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Die Ausnahme im Rioja - Artuke

Das Rioja, so scheint es, ist fest in der Hand großer Weingüter, ja, großer Weinkonzerne. Viele Bodegas sind riesig und bereiten viele Millionen Flaschen, Individualität und Authentizität ist da oft nur ein Begriff für das Marketing. Die Trauben, oder sogar der fertige Wein, werden zum großen Teil bei kleineren Erzeugern, die selber nichts abfüllen, gekauft, assembliert, ordentlich ins neue Barrique gelegt (oder direkt mit Holzchips versehen) und fertig ist das, was der Konsument unter Rioja versteht. Er hat ja auch nie etwas anderes kennengelernt. Ein Wein, der kurz im Barrique war, ist ein einfacher Wein, ein Wein, der lange im Barrique war, ist eine Reserva, also ein guter Wein. Mit dem System können alle gut leben, die Traubenhersteller, die großen Weingüter und auch viele der Konsumenten, denn sie bekommen ein möglichst standardisiertes Produkt.

Gestern bei Telmo hatten wir gelernt, dass es auch andere Ideen über das, was die Region sein soll, gibt, unbequemere und vielleicht nicht so leicht zu verstehende und doch spannende, die wir gerne mitverfolgen wollen. Aber Telmo kommt aus einem der wenigen Top-Weingüter der Region, die nie die industrielle Produktion mitmachen mussten, er ist auf internationale Schulen gegangen, hat an der Rhône und im Burgund gearbeitet. Es liegt nahe, dass er das, was im Rioja Standard ist, hinterfragt. Aber auch aus einer ganz anderen Perspektive kommend kann man zu denselben Ergebnissen kommen wie Telmo und zum anderen, individuellen Rioja finden. Angefangen hat alles eigentlich mit dem Großvater von Arturo. „Der hat noch seinen ganzen Wein als Fassware verkauft“, erzählt er uns, „irgendwann hatte er dann mal etwas Geld gespart und einen Weinberg, der zwar nahe am Ebro, aber auf einer natürlichen Terrasse hoch über dem Fluss liegt, ins Auge gefasst. Da wollte er was kaufen.“ Die Weinberge unten am Fluss und auf der südlichen Seite des Ebro waren teuer, weil man dort hohe Erträge erzielen konnte. Für die meisten Kellereien war (und ist) ein Kilo Trauben ein Kilo Trauben, ungeachtet der Qualität. „Mein Opa wollte aber unbedingt seine zwei Hektar kaufen, also ging das nur da oben in dem steinigen Kalkboden, da war das Land billig. Alle im Dorf haben ihn damit aufgezogen: Warum willst du das da kaufen? Kauf doch lieber etwas weniger Land weiter unten, dann hast du nicht so viel Arbeit und den gleichen Ertrag. Aber der war stur und meinte, auch da oben in dem Weinberg den gleichen Ertrag erzielen zu können.“

Wir stehen auf dem Plateau, ungefähr 100 Meter über dem Ebro. Arturo lacht, „er hat hier geschuftet und geschuftet, um mehr aus dem Weinberg heraus zubekommen, hat alles nichts genutzt. Der blieb genauso störrisch wie sein Besitzer und so haben ihn die Leute in der Kneipe den  ‚Finca los Locos‘ genannt, den Weinberg des Verrückten.“ Er ist einer der Einzellagen-Weine von Artuke, im Moment gibt es insgesamt drei, aber es sollen noch mehr werden, wie wir gleich sehen. „Das ist nicht unser bester Weinberg, aber wir hängen an ihm, weil unser Opa hier so viel Arbeit reingesteckt hat“, meint Arturo und schenkt uns ein Glas ein. „Er ist etwas opulenter, würziger, vielleicht nicht so fein und elegant wie die anderen, aber er hat noch eine gute Frische, weil neben dem Tempranillo hier auch noch rund 20% Graciano stehen.“ Wir finden den Los Locos gar nicht verrückt, sondern einen extrem ansprechenden und trotzdem sehr eigenständigen Rioja, da kann man auf den Großvater anstoßen. 

Nachher beim Mittagessen (um 16 Uhr) ist er irgendwie der Wein der Wahl. „Mein Vater hat 1991 beschlossen, seine Weine selber abzufüllen und das Weingut Artuke genannt, nach meinem Bruder Kike und mir, Arturo. Er wollte, dass wir nicht mehr einfach namenlosen Wein liefern, sondern der ganzen Familie eine eigene, unabhängige Existenz aufbauen.“ Auch wieder eine Idee, die die Freunde in der Kneipe ziemlich loco fanden. Aber seine Söhne stiegen voll drauf ein und sind mittlerweile die Chefs im Weingut. „Neee ...“, wiegelt Arturo ab und grinst breit, „der wahre Chef ist natürlich unsere Mutter.“ Arturo und Kike haben nie Weinbau studiert, sie waren bei ein paar Weingütern hier in der Region und haben dort gearbeitet und gelernt. „Wir sind ja wirklich ein Familienweingut“, erzählen sie, „wir konnten gar nicht irgendwo nach Frankreich zu den großen Namen in die Lehre, wir mussten ja auch immer wieder zu Hause mithelfen, für alles andere fehlte das Geld.“ Wie kommt man da, wenn alle anderen rundherum es andersmachen, auf die Idee mit den Einzellagen? „Das liegt doch nahe“, meinen sie, „nur so kann man doch besseren, individuelleren Wein machen.“ Komisch, dass so wenige Leute auf das Naheliegende kommen, ein wenig loco in der Familientradition scheint doch hilfreich zu sein.  

