Eine Reise nach Südtirol - Alto Adige

unter Weinbrevier

„Südtirol ist nicht Italien“, sagte mir vor einigen Jahren mal völlig humorfrei ein Südtiroler, den ich lachend mit einem „Ihr Italiener“ bedacht hatte. Wahrscheinlich ist es den meisten Südtirolern mittlerweile ziemlich egal,  zu welchem Land sie gehören. Sie haben einen recht großen Spielraum als autonome Provinz, ein gesundes Selbstbewusstsein, eine ausgeprägte Heimatliebe und wenig Berührungsängste, denn durch das Land zogen schon immer die Handelsströme, heute kommen die Touristen aus aller Welt und man liefert Speck, Wein und Äpfel in die Welt zurück. Wahrscheinlich würden sich viele heute als Europäer bezeichnen, sie regeln vor Ort, was sich vor Ort regeln lässt und delegieren den Rest an die nächstgrößere Einheit, der sie mit kritischer Offenheit gegenüberstehen. Europa kann wahrscheinlich einiges von den Südtirolern lernen. 

Auch in Sachen Wein geht Südtirol einen eigenen Weg, den kann man aber durchaus zwiespältig sehen und hinterfragen. Auf der einen Seite gibt es immer mehr Spitzenwinzer, die sich an den Top-Anbaugebieten der Welt orientieren und eine unglaubliche Vielfalt, die die Region auszeichnet, durch genauere  Herkunftsbezeichnungen abbilden wollen. Eine Klassifizierung ähnlich wie im Burgund ist das Ziel, und in einem ersten Schritt darf man jetzt besonders herausragende, historisch abgegrenzte Weinberge als „Vigna“ eintragen lassen und auf dem Etikett mit der geschützten Herkunft dieser Grand Cru Weine werben. Neben der Vigna, dem Einzelweinberg gibt es zurzeit noch sieben besondere Unterzonen in Südtirol: Meran, Vinschgau, Kalterersee, Terlaner, Eisacktal, Bozner Leiten und St. Magdalener. Diese verlieren aber leider immer mehr an Bedeutung, da sie oft nicht für besondere oder bessere Qualitäten stehen. Sie verschwinden immer häufiger von den Etiketten und damit die Chance der Region ihre Vielfalt positiv darzustellen.

Auf der anderen Seite gibt es viele Erzeuger, die das Lagenkonzept ablehnen oder zumindest nach Alternativen suchen. Konzeptweine nennt man das, sie repräsentieren mehr eine gewisse Stilistik als ein Terroir. Ein Prinzip, das an die Château Tradition im Bordeaux angelehnt ist, natürlich nur mit viel mehr verschiedenen Weinen je Erzeuger und mit einer deutlich größeren Herkunftsregion auch im Spitzenbereich. So kann man dann die Vorteile der unterschiedlichen Lagen, Klimazonen und Böden der Region zusammenbringen, argumentieren die Winzer. Also die kühleren, frischeren Weine aus dem Eisacktal z.B. mit den üppigeren, wärmeren aus dem Etschtal vermählen. Dafür werden dann Premium-Linien und Markenweine geschaffen, deren Namen sich manchmal auch noch mit den in Südtirol zumeist nicht als Flurbezeichnung geschützten Namen von Ansitzen und Orten überdecken oder ihnen zumindest sehr ähneln können. Die Verwirrung steigt noch dadurch, dass die in der Region sehr aktiven und oft sehr guten Genossenschaften einfach nach dem Ort in dem sie sind benannt werden. Ein Wein, der einen Ortsnamen auf dem Etikett trägt, muss also nicht unbedingt aus diesem Ort stammen, da es sich dabei auch um den Namen der Genossenschaft handeln kann.

Wahrscheinlich wird die Verwirrung in nächster Zeit aber noch zunehmen, da man zusätzlich über ein „Grande Selezione“ System debattiert, ähnlich wie in der Toskana, wo man kurz nach der Einführung allerdings schon wieder über die Abschaffung nachdenkt. Diese Weine sollen dann entweder aus einer besonderen Einzellage stammen  oder aus mehreren. Oder irgendwo anders her. Zusätzlich zu alledem hat man neben den Unterzonen jetzt noch Großlagen eingeführt, so wie man das in Deutschland in den 70ern mit dem bekannten Erfolg gemacht hat.

Alles verstanden? Wir auch nicht. Vielleicht sind die Südtiroler ja doch italienischer als ihnen bewusst ist. 

