J. Hofstätter - Der mit der Lage tanzt

unter Weinbrevier

Martin Foradori-Hofstätter ist ziemlich schlagfertig. Als wir ihm die Geschichte mit der tanzenden Indianerin auf dem Tartscherbichl erzählen sagt er sofort „Das kann ich auch!“, steigt mitten im Roccolo auf ein Barriquefass und macht eine komische Figur, die wohl etwas mit Yoga zu tun haben soll. „Kranich“, sagt er, und es sieht so aus, als würde er hier in Mazon, hoch über dem Etschtal, schweben. „Komm wieder runter“, sage ich belustigt, „heute ist gar kein Vollmond.“

Der Roccolo ist sozusagen das Herzstück einer Idee, die Martin schon seit Jahren verfolgt. Vor einiger Zeit hatte ich ihn einmal gefragt, warum es eigentlich so wenig Weine aus Südtirol gäbe, die bei den echten Weinfreaks Kultstatus hätten(eigentlich hatte ich das noch etwas schärfer formuliert und von gar keinen gesprochen). „Findest du?“, fragte er zurück, „wirklich …“ Ich klappte sofort mein Notebook auf: Artikelstatistik, Durchschnittspreis, Abweichungen davon, Höchstpreise, Verteilung, im Vergleich dazu andere Regionen. Klar, aus Südtirol verkaufen wir keine Billigweine, gibt es auch gar nicht, aber eben auch nicht viel vom Gegenteil. Die gibt es, aber nur hier und da. Alles schön in der Mittelklasse was nicht schlecht ist, aber jede Weinregion will ja auch irgendwie mitspielen im Konzert der großen Namen und zeigen, was sie an der Spitze kann. „Wir haben unterdessen auch viele teure Weine“, sagt er spitzfindig, „Aber nach denen fragt niemand“, ergänze ich, „jedenfalls nicht bei uns.“ „Das Problem ist,“ sagt er, „überall auf der Welt erwarten die Menschen, die sich mit Wein beschäftigen, dass er eine Herkunft hat. Gut, die ist erst einmal Südtirol. Aber Südtirol ist groß. Da ist das Vinschgau, das Eisacktal, das Etschtal, da sind zahlreiche Nebentäler, Plateaus, Steilhänge und das alles von ein paar Meter über Null bis auf fast 1.000 Meter. Mal mediterran, mal alpin. Eigentlich hat keine Weinregion der Welt eine solche Vielfalt zu bieten.“ Jetzt wird mir zum ersten Mal klar, dass der Kunde davon gar nicht viel mitbekommt. Habe ich schon mal, und ich bin Profi, bewusst einen Wein aus dem Vinschgau getrunken? „Da gibt es wunderbare Pinot Noir“ meint Martin. „Wir sind nur eine kleine Region, und wenn der Weinbau hier wirklich eine Zukunft haben soll, dann müssen wir auch im Premium-Segment mitspielen“, erläutert er. „Vor allem haben wir auch das Zeug dazu. Stattdessen schreiben wir Fantasienamen auf die Weine oder benutzen Ortsangaben, die sich aber gar nicht mehr auf die Orte beziehen, aus denen die Trauben stammen. Ich glaube dass der Kunde anderes erwartet, wenn er Top-Weine haben will.“ Ein wenig erinnert das an die Diskussion, die der deutsche VDP so lange geführt hat. Mit dem VDP kennt sich Martin mittlerweile aus, denn vor ein paar Jahren ist er mit seinem Freund Nik Weis vom Sankt Urbans Hof zusammen in das Weingut Dr. Fischer an der Saar eingestiegen. „Für mich sind Riesling und Pinot Noir die beiden großartigsten Reben“, schwärmt er, „Pinot Noir, können wir hier ganz gut, Riesling ist an der Mosel am besten. Vor allem sind das beides Rebsorten, die die Menschen immer mit einem speziellen Ort in Verbindung bringen.“ Stimmt und das war schon immer so, man denke nur an die Geschichte, Napoleon habe seine Truppen beim Marsch auf Paris vor dem Chambertin Weinberg salutieren lassen. „Das hat der VDP erkannt. Je genauer die Herkunft, desto größer der Wein, das ist das Prinzip. Natürlich ist das in Südtirol nicht so einfach umsetzbar, aber ich sehe das eher als Chance für die Region …“ Das scheinen nicht alle Weinproduzenten so zu sehen, wie ich bereits eingangs schrieb, aber Martin fängt schon jetzt damit an diesen Gedanken auch umzusetzen. „Wir haben da einmal das, was bei euch die Gutsweine sind, z.B. der Pinot Grigio Selection, den wir euch exklusiv keltern. Das ist ein harmonischer Wein, typisch für Südtirol. Man erkennt in ihm die südlichen, wie auch die alpinen Elemente. Passt super zum Essen, unkompliziert, kann gut in den ersten zwei bis drei Jahren getrunken werden. Dann gibt es zum Beispiel den Blauburgunder Mazon, da kommen alle Trauben aus der gleichnamigen Gemarkung, dem Hochplateau auf der Ostseite der Etsch, oberhalb von Neumarkt. Für mich eine der besten Subzonen für den Pinot Noir, die es in Südtirol, oder besser ganz Italien, gibt. Aber für diese ganzen Subzonen, was bei euch dann die Ortsweine sind, gibt es in Südtirol noch gar keine klare Regelung. Das liegt auch daran, dass früher alles eher nach ‚Ansitzen‘, also den alten Herrschaftshäusern, bezeichnet wurde. Der Wein aus den Weinbergen trug den Namen des Ansitzes, zu dem die Weinberge gehörten und die waren zumeist direkt um das Haus herum. Das hat sich irgendwann verselbstständigt und aus der Herkunftsbezeichnung sind immer mehr Konzeptweine geworden, die einen Stil oder eine Qualitätsstufe abbilden, aber nicht die Lage.“ Einen Erfolg hat die eher kleine Front, die für die klare Herkunftsbezeichnung wirbt, aber schon zu verzeichnen: Mittlerweile kann man einzelne, besondere und historisch abgegrenzte Lagen als ‚Vigna‘ eintragen lassen. Nur machen davon bisher kaum Winzer Gebrauch. Martin hat mittlerweile sieben Weine, die diese Bezeichnung tragen dürfen. „Nur dann, wenn Vigna drauf steht“, so erklärt er, „ist die Herkunft wirklich geschützt und wird kontrolliert.“