Wir sind mit Arturo auf einen Aussichtspunkt über dem Ebro-Tal gefahren. Fast 1.000 Meter hochgelegen, kann man von hier aus das ganze obere Rioja sehen. „Ihr seht, da unten schlängelt sich der Ebro“, erklärt er, „hier, auf der nördlichen Seite gibt es viele Hügel und kleine Täler. Man sieht auch schon an der Farbe, dass der Boden ziemlich unterschiedlich ist. Unter den Bergen gehen die Weinberge bis zu 700 Meter hoch. Auf der anderen Seite des Ebro siehst du viel größere Parzellen, da ist es flach und die Böden sind schwerer, die meisten Reben sind auch anders gepflanzt.“ Als wir runterfahren, machen wir einen kleinen Stopp bei einem Weinberg, der so ziemlich der letzte oberhalb von Samaniego ist. „Der geht bei ca. 640 Metern los und oben, am Ende, sind wir auf 710 Metern. Wir haben in den letzten Jahren nach Parzellen gesucht, die man noch günstig kaufen konnte und die unserer Idee von Wein entsprachen.“ Seit immer mehr Kellereien im Rioja investieren, steigen auch die Weinbergspreise wieder an, nicht nur unten im Schwemmland. Fünfhundert Meter hinter uns zieht gerade Rothschild zusammen mit Vega Sicilia eine neue Kellerei hoch. Es sieht aus, als würde dort die NASA bauen.

„Da waren links und rechts einige Weinberge, aber hier stand keine Rebe. Niemals. Das war alles verwildert. Die Leute im Dorf haben uns abgeraten. Da oben ist der Ertrag viel zu niedrig, auch in den Weinbergen daneben. Aber vor allem die Parzelle da, das sind doch nur Steine, da lasst mal die Finger von. Wir haben dann über einen längeren Zeitraum die Temperatur und den Niederschlag gemessen und das war erstaunlich. Die Parzelle war nachts immer etwas kühler und es gab deutlich weniger Niederschlag, das konnte man richtig sehen. Jetzt stehen hier wunderbare Tempranillo-Reben und das wird unser nächster Einzellagenwein.“ „Braucht es nicht alte Reben für guten Wein?“, fragen wir. „Unser ältester Weinberg ist 1903 gepflanzt worden, steht aber unten direkt am Ebro. Kein guter Boden, die Trauben kommen in unseren Basiswein. Terroir und die richtigen Reben, das ist das Wichtigste. Damit kann man schon nacheinigen Jahren gute Weine machen. Alte Reben alleine bringen gar nichts.“ Cerro de las Mulas wird der Wein heißen. „Na, die Parzelle hatte ja noch gar keinen Namen, aber im Dorf sagte man, die sei nur gut, um die Maultiere drauf zu trainieren. Also ist es jetzt der Hügel der Maultiere.“  Ähnlich kreativ war die Familie beim  k4. Der Weinberg liegt etwas hinter Samaniego, gehört aber schon zur Gemeinde Ábalos. „Hier kommt meine Großmutter her“, meint Arturo, „daher haben wir den Weinberg. Das war der erste, den wir als Einzellage ausgebaut haben. Superfrisch wird der hier oben. Man sieht dem Weinberg gar nicht so richtig an, was in ihm steckt. Liegt alles im Boden. Da, 50 Meter weiter, der Weinberg gehört auch uns, aber da ist der Boden feuchter und die Lehmauflage dicker, die Trauben kommen in den  Pies Negros. “Der Pies Negros und der  Artuke sind sozusagen die beiden Ortsweine der Familie Blanco, da es diese Kategorie im Rioja nicht gibt, bekommen sie halt andere Namen. Der Artuke kommt aus den Weinbergen von Baños de Ebro, wo auch das Weingut steht, der Pies Negros aus den Weinbergen in Samaniego und Ábalos. Nur 25 Hektar haben die Blancos, nicht groß für das Rioja. „Aber so können wir alles selber bewirtschaften, daher auch der Name für den k4 – k-Cuatro. Da ist das k von Artuke drin und wir sind zu viert für das Weingut verantwortlich.“ 

