleiche Idee gekommen zu sein. Auf dem Rückweg durch den Ort zeigt er uns, wo das Weingut früher war. “Direkt am Ortsrand, aber jetzt ist es besser. Ein Weingut macht auch immer Krach und Dreck. Da wo wir jetzt sind, stören wir niemanden.” Und niemand stört euch, denke ich noch.

Gottesanbeterin im Weinberg von Colombier

Der Keller ist schlicht und einfach, weder besonders neu noch für eventuelle Besucher herausgeputzt. Andere Winzer würden jetzt wahrscheinlich was von “Wein macht man im Weinberg” oder “bewusstem Minimalismus” erzählen, Jean Louis meint einfach “das geht alles sehr gut so.” Bei einem Espresso erzählt er dann, wie er zum Weinbau kam. “Eigentlich wollte ich das nie. Ich kannte das alles ja von meinem Großvater und von meinem Vater. Das war selbst in den 80er Jahren noch eine richtige Plackerei. Hier in der Region gab es da kaum Maschinen und der Wein, den man an die Genossenschaft ablieferte, wurde schlecht bezahlt, sehr schlecht. Wenn mein Vater eine Probe aus dem großen Betontank ziehen wollte, mussten zwei Mann den schweren Deckel hochheben. Die Trauben wurden per Hand in die Vertikalpresse geschafft und die Trester die man bis zum Letzten auspresste, um wenigstens irgendwas zu verdienen, wurden dann von Hand auch wieder rausgeschafft. Und das während der Ernte Tag und Nacht, denn in die kleine Presse ging kaum was rein. Da habe ich beschlossen: das ist nichts für mich.” “Was wäre denn was für dich gewesen”, frage ich. “Steine”, und Jean Louis kostet milde lächelnd die Wirkung des Wortes aus, “ich fand es immer faszinierend, dass es so viele verschiedene Arten von Steinen gibt. Wie sie entstanden sind und was es damit auf sich hat. Also habe ich Geologie studiert.” “Und dann?” “Nun, bei der Geologie kommt man ja auch mit dem Weinbau in Berührung, jedenfalls in Südfrankreich und irgendwann hat mein Vater mich gefragt, ob ich nicht doch das Weingut übernehmen wollte. Damals wurde es gerade besser im Weinbau. Die Leute fingen an, die Rhône zu entdecken und auch hier im Süden wurde aus dem Lebensmittel Wein langsam ein Genussmittel. Ich hab dann also doch Weinbau in Bordeaux studiert und danach bin ich nach Vacqueyras zurückgekehrt. Das war 1992.”

Er holt eine Flasche von seinem Cuvée G heraus, den neuen Jahrgang. Wir sollen verkosten. “Das ist der einzige Wein bei uns, der zum Teil in neuen Barrique liegt.” Ich frage ihn nach dem Trecker auf dem Etikett. Dort ist ein altmodischer Raupenschlepper abgebildet. Sowas ist heute kaum noch in Gebrauch, da die schweren Ketten die Böden zu sehr verdichten. “Ja, der Wein ist eine Hommage an meinen Vater. Das war sein erster Traktor. Darauf war er sehr stolz. Als er das erste Mal da oben saß und damit in den Weinberg fuhr, das werde ich nie vergessen.” Der Wein ist frisch und elegant und auf eine spektakuläre Weise unaufgeregt, wie alle Weine von Jean Louis. “Man braucht eigentlich nur eine schöne Balance zwischen Frische, Säure, Tanninen, Frucht und Alkohol, dann ist ein Wein ja schon gut. Mittlerweile bekommen wir das auch in schwierigen Jahren hin.” 1992 hat er die Weinberge übernommen, “eigentlich waren wir damals noch gar kein Weingut. Wir haben zwar schon eigenen Wein gemacht, aber alles ging an die Genossenschaft. Dann hab ich überlegt, dass ich etwas verändern muss, wenn ich das lange machen will. Damals fiel mir eine Untersuchung aus dem Burgund in die Hände, da hatte man in den Böden Pflanzenschutzmittel nachgewiesen, die schon seit 30 Jahren nicht mehr benutzt wurden. Kleine Mengen, aber sie waren noch da. Mein Vater hatte nie viel davon verwendet, die sind zu teuer, hat er immer gesagt. Die ersten drei Jahre haben wir dann auch gespritzt, das hatte man ja so gelernt und für die Genossenschaft zählte nur der Ertrag. Aber 1995 hab ich dann beschlossen, meine Weine selber zu vermarkten. Der erste Jahrgang, der als Le Colombier auf den Markt kam, war 1999 und der war schon, na sagen wir mal zu zwei Dritteln Bio. Aber 2011 haben wir uns dann auch zertifizieren lassen. Irgendwann hab ich gedacht, das bekommen wir schon hin. Ich brauche kein Hintertürchen und 90 Prozent Bio ist doch Quatsch.”

