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Große Gewächse

Jeder Weinfreund kennt die großen Lagennamen der Burgunderweine: Clos de Vougeot, Le Montrachet, Corton etc. Sie werden hoch verehrt und teuer bezahlt. Lange Jahre wurde vergessen, dass auch Deutschland viele große Weinlagen hat, die den Vergleich mit dem Burgund nicht zu scheuen brauchen. Mehr noch; in den deutschen Anbaugebieten mit seinen nördlicheren Lagen und sehr unterschiedlichen Bodenformationen tritt die Charakteristik des einzelnen Weinbergs oft noch prägnanter hervor. Daher gibt es eine Vielzahl an historischen Weinlagen, die schon seit dem Mittelalter, ja manchmal seit römischer Zeit bekannt und berühmt sind. Seit vorigem Jahr stellen wir Ihnen eine große Auswahl dieser Weine in einem speziellen Weinbrevier vor. Ausdruck großer Weinkunst, des Zusammenspiels von Boden, Mikroklima, Rebsorte und Jahrgangstypizität, die einen besonderen Auftritt verdient haben.

Zur Lage?

Dass die Weine aus den großen Lagen Deutschlands an den Tafeln der Kaiser und Könige, der Reichen und Mächtigen einträchtig neben den teuersten Burgundern, den 1er Cru aus dem Bordeaux und den Prestige-Champagnern serviert wurden, ist gerade einmal einhundert Jahre her. Doch haben zwei Weltkriege und eine nivellierende Weingesetzgebung der weltweiten Reputation sehr geschadet. In den siebziger und achtziger Jahren wussten nur noch ausgemachte Kenner der Szene, wo es in Deutschland große, typische Weine aus Einzellagen zu kaufen gab.

Wie kam es dazu?

In den fünfziger und sechziger Jahren war die Nachfrage nach besonderen Qualitätsweinen gering. Alles hatte süß zu sein und möglichst günstig. Kaum einer interessierte sich für die wirklich großen Weine und brachte auch die Zeit auf, die sie zur Reife benötigen. Mit steigendem Wohlstand und den ersten zaghaften Versuchen, auch in Deutschland wieder so etwas wie ein kulinarisches Qualitätsdenken einzuführen, hätte es eigentlich zu einer Renaissance des deutschen Weines kommen können, stattdessen kam es zum Weingesetz von 1971. Der erste Fehler war der Öchsle-Fetischismus. Da Deutschland ja viel für seine edelsüßen Weine gelobt worden war, schrieb man die Qualität der Weine anhand des Zuckergehalts der Trauben bei der Ernte fest. Je mehr Zucker, desto besser der Wein, war das Credo. Da (Trauben)-Zucker aber nur einer von vielen tausend Inhaltsstoffen ist, waren die gesetzlich besseren Weine oftmals nur noch eine Karikatur großer Weine. Außerdem hatten die Erzeuger und Lehranstalten bald neue Rebsorten parat, die noch schneller noch mehr Zucker anreicherten, und so lagen in Kellern, in denen es früher vielleicht einmal wenige Liter hochfeiner Riesling-Beerenauslesen gegeben hatte, plötzlich fuderweise dumpf und pappig süß schmeckende Ortega-Trockenbeerenauslesen. Und damit nicht genug; da man ja auch dem Verbraucher suggeriert hatte, der süßeste Wein sei der beste, griff man noch zum Hilfsmittel der sogenannten Süßreserve. Mit der Hilfe von unvergorenem Traubenmost wurden so nichtssagende, unharmonische Tropfen wenigsten schön süß.

