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Das Boutique Weingut

Wir fahren durch die quälenden Staus von Bordeaux nach Süden. Güterbahnhof, Autobahnring, plötzlich tauchen hier und da zwischen hübschen Vorstadtsiedlungen und Gewerbegebieten einzelne Weinberge auf. Das ist also Pessac-Léognan. Nirgends sonst wird klar, wie stark die Stadt Bordeaux und der Weinbau ineinander verwoben sind. Hier pflegen sie eine regelrecht symbiotische Koexistenz.

“ Wie bist du überhaupt an das Weingut gekommen?”, frage ich Marco. “Ach das ist eine lange Geschichte …” Der Verkehr auf der E72 wird dichter. Wir haben also Zeit. “Vor ein paar Jahren hab’ ich mal einen 96er von denen auf einer Weinauktion gekauft und den fand ich erstaunlich gut.” Wegen eines guten 96er listen wir ja keine neuen Weingüter, aber dann kam eine kleine Odyssee. Marco, immer auf der Suche nach der besonderen Entdeckung, gerade in Gebieten in denen man glaubt schon alles zu kennen, hat dann am Weingut mal angefragt. Preisliste, Probeflasche(n), gegen Bezahlung versteht sich. “Die Story fand ich schon besonders. Der Inhaber ist nämlich Kellermeister auf einem anderen, bekannteren Weingut und bewirtschaftet hier nur vier Hektar. Ganz ohne Chemie und Schwefel und alles nach Mondphase und so. Du verstehst.” Aber dann passierte erst einmal nichts; es kam keine Mail zurück. Also rief Marco an und erreichte Cyril tatsächlich, aber: “Keine Zeit, muss gerade in den Keller, Probeflasche geht nicht”, doch auch ein versöhnliches “wenn du mal in der Gegend bist schau doch mal vorbei … tut, tut, tut …”

“Irgendwann kam dann mal eine Einladung zu einer Freak-Verkostung in Berlin”, erzählt Marco, “auch nicht gerade um die Ecke.” Aber so etwas lässt ihm ja keine Ruhe. Also Primeur-Verkostung im Frühjahr 2017, “beim 16er war alles so super, da musste ich nicht jeden Wein dreimal verkosten”, da hat er die lockere Einladung ernst genommen. Handy raus, Château Mirebeau angewählt. “Klar, komm vorbei, ich bin im Keller.” Marco sieht aus, als sei er ziemlich froh über seine Hartnäckigkeit, muss eine gute Verkostung gewesen sein. Vielleicht auch mit einem weiteren 96er.

Cyril und Florence DubreyWeinbereitung auf Mirebeau

Cyril wartet dann schon vor der Tür als wir kommen. Am Rande der Stadt macht das hier schon einen erstaunlich ländlichen Eindruck. Cyril, klein, rustikal gekleidet, begrüßt uns ziemlich knapp. Man weiß nicht so recht, ob man hier willkommen ist, aber es macht auch erfreulicherweise nicht den Eindruck, als müsse man sich auf “richtige Verkaufsgespräche” einstellen. Cyril bleibt erstaunlich ernst und kein Stück unsicher, “wir fangen im Keller an!”, bestimmt er auf französisch. “Sehr gerne”, antworten wir auf Englisch. Der Platz im ebenerdigen Keller würde für hunderte Fässer reichen, doch nachdem Cyril den Lichtschalter betätigt hat, taucht im Dämmerschein nur ein mageres Dutzend Barriques auf. „Das ist der 2017er, da hat es nicht viel gegeben.” Aber auch sonst werden sich bei gerade mal vier Hektar die Fässer in dem alten Gebäude niemals stapeln. Wir verkosten uns von Fass zu Fass, “das ist alles natur pur”, erklärt Cyril, “keine Chemie, kein Schwefel.” Das ist schon erstaunlich für das Bordelais, wo man den Eindruck gewinnen könnte, dass guter Wein planbar ist. “Ich sage ja nicht, dass ich das dem Zufall überlasse,” kontert er, während wir fließend vom Französischen ins Englische wechseln und zurück. Cyril hat so ziemlich alles studiert und gelernt, was man im Weinbau lernen und studieren kann und es macht den Eindruck, dass er genau weiß was er tut. “Wie kommst du eigentlich zu dem Weingut hier?”, fragen wir ihn. “Nun ja, der Anfang war ja schon so,” erzählt er und lacht tatsächlich ein wenig, “Ich bin in einem Weinberg geboren worden”, wir lachen. “Echt!” Es bleibt offen, wie weit das im übertragenen Sinn gemeint ist. “Also bin ich Oenologe geworden und während meines Praktikums auf Trotanoy habe ich am Ende einer Rebzeile eine junge Frau umgerannt. Hat sie mir aber offensichtlich nicht übel genommen, denn ein paar Jahre später haben wir geheiratet. Als wir dann ein Haus gesucht haben, musste es was mit einem kleinen Weinberg sein.”

WeinernteChateau Mirebeau

Ok, vier Hektar sind etwas mehr als ein Garten, aber für das Bordelais irgendwie doch ein Hobby-Weingut. “Dann haben wir uns gesagt: wir machen da unseren eigenen Wein, so wie wir uns das vorstellen. Hier spielen die Kinder aus der Nachbarschaft im Weinberg und wir wohnen hier, also kam Chemie nie in Frage und wenn schon naturnah, dann auch richtig.” Natural Bordeaux. Der Wein ist irgendwie ungewöhnlich, aber auch nicht das Zeug, das man sich erst schönreden muss, ganz zu schweigen von dessen Verkehrsfähigkeit, die man manchmal anzweifeln muss. Ich begehe den Fehler, das auch so zu sagen. “Ein guter Wein braucht nichts anderes als Trauben und Hefen und das haben wir alles hier im Weinberg”, werde ich belehrt. Merlot, Cabernet Sauvignon, Petit Verdot und etwas Carmenère stehen auf dem seichten Hügel inmitten des kleinen Ortes Martillac. Hier wird schon mindestens seit dem 17. Jahrhundert Wein angebaut und ich würde sagen, was Cyril macht, ist das Beste und Interessanteste, was der Weinberg je hergegeben hat. Bordeaux individuell, wie der Winzer so der Wein. Gut, dass Marco so hartnäckig geblieben ist.

 

2014 CHÂTEAU MIREBEAU

A.O.C., Graves & Pessac-Léognan

So weit weg von einem klassischen Bordeaux, wie man es bei Vin Naturel erwarten könnte, ist der 2014er Mirebeau nicht. Im Gegenteil. Liebhaber wirklich traditioneller Weine sind hier ebenso angesprochen wie Newcomer in der Region, die mal einen individuellen Wein jenseits des technischen Winemakings probieren wollen. Er zeigt sich nach etwas Belüftung schon jetzt harmonisch und trinkfreudig. Attraktiv, würzig im Duft nach Kubeben-Pfeffer, reifen Kirschen, Brombeeren, Aronia und getrockneten Kräutern. Am Gaumen zupackend urwüchsig. Seine saftige Konzentration und Frische macht ihn ungemein animierend, man hat immer Lust auf einen nächsten Schluck. Die Stärken des Jahrgangs treten dank toller Reife voll zu Tage: Der 14er Mirebeau ist geradlinig und intensiv zugleich, bleibt fein nach mit einem Geschmack, der an edle Bitterschokolade erinnert. Das ist einfach eine geniale Mischung aus dezent-rustikaler Würze und der delikaten Finesse von Pessac-Léognan.

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*Alle Angebote gelten bis 11.11., bzw. so lnage der vorrat reicht.