Der Geheimtipp - Tenuta di Ghizzano

unter Weinbrevier, Winzer und Weine

Von Pisa geht es über eine langweilige Landstraße Richtung Südosten, die Toskana besteht aus kleinen Straßendörfern, Gewerbegebieten und hier und dort einigen verlassenen Hallen alter Landwirtschaftskooperativen. Kurz vor Peccioli wird die Straße enger und schlängelt sich durch ein kleines Tal. Sanfte Felder, unterbrochen von kleinen Waldabschnitten und ein paar Agritourisme Hinweisschildern. Hier nennt sich die Straße schon Strada Communale di Ghizzano und plötzlich in einer Kurve geht es steil hinauf auf einen wild von Wäldern und Weinbergen durchzogenen Hügel.

Dass hier der Ort Ghizzano liegt, merkt man erst, wenn man mittendrin ist. Vielleicht zwanzig kleine Häuser im alten Ortskern, nochmal so viele neuere auf den Bergrücken vor und hinter dem Ort. Ein paar Leute, die am frühen Abend auf der Straße sind, schauen und grüßen. Wahrscheinlich weiß nach fünf Minuten jeder, dass Fremde im Ort sind. Hier fahren nicht oft Autos durch. Hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Straße hinter Ghizzano unvermittelt in einen Schotterweg übergeht und der Ortskern definitiv nicht für moderne Autos gemacht ist. Wir verstehen jetzt die Liebe vieler Italiener zu ihrem alten Fiat Panda. Am höchsten Punkt des Hügels steht fast quadratisch und toskanisch schlicht eine alte Villa mit einem Turm. Il Ghizzano. Alles hier heißt irgendwie Ghizzano, der Ort, die Straßen, der ganze Landstrich und das schon seit 700 Jahren. Der Turm, von dem aus man einen einmaligen Ausblick auf die Hügellandschaft der Colline Pisane hat, datiert auf das Jahr 1370 und wurde von den Vorfahren von Carla und Ginevra Venerosi Pesciolini gebaut. Seit 700 Jahren ist das Land in Familienbesitz und Ginevra, die das Weingut leitet, lässt kaum Zweifel daran, dass die Familie mindestens weitere 700 Jahre bleiben wird.

Erst einmal treffen wir Mutter Carla, die uns durch den Garten direkt vor dem Haus führt. Von großen Mauern und Hecken umgeben und mit einer Mischung aus rechteckig angelegten Wegen, in strenge Formen geschnittenen Buchsbaumhecken, halbverwilderten Bäumen und den wilden Skulpturen nach Ovids Versen, besitzt ereinen ganz besonderen Charme. Jährlich findet auch ein kleines Musikfestival statt.Carla begrüßt noch die zwei Hunde, denen es gar nicht gefällt, dass man sie wegen des Besuchs angebunden hat und dann steigt sie mit uns auf den alten Turm. Sie wohnt noch in der Villa, die man irgendwann einmal,vielleicht vor vier- oder fünfhundert Jahren, an den Turm gebaut hat. Über alte, ausgetretene Stufen geht es erst durch das Wohnhaus, über eine Galerie hoch oben im Gewölbe des… nun ja, Wohnzimmers und dann vielleicht zwanzig Meter hoch auf den Turm. Carla scheint das öfter zu machen, denn die ausgetretenen, steilen Stufen bereitender alten Damen keinerlei Probleme. “Das ist Ghizzano”, sagt sie freundlich lächelnd und zeigt auf die Landschaft drumherum. Ghizzano ist insgesamt 350 Hektar groß, davon werden aber nur 20 Hektar für den Weinbau verwendet und weitere 20 für die Produktion von Olivenöl. Es gibt viel Wald, ungemähte Grünstreifen, Sträucher und Blumenwiesen und einige verstreute Gehöfte. “Wir haben viele Flächen als ökologische Regenerationsflächen ausgewiesen”, wird uns Ginevra später erklären. In einem Olivenhain wächst das Gras mannshoch, “gemäht wird erst im Spätsommer, wenn die Vögel gebrütet haben”, erklärt sie uns, “das ist ein wichtiger Rückzugsraum für Fasane, Rebhühner und andere Wildvögel. Unser Wald darf auch nur sehr begrenzt bejagt werden.Wir machen regelmäßig Wildzählungen und entscheiden dann zusammen mit dem Forstamt, was und wieviel gejagt werden darf. ”In der Tat sieht es um den Ort herum seltsam wild aus, wenig erinnert an ein klassisches Weingut.

