Bordeaux En Primeur Jahrgang 2016 - Linkes Ufer

unter Subskriptionen

Da der Beginn der En-Primeur-Kampagne unmittelbar bevorsteht, folgt nun, wie Versprochen, ein Überblick über die verschiedenen Gemeinden und ihre Qualitäten. Ich habe versucht so viele Weine wie möglich und vor allem auch sooft es ging zu probieren, denn die Fassmuster zeigen sich ja immer etwas unterschiedlich und nur in der Summe der Verkostungen kann man zu einem sicheren Ergebnis kommen. Trotzdem konnte ich (natürlich, aber auch leider) nicht alles probieren, sonst müsste ich Wochen in der Region verbringen. Ich empfehle deshalb hier nur Weine, bei denen ich mir – soweit das möglich ist – sicher bin. Aber keine Sorge, wenn Ihr Lieblingschâteau nicht dabei ist: Der Jahrgang 2016 ist wirklich ein sehr guter. Es gibt nur ganz wenige Ausreißer nach unten. Mancherorts sind die Qualitäten herausragend. So kann man in der Summe fast alle Châteaus zum Kauf empfehlen, wenn denn der Preis stimmt. Insgesamt betrachtet ist 2016 – wie schon gesagt – ein homogener Jahrgang. Die Weine zeigen im Vergleich zu 2015 jedoch von gänzlich anderer Struktur. Wenn man den Jahrgang kurz und bündig zusammenfassen möchte ist die Richtung klar: In 2016 brillieren die Roten mit Klarheit, Saftigkeit und Frische. Sie sind bereits en primeur unglaublich zugänglich und trinkanimierend. Die Tannine und die Säure sind ausgeprägt, dabei sehr reif. Vor allem die Cabernets wurden allerorts mit perfekter Reife gelesen. Ein goldener Herbst machte die selektive Lese Weinberg für Weinberg bei optimalen Bedingungen möglich. In der Summe sind so klassische Weine entstanden, die nicht durch hohe Alkoholwerte, sondern durch Präzision und Finesse glänzen.  Mit einer detaillierteren Betrachtung möchte ich mit den großen Gemeinden am linken Ufer beginnen, die nördlich von Bordeaux liegen, auch weil die Weine von hier so beeindruckend waren und das Médoc den Vorgängern aus 2015 den Rang ablaufen könnte.

 

LINKES UFER

SAINT-ESTÈPHE

Meine Highlight-Appellation, auch weil ich die feste Art dieser Cabernet-betonten Weine sehr mag, aber vor allem wegen der wirklich tollen Qualitäten, die die Gemeinde in diesem Jahr durch die Bank zu bieten hat. Hier kann man auch noch echte Schnäppchen machen, denn einige der Châteaus spielen in diesem Jahr in einer höheren Liga, als ihr eigentlicher Status vermuten lässt.

Dazu gehört wieder einmal Château Capbern, das zu den Besitzungen von Calon-Ségur gehört. Die mit der Renovierung des Kellers einhergehende Qualitätssteigerung wird immer spürbarer. So verlässt er langsam aber sicher den Status eines Geheimtipps. Er wird einen mehr als soliden Saint-Estèphe-Genuss mit Reifepotenzial bieten und das für kleines Geld. Das gilt auch für Château Lilian- Ladouys das modern vinifiziert und mit hohem Merlot-Anteil ausgestattet zu den Schmeichlern gehört, dabei mit seiner puren Saftigkeit, fast schon Süffigkeit, richtig viel Spaß machen dürfte. Ähnliches gilt für Tour de Pez, das auch immer noch zu den unterschätzten Bordelaisern zählt und sich in der Flaschenreifung oft viel besser entwickelt, als man es vermuten würde. Da mir Montrose in diesem Jahr leider nicht untergekommen ist, möchte ich bei den großen 2016ern auf Château Calon-Ségur aufmerksam machen, dessen Qualität in diesem Jahr geradezu legendär ist und das in seiner Präzision und Tiefe locker mit Cos d’Estournel mithalten kann, wo man wieder einen Titan mit breiten Schultern präsentiert hat, man aber leider mit deutlichen Preissteigerungen rechnen muss, wie man hören konnte. Auch wenn Château Lafon-Rochet nicht zu den beliebtesten Châteaus in Deutschland gehört, möchte ich für den 2016er eine Lanze brechen. Olivier Berrouet, der ehemalige Direktor von Château Pétrus, berät hier seit dem Jahrgang 2012 und seine Handschrift in Richtung Präzision und Eleganz ist in diesem Jahr ganz besonders zu spüren. Lafon-Rochet gehört so zu den besonderen Empfehlungen im mittleren Preissegment der Kampagne, bei dem ich selbst darüber nachdenke zuzuschlagen. Weitere Empfehlungen sind Château Le Boscq aus dem Hause Dourthe, der so klassisch schmeckt, wie ein Saint-Estèphe nur schmecken kann, sowie Château Meyney, das in neuem Gewand mit toller Klarheit und ungewohnt gutem Holzfassausbau glänzt und, last but not least, Château Phélan Ségur, das vielleicht sogar den besten Wein jemals gezeigt hat, wenn man denn den Entwicklungen im Preis folgen möchte.  