Familie Blanco

Als Nächstes fahren wir zum  La Condenada, 0,8 Hektar oberhalb von Baños de Ebro. Dort treffen wir Papa Miguel, der mit einem kleinen alten Motorpflug den Boden des Weinbergs bearbeitet. Eine harte Arbeit, da man den Pflug von Hand steuern und über die Steine wuchten muss. „La Condenada war verlassen. Die Vorbesitzer, die in der Stadt wohnten, hatten ihn einfach aufgegeben und da hier mehr als 80 Jahre alte Tempranillo, Graciano- und Palomino-Reben stehen und er nicht leicht zu bearbeiten ist, wollte ihn keiner haben. “An vielen Stellen scheint der reine Fels durch. „Das muss eine Wahnsinnsarbeit gewesen sein, hier Reben zu pflanzen. Da musste man mit der Hand Löcher in den Fels klopfen, damit die ersten Wurzeln Fuß fassen können. Wir haben jetzt ein paar Reben neu gepflanzt, dazu haben wir uns eine Maschine geliehen, damit geht es schneller, aber in den 20ern hat man das alles per Hand gemacht. Unglaublich!“ Der La Condenada ist herrlich frisch und geradezu straff, ein anspruchsvoller Wein. „Der Palomino bringt da noch etwas Frische rein.“ Weißwein-Reben im roten Rioja? „Ja sicher“, meint Arturo, „das sind ein paar Prozent, aber das gehört hier hin, schließlich haben die das mal so gepflanzt und der Wein gewinnt an Komplexität.“ Man hört es immer wieder von den Brüdern, dass man sich erinnern müsse, was das Rioja einmal ausgemacht habe. Die Tradition der Region ist doch die Vielfalt. Es hört sich vieles so an wie bei Telmo Rodríguez und natürlich kennt man Telmo und schaut zu ihm auf. Dass man aber in vielen Ideen so nah beieinanderliegt, erstaunt die Brüder dann doch. „Arturo war ganz schön nervös“, erzählt uns die Mutter später, „die sind bei Palacios, bei Eguren, bei Telmo Rodríguez und dann kommen die zu uns … Wow!“ „Wieso wow?“, meint Inka. „Qualitativ passt ihr doch super in die Reihe.“

Vor dem Mittagessen, also um 15:30 Uhr, will Arturo uns noch einen Weinberg zeigen, aus dem was werden könnte. Wir fahren auf einen Hügel westlich von Baños, unweit des Los Locos, aber höher gelegen. Eine kleine Terrasse, zehn bis zwölf Rebzeilen. „Hier haben wir alte Rebstöcke mit sehr gutem Tempranillo und vor allem auch Viura in toller Qualität, der Boden ist auch Wahnsinn.“ Er zeigt uns eine Stelle im Hang, wo der kleine Weg zum Weinberg führt. „Hier könnt ihr sehen, wie der Boden aufgebaut ist. Gepresster Sand und feine Kalksteine, dann sehr kompakter Fels, so einen 3/4 Meter, dann wieder Sand und Kalk und schließlich wieder Fels. So etwas findet man selten. Das könnte extrem spannend werden.“ Sie haben den Weinberg erst einmal gepachtet, um es auszuprobieren. 2007 gab es den ersten Einzellagen-Rioja von Artuke und in der Kneipe war wieder der Satz vom „Verrückten, der es sich selber schwer macht und scheitern wird“ zu hören, „wie der Großvater“. Arturo wirkt etwas sauer, als er uns das erzählt. Endlich sitzen wir beim Mittagessen. Es gibt ein sensationelles luftgetrocknetes Rindfleisch, die Chorizo macht die Oma immer noch selber (nur im Februar, haben wir ja immer so gemacht – wir überlegen, ob wir im Februar mal einen Chorizo-Kurs belegen), Pimentón (die gegrillten Paprika – stammen aus dem eigenen Garten und werden auf Rebholz gegrillt), frittierter Mangold und dann grillt Papa Blanco noch Lamm direkt auf dem Rebholz (haben wir von einem Nachbarn gekauft, da ist das Fleisch immer schön würzig …). Auch das Feigenbrot zum Käse ist natürlich selbst gemacht, wir diskutieren lange über die verschiedenen Methoden und welche die beste ist. Da kann kein Sterne-Restaurant der Welt mithalten! In jeder Hinsicht sind wir glücklich, Artuke entdeckt zu haben. Diese Familie mit dem Loco-Gen passt perfekt zu uns, finden wir, und freuen uns auf die nächsten Einzellagen, mit denen wir gerne auch den Schritt zurück mitmachen, zum authentischen Rioja.  

PS. Kurz nachdem wir bei der Familie Blanco unsere Bestellung plaziert haben, kam auch der wichtigste spanische Weinführer, der Guia Penin heraus und bedachte die Familie blanco mit reichlich Punkte. Für den "einfachen" Artuke gab es 90 Punkte, für den Pies Negro 91, den K4 und den Los Locos 94 und den La Condenada sensationelle 96 Punkte. Gratulation, Arturo, Kike und Miguel.

Mehr über Artuke auch in unserem Spanien-Film