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H&Q stellt Bordeaux-Handel ein

Ein Paukenschlag zum Auftakt der Bordeaux Kampagne mit dem großen Jahrgang 2015! Freilich einer, den nur absolute Insider hören können, denn die Firma Hulesch & Quenzel Ltd. London pflegt für gewöhnlich im Verborgenen zu arbeiten. Während gebildeten Menschen die ersten drei Hauptabteilungen von H&Q aus Heimito von Doderers epochalem Enthüllungsroman "Die Merowinger oder die totale Familie" wohlbekannt sind, war über die beiden Hauptabteilungen IV und V bisher wenig zu vernehmen. Kein Wunder, sind sie doch relative Neugründungen. Abteilung I beschäftigt sich bekanntlich mit der "Störung des öffentlichen Lebens", z.B. durch Bahnfahrpläne, die automatisch zum Verpassen des Anschlusszuges führen. II trägt die Verantwortung für die "Störung ernster Männer bei der Erfüllung schwerer Berufspflicht", wobei hier auch schon einmal besonders laute Scheinbaustellen nahe der Wohnungen angehender Literaturnobelpreisträger errichtet wurden. Abteilung III wirkt an der "Tücke des Objekts", z.B. mit arbiträren Durchlauferhitzern, die plötzlich und ohne Vorwarnung beim Duschen von heiß auf kalt umstellen und umgekehrt. Die neueste Abteilung V ist der IT gewidmet; hier soll man den berühmten Windows-Kurzbefehl Strg+Alt+Entf erfunden haben, der in 71 % aller Anwendungen zum Umstoßen der neben der Tastatur befindlichen Kaffeetasse führt und in 53 % der Fälle zu schweren Nackenverspannungen, hervorgerufen durch das Einklemmen des Telefons zwischen Schulter und Kopf. Sicherlich einer der größten Erfolge dieses Unternehmens, das sich die "Detailpeinigung einzelner Menschen" und daraus resultierende "regulative Wutausbrüche" zum Ziel gemacht hat.

Bisher wenig bekannt war allerdings die Hauptabteilung IV. Zwar stand uns der Groß-Quenzel, Unternehmenschef der H&Q, nicht zur Verfügung, doch konnten wir mit seinem Stellvertreter in einem exklusiven Gespräch die Hintergründe des spektakulären Austritts aus dem Bordeaux-Geschäfts eruieren. Aus Vertraulichkeitsgründen können wir nur Auszüge aus dem Gespräch wiedergeben.  

 

Herr Q2 (in ihrer Funktion tragen alle Mitarbeiter der Firma nur einen Code als Namen, doch wie wir in Erfahrung bringen konnten, hat Q2 im außerquenzelschen Leben den Namen A. Smith), Sie stehen der Hauptabteilung IV von H&Q vor. Wie groß war bisher Ihr Engagement im Bordeaux?

A. Smith: Nun ja, in dem Konglomerat von Schwester-, Tochter-, Mutter- und sonstigen Firmen, Holdings und Ltd´s ist das in den letzten Jahren etwas unübersichtlich geworden. Aber unsere Revisionsabteilung hat 2010 die Schätzung abgegeben, dass wir ca. 85 % der Cru Châteaus entweder ganz oder zumindest mehrheitlich besitzen, außerdem fast 2/3 aller Negocian. Aus dem weiteren Handel haben wir uns größtenteils rausgehalten, sind aber natürlich unter Weinjournalisten, Sommeliers und Verkäufern mit reichlich Agenten vertreten, die unsere Interessen wahren.

Wie kommt es zu diesem plötzlichen und doch sehr massiv durchgeführten Kurswechsel?

A. Smith: Wir haben schon mit dem Jahrgang 2005 angefangen unser Engagement zu überdenken. Die Jahrgänge 2009 und 2010 haben uns schließlich davon überzeugt, dass das Bordeaux-Geschäft nicht mehr zu unserer Unternehmensphilosophie passt. Wir konnten dann im Februar dieses Jahres unsere letzten Beteiligungen abstoßen. Gerade noch rechtzeitig bevor der, für uns äußerst unangenehme, Jahrgang 2015 en primeur erscheint.

Wie hat das Bordeaux-Geschäft bisher überhaupt zu Ihrer Unternehmensphilosophie gepasst?

A. Smith: Wir sind Ende der 70er Jahre in großem Stil in das Bordeaux Geschäft eingestiegen. Das große Potential, das hier schlummerte, haben wir schon recht früh erkannt, den Weintrinker dann aber doch etwas unterschätzt.

Können Sie uns das bitte etwas genauer erklären?

A. Smith: Es ist ja unstrittig, dass das Produkt an sich im Rahmen unserer Unternehmensziele ein großer Erfolg war. Wir haben es mit Hilfe unserer Agenten geschafft, den Kunden unreife Weine als klassische Jahrgänge zu verkaufen, wir haben mangelnde Harmonie und Finesse als Bordeaux-Style interpretiert, aus dem Einsatz von großen Mengen vanillelastigem Neuholz wurde erfolgreich Frucht und Schmelz. Selbst als wir mit technischen Methoden, wie dem Concentrateur, dem ganzen noch einen herrlich marmeladigen Anstrich verpassten, wurde das vom Kunden positiv gewürdigt. Wir haben Bordeaux-Weine als extrem langlebiges Produkt propagiert und wenn der Kunde sich erlaubte tatsächlich mal eine Flasche zu öffnen und auch noch kritisch zu sein, was zum Glück nicht so häufig vorkam, konnten wir mit Recht darauf verweisen, dass der Wein a) zu früh getrunken, b) zu spät getrunken oder c) falsch gelagert wurde. Von kleinen Randpeinigungen unserer Unterabteilung IV.K.TCA, die sich um Korkschmecker bemüht, einmal abgesehen.