 

PAUILLAC

Prinzipiell stehen die Weine aus dem Pauillac denen von Saint-Estèphe in nichts nach und da sich hier die Besten der Besten tummeln, ist alles wieder einmal nur eine Frage des Preises. Bei den Premiers war ich absolut hingerissen von Lafite, auch wenn Latour (der nicht mehr in die Subskription geht) und Mouton auch sehr beeindruckend waren und jeder Wein ganz der Ausdruck seines Terroirs und Stils ist. Hier entscheidet nur der persönliche Geschmack. Das gilt auch für Château Pichon-Longueville-Comtesse de Lalande und Château Pichon-Longueville-Baron, wobei ich die Comtesse mit ihrer eher klassischen Ausrichtung vorziehe. Diese Comtesse ist einfach nur göttlich: Ein filigranes Meisterwerk mit wahnsinniger Tiefe. Der Baron ist kraftvoller und packend und erscheint wie üblich stärker extrahiert als seine Nachbarin. Trotzdem: Das ist ein hedonistischer Baron mit großzügigem Schmelz und vitaler Ader, der den Kauf mehr als lohnt. Ein heißer Tipp im Einstiegsbereich ist Château Pedesclaux, das durch Zugewinne an Weinbergen in der Nachbarschaft der ganz Großen und die komplette Renovierung des Kellers immer mehr an Profil gewinnt. Das ist sicher sehr modern, aber in jeder Hinsicht stimmig und so für mich der Best-Buy. Auch sehr zu empfehlen ist Château Haut-Bages-Libéral, das als absoluter Klassiker gelten darf und sich mit seiner Finesse und Ausgewogenheit nicht zu verstecken braucht. Im einigermaßen bezahlbaren Bereich der Spitze glänzt Pontet-Canet wieder mit ganzer Strahlkraft und purer, hedonistischer Saftigkeit. Ein Must-Have! Neben dem sehr eleganten Latour, den es aber eh erst in ein paar Jahren zu kaufen gibt und Mouton-Rothschild mit seiner reinen Frucht und üppigen, dabei zugleich grandios fokussierten Art, sticht für mich Château Lafite hervor, der als genialer Klassiker angetreten ist und in seiner Perfektion, Tiefe und präzisen Nüchternheit ein kleines Stück herausragt. Da werden andere Verkoster jedoch sicher gegensätzlicher Meinung sein. Ich denke aber: Wenn man sich ruinieren möchte, dann sicher hier. Vergessen möchte ich deshalb auch nicht Château Duhart-Milon, der zu den Großen aufschließen kann und den Lafite-Spirit in etwas kleinerer Ausführung in sich trägt, dafür aber auch den Geldbeutel um ein Vielfaches schonen wird.   

 

SAINT-JULIEN

In einem guten Jahrgang sind hier gewohnheitsgemäß immer alle Weine gut. So auch in 2016. Leider vermisse ich in diesem Jahr Ducru-Beaucaillou und Léoville-las-Cases, zu denen wir es trotz aller Bereitschaft nicht mehr geschafft haben und die es außerhalb der Châteaus nicht zu verkosten gibt. Wenn die einleitende Regel gilt, mache ich mir hier aber keine Sorgen. Wer sich wirklich einen Gefallen tun möchte, der subskribiert in diesem Jahr Clos du Marquis, denn der Wein ist so gut, wie er nur sein kann. Hier meine Verkostungsnotiz: „Delikates Aroma. Das ist supereleganter Stoff. Die Proportionen sitzen perfekt. Kein unnötiger Speck. Straff und präzise. Ein Highlight. Superreife Frucht.” Ein bisschen viel „super”, aber was solls. Wenn der Preis passt, geht hier kein Weg vorbei. Das dürfte auch bei den anderen Léovilles der Fall sein, von denen man sich dann entweder dem klassischen Léoville Barton zuwendet, dessen opake Farbe gleich beeindruckte und der von Anfang bis Ende straff und mineralisch unterbaut erscheint, oder den üppigen und zugleich sehr feinen Léoville Poyferré bevorzugt, der wieder deutlich in Richtung Hedonismus tendiert und die beide als ausgesprochen gelungen und konzentriert gelten dürften. Mein persönlicher Favorit ist jedoch Château Saint-Pierre, dessen großartiges Terroir in diesem Jahr perfekt in Szene gesetzt ist und der mit seiner hochfeinen Zedernwürze und schwarzen Frucht an Château Latour erinnert. Auch Langoa Barton ist für die Liebhaber des etwas herberen und klassischen Stils wieder absolut zu empfehlen, er bleibt immer straff, kühl und mineralisch, wird aber, wie alle anderen Weine auch Reifung in der Flasche bedürfen, um alles zu zeigen. 

