Alois Lageder - Der ewige Kreislauf

unter Weinbrevier

Es regnet im Vinschgau, mal in dicken Tropfen, mal eher ein Sprühregen und zwischendurch sieht es immer wieder so aus, als käme die Sonne raus. „Gut das es mal wieder regnet“, sagt Alexander, „das Frühjahr war schon sehr trocken.“ Was im Vinschgau etwas heißen will, denn das ringsum von Dreitausendern umgebene Alpental gehört zu den trockensten Regionen Europas. „Hier fällt ungefähr so viel Niederschlag wie auf Sizilien“, hatte uns Georg erzählt, als wir auf dem Tartscher Bichl stehen, einem kleinen Hügel mitten im Tal, der die ganze bewegte Geschichte der Region zeigt. Schon von den Kelten besiedelt, baute man im 11. Jahrhundert auf dem Bichl eine romanische Kirche mit atemberaubendem Blick über das ganze Tal und auf das Ortler-Massiv. Später versuchte Mussolini sich hier einzugraben und errichtete eine riesige unterirdische Festung für seinen Alpenwall. „Ein besonderer Ort“, sagt Georg. Das denkt sicher auch die als Indianerin verkleidete Frau, die singend und trommelnd herumtanzt. Karneval ist nicht, also wahrscheinlich gerade Vollmond. Georg Meißner ist ein ausgewiesener Spezialist in Sachen bio-dynamischer Wirtschaftsweise, Hochschullehrer an der renommierten Weinbauschule in Geisenheim und bei Lageder für den Weinbau und die Bio-Dynamik zuständig. Nein, die Indianerin gehörte nicht zum Bio-Dyn-Team und wir werden lernen, dass es auch nicht nur auf den Vollmond ankommt. Wir sitzen mit dem Landwirt Alexander Agethle im kleinen Ort Schleis und dürfen die Produkte der Hofkäserei Englhorn probieren. „Als wir den Hof von meinen Eltern übernommen haben“, erzählt er uns, „war das ein klassischer Milchbetrieb. Hochleistungskühe, die nach Möglichkeit 365 Tage im Stall stehen und in deren Leben sich alles um die Milchleistung dreht. Wir haben aber gemerkt, dass das auf unserem begrenzten Wirtschaftsraum so nicht mehr geht. Um Höchstleistung zu bringen, brauchten die Tiere immer mehr Hochleistungsfutter, dass wir nicht mehr produzieren konnten, also zukaufen mussten. Damit sich das noch lohnt mussten wir die Kühe auf noch mehr Leistung bringen.“ Einer der vielen Kreisläufe, in denen er sich gefangen sah. „Landwirtschaft ist ja eigentlich auch ein Kreislauf, wenn man sie gut betreibt“, meint er, „aber das war eher ein Kreislauf der Zerstörung, als des Schaffens.“ Er erzählt langsam und blickt immer wieder nachdenklich  mit seinen blauen Augen vor sich hin. Er wirkt nicht wie ein Aussteiger, Revolutionär oder Öko-Prophet, so wie er erzählt eher ein Landwirt, der sich genaue Gedanken um die Grundlagen seines Berufs hier oben im alpinen Raum gemacht hat. „Wir haben die Kühe wieder auf die Alm geschickt,“ fährt er fort, „das ist für die Tiere gut, für die Milch gut und wir haben drei Monate im Jahr, wo wir nicht jeden Morgen und jeden Abend um fünf die Tiere melken müssen. Das war ein Anfang. Dann haben wir gemerkt, dass die Kühe die wir hatten, für das Almleben gar nicht geeignet waren, die wussten gar nicht was sie da oben sollen. Blumen, Kräuter oder frische Gräser haben die noch nie gesehen gehabt. Also haben wir auf Vinschgauer Braunvieh umgestellt. Die sind kleiner, robuster und kommen auf der Alm sicher jeden Hang rauf und auch wieder runter.“ Jetzt erzählt er uns, wie ein Schritt den nächsten ergab und jede kleine Stellschraube, an der man drehte, ganz unvorhersehbare Wirkungen entfachen konnte. Heu und Getreide wieder selbst anbauen, auf den Zukauf von Kraftfutter verzichten und dann die Entscheidung selber Käse zu machen. „Irgendwann haben wir uns gedacht: Warum verschwindet unsere Milch so einfach unter der ganzen so anders erzeugten Milch? Das macht doch nicht wirklich Sinn …“ Unter der Hand erzählt er uns, dass mittlerweile auf vielen Almen große Ställe errichtet werden in denen die Kühe dann im Sommer stehen und mit Silage gefüttert werden. Trotzdem steht dann auf den Etiketten der großen Käsereien ‚Almenmilch‘. Es geht um den Standort, nicht um die Produktionsweise. „Also haben wir einfach mal angefangen Käse zu machen. Ein Nachbar aus dem Dorf hat uns geholfen. Max hat das erst als Hobby gemacht und ist jetzt unser Senner“, erzählt Alexander, „er ist richtig aufgegangen darin.“ Die Käserei im Nachbarhaus hat er übrigens auf ganz besondere Weise finanziert. „Keine Bank hätte uns dafür einen Kredit gegeben, also haben wir einfach unsere Kunden, die wir schon hatten, gefragt ob sie uns denn Genuss-Scheine abkaufen würden.“ Kein Kredit im üblichen Sinn, sondern Geld gegen den Käse, den es dann geben wird. Die Idee verbreitete sich wie ein Lauffeuer und so kamen 150.000 Euro zusammen, die Kreditgeber können ihr Geld jetzt abessen. Die drei Käse sind jedenfalls sensationell. Arunda, Tella und Rims, benannt nach den Bergen rundherum und den Almkäse, den die Senner oben auf der Alm machen, während die Kühe dort in ‚Ferien‘ sind.

