Ein Unternehmen der

REWE Group Logo

Der Winzerkrieg

Das ausgehende 19. Jahrhundert war nicht leicht für den Weinbau. Die Reblaus-Katastrophe vernichtete in vielen Regionen mehr als zwei Drittel aller Rebstöcke und der einstmals größte Arbeitgeber, der Weinbau, fiel weg. Es dauerte einige Jahrzehnte, bis man genug reblausresistente Reben angepflanzt hatte, um wieder ausreichend Wein zu produzieren, und damit kam man direkt in die nächste Bredouille.

Die neuen Reben produzierten ungleich mehr Wein als die alten und oft kranken oder ertragsschwachen Klone. Außerdem kamen Unmengen an Importweinen auf den Markt. Weine, die oft den Namen gar nicht verdient hätten, Gemische aus Weinresten, Zucker, Farbstoffen, Früchten und allem, was man so auftreiben konnte. Zwar gab es ein Dekret aus dem Jahr 1905, das für landwirtschaftliche Erzeugnisse Qualitätsstandards festlegte, aber irgendwie ging trotzdem alles durch. Außerdem wurde die Importware gerne auch unter den Namen der französischen Regionen verkauft, um sie aufzuwerten. Jeder machte, was und wie er es wollte. Paris, das das kontrollieren sollte, war weit weg. Die vielen Landarbeiter und kleinen Bauern, die während der Reblaus-Krise schon alles verloren hatten, standen wieder vor dem Ruin. Kein Absatz, keine Arbeit, die Landwirte konnten ihre Kredite nicht zurückzahlen, die sie hatten aufnehmen müssen, um die Weinberge mit neuen Reben zu bestocken. Die Jahrgänge 1904 und 1905 brachten europaweit unglaubliche Mengen an Wein ein und so fiel der Preis auf ein Viertel des normalen Wertes.

Als 1906 wieder viel geerntet wurde, war er gar nicht mehr zu verkaufen. Es gab kaum genug Fässer undTanks, um alles zu lagern, selbst die Händler blieben auf ihren Kontingenten sitzen. Man konnte ihn nicht mal mehr verschenken. Für die Wirtschaft des Südens ein unglaubliches Desaster. Zuerst war es die kleine Gemeinde Baixas, dann Argilliers im Minervois, die sich weigerten, ihre Steuern an die Zentralregierung in Paris abzuführen. Schließlich waren es an die 600 Gemeinden. Im März folgten einem Demonstrationsaufruf des Weinbauern Marcelin Albert 300 Menschen, nicht einmal drei Monate später, am 9. Juni 1907, gingen in Montpellier 700.000 auf die Straße.

Der Süden kochte, Paris war alarmiert. Ausgerechnet der sozialistische Ministerpräsident Clemenceau lehnte jede Verhandlung, jede Konzession ab und schickte Truppen. In Narbonne kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und dem Militär, das in die Menge schoss. Das 17. Regiment der leichten Kavallerie, eine Eliteeinheit, die sich bei Austerlitz und Auerstedt ausgezeichnet hatte, wurde zum Marschvon Béziers nach Adge abkommandiert, wo die nächste große Kundgebung stattfinden sollte. Als sich herumsprach, wozu sie ausrückten, regte sich erster Widerspruch, die meisten Soldaten kamen aus der Region und viele ihrer Väter, Brüder, Freunde waren Winzer. Schließlich verweigerte fast die gesamte Kompanie den Gehorsam und marschierte zurück nach Béziers, wo sie von der Bevölkerung mit reichlich Wein empfangen und gefeiert wurde.

Trotzdem kam es an vielen Stellen zu blutigen Straßenschlachten, als andere Truppen versuchten, die Anführer der Rebellion festzunehmen. Schließlich musste Clemenceauzumindest minimal einlenken, denn immermehr Truppenteile weigerten sich, auf ihre Landsleute zu schießen. Man verhandelte und sicherte den Demonstranten eine Amnestie zu. Die Regionen selber durften jetzt die strenger gefassten Weinbaugesetze kontrollieren und die Herstellung von Kunstweinen wurde endgültig untersagt. Als Reaktion auf die Meutereien verlegte man nach und nach alle Truppen in Gebiete fern von der Heimat und sieben Jahre später wurde sowieso Wein in Massen gebraucht, um die Soldaten in den Schützengräben von Verdun und am Hartmannsweilerkopf zu betäuben. Petain soll ihn sogar einmal als eine der wichtigsten Waffen Frankreichs bezeichnet haben. In vorderster Front durften die Soldaten des 17.Regiments kämpfen, die Generalität hatte sie nicht vergessen. Clemenceau gab unterdessen Zeitungen heraus und mischte sich erst 1917 wieder in die Politik. Schließlich saß er 1918 am Tisch von Versailles und forderte einen Frieden, von dem der amerikanische Präsident Wilson sagte, er sei dazu erschaffen, jeden Frieden zu beenden.