Mode & Halbwissen

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Rotwein an der Mosel? Nee, da kommt doch dieses saure Zeug her, dass man dann mit viel Zucker genießbar machen muss… Riesling, genau. In Baden dagegen hat man den Ruländer rausgerissen und endlich Grauburgunder gepflanzt. Lemberger dagegen kann man nur mit Trollinger mischen und dann daraus einen billigen Viertelesschlotzer machen, zu mehr taugt der nicht. Und den in Deutschland immer langweiligen Chardonnay sollte man meiden. Lieber trinkt man einen Chablis oder einen Bourgogne blanc.

Der Wein und seine Reben, so lernt man schnell, wenn man sich etwas näher damit beschäftigt, ist wie fast alles im Leben auch der Mode unterworfen, und wie immer, wenn es um die Objektivierung von Geschmacksurteilen geht, leider auch sehr anfällig für resolutes Halbwissen.

Nein, die Mosel war nicht immer weiß und süß. Im ausgehenden 19. Jahrhundert standen dort schätzungsweise 50 Prozent Rotweinreben, aber die Erinnerung an sie ist so ausgelöscht worden, dass man heute kaum noch weiß welche Sorten. Auch war die Mosel nicht immer süß (das mit dem Zucker, der nie welcher war, sondern wenn überhaupt konzentrierter Traubenmost) kam auch erst in den 80er Jahren auf. Aber Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Mosel-Rieslinge Weine von der Mosel, bei denen man nicht danach fragte wie trocken sie denn seien international so gefragt, dass man Höchstpreise dafür bezahlte. Kein Wunder also, dass die Winzer die Rotweinreben durch Weiße ersetzten. Ab Mitte der 30er Jahre verbot das chronisch devisenschwache NS Regime dann sogar den Anbau von Rotweinen. In Rheinhessen hingegen kam mit der Rotweinwelle in Deutschland der Dornfelder zum unseligen Masseneinsatz. Riesling und Burgunderreben raus, Dornfelder rein hieß die Devise in den 80er Jahren. Bis die Fasspreise auf Leitungswasserniveau sanken, das schmeckte nur meist besser. In Baden entdeckten in den 90er Jahren viele durch die mediterrane Schule gegangene Weintrinker plötzlich etwas ganz Neues: trocken ausgebaute, schlanke, frische Grauburgunder. Aber die Rebsorte war nicht neu, unter dem Namen Ruländer war sie schon lange bekannt, nur eben gerne etwas restsüß und mit Bortrytisnoten. Neuerdings hören wir immer mal wieder das Leute keinen Pinot Grigio mehr sehen können, und stattdessen deutschen Grauburgunder trinken wollen. Können wir verstehen, aber die Rebsorte ist die gleiche. Chardonnay war eine zeitlang international so dominant und zugegeben auch zumeist langweilig, dass man irgendwann auf die Frage des Sommeliers, was man denn trinken wolle nur antwortete: „ABC – anything but Chardonnay.“ Manche Leute sollen dann beherzt zu einem Meursault gegriffen haben, einem Weißwein aus dem Burgund – zu 100 Prozent aus Chardonnay gewonnen – aber die Rebsorte steht ja nicht drauf. Der biedere Lemberger macht übrigens gerade in Österreich als Blaufränkisch Karriere. Auch hier gibt es viele Unterschiede, aber die liegen beim Winzer und im Anbau und da gibt es im Schwabenland wie auch in Österreich Schlechtes, Langweiliges und Großartiges. Aber leider ist der Name halt nicht Schall und Rauch.