Die gehen wir noch besuchen. Auf dem Weg zu der in einem abgelegenen Seitental gelegenen Alm schauen wir auch bei den Jungtieren vorbei, die erst einmal auf halber Höhe auf den Sommer warten müssen. „Winnetou“, ruft Clemens Lageder und begrüßt überschwänglich ein Jungtier, „der ist aber groß geworden.“ Die neugierigen Tiere kommen abwechselnd angelaufen, stoßen uns an, stehen im Weg rum und verschwinden dann langsam wieder. „Die sind eigentlich der Grund, warum wir euch das zeigen wollten,“ meint Clemens, „die stehen nämlich, wenn sie von der Alm runter sind, bei uns im Weinberg. Das passt super. Sie kommen wenn die Trauben weg sind und können bei uns unten im Tal zwischen den Rebzeilen grasen. Da sparen wir uns einen großen Teil der Bodenbearbeitung und haben direkt noch natürlichen Dünger.“ Die Idee des biodynamischen Anbaus ist nämlich in erster Linie die einer Kreislaufwirtschaft. Idealerweise würde ein Hof alles was er braucht selber erzeugen und die Produkte wieder in den Kreislauf zurückspielen. Den Überschuss könnte er dann verkaufen. „Aber stellt euch vor, wir müssten ja nicht nur Kühe halten, sondern auch noch Heu machen und Getreide anbauen. Das ist dann wirtschaftlich nicht mehr zu leisten. Daher haben wir überlegt“, fährt Clemens fort, „wenn wir den Kreislauf nicht selber herstellen können, dann suchen wir uns Partner in der Region dafür und tauschen uns mit ihnen aus. Das ist das Projekt, dass uns im Moment beschäftigt, und das wir in den nächsten Jahren noch ausbauen wollen. Und indem jeder etwas Besonderes dabei erzeugt, stärken wir auch die Region.“ Alexander braucht die Jungkühe nicht im Stall, da sie noch keine Milch geben, und er die Jungbullen erst später verkauft, und die Lageders können sie erst im Weinberg gebrauchen, wenn die Trauben geerntet sind. „Das passt immer super“, sagt Alexander, „wenn die von der Alm runterkommen, sind die Trauben meistens schon eingebracht.“ „Das ist die Idee der Transhumanz, die Tiere wechseln die Weide je nach Jahreszeit. Im Sommer in den Bergen im Winter im Tal und nach Möglichkeit so wenig wie möglich im Stall.“ „Wir müssen nur noch überlegen“, scherzt Alexander, „wie wir die Kühe dann demnächst auf klassische Art aus dem Vinschgau nach Margreid treiben.“ „Au ja, zu Fuß“, steigt Clemens direkt ein, „wir sperren einfach die Vinschgau-Autobahn.”

