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Eine ganz normale Geschichte

Die Berge oberhalb von Gaiole in Chianti sind dicht bewaldet, eine Art Urwald aus Stein-Eichen. Angeblich soll es sogar Wölfe geben. Aber vielleicht erzählt man das auch nur, damit die paar Wandertouristen, die sich her verirren, sich als Abenteurer fühlen können. Denn die Berge sind zwar steil, aber nicht schroff oder abweisend. Irgendwo, nach unzähligen Kurven auf einer engen Landstraße, liegt auf einer Lichtung die Badia a Coltibuono, die Abtei der guten Ernte. Hier sind wir mit Emanuela Stucchi verabredet, die zusammen mit ihrem Bruder Roberto das gleichnamige Weingut leitet und deren Familie die alte Abtei gehört.

1051 waren es Vallombrosa-Mönche des Benediktiner Ordens, die weitab von den Dörfern und Städten im Tal, eine Dependance ihrer Hauptabtei nahe Florenz gründeten. Coltibuono wuchs über die Jahrhunderte und neben der kleinen Kapelle entstand ein Wehrturm, die Kapelle wurde zu einer trutzigen gedrungenen Kirche, die von innen erstaunlich groß wirkt, die Front des Klosters hatte irgendwann die eindrucksvolle Länge von 80 Metern und natürlich kam ein ansehnlicher Klostergarten hinzu. Hier pflegten die Mönche bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, abgeschieden von der Welt die benediktinische Regel “Ora et labora” – Bete und Arbeite. “Aaach, so abgeschieden waren die gar nicht damals,” meint Emanuela, “über die Hügel gingen wichtige Verkehrswege von Florenz nach Rom. Unten in den Tälern war ja alles versumpft. Und ora et labora… Na ja.” Bauen konnten sie jedenfalls und wenn ich die alten Balken, schiefen Mauern, hohen Decken und den riesigen Park sehe, denke ich an die Nebenkostenabrechnung meiner Wohnung in Köln und weiß, dass ich mit Emanuela nicht tauschen möchte. “Als Kinder haben wir hier immer den Sommer verbracht, bei der Oma”, erzählt Emanuela,“die hat 30 Jahre lang alleine den ganzen Laden geschmissen, eine ziemlich starke Frau.” 1810 war nämlich Schluss mit den Mönchen. Napoleon hob die Mönchsorden auf und vertrieb die Mönche aus dem Kloster. “Montags kam der französische Verwalter”, meint Emanuela und sagte,“am Samstag seid ihr hier raus. Und die dachten sie seien eigentlich bis zum jüngsten Gericht eingebucht.” Der Staat,dem die Abtei jetzt gehörte, verkaufte sie, aber die ersten Besitzer hatten wenig Glück, so kam sie, samt der dazugehörigen landwirtschaftlichen Fläche, in die Familie Giuntini. Maria Luisa, die nach dem Tod ihres Mannes 1930 Coltibuono leitete, formte aus dem Landsitz mit allerlei landwirtschaftlicher Produktion einen modernen Landwirtschaftsbetrieb mit einem Schwerpunkt im Weinbau. “Damals war aber auch noch alles nach dem Mezzadria-System organisiert. Die Bauern pachteten das Land vom Eigentümer und als Pachtzins gaben sie ihm die Hälfte vom Ertrag. Das war bis lange nach dem Krieg noch üblich, sogar bis in die 70er Jahre, wenn auch da die Krise schon gewaltig war,”erzählt Emanuela. “Mein Vater Piero fing dann an, die Weine nicht nur Fassweise sondern auch unter dem Label Badia a Coltibuono auf Flaschen gefüllt zu verkaufen. Das machten damals in der Region nur eine handvolle Betriebe und ihm half natürlich auch der bekannte Name der Abtei.”

