Bordeaux 2017: Empfehlungen von Marco Lindauer

unter Subskriptionen

Der Jahrgang 2017 hat es nach den beiden großen Jahren 2015 und 2016 schwer. Sicher ist er auch in der Breite nicht ganz auf dem Niveau seiner Vorgänger. Die Preise hingegen sind recht hoch, liegen in den meisten Fällen über 2015 aber unter 2016. Deshalb sollte man ihn jedoch nicht gleich links liegen lassen, denn es gibt auch in diesem Jahr wieder empfehlenswerte Weine, die man mit gutem Gewissen subskribieren kann. Als kleine Hilfestellung deshalb hier meine ganz persönlichen Favoriten des Jahrgangs:

Château Tour Saint-Christophe-St. Emilion

Ein Newcomer mit großen Ambitionen. Nachdem ich den 2015er in der Flasche probieren konnte, bin ich ein echter Fan dieses Weines. Der 17er präsentierte sich bei den Verkostungen noch sehr unruhig, ich denke aber, dass der Wein sich sehr gut entwickeln wird. Leider sind die zugeteilten Mengen sehr gering. Deshalb sollte man rechtzeitig zuschlagen, denn der Preis ist spannend.

Notiz: „Eindeutig modern mit üppiger Frucht und dunkler, schokoladiger Toastung. Vielleicht nicht ganz auf dem Niveau von 2015, aber von toller Konzentration und packender Frische. Das ist ein Must-Have. Viel feines Tannin im sehr langen Nachhall.“

Quinault L‘ Enclos-St.Emilion

Hier sollte man in jedem Fall aktiv werden, denn dieser Wein ist von hoher Güte und eigensinnigem Charakter und wird in Zukunft bestimmt nicht billiger werden. Stammt nicht vom Plateau, sondern vom westlichen Rand der Appellation, wo Sand- und Kiesböden vorherrschen, weshalb auch ein hoher Anteil von Cabernet in der Cuvée ist, der deren Charakter prägt. Gehört zu Château Cheval Blanc.

Notiz: „Wirklich gelungen. Die Gene von Cheval blanc übertragen sich immer mehr auf diesen Zweitbesitz und die Qualität steigt rasant. Gefällt mir besser als Petit Cheval. Sicher mit einem Hauch von Rustikalität ausgestattet, jedoch ein wirklich schöner Cabernet Charakter mit Substanz und Trinkfluss.“

Château Saint Pierre-St. Julien

Das Terroir von St.Pierre zeigt eine Tiefe, die ich Jahr für Jahr beeindruckend finde. In diesem Jahr tritt die Cabernet Sauvignon hier ganz groß auf. Für mich einer der Primeurs mit dem größten Entwicklungspotenzial. Geniales Holz, Druck, Tiefe und Finesse treffen hier zu einem packenden Wein zusammen.

Notiz : „Wahnsinnig markanter Toast mit toller Balance zwischen süßer Würze und feinster Ätherik. Süße, reife dunkle Beeren. Süßkirsche. Kompakt, mit toller Saftigkeit. Wie immer ein Highlight. Große Kraft, würzige Tannine, es fehlt nicht an Eleganz. Dieser Wein wird im Fass stark ausbauen. Absolut empfehlenswert.“

Château Léoville Barton-St. Julien

Das war immer schon ein toller Wein, aber in den letzten Jahren geht hier qualitativ die Post ab. Sicher hat da auch der Preis deutlich mitgezogen, jedoch ist er für einen großen Wein, wie er hier gemacht wird, immer noch einigermaßen im Rahmen. Das ist sicher etwas für die Liebhaber der klassischen Moderne, denn im Gegensatz zu seinem immer deutlicher extrahierten Nachbarn Poyferré finden sich hier auch die Liebhaber der alten Bordeaux Schule wieder, denn auch die Alkoholwerte sind hier sogar in den wärmeren Jahren moderat. Hier sollte man einige Jahre Geduld für die Flaschenreifung mitbringen, denn dieser Barton hat seinen ganz großen Auftritt frühestens in 10 Jahren.

