Weinbergssucher - Poliziano

unter Weinbrevier, Winzer und Weine

Dottore Federico Carletti ist gut gelaunt. Es ist viel los auf dem Weingut. Eine Gruppe Japaner ist gerade in einem schwarzen Mercedes-Van vorgefahren und steigt andächtig aus. “Tolle Leute”, sagt Federico, “die machen einen guten Job in Japan für unseren Wein. Und jetzt besuchen die mal alle Weingüter,die sie aus der Toskana im Sortiment haben.” Die Tourenplanung scheint unserer ähnlich zu sein, wir begegnen dem schwarzen Van unterwegs noch mehrmals.“Ich geh erst mal mit euch in den Keller”, meint Federico, “dann können die so lange mit meinem Winemaker verkosten und dann tauschen wir.”

Er zählt kurz auf, was er noch mit uns vorhat: Keller,verkosten, die neuen Einzellagen zeigen, im Glas wie auch im Weinberg, Mittagessen – natürlich toller Aussichtspunkt, Geschichte des Weinguts, über Geschäfte und die Zukunft reden, ach und zwischendurch muss er sicher auch mal wieder zu den Japanern. Hatten wir zwei Tage eingeplant…? Aber Federico ist schon auf dem Weg in den Keller. “Platz”, sagt er, “viel Platz. Das ist erst einmal das Geheimnis guten Weinmachens. Wir bauen da auch jetzt noch ein wenig an. Da war eine Art Terrasse, aber da kommt jetzt eine zusätzliche Traubenannahme hin. Gerade im Herbst muss es schnell gehen, da zählt jede Minute.” Man glaubt es ihm auf’s Wort und er wird das auch problemlos seinen Mitarbeitern vermitteln. “Der Keller. Ich denke ihr kennt das. Die sehen hier in der Region nicht so unterschiedlich aus.”Dann gehen wir durch die endlose Batterie von Gärtanks. “Die TopWeingüter gehen dazu über, alle Parzellen einzeln zu vinifizieren. Man hat kleinere Mengen zu vergären und kann deutlich präziser arbeiten und nachher besser cuvetieren. Als ich anfing, haben wir einfach Füllungen gemacht wie die Fässer kamen. Außen ein Etikett und innen– na ja, wenn man ein gutes Fass erwischt hatte: Glück pur. Bei einem weniger guten lernte man die Sangiovese mal von ihrer spröden Seite kennen.” Er lacht laut auf, als wäre das ein Lausbubenstreich gewesen.“Da war der Vino Nobile ja auch noch richtig billig und wir hatten gar nicht die Möglichkeiten, es anders zumachen. Mein Vater hatte ein paar Hektar Weinberge gekauft weil er sich hier zur Ruhe setzen wollte. Ein Haus, etwas Land und ein paar Weinreben. Das war sein bescheidener Traum. Er hatte sein ganzes Leben als Vertriebsmann in der Baubranche gearbeitet und hat immer erzählt, dass er mit dafür gesorgt hat, dass alle Bauten für die Olympischen Spiele 1960 in Rom fertig geworden sind. Da war er stolz drauf und 1961 hat er dann seinen ersten Wein gemacht und im Fass an einen großen Abfüller verkauft.

