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Am Ende der Welt

Eine Winzerin ist im Bordelais immer noch eine Seltenheit, vielleicht müssen wir daher bis ans Ende der Appellation fahren, um Anne-Laurence, die alle nur Anne-Lo nennen, kennenzulernen. “Ach nein,” sagt sie leise freundlich, “das war doch mal, das ist doch gar nichts Besonderes mehr.” Dabei klingen aber der leise Zweifel und die Erinnerung an ihren Werdegang mit. Anne-Lo kommt nämlich gar nicht aus einer Weinregion, sondern aus der Bretagne. “Aber der Wein hat mich immer begleitet”, erzählt sie uns, “mein Großvater war Weinhändler in Pont Aven und ich erinnere mich noch genau daran, wie Großmutter und er die Weine aus den Fässern in Flaschen gefüllt haben. Erst roch alles nach Wein und dann nach Leim, denn dann haben sie stolz das Etikett mit ihrem Namen ‘Yves Chauvel – Weinhändler’ draufgeklebt. Bei uns in der Familie war Wein alles und mein Großvater hat mir auch immer beim Essen einen Tropfen Wein in mein Wasserglas getan. Wasser pur, das war ja irgendwie undenkbar und wenn es nur ein Tropfen war, um das Getränk zu veredeln.”

Anne-Lo Winzerin auf Château Marsau und ihr Mann Matthieu

“ Wolltest du denn immer was mit Wein machen?” Sie lacht, “Oh Gott, nein. In der Schule war eigentlich Mathematik mein Lieblingsfach und ich wollte immer was damit machen. Aber irgendwie hatte ich auch ein großes Faible für die Natur, also hab’ ich irgendwann beschlossen, es einfach mal mit Landwirtschaft zu versuchen, hab’ in Angers Agraringenieur studiert. Dann kam der Moment, wo man sich spezialisieren sollte und da musste ich an den Duft im Keller meines Großvaters denken und habe beschlossen, meinen Studiengang in Bordeaux zu beenden. Kurz vor dem Abschluss lernte ich dann Mathieu kennen.” “Oh ja, in einer Weinbar”, wirft Mathieu ein, “das war Liebe auf den ersten Blick. Wir haben den gleichen Wein bestellt und festgestellt, dass wir nicht nur den gleichen Weingeschmack haben, sondern auch denselben Patissier, Boulanger und Fromagier bevorzugen.” “Du darfst die Schokolade nicht vergessen, das ist nämlich ein Nachbar von uns.” “Ja, als wir kurz darauf zusammen eine Wohnung gesucht haben, waren die Kriterien nicht, Quadratmeter, Zustand oder sonst etwas, sondern die Nähe zu unseren Lieblingsgeschäften und Märkten.” “Nur der Preis war entscheidend, denn wir hatten kein Geld und das Essen und der Wein waren immer wichtiger als die Tapete an der Wand.” “Das ist ja zum Glück etwas besser geworden jetzt”, meint Mathieu, “aber unsere neue Wohnung ist auch nicht weit weg von der alten und zum Glück hat der Chocolatier sein neues Studio direkt um die Ecke eingerichtet.”

Himmel und Weinberge - Côte de FancsIn den Weinbergen von Château MarsauNatur pur auf Château Marsau

Als Anne-Lo mit ihrem Studium fertig war, hat sie Erwan Flageul direkt als technische Direktorin für Château Brillette angeworben. “Einerseits war das fantastisch, weil ich direkt wahnsinnig viel alleine entscheiden durfte, andererseits habe ich mich dann da so reingesteigert, dass neben dem Wein und den Weinbergen gar nichts anderes mehr existierte.” “Dann kam Leo”, meint Mathieu, “das änderte viel.” “Schon als ich schwanger war, habe ich gemerkt, dass man eigentlich nur ein Kind haben kann und mein Zugang zu Wein vielleicht etwas weniger emotional sein sollte.” Anne-Lo wechselt also nach einer Babypause zu Château Palmer. “Eines der großen Châteaux. Ein tolles und superprofessionelles Team. Da hab’ ich noch einmal eine Menge gelernt. Über Technik, aber auch viel über die Arbeit mit Wein. Aber eben auch, dass ich nicht für immer auf so einem großen Weingut bleiben wollte. Mir fehlte da die Abwechslung, da kam schon irgendwie der Gedanke auf, mal ein eigenen Weinberg zu haben.”

Das Weingut Château Marsau liegt nur ein paar Kilometer entfernt von Montpeyroux in der Dordogne (nicht zu verwechseln mit dem Montpeyroux im Languedoc). Mathieu ist hier geboren und sein Vater, ein Landwirt, hat 1994 ein paar Hektar Weinberge und ein paar heruntergekommene Gebäude auf der anderen Seite der Departmentsgrenze gekauft, Château Marsau. “Wenn man als Landwirt Land günstig kaufen kann, reizt einen das immer”, meint Mathieu, “das liegt scheinbar in den Genen.” Und dann nicht nur Landwirt in der Dordogne, sondern plötzlich Winzer in Bordeaux. Aber natürlich wachsen auch in Francs die Trauben nicht von alleine in den Himmel. Jean-Marie Chadronnier war nicht wirklich zufrieden mit den Weinen, die man auf seinem Land machte, obwohl er den berühmten Michel Rolland als Berater engagierte. Dem Wein fehle irgendwie die Seele, sagte er einmal. Also machte er seiner Schwiegertochter ein Angebot: “Mach du doch den Wein. Ihr erbt das Weingut doch ohnehin eines Tages, also wäre es doch toll, wenn du da was draus machen würdest.” “2012 war mein erster Jahrgang”, erzählt sie, “und was war ich stolz, als die wichtigste asiatische Weinkritikerin, Jeannie Cho Lee, positiv über den Wein schrieb und über den 13er dann auch noch.”

