Bruno Rocca – Der Grandseigneur des Barbaresco

unter Weinbrevier

Es hat schon morgens um 9 Uhr mehr als 25 °C, als wir von Alba die kurvige Straße hoch in die Hügel des Barbaresco fahren. Weinberge links, rechts, hinter uns, vor uns. Und im Drehen der engen Kurven scheinen sie auch über und unter uns zu sein. Reben an steilen Hängen, auf denen der weiße Boden in der Morgensonne hell schimmert. Hinter dem Straßendorf Tre Stelle führt die Landstraße über den Kamm in einer großen Kurve nach Norden auf den Ort Barbaresco zu, links und rechts stehen vereinzelt, wo etwas Platz ist, Häuser, sonst an den steil abfallenden Hängen nur Reben. Ich hatte im Vorfeld unserer Reise einiges über Bruno Rocca gelesen. „Der junge Wilde“ stand auf der Website eines Kollegen, in einem Blog war vom „energischen Jungwinzer“ die Rede, jetzt steht ein schlanker, fast drahtiger Mann mit milden, etwas müde dreinschauenden braunen Augen vor uns und begrüßt uns freundlich, aber fast wortlos. Wie oft bei Menschen, die viel draußen arbeiten, kann man sein Alter schwer einschätzen, aber sein Sohn Francesco der neben ihm steht, zeigt an, dass Bruno dem Jungwinzer-Dasein sicher schon seit 25 Jahren entwachsen ist. Sie kommen gerade gemeinsam aus dem Weinberg. „Bei dem heißen Wetter fangen wir immer schon um fünf Uhr morgens mit der Weinbergsarbeit an“, erzählt Francesco in jenem herrlichen Englisch mit stark italienischem Einschlag, das jeden echten Briten zur Verzweiflung bringt, weil die Sprache dadurch so schön undistanziert und warm wird. Bruno will sich schnell frisch machen, während uns Francesco den Rabajà Weinberg zeigt, der direkt unterhalb des Hauses liegt. Als ich anfange einige Fotos zu machen, entschuldigt sich Francesco mehrfach für sein Outfit, ein Muscle-Shirt und eine abgeschnittene Jeans, die den Staub des Weinbergs trägt. „Ist doch super“, meine ich, „du siehst wenigstens wirklich nach Weinbergsarbeit aus, das ist nichts für das man sich entschuldigen muss.“ Er lächelt kurz, aber ist dann sofort wieder bei der Sache. Er will uns den Rabajà Weinberg erklären. „Meine Großeltern oder besser meine Großmutter haben den Weinberg und das Haus oben auf dem Hügel gekauft. 1958 war das. Damals hatten wir noch das Weingut mitten in Barbaresco, mit vielen kleinen über das ganze Gebiet verstreuten Parzellen,“ erzählt Francesco. „Maria Adelaide war eine äußerst praktische Frau. Für sie zählte das Argument: Alle Weinberge zusammen und nah am Haus. Für Großvater Francesco zählte auch der Wert des Weinbergs an sich. Die Händler, an die wir damals alle Weine Fassweise verkauften, zahlten für die Trauben aus Rabajà immer etwas mehr und die Kooperative füllte sogar einen gesonderten Wein mit der Aufschrift ‚Weinberge vom Südwesten des Rabajà‘.“ 

Es wird schon richtig heiß im Weinberg, der Boden ist trocken und staubig. „An so einen heißen Juni kann sich selbst mein Vater nicht erinnern. Aber noch ist alles in Ordnung, im Frühjahr hat es genug geregnet, wir sind zwar ein wenig früher dran im Moment, aber bis zur Ernte kann noch viel passieren.“ Der junge Francesco klingt schon ziemlich abgeklärt, der Weinberg ist sein Ding, das merkt man sofort. „Ihr seht hier sehr gut den Lehm, der das Terroir in der Region vor allem ausmacht. Er ist sehr fein und hell, und stark mit kleinen Kalksteinen versetzt, in der Tiefe wird es dann deutlich kalkiger. Dazu haben wir eine recht steile Süd- bis Südwest-Ausrichtung, das alles sorgt dafür, dass wir einerseits einen Wein mit guter Kraft, aber eben auch einer großen Komplexität bekommen.“ In den Weinbergen stehen überall Blumen und Kräuter herum, teils ist der Boden aufwendig umgepflügt worden, aber es sieht aus wie bei den meisten Bio-Betrieben. „Als mein Vater anfing selber Wein zu machen hat er recht bald mit dem Einsatz von Pestiziden und Herbiziden aufgehört.“ Bruno kommt erfrischt und im sauberen Hemd dazu und schaut etwas erstaunt, als wir ihn darauf ansprechen. „Bio? Ja klar, wir sind sogar zertifiziert, schreiben das aber nicht auf das Etikett, ich mache das doch nicht um damit Werbung zu machen, ich mache das in erster Linie für mich und meine Kinder. Wir sind jeden Tag da draußen im Weinberg. Niemand möchte doch in einer chemisch verseuchten Umgebung arbeiten …“ Er zeigt uns die Kellerei, die in einem Nebengebäude direkt am Hang platziert ist. Oben die Traubenannahme, dann die Pressung und die Maischung, und ganz unten die Barrique Fässer. Alles ganz schlicht gehalten. „Wir haben uns gerade einen Tresor gebaut, den muss ich euch zeigen“, er lächelt etwas verschmitzt. Wir gehen in einen vielleicht 20 Quadratmeter großen Raum tief unter der Erde, in dem viele Flaschen älterer Jahrgänge liegen. „Da sind wir noch nicht ganz fertig mit, aber das wird sozusagen das Archiv des Weinguts.“ Ich sehe erst später, wie ernst man den Begriff Tresor genommen hat, den übergroßen Eingang verschließt eine Stahltür die mindestens 30 Zentimeter dick ist, ein großes Rad zum Öffnen besitzt und aussieht wie aus einem 50er Jahre Krimi. „Tja, die Banken haben halt immer weniger Bargeld das sie lagern müssen“, meint er sichtlich erfreut. Na, bei den italienischen Banken wird gerade nicht nur das Bargeld knapp.  