Wir lernen Luciana und Michele kennen. Luciana organisiert das Büro und Michele ist sowas wie der Winemaker oder Außenbetriebsleiter. Man hat den Eindruck, dass auf Ghizzano die Zuständigkeiten nicht ganz so wichtig sind, denn während des Gesprächs wird klar, dass sich jeder irgendwie überall engagiert und am liebsten auch alles wissen will. 2003 hat Ginevra den gesamten Betrieb auf biologische Produktion umgestellt, in einer Zeit, in der fast alle Winzer in der Toskana das noch vehement ablehnten. “Zu teuer, geht nicht, das gibt keine Qualität, da verfault einem alles…” Es gehörte damals schon einiger Mut dazu, gegen den Strom anzuschwimmen, zum Glück gibt es in Ghizzano nur wenige Nachbarn und von denen baut keiner Wein an. Nur drei Jahre später wagte Ginevra dann den Schritt zur biodynamischen Anbauweise und seit 2008 ist sie auch offiziell zertifiziert. “Schwierig?” Michele zuckt die Achseln und lächelt, “Nein, eigentlich nicht. Wir waren alle davon überzeugt,also haben wir es durchgezogen.” Michele erzählt wie sich die Weine mit der Zeit verändert haben. Anfangs seien sie noch konzentrierter und holzbeladener gewesen, er nennt das American Style. Klar, nach dem großartigen Erfolg des Brunello wollte jeder solche Weine machen. Aber das ist nicht wirklich Ghizzano, und so hat man nach und nach einen eigenen Stil entwickelt. Finessenreicher, mit einer gewissen italienischen Leichtigkeit, aber auch Schmelz und der typischen Säure der Sangiovese. Vor allem die Jahrgänge 2015 und 2016 zeigen, wie großartig diese Weine sein können und der schwierige 14er beweist, dass Bio-Anbau in manchen Jahren, mit denen der ein oder andere konventionelle Winzer seine Probleme hat, erstaunliche Weine ergeben kann. “Wer bestimmt den Stil von Ghizzano?”, fragen wir. “Alle Winzer sagen eigentlich immer der Boden”, meint Michele lächelnd, “aber das stimmt natürlich nur zum Teil. Das Team muss natürlich eine Idee haben und wenn die mit dem, was der Boden und Landschaft hergeben, übereinstimmt, dann kann ein großer Wein entstehen.” “Schaut mal, wir sind fast alle seit 1999 dabei”, ergänzt Luciana, “es hat bei uns kaum Wechsel gegeben und alle sind wir aus dem Ort und seiner direkten Umgebung. Das ist doch auch so eine Art Terroir…” Wir probieren den 15er Nambrot, der uns etwas wilder und ungestümer vorkommt als ältere Jahrgänge. “Ja, das war früher fast reinsortig Merlot, mittlerweile haben wir da mehr Petit Verdot und Cabernet Franc drin, jeweils so 20 %, die geben dem Wein deutlich stärker unseren Charakter und die wachsen hier prima.”Später in den Weinbergen wird uns Michele zeigen, wieviel Spaß BioDyn-Weinbau machen kann. Auf einem Gaskocher steht ein alte rverbeulter Topf in dem ein Präparat vorsichtig erwärmt wird. Auf seinem Quad hat Michele eine große Milchkanne und ein paar Sprühdüsen installiert, damit fährt er dann mit einem abenteuerlichen Tempo durch die Rebzeilen und in jeder Kurve stellt er das Gefährt lachend auf zwei Räder. “War der früher mal Rennfahrer”,frage ich. “Nein”, meint Ginevra, “aber…, wie sagt man… Baywatch…” In einem anderen Weinberg steht Vincenzo und schneidet die überzähligen Triebe mit einer alten Handsense ab, die er immer wieder lässig in den Gürtel hängt. Er nickt freundlich, aber da die Reben wegen des vielen Regens im Mai wie wild austreiben, lässt er sich nicht in seiner Arbeit beirren. Vincenzo ist vielleicht Ende 70,vielleicht auch älter. “Auch schon länger dabei…” frage ich. “Seine Familie arbeitet seit dem 16. Jahrhundert auf Ghizzano”, meint Ginevra und Luciana ergänzt, “wir sind eben ein gutes Team.” Ich bin etwas verwundert, dass auch die jüngeren Arbeiter im Weinberg die gleiche Sense verwenden wie Luciano, aber das scheint gut und schnell zu gehen. “Willst du auch mal probieren?” Das Ding sieht scharf aus, mit Küchenmessern kenne ich mich ja aus, aber mit Sensen? Ich lasse also lieber die Finger davon.Wir besuchen noch einen Nachbarn von Ginevra. Theo sammelt Trüffel und da er sie ausschließlich auf dem Land von Ghizzano sammelt und dort alles Bio zertifiziert ist, sind das auch zertifizierte Bio-Trüffel, die Ersten Italiens. Er verkauft sie frisch und verarbeitet sie auch weiter zu Trüffelöl oder Crème. “Ginevra hat mich auf die Idee gebracht”, erzählt Theo “und mir dann auch bei der Zertifizierung geholfen.” In der kleinen Dorfbar, in der wir auf einen Espresso einkehren, werden wir lächelnd begrüßt, als gehörten wir längst zum Team. Den Espresso zahlen? Kommt garnicht in Frage, wir sind doch Gäste von Ghizzano. Das ist der Geist von Ghizzano,der versucht, dieses einzigartige Fleckchen Erde zu erhalten.