–Im Fokus

EINE KURZE GESCHICHTE SUDTIROLS

Mit dem Zunehmen des Handels wuchs auch die Bedeutung der Region, die Römer gründeten hier zwar keine Städte, aber die Pässe an Brenner und Reschen waren von großer strategischer Bedeutung. Während der Völkerwanderung kamen zu den romanisierten Ureinwohnern die Langobarden und die Bajuwaren und so gehörte die Region im Mittelalter erst einmal zum Herzogtum Baiern, bis es dann über die Grafen von Tirol und somit 1363 an die Habsburger ging. Diese blieben für 555 Jahre die Herren auch der südlich des Alpenhauptkamms gelegenen Gebiete, bis die k.-u.-k.-Monarchie nach dem ersten Weltkrieg zerbrach. Der Nationalismus, der zu diesem verheerenden Krieg geführt hatte, verstärkte sich in der Folge sogar noch. In Italien hatte sich seit der Jahrhundertwende der Irredentismus breit gemacht. Aus der Idee, dass alle mehrheitlich italienisch sprachigen Regionen auch zum italienischen Staat gehören mussten, wurde bald die Idee, dass die eigentliche Grenze Italiens der Alpenhauptkamm sei und somit das südliche Tirol, zu dem damals auch das Trentino gehörte, aber auch das Tessin, Dalmatien und Istrien, Gebiete seien die auf ihre Redenzione, also Erlösung vom fremden Joch warteten. Nach dem ersten Weltkrieg wurden das vielsprachige Trentino und das südliche Tirol dem auf Seiten der Siegermächte kämpfenden Italien zugesprochen. Zumindest die Südtiroler aber wollten gar nicht erlöst werden. Die mittlerweile faschistische Regierung in Rom reagierte mit Härte. Die Deutsche und auch andere Regionalsprachen wurden verboten, Städte, Berge und Flüsse  umbenannt und Italiener nach Norden umgesiedelt und bevorzugt mit Stellen im Staatsdienst bedacht. 1939 vereinbarten die beiden Führer zur „Lösung der Südtirol Frage“ eine Umsiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung ins Deutsche Reich. Mehr als 80 % sollen sich damals dafür entschieden haben ihre Heimat zu verlassen um den Repressionen zu entgehen. Durch den Krieg kam es nicht  dazu. Nach ihm dauerte es noch einmal mehr als 25 Jahre, bis den Südtirolern und den Venetiern eine weitgehende Autonomie zugestanden wurde. Mittlerweile spricht man von der Autonomen Provinz Südtirol-Bozen, oder auch auf Italienisch Provincia Autonoma di Bolzano – Alto Adige, auf Ladinisch, der Sprache des Grödnertals ist von Bulsan und auf Gadertalisch von Balsan die Rede. Zusammen mit dem Trentino bildet man übrigens eine der italienischen Regionen und zusammen mit dem österreichischen Tirol hat man 1998 die Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino gegründet, die genau die Regionen des alten Kronlandes Tirol umfasst.

TIPPS IN SÜDTIROL 

Wo soll man da anfangen? Vielleicht so: Bozen ist einen Besuch wert, Hotelmäßig aber fast eine No-Go-Area. Das ist vielleicht eine Faustregel für die Region: Je größer der Ort, desto schlechter das Preis-Leistungs-Verhältnis der Hotels.

Dafür kann man in fast jeder einsamen Berghütte sensationell essen und trinken, da braucht man dann kein Luxusbett mehr. Im Vinschgau sollte man natürlich Alexander in der Käserei ‚Englhorn‘ besuchen. Wer danach auf dem Tartscherbichl mit der Indianerin ausgiebig getanzt hat kann in Glurns in der ‚Post‘ ein Tiroler Gröstl essen und ein Bier trinken. Alleine wegen des imposanten alten Hauses lohnt sich das. Am anderen Ende Südtirols liegt Truden und direkt am Naturpark Trudner Horn, Gschnon mit dem ‚Dorfnerhof‘. Hier macht der Wirt noch alles selber, der Speck stammt aus eigener Produktion, die Rinder von ihm oder dem Nachbarn. Es gibt fünf Zimmer, eine einmalige Aussicht, sehr familiäre Atmosphäre und viele Wanderwege im Naturpark direkt vor der Tür. Unten in Tramin kommt man am besten bei der ‚Tirolerin‘ unter oder auch im Ansitz ‚Romani‘. Gute essen kann man beim ‚Weingut Hofstätter‘ direkt zweimal. Im ‚Restaurant Garten‘, wo es auch einen Verkauf und eine Verkostungsmöglichkeit für die Hofstätter-Weine gibt. In der alten Poststation, direkt daneben, die zu Zeiten von Pferdekutschen und Postreitern ein Gasthaus mit Übernachtungsmöglichkeiten war, gibt es jetzt die ‚Alte Post‘. Man kann auf der schönen Terrasse direkt am Dorfplatz sehr gut essen oder zwanglos am Tresen sitzen und ein Glas Wein trinken. Wenn man einen Abstecher nach Margreid macht kann man die Vinothek von Lageder besuchen und natürlich im ‚Paradeis‘, der Gaststätte des Weinguts, essen. Hier wird großer Wert auf lokale Produkte gelegt und die Küche ist was man vielleicht als moderne südtiroler Bistroküche beschreiben würde, also auf jeden Fall einen Besuch wert. Natürlich sollte man noch bei ‚Gretl am See‘ in Kaltern einen Eisbecher und ein Graukasrisotto essen und oben nach Radein fahren um auf dem ‚Zirmerhof‘ zumindest einen Apfelstrudel zu genießen, im Eisacktal lockt das abgeschiedene Bad Dreikirchen, das man nicht mit dem eigenen Wagen erreichen kann, auf die Schlern müsste man auch unbedingt einmal und, und, und!

 

ALLE GASTROTIPPS IM ÜBERBLICK 

HOFKÄSEREI ENGLHORN
Schleis 8, 39024 Mals
www.englhorn.com

DORFNERHOF
Gschnon 5, 39040 Montan
www.dorfnerhof.it

TIROLERIN
Parkstraße 1, 39040 Tramin
www.tirolerin.it

ANSITZ ROMANI
Andreas Hofer Straße 23, 39040 Tramin
www.ansitzromani.com

RESTAURANT GARTEN & WEINSTUBE ALTE POST
Rathausplatz 7, 39040 Tramin

ALOIS LAGEDER PARADEIS
St. Gertraudplatz 10, 39040 Margreid

GRETL AM SEE
St. Josef am See 18, 39052 Kaltern
www.gretlamsee.com

DER ZIRMERHOF
39040 Radein
www.zirmerhof.com

 

HIER FINDEN SIE ALLE WEINE AUS SÜDTIROL