Rebsamkeit - Wein auf der Yogamatte

unter VerKorkst

Demnächst halten wir unsere Weinseminare auf Yogamatten ab! Wer es dann als erstes schafft, mit einem Glas Romanée-Conti in der Hand einen Kopfstand zu machen, hat gewonnen. Jüngst bei Recherchen im Internet sind wir darüber gestolpert: Winefulness. Der neue Trend wurde in Australien erfunden und könnte auch beschrieben werden als: Trinken mit Meditation und/oder Yoga.

Nein, im Ernst! Irgendjemand ist hingegangen und hat sich überlegt, den momentanen Trend zu „mindfulness“ (beziehungsweise auf Deutsch: „Achtsamkeit“) mit Wein zu kombinieren. Dabei geht es darum, während der Verkostung völlig im Moment aufzugehen, den Wein mit allen Sinnen wahrzunehmen und nicht nur vorurteilsfrei (was wir hier jederzeit unterstützen würden), sondern tatsächlich urteilsfrei zu trinken.

Sie können sich unsere Verwirrung sicher vorstellen: mit allen Sinnen? Bei jeder Verkostung geht es doch darum, einen Wein mit Blick, Geruch und Geschmack wahrzunehmen – Was soll denn da noch fehlen? Mit dem Finger im Glas rühren? Dran horchen? Nähere Lektüre entsprechender Blog-Artikel ergibt: Nein, man soll sich nur noch mehr auf die Sinne konzentrieren. Und natürlich ganz im Augenblick sein, wenn man trinkt. Das bedeutet, man soll nicht aus der Vergangenheit Erfahrungen zum Vergleich heranziehen und nicht in die Zukunft denken (etwa: zu was für einem Essen könnte man den trinken): der Wein soll für sich stehen und überraschen. Ganz im Moment. Man erhebt die Weinprobe in den Status einer Meditation.

Wenn Sie jetzt sagen, mit Wein und Yoga hat zusammengefunden, was zusammengehört, dann wollen wir nicht widersprechen – schließlich schwingt bei Hermitage auch direkt der Gedanke an ein “Retreat” mit. Aber die Anschlussfrage muss erlaubt sein: Braucht man für einen Pauillac eine andere Matte als für einen Pomerol? Sollte die Matte eher stoffig und dicht sein für den 2016er und für den 2017er feiner und elegant? Oder lieber gerade umgekehrt als Ausgleich? Und gibt es vielleicht auch Wein, wo eher eine Faszienrolle angebracht wäre? 

Wirklich große Weine sind ganz ohne Meditation in der Lage, die Zeit anzuhalten. Warum dann das alles mit „winefulness“ erzwingen? Zwei Antworten wären denkbar: Entweder es handelt sich um eine Strategie, um die Wichtigtuer und Großsprecher ruhig zu stellen, denn bei welcher ordentlichen Meditation quatscht man dazwischen? Oder aber es geht darum, weniger gute Weine vor Urteilen zu schützen, die nicht so schmeichelhaft ausfallen würden. Da würde dann der Sonnengruß von hinten aufgezäumt.

Abschließend bleibt zu sagen, dass der Trend vermutlich an der Sprödigkeit der Deutschen Sprache scheitern wird. Ein entsprechendes Wortspiel mit Achtsamkeit dürfte schwierig werden. Rebsamkeit vielleicht. Sollte es so kommen: Hier haben Sie es zuerst gehört! Wir gehen solange Yogamatten für die Schatzkammer einkaufen.