Damals war der Montepulciano noch kein geschätzter Wein.” Die erste Flasche mit der Bezeichnung Poliziano kam dann zehn Jahre später auf den Markt, 1971. Poliziano, den eingängigen Namen hat er sich direkt schützen lassen, “dabei ist das einfach die Bezeichnung für die Leute aus Montepulciano. Die Montepulicianer sind die Poliziano. Einfach, oder?” Papa Carletti hatte scheinbar ein gutes Händchen, denn er bekam seine Weine gut verkauft. Sohn Federico studierte immerhin schon mal Landwirtschaft, “aber mit Weinbau hatte ich da nicht so richtig was am Hut.” Das änderte sich aber schnell, denn an der Universität Florenz begegnete er dem bekannten Önologen Carlo Ferrini und Maurizio Castelli und freundete sich mit ihnen an. “Mitte der 80er, das war die Zeit des Aufbruchs für den italienischen Wein. Der 85er Sassicia hatte das Tor zur Welt geöffnet und viele jungen Produzenten verstanden, dass es sich lohnte, in Qualität zu investieren. Also hab ich auf dem Weingut meines Vaters angefangen.” Das waren damals 20 Hektar und nicht alle mit Wein bepflanzt. Jetzt hat er 130 Hektar unter Reben und auch solche Mengen zu verkaufen, scheint immer noch kein großes Problem zu sein. Er zeigt uns sein neues Entrappungsgerät und den Sortierer. “Bei uns werden alle Trauben entrappt, aber ich glaube, das machen die meisten Winzer in der Region. Ist ja auch klar. Die Sangiovese hat ja kein Problem mit Säure und Tanninen, manchmal hat sie eher etwas zuviel davon und in den Rappen ist noch mehr enthalten. Das braucht der Wein natürlich nicht. Man kann sogar feststellen, wenn man auf den Rappen mal ein wenig rumkaut und den Geschmack mit anderen Weinreben vergleicht, dass die bei der Sangiovese ziemlich grün und bitter ausfallen. Also kommen die hier alle weg. Mit der neuen Technik geht das alles ganz sanft. Dann kommen die Trauben auf den Sortiertisch.Optisches Verfahren. Geht super.” Viel hat sich über die Jahre verändert. “Kurz nachdem ich bei meinem Vater angefangen habe, bin ich mal zur Ernte zu Château Montrose gefahren, weil ich die Weine so liebe. Ich war völlig schockiert. Die ernteten alles mit der Hand. In Italien hatten gerade die Maschinen Einzug gehalten und man war stolz darauf. Aber wir haben alles wieder auf Handernte umgestellt und bis heute beibehalten.

”Mittlerweile entstehen so gut 500.000 Flaschen Montepulciano. “Unter den Kleinen sind wir recht groß”, meint Federico, “unter den Großen eher klein.Wir haben aber mal entschieden, dass wir für Poliziano ausschließlich Trauben aus unseren eigenen Weinbergen verwenden. Keine Zukäufe, keine Pacht.” Umso erstaunlicher, dass das Weingut doch so beachtlich gewachsen ist. Wir fahren in die Weinberge. Es geht flott über enge Teerstraßen, holprige Schotterwege und enge Kurven. Wenn nicht irgendwo immer wieder der Hügel von Montepulciano auftauchen würde, wäre man verloren. “Ich habe meine Weinberge vielleicht ein wenig unpraktisch gekauft, aber es ging mir nie darum, eine große Fläche möglichst nah am Weingut zu haben, ich hab immer viel Arbeit investiert, um den langfristigen Wert eines Weinbergs zu ergründen. Oft sind die besten Weinberge ja die, mit der die Genossenschaft oder die großen Massenproduzenten gar nichts anfangen können, weil sie zu geringe Erträge geben oder schwer zu bewirtschaften sind.” Wir stehen auf einem Bergrücken. Ein paar Wiesen, Bäume, Ginstersträucher. Weiter drüben ein paar Weinberge, einer davon leicht nach Osten ansteigend, links und rechts abfallend, fast wie ein flacher Dachfirst. “Asinone”, sagt Federico, “das war der erste >Single Cru< der Region. In den 60ern standen da noch Sangiovese, Trebbiano und Malvasia im Gemischten Satz. Wurde auch alles zusammen geerntet und zu einem Wein verarbeitet. Das war so üblich in der Region. Mein Vater hat schon angefangen, die Weißweinreben durch Sangiovese zu ersetzen. Heute haben wir da fast ausschließlich Prugnolo Gentile, eine besondere Version des Sangiovese und ein wenig Canaiolo und Colorino stehen. Man sieht direkt, dass das ein besonderer Weinberg ist. Exponierte Lage mit viel Sonneneinstrahlung, aber auch immer im Wind.” Klar, dass hier einer der Referenzweine der Region erzeugt wird. Bald wird es noch einen davon geben. “Caggiole. Den Weinberg hatten wir in den späten 80er Jahren schon einmal gesondert ausgebaut, aber ohne große Ambitionen. Dann ist aus der Einzellage eine Art Sonderabfüllung geworden, eine Marke. Wir haben uns damals eher am Médoc orientiert. Wie fast alle in der Toskana. Da dachten wir, dass wir die Marke so aufziehen können wie ein Château im Bordeaux. Aber schau dir mal die Weinberge an. Alle extrem unterschiedlich und oft weit auseinander.” Stimmt, dazwischen oft Täler, Wälder, Gras mit Weidevieh, Flächen auf denen Korn angebaut wird, Städte, kleine Gehöfte und ab und an auch mal ein Golfplatz. Die Toskana ist ziemlich offensichtlich nicht das Médoc. “Eben, auch unsere Sortimente sind ja nicht so. Klar, die Sangiovese dominiert, aber es gibt ja auch andere Rebsorten hier, Weißweine, Rosé. Das ist pure Vielfalt.” Also auch irgendwie nicht Burgund. Wir erkennen immer mehr, dass eine der ältesten Weinbauregionen der Welt eigentlich ganz jung ist und gerade ihre eigene Identität findet. Caggiole könnte ein Identitätsstifter für die ganze Region werden, ein Referenzwein dessen was möglich ist, wie wir nachher bei der Verkostung feststellen werden. “Glücklicherweise haben wir schon damals angefangen, den Weinberg neu zu bepflanzen, als wir noch garnicht die Idee für einen Cru hatten. Das Rebmaterial war eher so lala. Jetzt haben wir hier die besten Klone stehen, dicht gepflanzt auf den besten Unterlagen und mit geringem Ertrag. Ab 2015 ist dann Caggiole endlich wieder ein Cru und zu 100 % aus Sangiovese. Und dann hat uns die Natur im ersten Jahr auch noch einen wirklich großen Jahrgang geschenkt.” Federico strahlt.