Badia a Coltibuono vom Garten

Wir gehen in die alte Kirche. Trutzige romanische Bögen,einige spätere Ergänzungen, ein schlichter Bau. Benediktiner.Emanuela öffnet eine Tür unter dem Altar. “Ich stelle euch mal Benedikt vor. Er war einer der ersten Bewohner der Abtei.” In einem gläsernen Sarg liegt eine Figur in ein schwarzes Gewand gehüllt und mit einer dunklen Gesichtsmaske. “Voilá, Benedikt Ricasoli.”“Ricasoli? Da sind wir doch morgen, bei Francesco auf Castello di Brolio…”Die Legende sagt, dass die Familie von Benedikt, die übrigens eng mit den Medici verwandt gewesen sein soll, das Kloster Badia a Colitibuono stiftete. Bendedikt habe sich dann den Ambrosianern angeschlossen und sei als Einsiedler auf einen nahen Berg gegangen, wo er seine Tage mit Fasten und Beten verbrachte. Am 20. Januar 1167 durfte Benedikt dann endlich zu seinem Schöpfer, und nur 263 Jahre später fand man zufällig in seiner Klause seinen völlig unverwesten Körper, aus dessen Mund ein Allium wuchs. Man brachte ihn in die nahe Kirche und unter der Protektion Lorenzo di Medici´s wurde Coltibuono nun ein beliebter Pilgerort. In der Renaissance hatte man ja auch viel Abbitte nötig. Bei Benedikt und der Ricasoli-Medici Familie schließt sich dann der Kreis zu heute, denn Emanuelas Mutter ist Lorenza di Medici. Und so sind aus den Gründern und Beschützern des Klosters selbst nach der Säkularisierung die Bewahrer geworden. Emanuela lacht,“na kann man so sehen…”

Fässer im Keller von ColtibuonoWeinraritäten im Keller von Coltibuono

Dabei hat ihre Mutter sich auf ganz andere Art und Weise um das kulturelle Erbe der Toskana verdient gemacht. “Sie hat als eine der ersten angefangen, die Rezepte der toskanischen Küche zu sammeln und aufzuschreiben. So ist ein gutes Dutzend Kochbücher entstanden und bei uns die Tradition, auch das kulinarische Wissen der Region weiterzugeben. In Italien gehören Küche und Wein untrennbar zusammen.” Daher gibt es in Coltibuono nicht nur ein Restaurant, sondern auch in der alten Schlossküche eine Kochschule, in der man lernen kann wie man Pasta, Ribollita und andere toskanische Gerichte zubereitet.“Bevor wir uns das Weingut ansehen zeige ich euch noch was.” Wir steigen in Emanuelas Fiat Panda, “ich lebe in Florenz, da ist das das praktischste Auto…”, wobei sie, als ich auf den elektrischen Fensterheber drücke, direkt lachend meint, “zugegeben, das ist nicht der wahre Panda, sondern die Luxusversion…” Wir fahren einige Kurven, stellen den Wagen am Straßenrand ab und laufen ein paar Minuten einen steilen Berg hoch. Auf einem bewaldeten Gipfel gibt es einige Mauerreste und Erdlöcher. “Hier haben wir einen Brunnen ausgegraben”, erzählt Emanuela und begrüßt den Archäologen, der gerade Mittag macht, “dreißig Meter tief.” “Das datiert auf 400 bis 800 vor Christi zurück”, ergänzt der Wissenschaftler,“eine etruskische Siedlung mit Wehranlage,strategisch sehr günstig gelegen an der höchsten Stelle der Region…” Der Hügel ist sehr lange bewohnt gewesen. Erst im Mittelalter scheint man ihn zugunsten des nahen Klosters aufgegeben zuhaben. “Im Brunnen haben wir ein große Menge Traubenkerne aus etruskischer Zeit gefunden”,erzählt Emanuela, “man hat damals wohl Trauben geopfert damit er nicht versiegt. Die Kerne sind jetzt zur Untersuchung im Labor, wir wollen wissen was für Reben das waren und ob sie mit heutigem Rebmaterial verwandt sind.” “Das war sozusagen der Ur-Chianti”, scherze ich. “Nicht so ganz falsch,denn in einer alten Urkunde die wir auf Coltibuono entdeckt haben wird der Masselone, der untendurch Gaiole fließt, mit einem Wort bezeichnet, das ähnlich klingt wie Chianti. Man vermutet, dass das auf etruskische Wurzeln zurückgeht und auch der Name für die Region um Gaiole war. Aber ich befürchte, die Etrusker haben hier weiße Trauben angebaut.” Sie lächelt, zuckt mitden Schultern und wir steigen den Berg wieder herunter.

