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Bordeaux 2017 en primeur: Delikatesse pur!

Während der Primeurs-Verkostungen bot das Wetter in der Region wirkliche alle Facetten des nicht zu Unrecht als wechselhaft verschrienen Aprils. Von Sonnenschein über Regenschauer bis zu Gewitter und ein wenig Hagel, war während meines viertägigen Verkostungsmarathons alles dabei. Diese Unstetigkeit erscheint mir in der Nachbetrachtung geradezu sinnbildlich für die Qualitäten der 2017er Weine, die ich verkosten konnte, wobei man doch sagen muss, dass meine Eindrücke insgesamt positiv sind. Trotzdem ist 2017 kein Selbstläufer für die Subskription, weder für uns, noch für Sie. Eine selektive Auswahl erscheint mir deshalb ratsam, denn der Jahrgang ist deutlich heterogener als in den beiden großen Vorjahren.

Natürlich hatte ich schon etwas über den Jahrgang gelesen und gehört und mit versierten Menschen aus der Region über deren Erwartungen an 2017 gesprochen. Und wie immer ging es bei den Verkostungen der Primeurs von Anfang an darum, sich sofort von diesen Voreingenommenheiten zu lösen, egal ob diese den Klimaverlauf betreffen, der im Besonderen vom extremen Frost im Frühjahr geprägt wurde, oder einzelne Chateaux, von denen man grundsätzlich bestimmte Qualitäten erwartet (oder eben das Gegenteil). Das alles über Bord zu werfen ist immer meine erste Maxime, sonst kann ich keine Entdeckungen machen und verpasse so vielleicht die Weine, die meine eigenen Erwartungen übersteigen. Andererseits neigt man als Verkoster gerne dazu, seinen Lieblingen von vornherein eine erwartbare Qualität zu attestieren. Dann ist man schließlich auf der sicheren Seite. Und wer möchte schon einem 1er Grand Cru die Qualität absprechen? Das reicht ja fast an Gotteslästerung. Trotzdem sei auch an dieser Stelle wieder erwähnt: Es werden während der Verkostungen unfertige Fassmuster präsentiert, die ständig schwanken und von denen man auf einen Flaschenwein abstrahiert, der erst in 2 Jahren ausgeliefert wird. Ich habe deshalb versucht, so viele Weine wie möglich mehrfach zu verkosten, um sicherer zu gehen. Eine hundertprozentige Gewissheit über die finale Qualität gibt es aber nicht, obwohl man davon ausgehen kann, dass insbesondere bei Fassmustern, die nicht überzeugen, später auch kein sehr guter Wein folgen wird. Und die potenziell schlechten Weine zu meiden, ist schließlich in aller Interesse.

Weißweine

Durchgängig eitel Sonnenschein herrscht aus meiner Sicht bei den Weißweinen, die von den trockenen bis zu den edelsüßen Qualitäten mit Frische, Klarheit und Vitalität überzeugen können. Schade, dass diese Weine in Deutschland momentan keine echte Rolle mehr spielen, denn 2017 ist wirklich erstklassig geraten und gerade bei den Sauternes und Barsac nahe an der Perfektion. Hier lohnt es sich aus meiner Sicht wieder einen neuen Anlauf zu wagen, denn ich muss sagen, dass ich schlichtweg begeistert bin, welch hohe Qualitätsdichte, Stilsicherheit und Vielfalt es hier zu verkosten gab.

Die trockenen Weißen bieten feinen Schmelz und kristalline Klarheit, sie sind straff und präzise. Man gewinnt den Eindruck, dass der Holzfasseinsatz ausgesprochen gut dosiert ist. Das lässt viel Raum für delikate Fruchtaromen, die von der Sauvignon Blanc stammen – unabhängig von der Zusammensetzung der einzelnen Cuveés hat sie immer einen prägnanten Auftritt wie aus dem Bilderbuch. Kein Weißwein wirkte mollig, cremig oder gar überladen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Und das bei voller Reife. Das ist ganz sicher ein Jahrgang, um den Weißweinen des Bordelais wieder eine Chance zu geben, denn so gut wie heuer waren sie seit langem nicht mehr und es gibt viele kleine Weine mit einem ausgezeichneten Preis-Genuss-Verhältnis. 

Rotweine

Auch bei den Roten sind pure Frucht und Trinkanimation die Eigenschaften, die in der Summe am deutlichsten hervortreten. Nach den opulenten 2015ern, den strukturierten 2016ern, versprechen die 2017er attraktive Zugänglichkeit. Vermutlich werden sie nicht als Langstreckenläufer in die Geschichte eingehen. Das müssen Sie auch nicht. Echten Genuss schon früh zu garantieren, wird ein echter Vorzug des Jahrgangs werden. Um nicht zu überschwänglich zu sein: Es fehlt manchem Wein an Rückgrat. In der Gesamtschau gibt es aber in allen Appellationen wirklich attraktive Weine, die es zu subskribieren lohnt. 

