Zurück

Hang von Weltrang

Ampuis. Die Rhône wechselt einige Kilometer flußaufwärts bei Vienne wieder einmal die Richtung und biegt nach Westen ab. Von einigen Seitentälern durchzogen schieben sich jetzt die Ausläufer des Massif Central bis ans Tal heran und fallen steil ab. Ein dünner Streifen Weinreben schaut hier auf fast senkrechten Terrassen zum Wasser hinunter. Oben auf den Hügeln des Piémont Rhodanien betreiben die Bauern Viehzucht und etwas Ackerbau. Nach Westen erstrecken sich hier endlose grüne Hügel, bis man auf den Atlantik stößt.

Vom Süden her, durch das mal breiter, mal enger werdende Flusstal, zieht ein ewiger Frühling vom Mittelmeer hinauf, nur ab und an durch den Mistral unterbrochen. Emporium, der römische Marktflecken wacht nun seit gut 2000 Jahren über eines der wichtigsten Güter, die dieses Aufeinandertreffen der Klimazonen hervorbringt, den Wein. Natürlich kann Emporium/Ampuis keine verträumte Stadt am Ende der Welt sein, denn hier verläuft seit der römischen Zeit eine der wichtigsten Handelsstraßen Frankreichs. Die Autobahn, die oben auf der anderen Rhône-Seite durch die Hochebene führt, ist fast leer, weil teuer. Die Nationalstraße 7 daneben chronisch überlastet und außerdem gibt es auch hier unten im Tal einige Industrie und so quälen sich reichlich Lastwagen und eine vielbefahrene Bahnstrecke durch den Ort. Trotzdem hat man vor der Kirche Bäume in einer Allee gepflanzt und versucht, mit Hubbeln und Engstellen den Verkehr etwas zu entschärfen. Das Café de la Poste ist Morgens um 8.30 Uhr jedenfalls erfreulich voll und der Espresso heiß und kräftig. Man bemerkt sofort, dass hier so etwas wie Dorfleben noch funktioniert.

Philippe GuigalWeinkeller E. Guigal

Die Weinkellerei der Familie Guigal liegt relativ unspektakulär zwischen Hauptstraße und Bahnlinie am Ortsausgang. Im Empfangsraum hängt ein römisch anmutendes Mosaik. “Das hat man hier im Boden gefunden”, meint Philippe, der Juniorchef. “Wir Guigals sammeln immer alles und so haben wir alles, was wir aus dem Boden geholt haben, aufbewahrt. Vielleicht machen wir wirklich mal ein kleines Museum daraus.” Philippe sieht erst einmal gar nicht aus, wie man sich einen Winzer so vorstellt, dabei ist er schon seit 25 Jahren der leitenden Önologe auf dem Weingut. “Leitend”, sagt er nachdenklich dabei fließend wechselnd aus dem Französischen in ein geschliffenes Englisch, das man am besten mit dem Begriff Britisch umschreibt. “Leitend, ja. Aber am Ende geht natürlich nichts ohne meinen Vater, der hier schon fast 60 Jahrgänge eingebracht hat. Zum Glück sind wir fast immer einer Meinung.”