Oben auf der Alm, in 2.100 Metern Höhe, ist es deutlich kühler, obwohl die Sonne gerade rauskommt. Im Hintergrund grasen die Kühe, die Arunda plätschert, und Clemens hat Gulasch, Knödel und Vernatsch mitgebracht. Wir stellen einen Tisch auf die Wiese und lassen es uns schmecken. Die Sennerin kommt vorbei, „Ah, eine Viertelstunde hält es noch.“ Sie verschwindet sofort im Stall. „Die Leute denken immer noch, das Almleben sei wie bei Heidi im Film“, sagt Alexander lächelnd, „aber die stehen um drei Uhr morgens auf und dann wird bis Mittag hart gearbeitet. Nach dem Mittagessen kannst du dann zwei Stunden schlafen und am Nachmittag geht es weiter, bis acht oder neun, bei jedem Wetter. Da vermisst du die Bar abends nicht. So schnell bist du da gar nicht im Bett wie du einschläfst …“ Es fängt an zu tröpfeln. „Sechzehn Minuten“, sagt Georg lachend, „sie kennt sich hier oben aus.”

Am Abend wechseln wir das Tal. Vom Vinschgau geht es rüber ins Eisacktal. Ein immerwährender Strom von Autos wälzt sich die Brennerautobahn hoch und runter. Hier wird das Dilemma der Alpen sichtbar: Viel zu viel Verkehr auf zu engem Raum. Hinter Klausen geht es ab von der Autobahn und hinein in ein dunkles Seitental. Ein paar enge Kurven winden sich durch Felsen und an einem wilden Gebirgsbach vorbei. Plötzlich geht es links ab und steil zwischen sattgrünen Wiesen hinauf. Oben steht ein schlanker, spitzer Kirchturm, auf einem Hügel eine kleine Kapelle. Der Ort Teis liegt auf einem kleinen Hochplateau und schaut direkt nach Süden ins Eisacktal und aufs Rittnerhorn, nach Osten hin die Spitzen der Geislergruppe und sonst nichts als Wald. Selbst das ewige Rauschen der Brennerautobahn dringt nicht bis hier oben durch. Direkt unter dem Dorf, das auf fast 1.000 Metern Höhe liegt, stehen Weinreben und mittendrin Albert. Er hat schon eine Flasche Wein aufgemacht und probiert andächtig. „Müller-Thurgau“, sagt er und hält uns Gläser hin, „hier aus dem Weinberg.“ Dazu gibt es Schafssalami. „Hab ich selber gemacht“, sagt er, „ist von den berühmten Villnößer Brillenschafen. Die gibt’s leider nicht mehr so häufig.“ Das Villnößtal, über dessen Anfang Teis thront, war lange Zeit so abgelegen, dass man sogar eine eigene Schafsrasse hatte. Besonders widerstandsfähig und mit schwarzem Fell um die Augen, so dass es wie eine Brille aussah. Hätten die Villnößer nicht so sehr auf ihre Eigenständigkeit gepocht und ihre Traditionen gepflegt, wäre es schon längst ausgestorben. Heute kommen die Touristen extra ins Tal, um die Schafe zu sehen. Nur zwei Hektar Weinberge liegen geschützt wie in einem Amphitheater an einem sehr steilen Hang. „Zwei Hektar. Kann man denn davon leben?“, frage ich Albert etwas naiv. Er lacht laut auf und gießt sich und mir noch etwas Wein ein. „Super“, sagt er, „ich bin ja Rentner.“ Den Weinberg hat er von seinem Schwiegervater übernommen, nachdem er seinen Betrieb verkauft hatte. „Ich war im Logistikgewerbe. Dreißig LKWs hatte ich.“ Und jetzt Weinbauer? Es sieht aus, als sei ‚die Hände in den Schoß legen‘ keine Option für ihn. „Ich bin hier oben im Villnößtal geboren, hinten in St. Magdalena. Landwirtschaft hat schon immer zu unserem Leben dazugehört.“ Albert Vontavon ist einer der Vertragswinzer der Familie Lageder. Er baut in dieser einzigartigen Lage Reben an, Lageder verarbeitet sie zu Wein, und Albert erhält dafür einen Teil des Weins zurück. „Den verkaufe ich bei mir im Dorfladen und trinke ihn natürlich selber, gerne mit Freunden.“ Albert sieht wie jemand aus der sehr viele Freunde hat. „Alois, Clemens und Georg haben mich sogar überredet den ganzen Weinberg auf Bio-Dyn umzustellen. Erst hab ich das für Unfug gehalten, aber sie haben mehr und mehr davon erzählt.“ Albert sieht auch aus wie jemand den man nicht überreden könne, sondern überzeugen muss. „Als die ersten im Dorf gesagt haben ‚Was für ein Unfug, das geht nie bei uns‘, da hab ich es dann gemacht und jetzt bin ich mit der Ernte 2016 zum ersten Mal zertifiziert.“ Er packt einen Müller-Thurgau Schnaps aus. „Probier mal. Den kann man nicht kaufen, der ist nur für Freunde.“ „Den machst du sicher auch selber.“ „Natürlich!“