In den verschiedenen Kellern für die Weinbereitung ist alles extrem sauber, überhaupt etwas, dass uns bei den Winzern, die wir auf unserer Reise besuchen, aufgefallen ist. „Wir filtern sogar die Luft“, erklärt Bruno, „je sauberer wir arbeiten, desto weniger müssen wir in den Wein eingreifen, und desto weniger Schwefel brauchen wir nachher.” Es wirkt so, als würde bei der Ernte mehr gefegt und geputzt werden, als in einer preußischen Kaserne. In einer Ecke neben den Tanks stehen zwei leere Kisten Tannenzäpfle Bier aus dem Schwarzwald. Bruno macht ein Daumen-hoch-Zeichen, bedauert aber gleichzeitig, dass sie schon leer sind. „Übrigens, für die Luftfilterung und auch für die Temperatursteuerung haben wir oben auf dem Dach Solarzellen, so können wir mehr als 70 % der Energie, die wir verbrauchen, selber mit Sonnenlicht erzeugen.“

1978 hat Bruno die ersten Weine unter seinem Namen verkauft, 1982 hat er zum ersten Mal den Zusatz ‚Rabajà‘ auf die Flasche gesetzt. „Bruno, viele haben dich damals als Modernisten bezeichnet, vor allem, weil du auf einen hohen Anteil neuer Barrique-Fässer gesetzt hast. Das war sicher oft nicht nett gemeint.“ Er schaut gelassen, kann sich aber ein leichtes Hochziehen der Augenbrauen nicht verkneifen. „Das Barrique, alle machen es am Barrique fest, aber das war eigentlich das Geringste, was wir damals geändert haben. Viele von uns hatte es ins Burgund gezogen und wir waren erstaunt, wie man da Wein machte. Was ist denn falsch daran, zu lernen und die Methoden weiterzuentwickeln, um besseren und vor allem typischeren Wein zu machen. Im Grunde ist die Weinbereitung bei uns ja sogar einfacher und ursprünglicher geworden, nur eben auch präziser.“ 

Unterdessen ist es fast Mittag geworden. „Ihr wolltet doch, dass wir euch unsere Lieblingsorte oder typische Sachen für die Region zeigen. Wir fahren jetzt zusammen in unser Lieblingsrestaurant.“ Das Ristorante Il Centro liegt in Priocca auf der anderen Seite des Tanaro. Hier gibt es keine Namen, die einen großen Klang in der Weinwelt haben, unten am Ortseingang dafür einen riesigen Abfüllbetrieb, der unter fast zwanzig verschiedenen Markennamen Weine aus ganz Italien abfüllt und in den die Kellerei von Bruno Rocca mit seinen nicht einmal 70.000 Flaschen wahrscheinlich 20 Mal reinpassen würde. „Eigentlich haben die heute geschlossen, weil die für ein großes Event in Alba kochen müssen“, erzählt Bruno, „aber die Familie Cordero sind gute Freunde und als wir euer WeinBrevier gesehen haben, dachten wir, wir müssen euch unbedingt zeigen was die machen.“ Giampiero empfängt uns an der Tür und führt uns direkt in den imposanten Weinkeller, der zwar enorm ist, aber nicht mit schierer Größe protzt. Als wir später auf die Weinkarte schauen überlegen wir, ob wir nicht zwecks eines tiefergehenden Piemont Weinseminars die nächsten Wochen hier verbringen wollen, denn auch die Auswahl an Jahrgängen ist beeindruckend. Die Preise dafür sehr fair, wahrscheinlich weil man sich etwas abseits der normalen Touristenströme befindet. In der Küche steht Mutter Elide und hat alle Hände voll zu tun, aber ihre Küchencrew ist perfekt aufeinander abgestimmt. Bruno bestellt eine Flasche eines „einfachen“ Nebbiolo. Nicht seinen eigenen. „Den wollte ich mal wieder probieren“, meint er freundlich. „Der Nebbiolo wird ziemlich unterschätzt. Man hat ihn oft als den kleinen Bruder des Barolo oder Barbaresco verkauft, aber das ist ein Fehler. Ein guter Nebbiolo hat etwas Eigenständiges, er ist leichter, duftiger und etwas unkomplizierter, wir trinken ihn meist leicht gekühlt. Aber trotzdem ist er oft ein großer Wein. Vor allem bekommt man da sehr viel Piemont für sein Geld.“ Das stimmt und gilt auch für seinen eigenen Nebbiolo, den Fralù, der nach Sohn Francesco und Tochter Luisa, die beide auf dem Weingut mitarbeiten, benannt ist. Überhaupt werden weder er noch Francesco ein einziges Mal die Qualität der eigenen Weine anpreisen, mit irgendwelchen Auszeichnungen und Punkten kommen, oder versuchen uns mehr von einem bestimmten Wein zu verkaufen. Letzteres dürfte auch schwer werden, denn bis auf das was im Tresor hinter der schweren Eisentür landet sind die Roccas immer ausverkauft. Man kauft nichts zu, hat auch keine Vertragswinzer und damit ist das, was in den eigenen Weinbergen wächst alles was es gibt und größer wird das Weingut bei den momentan ziemlich absurden Preisen für Weinberge in der Region sicherlich nicht mehr werden. 

