Der Duft des Bordelais

unter VerKorkst

Bordeaux! Bevor ich in eine neue Stadt fahre, stelle ich mir vor, wie dort das Licht ist, wie die Geräusche klingen, wie sich die Luft anfühlt, aber vor allem wie sie riecht. Bordeaux... Natürlich riecht die Stadt nach Handel, nach den Waren, die dort umgeschlagen worden sind, nach Gewürzen, nach der braunen, träge dahinfließenden Garonne, nach alten Segelschiffen, die längst nicht mehr am Kai liegen, nach den zugigen Warenhäusern und auch nach dem Geld das dort gemacht wurde und noch gemacht wird. Denn natürlich: Auch Geld riecht man. Bordeaux... Es riecht nach dem Wein, nach den Unmengen von Trauben und Reben, nach den Fässern, in denen Wein gestapelt und verschifft wird und nach den Menschen, die ihn hier trinken aus Gläsern, Flaschen, Eimern. Ein gargantuesker Strom riechenden Weines, verführerisch, lasziv, überbordend, erstickend, aristokratisch und gewinnbringend. Natürlich riecht Bordeaux auch nach Atlantik, nach Sanddünen, den Austern von Arcachon und dem endlosen Kiefernwald, der sich hinter dem unendlichen Band der ewig sommerlich duftenden Strände entlangzieht. All der Duft vermischt sich mit dem von Stadt, von Lebendigkeit und einem Hauch Moloch.


In der Realität roch Bordeaux leider erst einmal anders. Der erste Duft, der uns entgegen strömte, war der von angebranntem billigem Klostein. Der Gestank fiel aus dem Aufzug des nicht ganz so billigen Hotels nicht weit vom Herzen der Altstadt. Er marschierte durch die Flure, stürzte aus den Eingangstüren und wurde auf den Zimmern nur vom zitrusüberladenen Geruch eines Frische heuchelnden Reinigungsmittels verjagt. Der Klostein, so hatten wir bald, mit angehaltener Luft durch die Gänge laufend, festgestellt, verkokelte in einem kleinen, fest installierten Gerät neben den Aufzügen. Das Gerät war durch eine massive Leitung dauerhaft installiert, fest mit dem innersten Kreis der Parfümhölle verbunden und entfesselte das olfaktorische Inferno offensichtlich mit Wille und Absicht der Hotelleitung. In einem spanischen Hotel hatten wir einmal alle "Duftstecker" auf den Etagen gelockert, sodass zumindest die zwei Tage unseres Aufenthalts einigermaßen geruchfrei waren. Der bordelaiser Maschinerie wäre nur mit technisch aufwendigeren Mitteln beizukommen gewesen. Da rächt es sich, den Leatherman nicht eingesteckt zu haben. Wenn nötig kann man mit ihm auch wunderbar Kabel durchtrennen, um die Richard-Clayderman-Beschallung im Sternerestaurant oder die beständigen SWR-Verkehrsmeldungen im Frühstücksraum zu unterbinden. Dummerweise war das Allzweckwerkzeug in Köln geblieben.


Also raus! Hotels sind zum Schlafen da und in den Fluren kann man ja ganz gut Tauchübungen machen. Wer schafft es bis zur Zimmertür, ohne blau anzulaufen? Abends in der Weinbar. Eine nette Flasche Bordeaux bestellt, etwas Käse dazu, die Welt ist wieder in Ordnung. Bis sich neben uns ein schwer verliebtes Paar platziert. Es erweist sich, das selbst in Amerika jetzt AXE populär zu sein scheint. Egal in welcher Duftnote - es hat etwas von Klostein auf Ecstasy und es lässt sich offenbar nicht in sozialkompatiblen Mengen auftragen. Schaut die junge Frau ihn jetzt so verliebt an, weil sie begeistert oder betäubt ist? Nach kurzer Zeit mischt sich dem Duft von "geeistem Mochus und Ingwer" (so der O-Ton, ich würde das aber eher als "vergorener Mammut in Benzin" identifizieren) etwas abgestanden-kohliges bei. Was hatte das Mammut denn vor 4.000 Jahren zum letzten Mahl... Ich höre Begeisterung neben mir. "Awesome!! That´s typical french..." Man beugt sich über einen Teller mit Schinken. Trüffelschinken. Gebadet in Trüffelöl, das mit dem namensgebenden Pilz sicher überhaupt nichts zu tun hat, nicht einmal den Geruch. Stattdessen: Alter Kohl, leicht vergoren. Immerhin, es riecht wirklich nach dem, woraus es gemacht wird.


Es hilft nur die erneute Flucht. Raus! Auf dem Platz vor der Basilique Saint-Michel einen Pastis an der frischen Luft. In der Basilika gibt es eine bewegende Figurengruppe aus dem 15. Jahrhundert. Maria-Magdalena, die Schutzpatronin der Parfümeure, steht dort und tröstet die Mutter Jesu. Ich schließe die Augen und rieche, erst vorsichtig, dann versonnen: Da ist er, der Fluss, die nassen Taue, die schweren Weinfässer, ein Hauch von Salz und Fichtennadeln weht vorbei, ja sogar einige Goldmünzen kann ich riechen. Ein Wunder! Nur ein Wunder kann die verbrannten Klosteine und vergorenen Kohlköpfe noch aus dieser Welt verbannen, denke ich und bestelle noch einen Pastis. Leatherman mitnehmen und Kerze anzünden schreibe ich auf meine ToDo-Liste.