Erstaunlich, irgendwie trifft man selten einen Winzer, der zugibt, er habe irgendwann einmal Herbizide benutzt, irgendwie scheinen die meisten Winzer, ob zertifiziert oder nicht, schon in Bio-Windeln auf die Welt gekommen und die Weinberge seit dem gallischen Krieg nur mit Druidengesängen behandelt worden zu sein. Aber Jean Louis ist viel zu entspannt für lange, umschweifige Erzählungen. 27 Hektar bewirtschaftet er jetzt, bei den Preisen, die selbst für gute Weine aus Vacqueyras gezahlt werden, wird man damit nicht reich. “Ist okay”, sagt er “ihr seht ja, ich lebe ganz gut.” Aber er hat eben auch seinen Weinberg im Ventoux abgegeben. “Das war nicht nur zuviel Fahrerei, es ist auch schwer, für so wenig Geld einen ordentlichen Bio-Wein in Handarbeit zu machen. Mit Maschinen auf großen Flächen geht das vielleicht, aber wir sind ja eher klein.” Dafür gibt es zukünftig etwas mehr vom Côtes du Rhône, denn direkt hinter der Gemeindegrenze hat er ein paar Weinberge dazu bekommen.

Jetzt bekommen wir noch einen ersten Einblick in den neuen Jahrgang. Die Wein sind zum Teil zwar noch nicht fertig gegoren, aber man erkennt schon was es wird. “Pas mal”, meint Jean Louis und übersetzt sich, zu mir gewandt, direkt selber: “nicht schlecht …” Ja, ja, so schlecht ist mein Französisch dann auch wieder nicht. “2018 war aber extrem anstrengend”, meint er, “im Frühjahr hat es 16 Tage am Stück geregnet. So etwas hatten wir noch nie. Und jetzt, die letzten Tage wieder so viel Regen. Gut, dass die Trauben recht früh reif waren, sonst wäre das alles weggeschwommen. Die Betriebe, die auf Qualität setzen, hatten in den letzten fünf Jahren drei Jahrgänge mit 30 Prozent weniger Ernte.” Dann denkt er kurz nach und meint, “aber das passt schon alles, dafür sind die Weine ja ganz gut.” Aber jetzt wird selbst der entspannteste Winzer unruhig. Samstag Nachmittag, Fußball. Gut, verstehen wir. Wir müssen auch weiter in den Norden der Rhône, den Weg zur Autoroute du Soleil, auf der nun endlich auch mal wirklich die Sonne scheint, wird Google hoffentlich finden.

11016-17

 

2017 CÔTES DU RHÔNE ROUGE

Le Colombier, Rhône

Der neue Jahrgang dieses Einstiegsweins ist sofort ein Volltreffer! Der Côtes du Rhône ist ein offenherziger, beeriger Wein mit schönem Duft nach roten Beeren, Oliventapenade und südlichen Kräutern und deutlichen Anklänge von weißem Pfeffer. Er ist saftig am Gaumen mit Kirsch- und Himbeertönen, französisch trocken, dabei aber sehr trinkanimierend. Er eignet sich bestens für alle Tage.

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2016 VACQUEYRAS VIEILLES VIGNES

Le Colombier, Rhône

Hier zeigt sich das gigantische Potenzial dieser Appellation. Blaubeere, Feige, würzige Kräuter – wir denken an frisch gezupften Thymian und Rosmarin – Mokka, Cassis. All die saftigen Aromen springen einen förmlich an, auch am Gaumen hat der Wein Struktur und seidige Tannine. Es empfiehlt sich, ihm ein wenig Luft oder noch ein paar Jahre zur Reifung im Keller zu geben. Der Vacqueyras Vieilles Vignes ist auf jeden Fall ein sensationeller Wein mit einem grandiosen Preis-Genuss-Verhältnis.

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