Damit sich das Ganze auch ansprechend verkaufen ließ, hatte der Gesetzgeber direkt für ein gutes Marketing gesorgt: Die Großlage und Gebietsbezeichnung wurde eingeführt. Konnte der Weintrinker vor 71 recht sicher sein, dass auf einem Wein mit der Aufschrift ?Johannisberger? auch Trauben aus der berühmten Lage enthalten waren, so waren sie vielleicht jetzt auf einem ehemaligen Rheingauer Rübenacker gewachsen. War das Wormser Liebfrauenstück über Jahrhunderte einer der besten Weinberge der Welt gewesen, so nannte man jetzt alles, was eine Autostunde im Umkreis wuchs, in Anlehnung an die berühmte Lage Liebfrauenmorgen, woraus dann ganz am Ende und ganz unten die Liebfrauenmilch geworden ist. Am Planungstisch wurde das individuelle Produkt Wein egalitär gemacht und auf den kleinsten und damit schlechtesten gemeinsamen Nenner gebracht. Es war geradezu verpönt, besonders guten Wein machen zu wollen und manch klangvoller Lagenname fiel der Flurbereinigung zum Opfer oder wurde auf ein so großes Gebiet ausgedehnt, dass man ihn auch gleich hätte streichen können.

Das erste Umdenken setzte schon bald ein. Weinkenner (oder die sich dafür hielten) fingen an, auch in Deutschland nach trockenem Wein zu fragen. Es hatte ihn immer noch, auch in guter Qualität, gegeben, doch jetzt wollte man immer mehr davon, egal woher. Und so wurde in den Achtzigern manches Fuder an der Saar auf Säure kaum raus durchgegoren. Bei 9 Gramm Säure und einem Restzucker gen Null war der Wein zwar schön trocken und der Genießer verzog erfrischt das Gesicht als hätte er Zahnschmerzen, aber harmonisch war das eben auch nicht.

Es hat lange gedauert und der Gesetzgeber wehrt sich bis heute dagegen, bis aus dem Oppenheimer Krötenbrunn wieder ein Kreuz, Sackträger oder Herrenberg und aus dem Forster Marinegarten ein Kirchenstück, Ungeheuer oder Pechstein geworden ist. Weine, die ihre Namen auch zu Recht tragen und in denen Harmonie und Finesse vorherrschen. Allen voran ist dies der Verdienst der Winzer im Verein deutscher Prädikatsweingüter (VDP). Qualitätsbewusste Erzeuger, die ihre Chance nicht im Massenmarkt, sondern in hochwertigen und individuellen Weinen sehen, haben sich hier zusammengeschlossen und dem deutschen Wein in den letzten Jahren wieder zu einem einmaligen Ruf verholfen. So hat es auch der VDP in die Hand genommen, die besten Lagen wieder zu klassifizieren, wie es schon in früheren Zeiten üblich war. Damals ging es freilich weniger um die Qualität, als um fiskalische Einnahmen. Berühmt geworden sind z.B. die Steuerkarten aus Napoleonischer Zeit. Für Weine aus einer Top Lage werden höhere Preise erzielt, also sind auch die Steuern auf diese Lagen höher. Wenn man diese Karten heute sieht, kann man vor der Treffsicherheit der damaligen Fiskalbeamten nur den Hut ziehen.

Da die Regelungen, die die Winzer im VDP anstreben nicht gesetzlich festgelegt und auch noch im Wandel sind, hier kurz die Grundzüge der Klassifikation, der auch immer mehr qualitätsorientierte Winzer, die nicht im VDP organisiert sind, folgen. Die Gutsweine stellen die Basis der Produktion dar. Sie werden meist nur durch eine Rebsorte gekennzeichnet (z.B. Riesling trocken). Sie sind sozusagen die Alltags- und Schoppenweine, die Visitenkarte von Winzer und Region, und bieten preisgünstigen Weingenuss auf hohem Niveau. Schon hier sind Ertragsreduzierung und schonender Ausbau Pflicht.

Die zweite Stufe sind die Basis-Weine mit besonderer Bodentypizität, die entweder durch den Ortsnamen (z.B. Wachenheimer Riesling) oder die Bodenart (z.B. vom Vulkangestein) gekennzeichnet wird. Hier findet insgesamt schon eine strengere Selektion statt, die Mostgewichte sind höher und die Weine entwickeln ein für den Ort bzw. den Boden typisches Geschmacksprofil. Oft stammen auch sie aus namhaften Lagen.