Notiz: „Jetzt schon mit beeindruckender Tiefe. Geniales, ätherisches Holz. Das ist Saint-Julien in Reinform. Handfest mit exzellentem Potenzial. Druckvoll ohne Ende. Dabei mehr als präzise. Superdunkle Frucht. Ein wirklich großer Wurf mit mittlerem Gewicht, toller Fruchtintensität und intensiver Länge. Straff und präzise. Geht von vorne bis hinten durch. Extrem lang. Top!“

Château Poujeaux-Moulis

Im Prinzip ist das Château immer zuverlässig, in 2017 scheint es jedoch einer der großen Gewinner des Frosts zu sein, denn nur die schlechteren Lagen, die mit Merlot bepflanzt sind, wurden getroffen. Deshalb heuer mit hohem Anteil von Cabernet und Petit Verdot, was Struktur und Tiefe gibt. Ein Must-Have.

Notiz: „Intensive Frucht mit toller Tiefe. Edle Toastwürze. Hat Fleisch und Textur. Das ist beeindruckend. Wenn er so gefüllt wird, ist er absolut top. Das ist eine Wette wert.“

Château Labégorce-Margaux

Seitdem die Perrodos hier das Ruder übernommen haben, ist der Wein jedes Jahr auf Grand Cru Classé Niveau, was die Qualität angeht, aber preislich in deutlich angenehmeren Gefilden zuhause. Nach den beiden Top Jahren 2015 und 2016 war es in diesem Jahr schwer, nochmal eine Schippe draufzulegen. Das ist aber gelungen und so ist die Qualität des Weines auf dem Niveau der Vorjahre.

Notiz: „Sehr duftig und typisch floral. Im Geschmack etwas vom Neuholz drangsaliert. Wird sich aber locker integrieren. Die Ambitionen gehen weiter. Der Alkohol scheint noch etwas durch, die Substanz ist jedoch voll da. Wieder ein beachtlicher Wein, mit schöner süßer Fülle im Nachhall.“

Château Rauzan-Ségla-Margaux

Dieses Château hat sich nun über Jahre in der absoluten Top-Liga der Appellation etabliert- mit einer eindrucksvollen Konstanz. Und man hat auch in 2017 wieder einen Weltklassewein produziert, der nicht hinter 2015 und 2016 zurücksteht. Er ist wie immer sehr fein, geradezu in begeisternder Frühform. Hier dreht sich alles nur um den Preis. Wenn dieser stimmt, dann gehört er eigentlich in den Keller jedes Margaux Liebhabers.

Notiz: „Rauzan rocks: Superintensives Bukett mit Veilchen, Blaubeeren und Brombeeren. Mehr Margaux geht nicht. Kompakter als erwartet, zugleich wieder ausgesprochen detailliert. Sehr fein, verspielt, alles folgt immer der fantastischen Säure. Verführerische Süße und Weichheit. Extrem gut!“

Château Vieux Château Certan-Pomerol

Dass Pomerol wegen des Frostes in diesem Jahr nicht zu empfehlen sei, ist schlichtweg ein Vorurteil. Den Beweis, dass 2017 hier auch ganz große Weine hervorgebracht hat, tritt Vieux Château Certan an. Direktor Alexandre Thienpont spricht von einem „intellektuellen“ Jahrgang und man spürt die Überzeugung, dass damit auch echte Größe gemeint ist. Hier lohnt es sich einzusteigen, wenn man die Geduld für mindestens 10 Jahre Flaschenreife aufbringen kann. Wahrscheinlich wird der größte Trinkgenuss jedoch noch weiter in der Zukunft liegen.