Und dann?

A. Smith: Mit dem Jahrgang 82 haben wir dann eine neue, interne Jahrgangsklassifizierung eingeführt. So ist es uns gelungen innerhalb von nicht einmal drei Jahrzehnten ca. 10-mal einen Jahrhundertjahrgang zu propagieren und eine Unzahl von "klassischen Jahrgängen". Das hat es uns ermöglicht äußerst schmerzhafte und geldbeutelpeinigende Preiserhöhungen durchzusetzen. Völlig willkürlich und ohne jeden realen Bezug zu Weinqualität, Verfügbarkeit oder so etwas altmodischem wie Trinkgenuss.

Aber da waren Sie doch sehr erfolgreich, warum dann der Ausstieg?

A. Smith: Es ist nicht leicht für unser Institut eine solch grobe Fehleinschätzung und nachhaltiges Versagen einzugestehen, aber man sollte ja aus seinen Fehlern lernen. Es lag am Trinker oder besser am Weinfreund. Wie sie wissen ist das Ziel unserer Einrichtung die Detailpeinigung einzelner Subjekte, hierzu ist neben einem empfänglichen Subjekt, natürlich auch ein entsprechender Ausbruch desselben, also ein Wutanfall oder ähnliches, vonnöten. So bemisst sich unser Erfolg. Mit dem Jahrgang 2005 hatten wir die pekuniären Daumenschrauben bewusst stark angezogen und eine entsprechende Reaktion des Trinkers erwartet. Aber außer einem rudimentären Grollen passierte nichts, ja eher genau das Gegenteil des erwarteten. Die Leute kauften und wirkten auch noch glücklich dabei. Mit den Jahrgängen `09 und `10 haben wir dann noch einmal zu einem, so glaubten wir, finalen Doppelschlag ausgeholt, aber auch hier war die Enttäuschung groß. Zwei Jahrhundertjahrgänge direkt hintereinander und der Zweite so platziert, dass die meisten Weinfreunde zu Lebzeiten nicht einmal mehr eine Flasche eines Grand Cru in einem Stadium, das so etwas wie Reife darstellt, werden verkosten können, und was geschah? Die Leute kauften und waren glücklich. Von nennenswerten Wutausbrüchen konnte keiner unserer Agenten berichten. Ein absolutes Desaster.

Aber finanziell sehr erfolgreich.

A. Smith: Junger Mann, das Ziel der Hulesch & Quenzel Ltd ist nicht die schnöde Gewinnmaximierung, das erwarten unsere Anteilseigner auch gar nicht von uns. Wir widmen uns ausschließlich dem Wohle der Menschheit, indem wir für die gezielte Ableitung der Wut sorgen. POST RABIEM RISUS (Nach Grimm grinsen) ist schließlich über den Toren unseres Hauptsitzes in London in Stein gemeißelt.

Wie haben Sie auf den Kunden eingewirkt? Ist es richtig, dass Robert Parker ein Agent von Hulesch & Quenzel ist und sein Rückzug aus Bordeaux schon ein Vorbote des Ausstieges von H&Q war?

A. Smith: Sie werden verstehen, dass ich mich zur Identität unserer Agenten und auch der freien Mitarbeiter nicht äußern darf. Ich möchte das daher weder bestätigen noch dementieren. Und das Agent Smith, äh, Robert Parker die Leitung des Wine Advocate abgegeben hat, steht selbstverständlich in keinem Zusammenhang mit unserer Unternehmensstrategie.

Wird Ihr Unternehmen sich jetzt komplett aus dem Weingeschäft zurückziehen?

A. Smith: Unser Credo ist es, kein Feld der Minimal- und Detailpeinigung auszulassen und da unser CEO, der Groß-Quenzel, ein versierter Weinfreund und Kenner ist, werden wir in diesem Segment neuen Geschäftsfelder entwickeln. Die Hauptabteilung IV wird nicht aufgelöst werden, entsprechenden Gerüchten möchte ich in aller Form entgegentreten.

Gibt es schon konkretere Pläne?

A. Smith: Wir haben z.B. das Feld der sogenannten Naturweine für uns entdeckt. Eine großartige Chance. Flüchtige Säuren als Frucht zu verkaufen ist eine Herausforderung, die unsere Agenten anspornt. Oxidierte Weine, trübe Brühen, Mufftöne die man früher auf schlecht gereinigte Fässer zurückgeführt hätte, all das bis zum Ausbruch entsprechender Wut dem Kunden schmackhaft zu machen, ein großartiges Betätigungsfeld! Wir haben es auch schon geschafft Weinflaschen durch den totalen Verzicht von Schwefel bei normaler Raumtemperatur zur Explosion zu bringen. Ganz ohne Zusätze, 100 % Natur, so gehen wir mit der Zeit und setzen Trends. Stellen Sie sich vor, das passiert über ihrem neuen weißen Teppich – was für ein Ausbruch ist da zu erwarten?!

Mr. Q2, welche Weine trinken Sie selbst am liebsten?

A. Smith: Die 2013 1er Grand Cru aus dem Bordeaux, vor allem Pauillac favorisiere ich im Moment. Hochpreisig, ohne jede Aussicht auf Reife und Harmonie, aber im Verhältnis 2:3 mit Coca Cola Zero gemischt, was den Batteriesäurecharakter der Weine deutlich unterstreicht, müssen sie bei jedem, nicht ganz verrohten Menschen, unweigerlich zu einem veritablen Ausbruch führen.  

Mr. Q2, wir danken für dieses Gespräch.