“Ich zeig euch mal mein neuestes Projekt.” Wir fahren weiter über die Schotterpisten, die unser Navi oft genug als Hauptstraßen ausgibt. An einem steilen Hang liegt ein altes Gehöft. Ein Kran und ein Bauzaun zeigen an, dass hier was passiert. “Das alte Haus gehörte zu den Weinbergen da oben. Das war alles aufgelassen, die Stöcke längst gerodet. Das haben wir dann alles neu gepflanzt. Ich denke,das ist ein großartiges Terroir, wird vielleicht in ein paar Jahren mal ein eigener Cru.” Wir biegen am Haus ab. “Tolle Aussicht…”,sage ich. “Ja, das hab ich an jemanden aus Rom verkauft,” meint Federico, “Verrückt. Wir haben ja jetzt die Schnellbahnstrecke, da braucht man nicht einmal zwei Stunden und seitdem gibt es immer mehr Leute aus der Hauptstadt die herkommen. Der hat einen irrsinnigen Preis geboten, weil er genau das Haus haben wollte.Hatte schon fast ein schlechtes Gewissen, aber dann habe ich mir ausgerechnet wieviel tolle Weinberge ich davon kaufen kann…” Zurück im Weingut verkosten wir erst einmal die aktuellen Weine. Der 15er Caggiole hat wirklich etwas Besonderes, Einmaliges. Ein Wein voller Eleganz, der eher an einen Burgunder erinnert, als an das, was man von den Supertuscans so gewöhnt ist.Eine neue Dimension der Toskana irgendwie. “Und was ist dein Lieblingswein”, fragt Federico. “Der Rosso 2016”, antworte ich und weiß, das ich ein wenig gemein bin. Federico lacht. “Ja, der ist sowas von saufig, so was von Sangiovese, das ist Toskana absolut auf dem Höhepunkt. Trinkfreudig, strapaziert den Geldbeutel nicht und schreit geradezu nach toskanischer Küche und Freunden am Tisch.” Das ist das Stichwort. Der Tisch ist nämlich schon gedeckt.Es gibt Lardo, Salame, Crostini, Pinzimonio und andere toskanische Spezialitäten und dazu Caggiole und Rosso. “Das ist lustig,dass du den Rosso gewählt hast”, meint Federico, “aber wahrscheinlich merkt man an dem Wein am ehesten, dass wir in den letzten Jahren noch einmal einen bedeutenden Schritt nach vorne gemacht haben.” “Was habt ihr denn verändert”, frage ich etwas naiv. “Weißt du, es gibt 360 verschiedene Dinge die wichtig sind,um guten Wein zu machen, die man immer beachten muss, die man permanent ein wenig verändern muss und bei denen man immer noch viel dazulernen kann.” “Genau 360?” “Ganz genau, ich könnte sie dir jetzt aufschreiben…” “Äh, warum genau 360…” “Na für jeden Tag des Jahres eine und fünf Tage im Jahr hab ich halt frei.” Fünf Tage im Jahr frei? Man kann sich das bei Federico nicht so richtig vorstellen, aber wahrscheinlich macht er dann Urlaub auf Château Montrose.