Weinberge

Wir fahren in die Weinberge, die hier so steil sind, dass auf hohen Mauern manchmal nur eine Reihe Reben gedeiht. In der frühen Sonne glänzt der Fluss, der einem zu Füßen liegt. Ein Anblick, wie ihn nur wenige Weinregionen der Welt bieten können. “Das wäre hier mehr als einmal beinahe zum Erliegen gekommen”, erklärt Philippe. Wir sind erstaunt, Côte-Rôtie? La Landonne, La Mouline, La Turque, drei der berühmtesten Weinberge der Welt ohne Rebstöcke? “Weinbau ist nicht von der Geschichte abgeschnitten”, erklärt Philippe freundlich. Wir hatten ihn vorhin gefragt, ob er denn immer in die Fußstapfen seines Vaters habe treten wollen. “Nun ich bin eigentlich ein »Homme de lettres«”, erzählt er. Er habe schon immer viel gelesen, lerne Sprachen ohne große Probleme – übrigens gerade auch deutsch wie wir zufällig erfahren. Das spricht er offenbar nur deshalb nicht mit uns, weil er es nicht ganz perfekt beherrscht. In diesem Moment können wir uns ihn auch gut als Professor für europäische Geschichte oder mittelalterliche Philosophie vorstellen, was er offensichtlich bemerkt und fortfährt: “Aber, das steht doch in keinem Widerspruch zu dem, was wir hier tun. Ganz im Gegenteil, denn das alles hier, die Côte-Rôtie ist doch ein Stück französische Kultur.” Jetzt fängt er an, uns freundlich dozierend die Geschichte von Ampuis zusammenzufassen. “Hier wurden immer einige der besten Weine der Welt angebaut. Bacchus amat colles, heißt es bei Virgil und so haben sie hier in den Hügeln großartige Weine angebaut. Dann kam die Reblaus, 150 Jahre ist das jetzt her. Zuerst wurden die einfacheren Weinberge befallen, dann aber auch viele der Steillagen. Es war mühsam, die Steilhänge wieder aufzuforsten und so wurden die ersten Weinberge aufgegeben. Dann kam der erste Weltkrieg.” Wenn in Frankreich vom ‘Großen Krieg’ die Rede ist, dann ist immer noch der erste Weltkrieg gemeint und wenn man begreift, wie er in das Leben der Menschen eingegriffen hat, dann versteht man auch warum. Die Rekruten aus Ampuis, denn die französische Armee zog, ähnlich wie die englische, ihre Mannschaften dorfweise in die gleichen Regimenter ein, waren bei den grausamsten der vielen grausamen Schlachten der Grande Guerre dabei. An der Aisne, zu Beginn in Verdun, am Homme Mort, dann an der Somme, wieder in Verdun und schließlich noch mal an der Aisne. Als der Krieg vorüber war, fehlte in Ampuis mehr als die Hälfte aller Männer unter 40 Jahren. Sie waren tot, vermisst oder zu Krüppeln geschossen. Ein einziges Abschlachten. “Es war einfach niemand mehr da,” erzählt Philippe sachlich, “der die steilen Hänge bewirtschaften konnte und wollte. Rund um Lyon entstand auch neue Industrie und warum sollte man für einen Hungerlohn in den steilen Weinbergen schuften, wenn man in den Fabriken arbeiten konnte? Wein war damals billig und niemand achtete darauf, wo er herkam. Irgendwann standen hier nur noch 50 Hektar unter Reben. Eigentlich war die Côte-Rôtie tot.” Zwei Dinge, und das sagt Philippe nicht so, denn er ist ein bescheidener Mann des Wortes, waren es, die sie wieder zum Leben erweckten. Da war Etienne Guigal, der 1924 mit 14 Jahren nach Ampuis kam und bei einem der Wenigen damals bekannten Weingütern, Vidal-Fleury, anfing. Es sollte sein Leben lang hier bleiben und sich vom einfachen Weinbergsarbeiter zum Kellermeister und Verwalter des Weinguts hocharbeiten bis er 1946 beschloss, sein eigenes Weingut zu gründen. Er war damals einer der Wenigen, die an die Zukunft der Region glaubten, und fing auch an, die steilsten Weinberge wieder zu bepflanzen und als Einzellage auszubauen. So entstanden nach und nach die ikonischen LaLa’s, die drei Weinberge, die den Ruf der Region hinaustragen sollten in die Weinwelt. Irgendwann hörte auch ein junger amerikanischer Anwalt vom Ruf dieser Weine. “Als Robert Parker mit seinem Wine Advocate anfing”, erzählt Philippe die Geschichte jetzt weiter, “kannten nur die wenigsten Weinenthusiasten die Weine der Rhône, aber Parker hatte sich ja nicht nur zur Aufgabe gemacht, den Verbrauchern mit seinem 100-Punkte- System einen verlässlichen Führer durch die Weinwelt zu bieten, er wollte gleichzeitig auch Alternativen aufzeigen, längst vergessene Weinregionen wieder in den Focus bringen. Ohne ihn hätte vielleicht niemand die Rhône wiederentdeckt.” Das ist die andere Seite des auch von mir immer wieder gerne kritisierten Weinpapstes, er war eben auch ein Entdecker und ohne seinen Wein Advocate, wären viele Weinregionen vielleicht nicht mehr zurück auf die Weinkarten der Welt gekommen. Eine Entwicklung, die manche deutschen Weinanbaugebiete gerade auch erleben.