Die Weinkellerei liegt weiter im Süden, hinter Monti,dem kleinen Ort der dieser Region des Chianti Classico den Namen gegeben hat. “Wir sind froh, dass wir hier vor 20 Jahren die Kellerei bauen und dem Wein so ein neues Zuhause geben konnten,” erzählt Emanuela. “Früher, zur Zeiten der Mezzadria wurden ja die Weine auf den verschiedenen Höfen bereitet und dann der Anteil für den Verpächter oben auf die Badia geschafft und da gelagert.” Der Bau erinnert ein wenig an eine mittelalterliche Trutzburg, aber ist natürlich eine moderne Kellerei.“Ja, da oben kommen die Trauben rein und da unten gehen die Flaschen raus”, sagt sie freundlich und zeigt unbestimmt mit den Händen auf die modernen, puristischen Anlagen, “und den Rest dazwischen kennt ihr ja…” Sehr gut, auf unseren Reisen hören wir manchmal zwanzig Mal pro Woche, wie der Weinbereitungsprozess funktioniert und irgendwie ist es immer wieder erstaunlich. So viele Unterschiede gibt es da gar nicht. Es scheint tatsächlich so zu sein,dass der Weinberg einen enormen Einfluss hat. Daher fahren wir auch direkt weiter in die Weinberge.Das Gelände südlich der Kellerei, wo die Weinreben stehen,ist sanft gewellt und der Boden besteht aus Tonlehm und Kalkstein.“Seit 1985 wurden hier keine Herbizide und Insektizide mehr verwendet, 1988 haben wir dann begonnen, fast alle Weinberge zu erneuern. Von Massenklonen auf Qualitätsträger. Abgeschlossen ist das immer noch nicht.”

Emanuela Stucchi vor Badia a ColtibuonoIn der Kirche von Badia

Wir gehen auf einen Weinberg zu, der gerade neu gepflanzt worden ist. Ein kleiner Hügel mit wunderbarer Sicht auf die Umgebung. “Ja”, sagte Emanuela, “Schlimm, die besten Weinberge haben auch immer die schönste Aussicht…” Seit 2000 sind alle Weinberge von Badia a Coltibuono auch biologisch zertifiziert. “Mein Bruder hat in Davis in Kalifornien studiert, das war die Wiege der Bio-Bewegung in den USA. Als er wieder zurückgekommen ist, war sofort klar, das machen wir auch. Es sind ja viele kleine Schritte, die unsere einmalige Natur erhalten.” Großes Aufhebens davon hat man eigentlich nie gemacht, irgendwann war einfach das Biosiegel auf der Flasche. Fertig.“Hier steht hauptsächliche Sangiovese, aber auch etwas Canaiolo, Colorino, Ciliegiolo, Mammolo, Fogliatonda, Pugnitello, Malvasia Nera, Sanforte. Alles alte toskanische Reben.” “Merlot, Cabernet, Syrah”, fragen wir. “Nooo”, ist die Antwort. Man hat sich auf die einheimischen Rebsorten spezialisiert und experimentiert da höchstens mit einigen älteren und in Vergessenheit geratenen Sorten. Vielleicht ist diese Authentizität auch das, was die Weine aus Coltibuono immer so ein wenig gewöhnungsbedürftig macht. “Alle Winzer sagen ihre Weine brauchen Zeit”, meint Emanuela Stucchi, “aber je mehr man auf die Sangiovese setzt desto eher stimmt das. Sie ist nun mal etwas spröde am Anfang, aber irgendwie dann doch unvergleichlich. Außerdem brauchen unsere Weine unbedingt was zu essen dazu.Pasta, Prosciutto, Formaggi…” und schon holt Emanuela einen Picknickkorb aus dem Panda. Wir setzen uns unter einen Baum an den Rand des Weinbergs und machen ein spätes Frühstück mit Salami, Lardo & Co. Natürlich von Schweinen, die oben im Wald in einem großen Freigehege nach Eicheln suchen dürfen. “Cinta Senese,eine alte Rasse die langsam wächst und die man nur im Freiland halten kann. Zum Glück gibt es immer mehr Leute, die sie wieder halten. War vom Aussterben bedroht.”Emanuela erzählt uns, dass sie schon für Robert Wilson auf der Opernbühne gestanden und für Fellini Theater gespielt hat: “Der hat mir eine blonde Perücke aufgesetzt. Eine seiner großartig schrägen Ideen.” Aber irgendwie geht es immer wieder zurück in die Toskana und zum Chianti. “Das ist unser Erbe”, sagt sie beiläufig und es ist schön zu wissen, dass etwas, das für uns das Besondere darstellt, etwas ganz Normales sein kann. Zum Picknick aber gibt es statt Sangiovese Wasser, da wir nachher noch einige Kilometer über die kurvigen Straßen des Chianti fahren müssen. Emanuela fragt nicht einmal nach, ob wir Wein wollen, “da habt ihr ja zu Hause genug von,” sagt sie fröhlich lächelnd. Irgendwie versteht sich hier alles von selbst. 

