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Gut Bürgerlich

Der Untertan war einer, dem man angesichts einiger KuK-Batterien im Rücken zurufen konnte: ?Ihr verfluchten Racker, wollt ihr denn ewig leben!? Ungeachtet eines solchen, politisch nicht ganz korrekten Satzes, wurde einem Friedrich doch das Epipheton der Große verliehen. Ansonsten durfte der Untertan ja nach seiner Facon glücklich werden. Vielleicht noch mit der Einschränkung, dass sie dabei Kartoffeln zu essen hatten. Bei der Durchsetzung dieses Wunsches ging der König allerdings durchaus listiger und sprachlich gewandter vor als bei der Schlacht von Kolin. Sonst blieb er eher mürrisch, denn bei dem einfachen Untertanen kam´s ja auch nicht so drauf an.

Was hätte der preußische Fritz als intellektueller Absolutist wohl gesagt, als man seinen Kollegen Ludwig in Frankreich guillotinierte?

Der Untertan jedenfalls wurde nun, da der Herrscher keinen Kopf mehr hatte zum Citoyen und emanzipierte sich natürlich auch kulinarisch. Während das, was man gemeinhin als Herberge zu bezeichnen pflegte, bisher eine regelrechte Gemeinheit gewesen war und es kunstvolles Essen nur in den Palästen der Adeligen gab, kochten nun die aus den Schlössern vertriebenen und noch bekopften Köche auch für ?einfache Bürger? ? sofern die es sich leisten konnten und das Restaurant entstand. In Deutschland umging man diese Entwicklung weitestgehend, aber auch hier bemerkte manch ein Untertan, dass er ja auch ein Bürger sei und forderte Zuckererbsen und Freiheit nicht nur für die Paläste. Mit mäßigem Erfolg.

Die nächste Revolution folgte auf dem Fuß und während man nach 1789 immerhin ein Comte oder Duc gewesen sein musste um das ewig leben mit dem ewigen Leben oder was auch sonst, zu vertauschen, reichte nach 1917 in manchen Teilen Europas schon der Verdacht ein Bürger zu sein. So wurde der Citoyen zum Bourgeois und der Bürger zum Arbeiter. Auch kulinarisch ging es bergab, als sei der Arbeiter nicht einmal mehr die Kartoffel wert, die Friedrich seinen Untertanen immerhin noch gegönnt hatte. Aus dem Restaurant wurde die Volksküche in der es oft genug nichts gab oder die Gulaschkanone, auf das man wenigstens gesättigt vor die richtigen Kanonen treten konnte. Es blieb dabei, das ewige Leben kam schneller als gewünscht und irgend jemand auf dem hohen Ross schnauzte einen auch noch an.

Kein Wunder, dass man es danach als einen kulinarischen Höhepunkt verstand, wenn ein Restaurant auf seine Karte, das Prädikat ?bürgerlich? setzte. Man hatte gelinde gesagt von Volksgenossen-, Arbeiter- und sonstigen Küchen mit kalten Wassersuppen und heißen revolutionären Sprüchen die Schnauze voll und das Wort ?Deutsch? wollte man jetzt dem Speisenprogramm auch nicht mehr anhängen.

Aber es wohnt natürlich allen Sprachen, vor allem wenn mit ihnen Werbung gemacht wird, der Hang zum Superlativ inne. Also wurde aus dem biederen ?bürgerlich? ein geradezu reißerisches ?Gut Bürgerlich?. Mit dem ?Gut? war wohl vor allem die quantitative Komponente gemeint, denn der neu erworbene Wohlstandsbauch musste ja irgendwie gefüllt werden.

Es muss dann wohl so zu der Zeit gewesen sein, da man unter den Talaren den Muff entdeckte, als der gut bürgerlichen Küche, die schon längst in brauner Soße ertrunken war, von der italienischen Imigrantenküche der kulinarische Kulturkampf erklärt wurde. Man könnte sagen Pasta & Pesto sind siegreich daraus hervorgegangen.

Und so dachte auch ich, sie würde allenfalls noch ein bedrohtes Schattendasein führen, ähnlich wie der Käseigel oder die Steinlaus, aber dann gelangte ich zur Loreley. Ja, ich weiß nun wirklich nicht was es bedeuten soll, aber im Epizentrum des Gut Bürgerlichen, in St. Goarshausen, am Fuße des deutschesten aller Felsen, treibt sie es weiter fröhlich umher. Spukt mit Jäger- und Wiener Schnitzeln aller Art. Die Tomatensuppen werden wahlweise, ob der Koch eher englisch oder russisch denkt mit Gin oder Vodka abgeschmeckt und ?unter dem Sahnehäubchen? serviert, die Beilage besteht gerne aus Kroketten und am Rande des Sauerbratens (rheinisch !) liegt eine Erdbeere oder ein Ananasstück in brauner Soße - zur Zier. Es werden immer noch hunderte armer Jäger oder Zigeuner zu Sauce verarbeitet, der Reisrand windet sich fröhlich um den Teller, die Belegkirsche ward auch hier und dort gesehen und wenn sich eines geändert hat, dann sind es die endlosen Fußnoten in denen jetzt die Zusatzstoffe des bürgerlichen Speisens deklariert werden müssen.

Man würde der schönen Frau dort droben sicherlich Unrecht tun zu sagen: ?Das hat mit ihrem singen die Loreley getan?? An den Klippen der Kochkunst zerbirst die Lieblosigkeit der Köche von ganz alleine.

Aber wenn man bedenkt, dass hier alljährlich hunderttausende von ausländischen Touristen vorbeipilgern, so erfasst es einem doch mit wildem Weh. Was werden sie wohl denken, die Engländer, Niederländer, Japaner, Chinesen, Amerikaner und Sonstige. Ein Volk, das solche Gerichte als den Inbegriff des guten Bürgertums ansieht ist wohl eher ein Untertan seiner despotischen Köche als kulinarisch frei. Dichter & Denker, ja. Aber Köche und Feinschmecker?

?Ihr verfluchten Racker, wollt ihr nicht was andres essen?, hätte der alte Fritz wohl gezetert, wenn ihm sein Volk nicht eigentlich recht gleichgültig gewesen wäre und an den Unmassen in Fett gesottener Kartoffeln hätte er wohl still und heimlich seine Freude gehabt.

 

PS. Und es gibt natürlich noch die gut bürgerlich Kreativen, die alles, was ungewöhnlich ist auch für gut halten. ?Musik nur her und sei´s ein Dudelsack, / Wir haben wie manch edle Gesellen viel Appetit, doch kein Geschmack, ? meinte der Geheime Rat von Goethe dazu. Aber die letzte Speisekarte spricht ja wohl für sich.