Terroir an der Cote BlondeRebstock in La Mouline

Ausblick auf die Weinberge

Wir fragen Philippe, wie der Jahrgang 2018 war, “Wir können nicht klagen”, kommt die Antwort mit geschmeidiger Freundlichkeit und wahrscheinlich wird er zu jedem Jahrgang erst einmal sagen, “wir können nicht klagen”, weil er nicht aussieht wie ein Mann, der sich viel beklagt, sondern in sich ruht und weitestgehend mit sich zufrieden ist. “Es war ein wenig verrückt dieses Jahr”, ergänzt er dann noch, “eigentlich hätte alles auf ein eher schlechtes Jahr hinlaufen müssen, ich glaube aber, was wir im Keller haben, wird sehr gut.” Ob er denn nicht auch gemerkt habe, dass der Sommer sehr heiß gewesen sei, fragen wir ihn und müssen damit natürlich auch einmal die Klimaerwärmung ansprechen. “Ja, wir hatten in den letzten Jahren einige sehr warme Sommer”, jetzt lächelt er plötzlich ziemlich schelmisch, “aber wir hier an der nördlichen Rhône können uns da gar nicht beklagen. In den 50er, 60er und 70er Jahren war es ganz normal, dass alle Weine hier chaptalisiert wurden. Wenn man sie erntete, hatten sie nicht genug Traubenzucker, um ausreichend Alkohol zu entwickeln, also gab man Zucker dazu, der vergor zu Alkohol und so kam man auf 13 bis 13,5 Prozent. Was darunter war, waren dann wirklich schlechte Jahrgänge. Heute, vielleicht auch weil wir mehr Kenntnisse über die Zusammenhänge haben, erreichen wir die 13 Prozent ohne jede Chaptalisation. Wir haben reife Trauben und Weine, die perfekt in der Harmonie sind ohne dass wir etwas daran tun.” Sind denn die Weine in den letzten Jahren nicht zu alkoholstark geworden, wollen wir wissen. “Bei uns eher nicht. Ich halte den Stand für perfekt, den wir jetzt im Durchschnitt haben. Im Süden muss man sicherlich mehr aufpassen, aber nur wegen einem Prozentpunkt Alkohol unreife Trauben zu lesen, ist auch kein wirkliches Konzept.”

Mit seinem neuen Kellermeister Jacques Desvernois dürfen wir jetzt noch die labyrinthischen Keller des Weinguts besichtigen und etwas verkosten. “Ja, das ist hier alles eines nach dem anderen angebaut worden”, erzählt er. “Vielleicht nicht ganz so praktisch, aber die Familie Guigal wollte nicht irgendwo in ein Gewerbegebiet gehen. Der Weinkeller gehört so weit das geht in den Ort.” Wir dürfen vom Côtes du Rhône bis zum La Turque hoch verkosten. “Das ist unser wichtigster Wein.” Wir bekommen den Côtes du Rhône eingeschenkt: “Das sind mehr als 60 Prozent unserer Produktion und wahrscheinlich gibt es keinen Weinfreund auf der Welt, der den Wein nicht schon einmal im Glas gehabt hat.” Wenn man bedenkt, wie viele Flaschen es davon gibt und mit wie vielen Vertragswinzern man dazu zusammenarbeiten muss, ist die Qualität, vor allem in schwierigen Jahren wie beispielsweise in 2014 wirklich erstaunlich. “Ihr müsst mal sehen, wie Marcel mit seinen mehr als 80 Jahren noch die Traubenannahme dirigiert. Da traut sich kein Partner, mit minderwertiger Ware anzukommen, der kann direkt wieder umdrehen …” Wir verkosten uns durch Condrieu, Brune et Blonde, Château d’Ampuis und schließlich hoch zum La Turque. Hier vergisst Noreen zum ersten Mal das obligate Ausspucken des Weins. “Ich muss ja zum Glück nicht fahren”, meint sie nur zufrieden lächelnd.