„Wie bekannt ist Barbaresco in Deutschland?“, fragt Bruno. „Nicht so sehr“, antworte ich, „viele Leute halten ihn wahrscheinlich für so eine Art Zweitwein des Barolo …“ Er lächelt. „Ja, die Region ist klein und auf der einen Seite haben wir nicht so viele Spitzenweine, dass wir international wirklich bekannt werden, auf der anderen Seite gibt es aber auch nicht so große Produzenten, dass man mal mit einem Wein in die Breite gehen könnte. Daher findet man in den Supermärkten zu Weihnachten dann auch eher einen Barolo. Das führt zu der seltsamen Situation, dass einerseits in den Kellern zahlreicher Erzeuger immer noch viele schwer verkäufliche Weine liegen, aber halt ziemlich mittelmäßige, es auf der anderen Seite aber nicht genug Wein gibt, aber eben vom besseren.“ „Wie würdest du denn unseren Kunden den Unterschied zwischen Barolo und Barbaresco erklären?“ „Barbaresco kann man jeden Tag trinken, Barolo nur samstags …“ Wir schauen etwas fragend. „Barbaresco wirkt immer etwas leichter und schlanker, hat dafür aber mehr von dieser feinen Duftigkeit, was ihn bekömmlicher macht. Wenn ich Barolo trinke muss ich am nächsten Tag immer frei haben.“ Klingt jetzt ein wenig wie die Unterscheidung zwischen Mezcal und Tequila in Malcom Lowrys epochalem Trinkerroman ‚Unter dem Vulkan‘. „Aber, wenn es weniger Barbaresco gibt und er eigentlich der feinere Wein ist,“ versuche ich noch ein wenig zu sticheln, „dann ist doch der Barolo eigentlich der kleine Bruder des Barbaresco?!?“ „Ja natürlich …,“ sagt Bruno sehr freundlich lächelnd und widmet sich ohne auch nur mit der Wimper zu zucken seiner Ente mit Kirschen.

 

UNSERE WEINTIPPS 

2015 LANGHE NEBBIOLO FRALÙ 
Die Benennung Fralù entstammt den Namen der zwei Kinder, Francesco und Luisa, von Bruno Rocca. Einladende Aromen von Kirschen, Waldbeeren, Rosenblättern, leicht ätherischen Noten und Lakritz. Harmonisch und ausgewogen mit feiner Tanninstruktur und guter Länge. Unbedingt dekantieren! 15-17 °C 

 18,50 €   (0,75l; 1l = 24,67 €)

 

2014 BARBARESCO
Die Trauben für den Barbaresco stammen aus den Crus San Cristoforo, Currà und Fausoni in Neive. Der Basis-Barbaresco von Bruno Rocca beweist bereits in der Jugend seine Zugänglichkeit und neben kräuterwürzigen Aromen zeigen sich Schwarzkirschen, dunkle Beeren und Veilchenaromen. Elegant mit saftiger Frucht und feiner Tanninstruktur ausgestattet. Sollten Sie schon jetzt nicht mehr warten können, bitte dekantieren.  14-16 °C 

 37,90 €   (0,75l; 1l = 50,53 €)   92 Parker

 

2014 BARBARESCO RABAJÀ
Was für ein Wein den Bruno Rocca da auf die Flasche gebracht hat! Im Moment befindet er sich jedoch noch in der pubertären Phase. Zurückhaltend in der Aromatik, doch mit etwas Luft zeigen sich florale Noten, Herzkirsche, frische Himbeeren und zarte Röstnoten. Unglaublich ausgewogen mit feiner Frucht, guter Frische und Tanninstruktur. Das ist ein großer, vielversprechender Wein! 14-16 °C 

 65,90 €   (0,75l; 1l = 87,87 €)   94 Galloni 

 

 

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