Wir fahren hoch nach Mazon. Am Fuße des Naturparks Trudner Horn liegt das Hochplateau. Weinberge, drei bis vier Höfe, ein uraltes, herrschaftliches Gebäude und eine kleine Kirche. „Das ist der untere Yngram-Hof“, erzählt Martin, „das Gebäude ist wohl 1642 entstanden, noch im Stil der Renaissance. Dahinter liegt Sankt Michael.“ Die kleine, romanische Kirche ist wesentlich älter, nur den großen Turm hat man erweitert, als der Yngram-Hof gebaut wurde. San Michele leiht dem Weinberg daneben seinen Namen, südlich davon liegt der Vigna Sant’Urbano und zwischen den beiden das Herzstück der Pinot Noir Welt Italiens, der ‚Roccolo‘. „Das kommt aus der besten Parzelle der tollen Lagen, die zum historischen Ansitz Barthenau gehören, und wird gesondert selektioniert“, erzählt Martin. „Beim ersten Jahrgang 2012 war das alles noch ein Versuch und völlig improvisiert.“ „Probieren wir es doch mal aus mit den Beeren die heute reingekommen sind“, hatte Kellermeister Markus Heinel damals beschlossen und die kleinen Kisten mit dem eigentlich perfekten Traubenmaterial direkt hinten in die Halle verfrachtet. „Da geht noch was.“, hat er grinsend gesagt. „Dann haben wir alle abends im Kreis auf Kisten in der Kellerei gesessen und Trauben und Beeren einzeln aus einer Kiste in zwei andere selektiert. Nur die supergesunden kamen in die Roccolo-Kiste. Am ersten Abend saßen da nur zwei Leute, und die anderen, die noch da waren schauten ein wenig schräg, am zweiten Abend waren wir schon zu fünft, irgendjemand stellte eine Kiste Bier dazu, und ich hab nachher Pizza für alle bestellt. Am vierten und fünften Abend war fast die ganze Belegschaft bis spät in die Nacht dabei. Das war fast wie ein Happening.“ Ein Happening, dass sich gelohnt hat, denn jetzt stehen alle Mitarbeiter hinter dem aufwendigen Konzept und auch mit großer Freude am Sortiertisch, den Martin 2013 dann gekauft hat, und der Roccolo, von dem es leider nur eine Handvoll Flaschen gibt, ist eine echte Pinot-Ikone geworden. „Würde sich in einer Blindverkostung gut neben den ganz großen Namen des Burgund machen“, meine ich später bei der Verkostung. „Chambertin und Clos de Bèze“, meint Noreen grinsend, als sie den Sant’Urbano und die Roccolo Parzelle in zwei Gläsern vor sich hat. Dann relativiert sich der für einen Südtiroler Blauburgunder doch hoch erscheinende Preis auch ganz schnell. Gewidmet ist der ‚Vigna Roccolo‘ übrigens Ludwig Barth von Barthenau, der Universitätsprofessor aus Wien hat nämlich Mitte des 19. Jahrhunderts oben in Mazon den Ansitz Barthenau errichtet, und den von ihm so geliebten Blauburgunder gepflanzt. Der Wein aus dieser Lage war damals schon in der ganzen k. u. k. Monarchie bekannt. „Mein Großvater Vittorio, der aus dem benachbarten Trentino kam, hat in den 40er Jahren den Ansitz Barthenau gekauft, und als mein Vater Paolo 1959 in die in Tramin ansässige Familie Hofstätter eingeheiratet hat, hieß es man müsse überall Vernatsch anbauen“, erzählt Martin, „davon konnte man gar nicht genug bekommen. Er hat aber ganz gegen den Trend auf den alten Blauburgunder gesetzt und hier und da allenfalls mal Rebstöcke ersetzt. So kann ich heute auf zum Teil über 70 Jahre alte Reben zugreifen. Auch ziemlich einmalig in dieser Region.“