Jetzt kommt Madame Guigal in den Keller und zeigt auf die Uhr. Mittagszeit! Bernadette Guigal, so erfahren wir, kocht während der Lese immer noch selber für alle Mitarbeiter und das sind dann viele. “Vor zwei Wochen hättet ihr da noch mit uns allen am großen Tisch sitzen können. Das ist hier sehr wichtig”, erzählt Jacques, “ihr wisst doch, in Frankreich gehört das einfach dazu und wenn alle an einem Tisch sitzen, vereinfacht das auch die Arbeit zusammen.” Sie fragt ihn wohin er denn mit uns zum Mittagessen gehe. “Serine”. Ah, sehr gut, sagt sie und zeigt auf mich. “Da sind auch die Portionen nicht so klein, Sie können ja noch was vertragen.” In der Tat, bei Serine, schräg gegenüber, gibt es eine großartige Landküche im feinen Gewand und als besondere Spezialität eine Lyonnaiser Wurst in Weintrestern gekocht. “Die Trester holt er sich bei uns ab, ist 100 Prozent Côte-Rôtie. Das gibt es nur in den Wochen nach der Lese.” Die Sonne scheint mittlerweile von einem fast wolkenlosen Himmel, ein schöner Spätherbst beginnt an der Rhône. Morgen geht es von Lyon aus zurück. Die Wetter-App zeigt für Köln jetzt einen Temperatursturz und Regen an.

 

20298-15

2015 CÔTES DU RHÔNE ROUGE

E. Guigal, Rhône

Immer der Maßstab dafür, was einen sehr guten Côtes du Rhône ausmacht. Er zeigt in der Nase die typischen reifen Beerennoten und exotischen Gewürze, am Gaumen ein intensives Aroma mit weichen Tanninen. Und das mit erstaunlicher Nachhaltigkeit für einen Wein mit überschaubarem Preis. Man merkt schon diesem Einstiegswein der führenden Domaine der Nordrhône deren enormen Qualitätsanspruch an. Die Cuvée enthält immer einen hohen Anteil an Syrah, was ihm eine etwas kühlere Aromatik verleiht, als dies bei südlicheren eher von Grenache geprägten Weinen der Fall ist. Eine echte Delikatesse. Im großen Jahr 2015 passt einfach alles.  

0,75l statt 9,50 € nur 8,90 € shopping_basket

 

22274-17

2017 ST. JOSEPH LIEU DIT BLANC

E. Guigal, Rhône

Um die Reinheit dieser Lage einzufangen, beschloss Philippe Guigal, weniger neues Holz einzusetzen. Denn die Lage ‚Lieu dit‘ war namensgebend für die Appellation St. Joseph und stellt die Quintessenz nördlicher Rhône-Weißweine dar. Dieser 2017er St. Joseph "Lieu Dit" duftet facettenreich nach Gelbfrucht, Quitten, weißen Johannisbeeren und hat Anklänge von gerösteten Nüssen sowie Vanille. Unwiderstehlich cremig am Gaumen; fülliger, fruchtbetonter Körper mit sehr geschmeidigem, langen Abgang. Traumhaft! Nur noch 50 Prozent des Weines werden in neuem Holz ausgebaut, wodurch er schon jung ausgesprochen trinkbar ist. Es ist der perfekte Wein, um sich für weiße Rhôneweine zu begeistern.   

0,75l 39,00 € shopping_basket

 

20298-15

2015 CÔTE-ROTIE BRUNE ET BLONDE

E. Guigal, Rhône

Der große Jahrgang 2015 in Flaschen. Beeindruckend. Syrah pur. Genießer, die den weltbekannten Lagenweinen der Guigals zugeneigt sind, sollten sich auch ein paar Flaschen von dieser Essenz in den Keller legen, um die Wartezeit zu überbrücken. Die Mischung aus reichhaltiger Fruchtfülle und seidiger, feiner Ader ist einfach genial, genauso wie der typische Duft nach schwarzen Oliven und getrockneten Kräutern. Die Säure ist jahrgangstypisch balanciert. Im Nachgeschmack bleibt er knackig und pikant. Ein bis zwei Jahre im Keller werden ihm guttun. Alternativ empfiehlt es sich, ihn vor dem Geniessen drei oder vier Stunden in der Karaffe zu belüften.

0,75l 47,00 € shopping_basket

 

Angebote gültig bis 14.04., bzw so lange der Vorrat reicht.