Dann folgen die klassifizierten Lagen. Man könnte in Anlehnung an das Burgund sagen: die 1er Cru Weine. Hierfür werden aus der Vielzahl der gesetzlich möglichen Lagen hervorragende Weinberge ausgesucht, die ein hohes Maß an Typizität aufweisen. Verwendet werden dürfen nur die regional typischen Rebsorten. Der Ertrag beträgt maximal 65 hl / ha, ein Wert, der aber von den meisten Erzeugern deutlich unterschritten wird.

Die Spitze der Pyramide ist die 1. Lage, die Grand Cru Weine Deutschlands. Hier werden an das Terroir ganz besondere Anforderungen gestellt. Nur die Kernstücke der historischen Spitzenlagen Deutschlands dürfen diese Bezeichnung tragen. Handlese und starke Ertragsreduzierung sind vorgeschrieben und jeder Wein muss sich einer zweifachen sensorischen Prüfung unterziehen. Aus jeder dieser Lagen darf pro Betrieb jeweils nur ein trockener Wein den Lagennamen tragen. In der Regel ist es natürlich der beste trockene Wein des Weinbergs, der die Auszeichnung Großes Gewächs erhält. Die edelsüßen Weine Spätlese bis Trockenbeerenauslese tragen die Bezeichnung 1. Lage zusätzlich zu ihrem Prädikat. Die weißen Großen Gewächse dürfen erst im September des Folgejahres, die roten sogar erst nach zwei Jahren vermarktet werden.

Die Regularien sind sicherlich die strengsten in der ganzen Weinwelt, doch ruht sich der VDP keineswegs auf dem Erreichten aus, sondern verschärft die Bestimmungen langsam zugunsten von Verständlichkeit und Qualität. Einige der Ideen werden noch heiß diskutiert, andere werden wohl bald umgesetzt. So sollen auch alle edelsüßen Weine aus den 1. Lagen in Zukunft erst im September des folgenden Jahres vermarktet werden, zusammen mit den Großen Gewächsen. Außerdem wird daran gedacht, bei allen trockenen Lagenweinen in Zukunft auf das Prädikat (Kabinett, Spätlese etc.) zu verzichten. Dies ist ja eigentlich auch nur noch bei den fruchtigen und edelsüßen sinnvoll, bei den trockenen soll die Lage eindeutig im Vordergrund stehen. Durch die Flurbereinigungen in den siebziger Jahren sind viele historische Weinlagen weggefallen oder unmäßig vergrößert worden. Jetzt schon sind bei einigen Lagen nur die historischen Kernstücke für die 1. Lage zulässig. Hier gibt es sicherlich noch einiges zu tun. Es wäre gut, die alten Bezeichnungen wieder einzuführen oder die bestehenden wieder auf die besten Parzellen zu beschränken. Langfristig wären hier auch Lagen zu berücksichtigen, an denen VDP Winzer keinen Anteil haben. Denn die guten Erzeuger, die nicht im VDP sind, sollten auch für die Idee gewonnen und in die leicht verständliche Qualitätshierarchie eingebunden werden, wie es z.B. im Rheingau mit dem Ersten Gewächs angedacht war.

Langfristig ist das wohl nicht ohne Unterstützung durch das Weingesetz möglich. Es ist schwierig, ein so individuelles und heterogenes Produkt wie den Wein in ein festes Korsett zu zwingen. Wie bei allen Bestimmungen wird man nicht jedem Wein oder Winzer 100 % gerecht werden, aber die Transparenz und Verständlichkeit, die dieses Modell bietet, hat den Erfolg der großen Lagenweine sehr beflügelt. Und nur wer Erfolg hat, wird langfristig auf Qualität setzten. In dieser Hinsicht ist mir um den Standort Deutschland zurzeit nicht Bange.