Fünfzig Hektar hat das Weingut der Familie Lageder, weitere hundert kommen mit einer Vielzahl an Vertragswinzern oder besser Partnern, wie Clemens es ausdrückt, hinzu. „Da geht es nicht darum, dass sie einfach nur Trauben liefern. Wir begleiten sie das ganze Jahr und immer mehr stellen jetzt auch auf Bio-Dyn-Anbau um und lassen sich zertifizieren.“ Erstaunlich, dass man mit so einem großen Weingut auch noch die Zeit findet die vielen Partner zu überzeugen, und neue zu suchen. Für die Traubenbauern gibt es sicher auch einfachere Partner, aber Leute wie Albert wollen halt nicht nur einfach Trauben ernten, sie wollen ein Stück Heimat erhalten und man braucht nur ins Tal zur Autobahn zu schauen, um zu wissen, dass das nicht ganz so einfach ist. Albert schneidet noch ein Stück von der selbstgemachten Salami auf. „Willst noch was?“ „Natürlich. Die Schafe dazu hältst du wahrscheinlich auch selber,“ scherze ich noch. „Aber klar,“ antwortet Albert fröhlich, „Villnößer Brillenschafe, im Sommer sind die oben auf der Alm und im Winter beim Clemens und Alois im Weinberg.“ Rentnerdasein im Villnößtal.

UNSERE WEINTIPPS

2016 PINOT GRIGIO CANTINA RIFF 
Der 2016er Riff ist ein im besten Sinne zurückhaltender Weißwein, so klar wie ein Gebirgsbach. Ein schnörkelloser Pinot Grigio also, der als ausgesprochen vielseitiger Begleiter zu den verschiedensten Anlässen dienen kann. Seine feinsaftige Ader verbindet vitale Frische mit angenehmen Burgunderschmelz. Ein echter Allrounder, der sich auch vor teureren Vertretern seiner Zunft nicht zu verstecken braucht. Er endet mit feiner Würze. Einfach klasse! 7 – 9 °C 

 6,90 €   im 11+1   (0,75l; 1l = 9,20 €) 

 

2016 PINOT GRIGIO PORER
An den Hängen, runter zur Etsch hin, stehen die Reben für den Porer Pinot Grigio. Der steinige, sandige und sehr stark kalkhaltige Boden sorgt für gute Drainage auch bei etwas mehr Regen, das warme Kleinklima mit großen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht für perfekt reife und doch frische Trauben. Der Porer glänzt strohgelb im Glas und trumpft mit einem ausgeprägten, mineralisch-rauchigen und exotisch fruchtigen Aroma auf, das sehr typisch für den Pinot Grigio ist. Sein langes frisches Finale spricht für ein gutes Reifepotential und in der Tat können gute Jahrgänge des Porer ohne Problem 6 bis 10 Jahre liegen. 7 – 10 °C 

 statt 15,90 €   nur 14,90 €   (0,75l; 1l = 21,20 €)   BIO

 

2013 COR RÖMIGBERG CABERNET SAUVIGNON
Die Trauben für den äußerst lagerfähigen Cabernet Sauvignon stammen aus der Steillage Römigberg, die sich nördlich des Kalterersees  befindet. Der lockere, steinige und sandige Boden mit Kalk- und Lehmanteilen ist besonders gut für den Anbau von Cabernet geeignet. Die Lage verfügt über ein warmes Mikroklima. Komplexes, konzentriertes Fruchtaroma von Kirschen und schwarzen Johannisbeeren, würzig und floral. Kraftvoller, geradliniger Ansatz. Rassig, dicht und lang am Gaumen. Anhaltendes, frisches Finale mit kräftigem Gerbstoff. Zeigt in seiner kompakten und konzentrierten Statur großes Reifepotential. 16 – 18 °C 

 45,00 €   (0,75l; 1l = 60,00 €) 

 

 

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