UNSERE WEINTIPPS 

2016 PINOT GRIGIO SELECTION 
Ein klassischer Ausdruck Südtiroler Weinkultur wird beim Pinot Grigio Selection von J. Hofstätter auf den Punkt gebracht. Rund um Tramin liegen die Weinberge, von denen die rigoros selektierten Trauben stammen. Die Gegend markiert den Übergang zwischen Alpenland und mediterranem Italien, das bietet dem Grauburgunder perfekte Bedingungen, um auszureifen und klare Eleganz zu entwickeln. Fruchtiges Bouquet von Williams-Christ-Birnen, Mangoschalen und weißem Pfirsich. Etwas Tomatenlaub und Fenchelsaat. Am Gaumen vollmundig und druckvoll mit balancierter Säure, würzigen Schmelz und toller Länge. Ein großzügiger Pinot Grigio, eingängig und mild. 8 – 9 °C 

 10,60 € im 11+1   (0,75l; 1l = 14,13 €) 

 

2016 GEWÜRZTRAMINER JOSEPH
Der Gewürztraminer polarisiert, denn seine aromatische Intensität kann einen nur allzu leicht aus den geschmacklichen Socken hauen. Würzig, nie wirklich leicht, mit intensivem Duft nach Rosenwasser, kandiertem Ingwer und Litschi. Alles das zeigt uns der Joseph, der ja auch aus der Heimat des Traminers stammt. Dabei ist er am Gaumen erstaunlich kompakt und überhaupt nicht süßlich, sondern von einer perfekten kräutrig-herben Art und angenehmen Frische, die erstaunlich leichtgängig die Kehle herunter fließt. Ausgesprochen lang im Nachhall, hat er nichts anbiederndes, sondern im Kontext der Rebsorte geradezu distinguiertes und mineralisch-salziges. Wer ein Weinerlebnis der Extraklasse sucht kann ihm exotische Speisen (z.B. Indisch) mit süß-würzigem, aber nicht scharfem Charakter zur Seite stellen. 8 – 10 °C 

 statt 13,90 € nur 12,90 €   (0,75l; 1l = 18,53 €) 

 

2014 BARTHENAU VIGNA S. MICHELE WEISSBURGUNDER
Aus der Einzellage San Michele die vor dem Ansitz Barthenau, auf der Hochebene von Mazon über dem Etschtal liegt. Hochreifes und komplexes Aroma von Steinobst, Mangos, Akazienhonig, gezuckerten Zitronen und frischen Haselnüssen. Im Geschmack ebenso konzentriert wie mit feiner Frische aufwartend. Verbindet saftigen Schmelz mit filigraner Gerbstoffstruktur und großer, auskleidender  Gaumenlänge. Ein ausgesprochen gelungener Weißburgunder mit Niveau. 9 – 11 °C

 22,00 €   (0,75l; 1l = 29,33 €)

 

 

HIER FINDEN SIE ALLE WEINE VON J. HOFSTÄTTER