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Kleinstaaterei

Giorgios war das Eidolon eines Kellners, ein dienstbarer Geist, verschmitzt freundlich, immer und überall zugegen, ein wahrer Hermes der wohl auch die Seelen der Hungrigen zur ewigen Sättigung leiten konnte. Zugegeben die kulinarische Tiefe des Küchenchefs entsprach nicht den Fertigkeiten Giorgios, ja manchmal konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren sie ständen jenen sogar diametral gegenüber. Aber hier, an einem Strand dessen heller Sand gerade im Vollmondlicht glänzte, an dem sich das Zirpen der Grillen und das sanfte Rauschen der Wellen mit der freundlichen Bassstimme des besten aller möglichen Kellner trafen, hier verzieh man auch das recht fettig gewordene Souvlaki gern. Schließlich gab es ja auch noch einen Ouzo aufs Haus.

Den hätte sich Hermes sicherlich gespart, aber er ahnte ja nicht, was folgte und hier sieht man, dass auch ein göttlicher Kellner kein delphisches Orakel ist und so mit gefiederten Beinen ins Unglück laufen kann.

?Ton logariasmo paragallo? die wichtigsten Worte lernt man als pflichtbewusster deutscher Tourist ja schon zu Hause und wenn man in der Gruppe unterwegs ist, erzielt man mit einer beiläufig in der Sprache Platons hingeworfenen Bitte nach der Rechnung ja auch einen netten Effekt. Giorgios brauchte gar nicht erst zu einem Kassencomputer zu schweben, er drehte sich auf seinen güldenen Flügelschuhen um, nahm den Bleistift aus der Schürze und schrieb ohne auf den langen Zettel zu schauen eine Zahl auf, die er diskret dem Sprecher zur Ansicht gab.

?Ähem, also. Wir hatten 1x Salat, 1x Tzaziki, 1x Souvlaki, 1x den Fisch des Tages, dann übernehmen wir das Wasser und natürlich die Hälfte der Flasche Wein.? ?Ach die zwei Mokka noch...? ergänzte freundlich die Gattin hingerissen vom Charme des Kellnergottes. ?Dazu laden wir euch ein?, kam von der gegenüber sitzenden Dame, ?gell Schatz.? Man sagt des Hermes Worte seien so schnell wie seine Taten, doch der Gott antwortete langsam, bemüht hinter dem Nebel der Duldsamkeit seine milde Verzweiflung zu verbergen?

Atamé, die Tapas-Bar ist zwar gebaut auf märkischem Sand, doch eine feste Burg einfacher spanischer Küche. Neben schäbigen Hochbahnbögen und ewig aufgerissenen Straßen erstrahlt in ihren Fenstern etwas von südlicher Gelassenheit. Bei Boquerones, Pulpo alla galega und Piementos padron kann man hier so etwas wie kulinarische Sonne tanken. ?Ich hätte gerne die scharfen Kartoffeln.? ?Ich nehme die Fleischspießchen und einmal Oliven.? ?Für mich bitte die Gambas al ajilo.? Etc.

Tief im Preußenland hat natürlich alles seine Ordnung und, wie wir wissen, mag ja ein jeder nach seiner eigenen Facon glücklich werden, aber bitte auch auf dem eigenen Teller. ?Also ich hatte die Kartoffeln, ein Wasser und ein Glas Wein? Was macht das??

Im Gründungsmythos der deutschen geht es da bekanntlich noch ganz anders zu oder haben sie in den Nibelungen einmal von getrennten Rechnungen gelesen? Nun ja, es geht zwar nicht gut aus, wenn Gernot seinem Hagen von Tronje die Treue hält, wande ich deheinen mînen friunt an den triuwen nie verlie, so spürt man schon das saftige Ende. Aber immerhin kann man niemandem vorwerfen, er habe sich gedrückt. Wer mit am Tisch sitzt, wird auch mit erschlagen. Vielleicht hat man uns die Nibelungentreue einstens so eingebläut, dass wir instinktiv zurückschrecken und hinter jedem griechischen Kellner sofort einen von seiner Kriemhild aufgebrachten Hunnenkönig Etzel vermuten. ?Bloß nicht mit denen da zahlen, schließlich haben wir ja nichts getan und aventure hatten wir ja heute beim Wildwasserrafting schon genug?, so mag der geläuterte deutsche Geist da denken. Was ja auch sicherlich gut so ist, aber wohl ein wenig übertrieben.
Vielleicht ist es aber auch ein Erbe der deutschen Kleinstaaterei, dass wir international bekannt dafür sind, uns mit dem Tischnachbarn über die Rechnung (wahlweise den Kosakenzipfel) zu streiten oder Oliventeilungsängste zu empfinden. Schließlich ist es ja noch gar nicht so lange her, dass man auf einer Reise von Hamburg nach Altona mehrfach vom Zoll visitiert und gegebenenfalls arretiert wurde. Solch eine Prägung in der fast tausend Jahre dauernden Frühpubertät der Deutschen ist natürlich nach 138 Jahren nicht plötzlich verschwunden.

Also bitte ich um etwas Verständnis.

Die brachte Giorgios Hermes dann schließlich auch auf, als er langsam mehrere Seiten auf seinem Block vollschrieb und in duldsamer Verzweiflung antwortete: ?Ach, sie zahlen auf Deutsch.?

 

PS. In Spanien hörte ich übrigens einen Kellner der dieses Phänomen mit den Worten ?Ach, sie zahlen auf Englisch?, quittierte. Vielleicht sind wir ja doch nur das Purgatorium mediterraner Dienstbarkeit und es ist noch nicht alles verloren.