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Crossover Maggi

Wenn Sie sich selbst als Feinschmecker sehen, werden Sie sich sicherlich mit einigem Grauen an jene eckige, mit einer undefinierbar dunkel-salzigen Sauce gefüllten Flasche erinnern, die früher auf kaum einem Küchentisch fehlen durfte. Das Design würde man heute mit Fug und Recht als ?retro? bezeichnen und so wundert es, dass sie sich in den Berliner Szene-Bars neben dem Schwarzwaldmädelbier oder der Afri-Cola noch nicht wieder etabliert hat. Aber vielleicht passt sie ja einfach nicht zu Sushi, Currywurst, Spaghetti al pesto oder vietnamesischen Suppen. Und allem Retro zum Trotz ist Erbsensuppe immer noch weit davon entfernt wieder fancy zu werden.

Hilfsweise greift der Prenzelberger oder der Bewohner vergleichbarer Trendsetterbezirke in anderen Großstädten also zu Sojasauce oder zum Nachfolgemodell des universellen Würzmittels, der an kulinarischen Einfällen ja nicht armen Antike (Igel in Fischbrühe, Drosselzungen etc.), der asiatischen Fischsauce. Zum besseren Verständnis ihrer Würzkraft muss man nur folgendes kleines Experiment durchführen: Geben sie ein paar Spritzer der öligen Flüssigkeit auf ihren Handrücken, verreiben Sie das Ganze etwas und dann brauchen Sie nicht einmal mehr tief Luft zu holen um das einmalige Odeur umwerfend zu finden. Freunde machen Sie sich sicherlich wenige damit (und wenn, sollten sie diese besser meiden), aber freier Zugang zur Theke ist ihnen an diesem Abend gewiss.

Die Antike nannte dieses universale Würzmittel Garum oder Liquamen und es mag auch feine, subtile dieser Würzsoßen geben, aber mir ist leider noch keine untergekommen. Angesichts des für das moderne Hygieneverständnis etwas fragwürdigen Herstellungsprozesses verständlich. Was würden Sie erwarten bei dem Gedanken, ganze Fische und besonders die Innereien (komplett und ohne Abzug) mit reichlich Salz zu vermischen und monatelang der Sonne auszusetzen, bis sie fein durchgegoren sind. Eben!

Dass moderne Spitzenköche hier zurückschrecken, ist wohl verständlich, wobei man das Garum auch an den wenig sparsamen Tafeln der Imperatoren reichlich verwendete. Dass die selben Köche aber, gleichsam als Surrogat solcher ungebändigten Würzeskraft und in blinder Begierde nach dem asiatischen Gewürzrausch, zu einem anderen Saucenrodukt greifen und damit fast alles Essbare in ein Crossover-Geschmackserlebnis zu verwandeln meinen, ist weniger ein Ausdruck von imperialer Souveränität, als internationalisierter Hilflosigkeit.

Wenn Mozarellastücke oder zu Tode frittierte Gemüsetäschchen unisono mit rohen Fischbällchen, Hühnerflügeln, Wachtelbrüstchen, Tafelspitzstücken oder gar kleinen Weißwürsten in einer schleimigen Sauce aus Wasser, Chilli, Zucker, Knoblauch, Essig und Maisstärke schwimmen ist akuter Crossover-Alarm angesagt. Die oft in holländisch verfasste Aufschrift solle uns ja schon warnen, dass es sich bei der ?Pikante chili saus voor kip? nicht um ein Produkt raffinierter Hochküche handelt, sondern um etwas, dass wohl noch banaler ist als der Inhalt der eckigen Retroflasche. Chili Chicken Sauce ? pappige Süße statt subtiler Aromen.

Bedenkenlosigkeit war leider noch nie ein guter Küchenmeister und es wird nicht alles dadurch, dass man es in eine rote, süß-scharfe Sauce mit dem feinen Geschmack nach aufgeweichten Gummibärchen und Samba Olek tunkt zur genialen euroasiatischen Kombination. Bei manchen dieser neuerdings im Raum umherfliegenden Buffets, würde man sich daher schon fast die aus der Kindheit bekannte und verhasste Garum Sauce

zurückwünschen. Crossback Küche vielleicht, aber ich befürchte, die altbekannte Würze passte genau so wenig zu den herumfliegenden kulinarischen Pettitessen.