Zurück

Bordeaux 2018: Eine Frage der Balance

Dem 2018er Jahrgang hallt ein Ruf wie Donnerhall voraus. James Suckling nennt ihn einen „all-time great“ und siedelt ihn auf einem Niveau mit den berühmten Jahrgängen 1989, 1982 und 1959 an. Zusammen mit 2010 und 2009 steht er für ihn noch vor 2015 und 2016. Da auch der Wine Spectator schon Höchstnoten vergeben hat, werden wir wohl auch von Lisa Perrotti Brown sehr hohe Wertungen erwarten dürfen, die Sie am Ende des Monats unter robertparker.com veröffentlichen wird.

Dass 2018 hedonistische Weine in großer Zahl zu bieten hat, steht außer Frage. Viele sind begeisternd gut und gehören zum allerbesten, was Bordeaux jemals hervorgebracht hat. Bei den Proben gab es viele Muster, die sich als so zugänglich erwiesen, dass man sie gleich hätte trinken wollen, weil ihre Fruchtintensität so stark, geradezu betörend war, dass auch die hohen Tannine, die dabei sehr reif sind, nicht unangenehm ins Gewicht fielen. Auch die Frische ist da. Sicher nicht in dem Maße wie 2016, wo die Weine bei den Verkostungen auch deutlich verschlossener waren. Die Zugänglichkeit der Primeurs ist sicher bei vielen Weinen auch ein Garant für früheren Trinkgenuss, die großen Weine werden aber sehr lange reifen müssen, um in Trinkbalance zu kommen. Das sollte man einplanen.

Château Montrose Barrique Keller Team von Château Rauzan Segla

Im allgemeinen Jubel möchte ich auch in diesem Jahr ein paar kritische Betrachtungen einfließen lassen. Einen Jahrgang wie 2018 hat es in Bordeaux so bisher noch nicht gegeben. Deshalb kann man aus meiner Sicht auch keine zielführenden Vergleiche ziehen. Neben der Frage der Qualität, die außer Frage steht, darf man sich die Zeit nehmen, etwas über den Stil der Weine zu philosophieren, der sich in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich verändert hat, gerade weil sich die klimatischen Bedingungen von Jahr zu Jahr immer schneller verändern. Sicher: Früher war nicht alles besser. Wenn man an Jahre der 1980er denkt, in denen die Reife schlichtweg nicht ausgereicht hat, um einen guten Wein zu produzieren, sind heute selbst Jahrgänge wie 2013 keine Katastrophe mehr. Die Châteaux sind in der Lage, sich den klimatischen Bedingungen immer wieder aufs Neue anzupassen und Jahr für Jahr das bestmögliche Ergebnis in die Flaschen zu bekommen. Darin sind sie so gut geworden, dass man ab einem gewissen Preisniveau  fast gar keinen schlechten Bordeaux mehr kaufen kann. Die Selektion ist drakonisch streng, nur die allerbesten Trauben gelangen in den Grand Vin.  Auch die stilistischen Unterschiede sind vielleicht so ausgeprägt wie noch nie. Exzessiver Neuholzgebrauch gehört der Vergangenheit an. Im Keller wird immer schonender gearbeitet. Man feilt und feilt weiter am eigenen Profil. Mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden kennt man die Weinberge bis ins Detail, es wird Parzelle für Parzelle zum besten Zeitpunkt gelesen, separat ausgebaut, die finalen Cuvées werden in neu renovierten Kellern immer perfekter herausgearbeitet. Es wurde und wird schlichtweg alles getan, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Darüber kann man sich nicht beschweren. Es ist sicher zum Teil auch eine Rechtfertigung für den Preisauftrieb der letzten Jahre, denn bei fast allen Chateaus bekommt man heute deutlich mehr Wein für sein Geld als noch im letzten Jahrhundert.