Kurz zum Wetter: Im April gab es wie gesagt verheerenden Frost, vor allem in St.Emilion, Pomerol und den anderen Appellationen am rechten Ufer, was zu hohen Ernteeinbußen führte.  Auch die ungünstig exponierten Weinberge am linken Ufer haben gelitten, im Médoc also in der Regel die Châteaux, die weiter weg vom Fluss liegen, während die Toplagen überall zu 95% verschont blieben. Der Frost führte immerhin vielerorts, vor allem am rechten Ufer, quasi zu einer natürlichen Selektion, weil nur die schlechteren, sprich: kühleren Weinberge betroffen waren und diese dann fast vollständig. Es ist dadurch bei allen Weinen am Ende – wie immer – eine Frage der Selektion. Wer zu viele Trauben aus dem nach dem Frost entstandenen zweiten Austrieb in seine Cuvée mit aufgenommen hat, wird an grünen Aromen nicht vorbei kommen. Daher ist es auch nicht ratsam, in diesem Jahr auf Zweitweine zu spekulieren, denn diese sind in der Mehrheit nicht auf dem Niveau der Vorjahre. Trotzdem darf man nicht vergessen, das 2017 über den gesamten Zyklus ein sehr warmes Jahr war, die Reife war kein Problem, die Ernte erfolgte deshalb früh. Leider regnete es während der Merlot-Lese im September etwas, dafür gerieten die Cabernets auffallend gut und bestimmen die Aromatik der Weine des Linken Ufers deutlich. Sie sind ausgesprochen delikat und von nahezu perfekter Qualität, besonders im Médoc.

Die Stärken des Jahrgangs liegen in diesem Jahr deshalb auch im nördlichen Médoc, also in Pauillac, St.Estèphe und St. Julien. Die Weine aus Margaux fallen in der Breite qualitativ etwas zurück, hier findet man auch die größeren Schwankungen, dafür tolle Spitzen. Die roten Pessac-Leognans erscheinen auch wechselhafter als gewohnt, hier bin ich auch jedoch bis zu den Granden der Herkunft etwas enttäuscht. In Moulis gibt es nur einen klaren Favoriten, im Haut-Médoc in der Mehrheit zuverlässige Weine und nur wenige Ausreißer nach oben.

Am rechten Ufer beeindrucken die Pomerols etwas mehr als die Weine aus St.Emilion, letztendlich kann man über das was hier vom Frost verschont blieb, nur staunen. Hier finden Liebhaber „intellektueller“ Weine, die nicht durch Opulenz, sondern Finesse punkten, wirklich gute, vereinzelt geniale Weine. Sie leiden im Kontext der beiden großen Vorjahre etwas im Vergleich. Trotzdem würde ich den Jahrgang hier nicht unterschätzen, denn für sich betrachtet ist er wirklich delikat, gerade weil die Weine etwas leichter ausgefallen sind, die Frucht dabei sehr klar und die Tannine fein. Unreife Aromen sind bei den großen Châteaux am rechten Ufer die absolute Ausnahme.

Wie sollte man diese Kampagne also angehen? 

Die Weine von den großen Terroirs sind im Vorteil, der Fokus sollte aus meiner Sicht in diesem Jahr auf ebendiese Châteaux gerichtet sein. Ich glaube, es ist besser, eine Flasche von einem erstklassigen Wein zu subskribieren, oder eine Kiste, als zwei von einem kleineren Terroir. Ausnahmen bestimmen zwar die Regel, aber mehr auch nicht.  Am Ende des Tages kennt man ja die Weine, die man persönlich mag, und die Jahr für Jahr Qualität zu einem angemessenen Preis versprechen. Auf diese ist auch in diesem Jahr Verlass. 

Womit wir bei den Preisen wären. Es werden allgemein niedrigere Preise als in 2016 erwartet, alles andere wäre auch nicht angemessen. Ob die Preise sich unterhalb derer aus 2015 einpendeln werden? Das ist fraglich, aber möglich. Hier würden sie aus meiner Sicht auch hinpassen. Genauer gesagt zwischen 2014 und 2015. Wir werden sehen. Empfehlungen für einzelne Weine aus den verschiedenen Appellation werde ich in Kürze auf diesem Blog veröffentlichen, vielleicht vereinfacht Ihnen das die Auswahl noch ein wenig. Ab jetzt gilt, wie in jedem Jahr: Mögen die Spiele beginnen!

Fässer im Keller von Château Margaux
In eigener Sache: Bisher konnten wir der Versuchung widerstehen eigene Bewertungen zu vergeben. wir sind der Meinung, dass unsere subjektiven Empfehlungen völlig ausreichen und wir nicht in den Momentan beliebten Modus verfallen müssen, in dem man Weinen eigene, gewichtige Punkte gibt sofern sie keine anderen haben oder diese zu gering erscheinen. Nicht jeder Wein kann der absolut Beste sein. Bei der Bordeaux-Subskription haben wir uns dieses Jahr entschieden, die Bewertungen die unser Bordeaux-Experte Marco Lindauer bei seinem Besuch der En Primeur Verkostungen bisher für den internen Gebrauch gemacht hat zum ersten Mal zu veröffentlichen. Immer mehr Kunden haben uns nach unserer Meinung gefragt. Dieses Vertrauen freut uns und es zeigt auch, dass viele Weinfreunde mittlerweile einen skeptischen Blick auf die fast epidemisch anschwellende Zahl der Verkoster haben. Wir möchten Sie damit an unserer Erfahrung und unserer Meinung teilhaben lassen, aber wir bleiben bei der Meinung, am Ende des Tages kann man Punkte nicht trinken und wenn einem ein Wein Freude bereitet aber von den Auguren schlecht bewertet wurde, dann ist es nicht der Genießer, der was falsch gemacht hat.