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Das Weingut Gunderloch und der konsequente Mut

Jean Baptiste und Schraubverschluss. Klingt komisch, wenn man bei einem Weingut erst einmal diese beiden Begriffe nennt. Aber diese beiden Eckpfeiler waren, jedenfalls für mich, eine Art von Revolution, die Fritz und Agnes Hasselbach mit freundlicher Bescheidenheit der deutschen Weinwelt geschenkt haben. Jetzt kommen wieder einige Neuerungen und viele Ideen auf uns zu, die Sohn Johannes umsetzen wird, aber diese beiden muss ich vorher noch kurz erläutern.

Jean Baptiste: „Ich trinke nur trockene Weine“, meinte die Dame. Agnes Hasselbach schenkte ungerührt ein Glas Jean Baptiste ein. Die Dame nahm einen Schluck, kaute ein wenig drauf herum und schaute etwas kritisch auf das Etikett. „Der ist aber sehr gut. Riesling, oh. Ich mag ja sonst keinen Riesling, der hat mir zu viel Säure.“ „Der große Fehler ist, dass die Leute meinen, Riesling müsse immer trocken sein. Wein soll doch Spaß machen, und so haben wir den Jean Baptiste gemacht“, meinte sie etwas später zu mir. Der große Wurf war der Wein aber auch deshalb, weil nicht „halbtrocken“ oder „lieblich“ draufstand, wie es damals auf vielen Flaschen noch üblich war. Wozu auch, für die Dame in der Verkostung schmeckte der Wein eben „trocken“ und nicht „sauer“. So hat der Jean Baptiste dem Glauben an den Geschmack, statt dem an die Analyse, den Weg geebnet.

Schraubverschluss:

Fritz Hasselbach hatte acht Flaschen Wein aufgebaut, alle waren aus demselben Jahrgang. Zur Zeit der Verkostung fünf Jahre in der Flasche. Riesling, vom Gutswein bis zum Nackenheimer Rothenberg. Wir durften verkosten. Am Ende lagen im direkten Vergleich die vier Weine, die hinten standen, immer vorne, bei den einfacheren Weinen war der Unterschied sogar signifikant. „Ja“, meinte er freundlich, „so haben wir das auch gesehen und daher wird es jetzt keine Korken mehr auf unseren Flaschen geben. Vom Gutswein bis zur Trockenbeeren-Auslese wird jetzt alles mit dem Schrauber abgefüllt.“ Ein heikles Thema, emotional und daher nicht richtig greifbar, aber an diesem regnerischen Nachmittag hat mich Fritz Hasselbach endgültig davon überzeugt, dass es keinen guten Grund mehr gibt, einen Korken in eine Weinflasche zu drücken. Dass er das seit vielen Jahren so durchgezogen hat, auch bei den gesuchten edelsüßen 100-Punkte-Weinen, ist von beispielloser Konsequenz. „Wenn ich der Meinung bin, dass der Schraubverschluss der beste Verschluss für meine Weine ist, warum soll ich ihn dann nur auf die günstigen Weine machen. Das wäre doch nicht richtig.“ Stimmt, aber den Mut, so konsequent das als richtig Erkannte zu tun, bringen halt nicht viele auf.

Die Gegenwart:

Wieder regnet es, als wir bei Hasselbachs sind; wie an jenem Nachmittag, an dem ich das Schrauber-Erlebnis hatte. Jetzt sitzen wir mit Sohn Johannes in der alten Probierstube. Er wollte eigentlich anfangs gar nicht Winzer werden, studierte etwas ganz anderes, aber vor ein paar Jahren hat ihn das Weinfieber dann doch gepackt. Nicht leicht, in ein Weingut einzusteigen, das zu den frühen Revolutionären des deutschen Weinbaus gehört, in dem so viele Weichen gestellt worden sind, die heute den deutschen Wein so erfolgreich machen, das aber nie laut damit geprahlt hat. Medial steht Gunderloch trotz aller Erfolge irgendwie immer noch in der zweiten Reihe, vielleicht sind die Hasselbachs einfach nie laut genug gewesen. Sie haben einfach immer nur gute Weine machen wollen. Eigentlich sollte das auch reichen.

Aber Wein ist auch in stetigem Wandel.

