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Hierarchien: Der Chianti Gran Selezione

Italien und besonders die Toskana, so scheint es oft, ist da am besten, wo es nicht ganz geordnet zugeht, ja vielleicht sogar ein wenig anarchisch. So war es ein ganz entscheidender Schritt für die Entwicklung der Weinregion Toskana, dass viele Winzer Anfang der 80er Jahre hingingen und ihre Spitzenweine komplett aus dem DOC-System, der gesetzlichen Klassifizierung, herausnahmen. Die Supertuscans, Weine die meist teuer und oft auch sehr gut und sehr gut bewertet waren, wurden nicht als Chianti, Brunello oder sonst etwas verkauft, sondern einfach als Landwein, eigentlich der untersten Stufe der Kategorisierung. So wurden Solaia, Saffredi, Percarlo, Concerto, Siepi und Co zu den teuersten und gefragtesten Weinen der Toskana. Das Konzept war bei jedem Wein höchst individuell. Manchmal war es reinsortig, eine Rebsorte, die für die Toskana eher untypisch war, wie z.B. Merlot, manchmal aber auch nur die Toskanatypische Sangiovese, denn als Chianti durfte man damals nur Cuvées verkaufen, in die auch einige Prozent einer Weißweinsorte rein musste. Die Toskana wurde wild, man konnte viel entdecken, aber leider wurde sie dadurch auch etwas unübersichtlich.

Schließlich, nachdem die DOC-Bestimmungen zugunsten besserer Qualitäten geändert wurden, kehrten viele Winzer mit ihren wichtigs-ten Weinen in das System zurück. Vor allem im Chianti Classico. Jetzt stand man aber vor einem neuen Problem, wenn jetzt alles Chianti Classico war, wie sollte man dann die Spitzenweine herausheben? Die Bezeichnung Riserva war verpönt, man möchte sagen durch den ungehemmten Gebrauch war sie geradezu verbrannt.

Auf Fonterutoli, Brolio und bei einigen anderen wählte man irgendwie das Bordeaux als Beispiel, aber mit einem kleinen anarchischem Touch, was die Sache für den Konsumenten nicht wirklich durchsichtig machte. So gab es auf Castello di Brolio einen Chianti Classico, der sozusagen der Einstiegswein in die Welt der Top-Chiantis war. In den meisten Preislisten oder den Internet-Shops war der als „Chianti Classico, Castello di Brolio“ zu finden. Mit dem Spitzenwein wollte man dann den Weg des Bordeaux einschlagen. „Bei einem Latour oder Lafite steht ja auch der Name des Châteaus im Vordergrund und nicht Bordeaux oder Pauillac“, sagte mir einmal ein Chianti-Winzer dazu. Also hieß der Spitzenwein einfach „Castello di Brolio“, und da es trotzdem ein Chianti Classico war, stand auf den meisten Preislisten jetzt: „Castello di Brolio, Chianti Classico“. Es war nicht jedem Weinfreund sofort ersichtlich, worin der Unterschied zwischen „Chianti Classico, Castello di Brolio“ und „Castello di Brolio, Chianti Classico“ lag und wie die fast 20 € Preisunterschied zustande kamen, aber die Eingeweihten nannten Letzteren ohnehin nur noch „den Castello“, was wohl auch dazu angetan war, den einfachen Weinfreund etwas ratlos dastehen zu lassen.

Aber zum Glück ist der Italiener ja flexibel und so hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Erst einmal kam die Riserva zurück. Sowohl Fonterutoli als auch Brolio haben sie wieder eingeführt und wenn man die Weine verkostet, ist das auch gut so. Weine, die Top-Chiantis sind aber schon mit einer gewissen Reife auf den Markt kommen, man könnte sie die Genuss-Aushängeschilder der Weingüter nennen. Mit dem Jahrgang 2010 hat dann das Consorzio Gallo Nero beschlossen, dass es zukünftig noch eine Gran Selezione geben wird. Die Weine sollen die Spitze der Chianti-Produktion darstellen und nur für die Top-Weine jedes Weinguts benutzt werden. Da die Voraussetzungen für den Gran Selezione recht weit gefasst worden sind, kann man davon ausgehen, dass nicht jede Flasche, auf der der Namenszug bald prangt, eine wirkliche große Selektion sein wird, aber so war das ja schon immer in der Region. Daher glauben wir in der breiten Masse auch nicht unbedingt an einen enormen Qualitätssprung, sondern sehen das eher als eine etwas transparentere Qualitätspyramide an.

Von nun an gibt es den „normalen“ Annata Chianti Classico, so etwas wie den Basiswein, die Visitenkarte der Region. Dann kommt die Riserva, der Sonntagswein, und schließlich die Gran Selezione, die bei den Top-Weingütern dann eben auch das große Renommee begründen soll. Bei Brolio zum Beispiel geht man sogar noch einen Schritt weiter. Hier hat man mit dem Colledila noch einen Einzellagen-Chianti geschaffen. Einen großartigen Wein, ob hier die Klassifikation aber irgendwann einmal noch nach oben erweitert wird, ist unsicher. Schließlich ist das Chianti auch nicht so sehr für einzelne große Lagen bekannt, als vielmehr für einen möglichst perfekten Mix, den ein Weingut aus den verschiedenen Lagen bereitet. Da wo es einzelne herausragende Lagen gibt, nutzt man sie ja schon jetzt, aber sicher muss man das burgundische Lagenmodell nicht zwangsweise allen Anbaugebieten überstülpen.

 

2010 Chianti Classico "Castello di Fonterutoli" 0,75l für 34,50 €

2010 Chianti Classico "Castello di Fonterutoli" 1,5l für 69,90 €

2010 Chianti Classico "Castello di Brolio" 0,75l für 34,90 €

2010 Chianti Classico "Castello di Brolio" 1,5l für 80,- €