 Die Weinberge von Coltibuono

 

2015 Chianti Classico

“Mit Sangiovese gibt es keine einfachen Jahre”, sagt Emanuela Stucchi lachend, “die Rebsorte ist halt ein wenig wie wir…” Aber einfach kann ja auch jeder. 2015 war es die Kunst, eine gute Balance zwischen Frische und Konzentration herzustellen. Bei den immer etwas schlankeren und frischeren Weinen von Coltibuono hat das ziemlich perfekt geklappt. Feines Bouquet von Schwarzkirschen, Orangenschalen und süßen Gewürzen. Auch am Gaumen elegant und feingliedrig. Die dezent herbe Frucht ist klar und reif, wird von einer fantastischen Frische begleitet,die richtig Spaß macht und wundervoll animiert. Herrlich! Im langen Nachhall dann weich und mild. So geht authentischer Chianti Classico.

0,75l statt 13,90 € nur 11,90 € shopping_basket

 

2013 Chianti Classico Riserva 

“2013 war eines dieser Jahre wo man bis Anfang September gar nicht richtig wusste, was dabei rauskommt,” erzählt Emanuela, “aber dann kam nach der großen Hitze im Sommer ganz schnell ein eher kühler Herbst und wir konnten den Erntezeitpunkt noch etwas rauszögern. Das war gut für die Balance der Weine.” So ist ein echter Klassiker entstanden. Sangiovese und ein wenig der anderen drei lokalen Rebsorten Canaiolo, Ciliegiolo und Colorino ergeben einen absolut toskanischen Wein. Komplexes Bouquet mit eindringlicher Würze im Zusammenspiel von Sauerkirschen, getrockneten Feigen, Herbsttrompeten, schwarzem Tee und südlichen Kräutern. Im Geschmack dann überraschend frisch,gaumenfüllend saftig und ungemein lebendig. Die fein geschliffenen Tannine kehren als Bitterschokoladenaroma am Gaumen wieder. Bleibt lang und mit minziger Frische nach. Eine wirklich gelungene Riserva mit Charakter, Kraft und Finesse.

0,75l statt 23,50 € nur 21,90 € shopping_basket

 

 

Alle Weine der Badia a Coltibuono finden sie hier...

  

Die Cantina von Badia a Coltibuono

 

*Die Angebotspreise gelten bis 14.10.2018, bzw. so lange der Vorrat reicht.