Château Pontent CanetChâteau Pontet Canet Pferd

Diese allgemeine Betrachtung führt uns direkt zum Jahrgang 2018. Ein Jahrgang der Extreme. Irgendwie nichts Neues. Mitte des Jahres sah in Bordeaux alles nicht so gut aus. Bis in den Juni war es viel zu feucht, was im ganzen Anbaugebiet zu mehreren Infektionsschüben von Mehltau geführt hat, der so hartnäckig war, dass besonders die biologisch arbeitenden Weingüter mit extrem hohen Einbußen bei der Ernte leben mussten. Dann drehte das Wetter jedoch komplett und bis in den Herbst hinein herrschten warme und trockene Bedingungen für eine hohe Traubenreife. Das hat viel Châteaux dazu verleitet, die Ernte so weit wie möglich nach hinten zu schieben. Wegen der trockenen Sommermonate waren die Beeren ohnehin sehr klein, teilweise wurde nun in Kauf genommen, dass sie noch eintrockneten. So wurde der Saft in den Beeren bis zur Ernte immer weiter konzentriert. Es gab am Ende also Beeren mit wenig Saft, deshalb insgesamt auch weniger Wein, aber mit immenser Konzentration. Die Beerenschalen blieben sehr dick, wurden dadurch viel später reif als die Kerne. All das erforderte ein gutes Händchen für den richtigen Lesezeitpunkt, der wegen des ausbleibenden Regens früher als in 2016 lag. Die Säure der Trauben ist insgesamt ausreichend, besonders auf den großen Terroirs erstaunlich hoch, aber in keinem Fall mit 2016 zu vergleichen. Um noch mehr Frische in den Wein zu bekommen hat man deshalb beispielsweise auf Vieux Chteau Certan die Cabernet Francs direkt nach den seltenen regnerischen Tagen im Herbst gelesen. Das klingt erst einmal absurd, aber in einem Jahrgang der Extreme waren eben auch ungewöhnliche Maßnahmen gefragt, um Wein auf allerhöchstem Niveau zu produzieren.

2018 hat von allem im Überfluss: Aroma, Extrakt, Tannin und Alkohol, der noch über dem Niveau von 2010 liegt. Nur die Säure ist insgesamt nicht ganz so hoch, wie man sich das vielleicht wünschen würde, ist aber auch nicht problematisch. Die Frische der Fruchtaromen ist schlichtweg so frappierend, dass man nicht meckern kann. Wer mehr Präzision auf höchstem Niveau möchte, kann sich an den 2016ern gütlich tun, deren Anlieferung kurz bevorsteht.   

Château Palmer Gesamte Ernte Château Palmer Damien Grelat
Auch wenn es gegenteilige Meinungen gibt und die ph-Werte im Vergleich zu 2009 recht hoch sind.  2018 ist aus meiner Sicht eher ein „Solaire“, sprich ein aromatisch warmer Jahrgang. Aromen von Rosinen und getrockneten Kräutern sind legitime Assoziationen, die man bei den Verkostungen an mancher Stelle haben konnte. Es gibt auch Weine die ganz einfach zu „hitzig“ geraten sind, weil man die Selektion vernachlässigt und es bei der Extraktion vielleicht etwas übertrieben. Das gilt erstaunlicherweise nicht nur für die Merlots aus Pomerol und Saint-Émilion, sondern auch für manchen Wein aus dem Médoc. So kommen an der einen oder anderen Stelle Assoziationen an Weine aus dem Napa Valley auf, was aber sicher auch keine schlechte Referenz ist. Dazwischen sind Weine von herausragender Qualität anzutreffen, die weit über ihrem üblichen Niveau spielen und so die Qualitätsentwicklungen der letzten Jahre weiter positiv fortsetzten. Hier seien Lafon-Rochet, Tour Saint-Christophe, Meyney,  Rauzan-Segla und Vieux Chateau Certan nur beispielhaft genannt, die jeweils den besten Wein ihrer Karrieren hingelegt haben dürften.
 

Eine Frage der Balance

Für mich ist am Ende in der Bewertung alles eine Frage der Balance. Von allem viel – das macht noch keinen großen Wein. Ausselektieren der überreifen Trauben war ein Muss, sanfte Extraktion auch. Die Konstanz ist nicht ganz so hoch wie in 2016. Geschmackliche Exzellenz ist besonders in diesem Jahr bei allem Handwerk eine Frage der Qualität des Terroirs, denn die beste Balance kommt am Ende immer noch von den besten Weinbergen. Trotzdem: Wenn die Preise nicht ausufern, gibt es viele Weine, die viel Genuss fürs Geld bieten werden und deren Kauf sich mehr als auszahlen wird. Sicher werden sie frischer schmecken als die 2009er, was gute Neuigkeiten sind.

Jetzt, da die En Primeur Kampagne langsam startet, werde ich an dieser Stelle wieder meine persönlichen Punkte und Weinbeschreibungen folgen lassen, um ihnen eine weitere Möglichkeit zur Orientierung zu geben. Denn verpassen sollte man 2018 in keinem Fall. Und es gibt einige echte Highlights. So ist alles wieder in den Startlöchern für eine spannende Kampagne.

Mögen die Spiele von neuem beginnen!