Notiz: „Große Tiefe, vielschichtige dunkle Frucht und eindringliche mineralische Ader. Verfügt über Raffinesse, wie kaum ein anderer Wein, den es zu verkosten gab. Würde mich nicht wundern, wenn er irgendwann als einer der ganz großen Vieux Château in die Annalen einginge. Ewig lang. Ein Wein für Kenner. Klassisch durch und durch.“

Château Pédesclaux-Pauillac

Hier geht es immer weiter voran. Die in 2014 fertiggestellte supermoderne Kellerei, der große Drang nach Qualität und die fortschreitende Erkundung eines lange vergessenen Terroirs machen diesen Pauillac zum Senkrechtstarter der Appellation.

Notiz : Modern aber genial. An diesem Wein stimmt eine Menge. Eindeutiger Pauillac Charakter. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Vor allem seine Frische beeindruckt, saftige Frucht und perfekt eingebundenen Gerbstoffe. Eher reduktiv, steht hier noch einiges an Entwicklung im Raum. Deutlich über dem Niveau von 2014. Zeder im Nachhall.“

Château Clerc Milon-Pauillac

Lange Zeit war ich kein echter Fan dieses Châteaus, das hat sich in diesem Jahr aber endgültig geändert. Das liegt an der herausragenden Qualität, die man hier in den letzten drei Jahrgängen produziert hat, von denen der 2017er potenziell der Beste sein dürfte. Das Zeug ist einfach supersexy und gefiel mir bei den Verkostungen besser als der Petit Mouton.

Notiz: „Präsent und reif mit Super Cabernet Nase. Etwas reduktiv. Hier sitzt mal wieder Vieles. Die Tannine werden Zeit brauchen, das Neuholz wird die Arbeit tun. Sicher einer der Highlights in Pauillac. Erstaunlich nah am Grand Vin (Mouton). Mit Power und Verve ausgestattet. Sehr lang.“

Château Pichon-Baron-Pauillac

Die ewige Frage Comtesse oder Baron ist aus meiner Sicht in diesem Jahr keine. Sicher ist der Baron immer stärker extrahiert und unterscheidet sich stilistisch immer deutlich von der Comtesse, aber in diesem Jahr hat der Baron aus meiner Sicht einfach qualitativ die Nase vorne und dürfte zu den ganz großen Weinen des Jahrgangs gehören. Hier sollte man zuschlagen, wenn man auf großes Cabernet-Kino steht.

Notiz: „Kraftvoll ohne Ende. Dabei von großer Struktur und fantastischer Fruchttiefe. Sicher einer der ganz großen Weine des Jahrgangs, der in seiner titanischen Art dem 2015er in nichts nachstehen wird.“

Clos Floridene blanc-Graves

2017 ist der Jahrgang für Weißweine. Sie sind straff und präzise gelungen, das Holz ist sehr passend eingesetzt, die Weine besitzen Trinkanimation, Frische und Eigenständigkeit. So auch der weiße Clos Floridene, der darüber hinaus noch ein geniales Preis-Genuss-Verhältnis hat.

Ich notierte: „ Sehr ansprechend mit deutlich würziger Note. Tolle Frische und Substanz. Die Gerbstoffe werden etwas Reife vertragen. Voll auf dem Punkt. Weiniger Charakter. Kraftvoll und lang.“

Château Guiraud-Sauternes

Hier kann man aus meiner ausgesprochen kurzen Verkostungsnotiz ablesen, dass dieser Sauternes so beeindruckend war, dass mir während der Verkostung etwas die sprachliche Differenzierung abhandengekommen ist. Sicher haben die edelsüßen Weißen aus Bordeaux einen schweren Stand am Markt, gerade in Deutschland. Man sollte aber bedenken, dass wir in 2017 über Weine auf Weltklasseniveau sprechen und der Preis dafür wirklich ausgesprochen interessant ist. Château Guiraud ist nur mein persönlicher Favorit unter vielen ausgesprochen guten Weinen seiner Art.

Notiz: „Sehr würzig mit viel Honig. Tannennadeln. Genial! Kompletter Wein. Nahe an der Perfektion! Kaufen!“