Wir fahren zusammen über einen löchrigen Schotterweg hoch nach Castelfalfi, jener seltsamen Mischung aus Toskana-Feeling und Disneyland. Vom alten Burgberg aus hat man einen wunderbaren Blick auf Ghizzano und die sanften Hügel der Colline Pisano. Die Sonne geht unter, vom Gewitterregen dampfen die Wiesen und die Zypressen stehen wie alte Säulen in die Landschaft getupft. Das ist so unglaublich toskanisch,dass es irgendwie befremdlich wirkt. “Das ist doch sicher nicht echt…” sage ich zu Luciana. “Nein, natürlich nicht. Das ist eine Fototapete, die nehmen wir wieder ab, wenn die Touristen weg sind.”

 

 

2017 Il Ghizzano Bianco

Die ersten Weine, die im Mittelalter mit einzelnen Regionen der Toskana,beispielsweise dem Chianti, in Verbindung gebracht wurden waren offensichtlich weiß. Sie müssen also höchstes Ansehen genossen haben. Vielleicht ist es deshalb gar nicht so abwegig in der Toskana Weißweinreben anzubauen. Das hat sich sicher auch Ginevra gedacht und in den letzten zehn Jahren einige geeignete Weinberge mit den typischen weißen Rebsorten der Region bestockt: Trebbiano, Vermentino und Malvasia Bianca. Herausgekommen ist ein großartiger Begleiter zu italienischen Antipasti. Er ist frisch, aber mit einer verhaltenen Säure, die angenehme Fülle und das perfekte Steinobst treffen auf eine markante Kräuterwürze. Ein echtes Fest für die Sinne! Wenn man bedenkt, wie aufwendig gearbeitet wird (biodynamischer Anbau, man belässt den Saft bis zu zwölf Stunden auf den Beerenhäuten, arbeitet nur mit Spontanvergärung) und wie komplex der Wein ist der dabei entsteht, ist der Bianco von Ghizzano ein echtes Schnäppchen.

0,75l statt 13,50 € nur 11,90 € 

 

2017 Il Ghizzano Rosso

“Was ist dein Lieblingswein?” fragte Michele nachdem wir uns durch die Weine von Il Ghizzano verkostet hatten. “16er Il Ghizzano Rosso”, konnte ich ohne langes Nachdenken antworten. Lächeln, aber auch etwas Verwunderung. “Ist doch ganz einfach”, meinte ich, “Sangiovese und etwas Merlot machen ja viele mittlerweile, aber es so hinzubekommen,dass der Merlot die Sangiovese überhaupt nicht maskiert, ihr nicht dieses herrlich widerspenstige Toskanische nimmt ist toll. Dann hat er etwas frisches ohne die kratzige Säure, die die Sangiovese ja mal gerne hat. Erinnert an Burgund, nur mit diesem großartigen italienischen Hedonismus. Den kann man eigentlich zu allem trinken, was die toskanische Küche hergibt und bei jedem Schluck ruft er einem zu:Hey, das Leben ist schön. Trink mich, sei glücklich.” Für das Geld eine kleine Sensation. Dunkle Waldbeeren und Schwarzkirschen treffen auf zarte Würzigkeit, ein Fest für die Sinne, frische, aber sehr elegante Säure, feine Tannine, sehr lebendig, wird gut reifen, notierten unsere Sommeliers – so kann man es auch sagen.

0,75l statt 13,50 € nur 11,90 € 

 

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*Angebote gültig bis 14.10. bzw. so lange der Vorrat reicht.