Das Terroir von Château MarsauDas Chais auf Château MarsauVerkostung im Weinberg von Château Marsau

Wir sind mittlerweile am Ende der Weinberge angelangt. Ein dichter Eichenwald schließt die Weinberge ab. “Dort hinter dem Zaun ist schon das Bergerac”, meint Mathieu. “Hinter dem Zaun? Ist ja wie vor 89 in Deutschland.” “Ach, das ist wegen der Wildschweine”, erklärt Anne-Lo, “sonst haben wir irgendwann keine Trauben mehr. Das ist der Nachteil an einer so abgeschiedenen Lage. Und unser Merlot muss besonders lecker sein, die Nachbarn haben da nicht so viele Probleme mit …” Merlot, Anne-Lo hat sich richtig verliebt in diese Rebsorte, sie schwärmt von seinem Parfum, seiner Eleganz, seiner Finesse. Folgerichtig hat sie, seit sie auf Marsau ist, die letzten Prozente anderer Rebsorten aus dem Wein verbannt. “Eigentlich ist das hier ein reinsortiger Single-Vineyard-Wein”, meint sie. Gerade einmal zehn Hektar Rebfläche gibt es für den Grand Vin und der hat ein ganz besonderes Terroir. Durch die Wälder drumherum werden die Trauben hier etwas später reif, sind aber aber auch geschützter, die lehmigen Böden sind von auffällig roter Farbe, was auf einen hohen Eisenanteil hinweist. Dicke Kalksteine liegen überall herum. “Die Lehmauflage ist nur sehr dünn, aber der Eisenanteil ist extrem gut für den Merlot”, erklärt Anne-Lo, “da unten die Parzelle wird schon wieder heller, da ändert sich der Boden, daher ist das auch nur für den Zweitwein. Außerdem sind die Reben hier oben etwas älter, die meisten sind 1978 gepflanzt worden.” “Vielles Vignes”, sage ich. “Anne-Los Geburtsjahr”, ergänzt Michel. “Fettnäpfchen”, meint Marco. “Ich bin froh, dass ich die habe”, schließt Anne-Lo das Thema ab und wir gehen zu einem Gartentisch, der mitten in den Weinbergen steht. “Wir dachten, wir verkosten die Weine hier im Freien. Das Wetter scheint ja zu halten.” Natürlich wird nicht nur verkostet, es gibt auch was zu Essen. “Die Paté haben wir selber gemacht”, erklärt Michel, “da kommt immer die ganze Familie zusammen, um die zuzubereiten. Davon gibt es leider viel zu wenig.” Natürlich kommt das Brot vom Lieblingsbäcker um die Ecke, der Käse vom Lieblingsfromagier, der Schinken vom Lieblingsmetzger und dann gibt es auch noch was vom Chocolatier, bien sûr. Mitten im Weinberg, ein perfekter Oktobertag, ein paar Wölkchen am blauen Himmel, Käse, Paté de Bergerac, Bauernbrot, ein Glas Château Marsau, da kann kein Sterne-Restaurant der Welt mithalten.

französische GastfreundschaftMittagessen an der Côtes de FrancsIm Weinberg von Château Marsau - Mittagessen

Zum Abschied gibt uns Anne-Lo noch eine Tafel von ihrem Lieblingschocolatier als Wegzehrung mit. “Ihr müsst ja noch bis Bordeaux fahren”. Die Tafel hat nicht einmal bis Saint-Émilion gehalten. 

 

 

2015 CHÂTEAU MARSAU

A.O.C., Côtes de Francs

Der beste Marsau, den es je gab, und ein Meilenstein auf dem Weg von Anne-Lo zu bedeutenden Bordeaux- Weinen. Der 15er ist auch etwas für Bordeaux- Freunde, die sonst in prestigeträchtigeren Gemeinden am Linken Ufer fündig werden, wo man zu diesem Preis kaum noch solche Qualitäten bekommt. Intensiver, würziger Duft nach Pfaumenkonfitüre, Cassis, Graphit und schwarzem Trüffel. Kräftiger Geschmack mit jugendlich herzhaftem Gerbstoffeindruck, der die Fülle des Weines zusammen mit einer gut eingebundenen Frischeader gelungen ausbalanciert und für Trinkfluss und pikanten Nachhall sorgt. Seinen großen Auftritt hat dieser authentische Rote zu deftigen Schmorgerichten oder zum Steak vom Grill.

0,75l nur 16,90 € im 11+1 Angebot  shopping_basket

 

Hier finden Sie alle Weine von Marsau

 

*Angebote gelten bis zum 11.11.2018, bzw. so lange der Vorrat reicht.