 

2016 Rosso di Montepulciano

“Ja, die beiden Jahrgänge 15 und 16 haben uns richtig verwöhnt”, meint Federico, “aber wir haben eben in den letzten Jahren auch in die Weinberge und die Kellertechnik für die einfacheren Weine etwas investiert. Schließlich wollen wir ja auf den Rosso genauso stolz sein wie auf unsere anderen Weine.” Das kann er auf jeden Fall, denn der 16er ist eine absolute Granate was das Preis-Genuss-Verhältnis angeht. Die Frische und die zupackende Art hat für die Toskana geradezu etwas burgundisches. Der Wein lebt nicht von der Fülle, sondern von seiner gigantischen Fröhlichkeit.Die saftige Säure ist die einer reifen Frucht, eine herrliche Frische versprechend, die aber nie ins Herbe umschlägt. Man merkt, dass man die früher oft bitteren Tannine der Sangiovese mittlerweile perfekt im Griff hat. Die ätherischen Noten geben ihm noch eine gewisse Grandezza und es bleibt spannend abzuwarten, wie gut auch der “kleine” Poliziano sich die nächsten Jahre entwickeln wird.

0,75l  statt 11,00 € nur 9,50 € 

 

2015 Vino Nobile de Montepulciano

“Wir haben beim 15er den Holzeinsatz im Vergleich zu den Vorjahren noch einmal etwas reduziert”, erzählt Federico,“ich denke die Welt ist reif für den puren Saft der Toskana,den Sangiovese.” Wenn er so ist wie der 15er Nobile auf jeden Fall. Dabei ist in der Cuvée noch etwas Canaiolo und Merlot enthalten, aber die Toskaner sind eben auch extrem pragmatisch. “Canaiolo gab es hier ja schon immer und Merlot seit sicher 500 Jahren.” Klar, schließlich brachten alle um Italien streitenden Mächte etwas mit und die Toskaner suchten sich das Beste heraus. Im eher warmen Jahr 2015 zeigt er sich ganz deutlich von seiner noblen Seite. Ein wahnsinnig angenehmer, eingängiger Wein: Tiefe Fruchtaromen entströmendem Glas, auch edle, ätherische Noten, die an feinsten Tabak erinnern. Der Gaumen ist komplett, supersaftig, trotzdem feingliedrig und lang. Wird sicher noch zulegen können, ist aber schon jetzt ein großer Genuss. Wäre das Musik, dann eine Opernarie von Puccini!

0,75l nur 19,00 € 

 

2015 Vino Nobile de Montepulciano "Il Caggiole"

Federico kommt mit dem Caggiole seinem großen Traum ein Stück näher. “Ich habe immer alles in die Weinberge investiert”,sagt er “immer in die, die ich für die besten gehalten habe. Oft diejenigen, die keiner wollte, weil die Erträge gering waren oder die Arbeit dort schwer. Ich denke, dass unsere besten Weine, die besten Weine der Region, aus solchen Single Crus kommen sollten.” Mit dem Asinone hat er schon einen solchen Weinberg, mit dem Caggiole kommt jetzt ein weitererhin zu. “Der Caggiole spricht vielleicht noch mehr dafür, was in unserer Region möglich ist.” In der Tat, im Glas verströmter einen ganz erstaunlichen Duft. Ja, Sangiovese, aber von solcher Eleganz und Finesse, dass man sich eher an die ganz großen Namen des Burgund erinnert fühlt. Als ich ihn frage ob der Weinberg früher vielleicht einmal Chambertin geheißen habe, lacht er laut auf und meint “Clos de Bèze…” Ja, der Caggiole hat das Zeug zu einer der ganz großen Weinikonen der Region, und vor allem ist er ein Schritt zu Toskanern, die mehr auf Eleganz, als auf pure Power setzen.

0,75l  85,00 € 

 

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