Es ist eine schöne und falsche Geschichte, dass Wein immer sich selber treu und unwandelbar ist. Er bleibt sich nur treu, indem er sich verändert. Johannes Weine sind jetzt schon etwas anders als die seiner Eltern. Keine Neuerfindungen, sondern konsequente Weiterentwicklungen: Sie werden stoffiger, mineralischer, etwas weniger fruchtig vielleicht. Paradigmatisch, dafür steht der Riesling „Als wär’s ein Stück von mir“. Klar stand bei dem Titel die Autobiographie Carl Zuckmayers, der dem Weingut freundschaftlich verbunden war und es in „Der fröhliche Weinberg“ verewigt hat, Pate. Aber es ist eben auch der Wein, mit dem Johannes seinen eigenen Stil gefunden hat. „Als ich hier angefangen habe, war der Papa schon etwas skeptisch. Nicht, dass dieser Quereinsteiger da mir die ganzen schönen Weine im Keller verdirbt“, sagt er lachend. „Hat er aber irgendwie auch recht gehabt, deshalb hab ich mich erst einmal an dem hier ausgetobt.“ Mittlerweile hat er mit seinem Team die Richtung gefunden, in der sich die neuen Gunderloch Weine entwickeln werden, und der „Als wär’s ein Stück von mir“ ist eine Art Botschafter dieses Konzepts. Ja, Weine werden im Weinberg gemacht, aber wie bei einer Partitur kommt es auch immer darauf an, wie man das Gegebene interpretiert, was man rausholt und was einem wichtig ist. Der Winzer ist da der Dirigent mit dem Orchester Natur, das er immer nur sehr begrenzt im Griff haben kann. Das macht das Ganze wahrscheinlich so spannend.

Der Wandel zeigt sich aber auch ganz real und erst einmal etwas unschön. Hinter dem alten Dalheimer Hof mitten in Nackenheim, der einst von Zisterzienserinnen gegründet worden ist, sieht es wüst aus. Ein Bagger hat so ziemlich alles umgerissen, was da stand und fängt an, einige Löcher auszuheben. „Wir wollten im Ort bleiben“, erzählt Johannes, „der Hof hier gehört zu den ältesten Häusern an der Rheinfront und die alten Kellergewölbe wollte ich unbedingt erhalten. Die gehören für mich zur Identität des Weins dazu. Aber machen mussten wir was, das war hier alles mittlerweile zu eng und technisch auch nicht mehr auf dem neuesten Stand.“ Also beschloss man, nach hinten anzubauen. „Eigentlich war auch das Wahnsinn“, erzählt uns seine Mutter, „da hätten wir alles in den kleinen Garten gequetscht. Der Hof dahinter, wo nur ein paar hässliche Hallen standen, hätte uns zwar gefallen, aber der Nachbar wollte nicht verkaufen. Also noch nicht …“ Irgendwann verkaufe ich euch das mal, hatte er immer gesagt. Aber wenn die Hasselbachs ihn gefragt haben, dann meinte er, dass es noch zu früh sei. „Fragt vielleicht nächstes Jahr noch mal“, kam dann zur Antwort. Kurz nach dem letzten Nein wurden dann also Pläne gemacht, wie man mit dem begrenzten Platz auskäme. Irgendwie bekam der Architekt das dann auch hin. „Einen Tag, bevor der Johannes den Bauantrag einreichen wollte, rief dann der Nachbar an. Er habe sich überlegt, dass es jetzt doch an der Zeit wäre, wenn man denn noch wolle. Den Architekten mussten die Hasselbachs dann erst einmal mit viel Riesling beruhigen. Alles auf Anfang, umplanen. Dafür gibt es dann bald Platz genug. „Wir können den alten Keller erhalten“, schwärmt Johannes von den neuen Plänen, „und haben trotzdem hinten eine richtig gute Anfahrt und Hallen, in denen wir nicht mehr alles hin- und herschieben müssen.“ Bei den Bauarbeiten entdeckte man im Hang des Nachbargrundstücks einen alten gemauerten Keller. „Keine Ahnung, wie alt der ist, den wollen wir aber erhalten und irgendwie integrieren. Sorgen hat uns nur der Keller des alten Nachbarhauses gemacht. Da lagen zwar auch ein paar alte Weinfässer drin, aber der ist in den 50er-Jahren gebaut worden und war, nun ja, etwas komisch …“ Die Stahlbetonwände waren so dick, dass der wohl kaum nur für die Weinlagerung gebaut war, an abreißen war nicht zu denken. „Wir haben dann mal recherchiert und sind darauf gekommen, dass der damalige Besitzer sich den direkt als Atombunker gebaut hat. Vielleicht machen wir ja da unser Raritätenkabinett daraus. Immerhin sind unsere Top-Weine dann bombensicher untergebracht.“

 

UNSERE WEINTIPPS

Jean Baptiste Riesling Kabinett

Brillantes Bouquet mit feiner Frucht-Aromatik nach Pfirsich, Aprikosen und grünem Apfel. Trinkfreudiges Spiel von Frucht und Säure. Isotonisches Gartengetränk mit Suchtpotenzial.

2015 Jean Baptiste Riesling Kabinett 0,75l nur 8,90 €

 

Riesling „Als wär’s ein Stück von mir“

Granny Smith Apfel, grasig, nasser Stein bestimmen die messerscharfe kühle Aromatik. Athletisch, mineralisch geprägter Riesling von der Rheinfront. Sorry, aber einfach nur saustark!

2015 Riesling „Als wär’s ein Stück von mir" 0,75l nur 11,50 €