 

MARGAUX

Hier ist der Jahrgang sehr gut, aber vielleicht nicht ganz so gut wie 2015, wo die südliche Appellation überragte. Die fordernden Tannine sind in jedem Fall bei den verschiedenen Verkostungen auffällig gewesen und werden Zeit im Keller benötigen. Vielleicht sieht die Welt in zehn Jahren dann wieder anders aus, in jedem Fall sollte man sich aber auf etwas längere Lagerzeiten einstellen. Château Margaux überstrahlt wieder alles, und ist mit dem höchsten Cabernet Sauvignon Anteil aller Zeiten (über 90 %) gefüllt worden. Da ist großer Wein für die Ewigkeit, der straff, druckvoll und präzise ist und den ein oder anderen von uns sicher überleben wird. Für jetzt fehlte ihm die Offenheit und Harmonie des 2015ers, das aber natürlich auf sehr hohem Niveau. Auch der Pavillon Rouge wartet mit hohem Cabernet Anteil auf; Er soll sich in den nächsten Jahren dem Charakter des Grand Vin annähern, was auch jetzt schon ausgesprochen gut gelungen ist. Persönlich hat mir der elegante Château d‘Issan in direkter Nachbarschaft sehr gut gefallen, der in den letzten Jahren von Triumph zu Triumph eilt und auch in kleineren Jahrgängen überzeugt. Er darf sich mit seiner floralen Duftigkeit und herkunftstypischen Finesse zu den großen Gewinnern zählen, auch weil er bezahlbar bleiben dürfte. Zu den Spitzen gehört auch in diesem Jahr wieder Brane-Cantenac der mit dunklem Toast aufwartetet und sich, im Vergleich mit anderen, schon früh sehr ausgewogen und elegant präsentierte. Château Giscours erreicht aus meiner Sicht nicht ganz das großartige Niveau von 2015, ist sehr würzig und typischerweise noch arg verschlossen, wird aber sicher zu einem klassischen Giscours mit Präzision heranreifen. Sehr, sehr fein und mit großartiger Tiefe ausgestattet ist Maléscot Saint Exupéry einer der femininen und damit Margaux-typischsten Charaktere, der in nobler Zurückhaltung nur andeutet, was wirklich in ihm steckt. Für mich mein ganz persönlicher Favorit. 

 

MOULIS / LISTRAC

Aus dieser Herkunft habe ich im Prinzip nur die bekannten Kandidaten verkostet, die mir sehr solide erschienen. Sie sind in der Mehrzahl delikat und von mittlerer Statur, man kann sie getrost als Klassiker bezeichnen, die in Anbetracht ihres moderaten Preises in jedem Fall zur Subskription empfohlen werden können.  

 

PESSAC-LÉOGNAN / GRAVES

Ein weiteres starkes Jahr für die Appellation südlich von Bordeaux. Hier findet man alles, was man von den Weinen dieser Herkunft erwarten darf und die Qualitäten bewegen sich auf Augenhöhe mit 2015. Alle Roten von hier sind Ausdruck ihres Terroirs und von purer Finesse geprägt, was sie noch präziser als im letzten Jahr erscheinen lässt. Man kann hier wieder viel von der subtilen Kraft entdecken, die diese Weine so einzigartig macht. Haut-Brion, La Mission und Smith-Haut-Lafitte vermisse ich leider in diesem Jahr, was wieder dem engen Zeitplan geschuldet war. Da die Qualität der Herkunft aber durchweg überzeugte, mache ich mir über diese Ikonen keine Sorgen. Château Haut-Bailly ist ehedem mein persönlicher Kandidat für den Wein des Jahrs von hier, soviel sublime Kraft steckt in ihm. Seine feine ätherische Würze setzt wieder Maßstäbe. Auch Château Pape-Clément zeigt sich ganz von seiner eleganten Seite und hat mich zu dem Urteil verleitet: „Hier stimmt einfach alles.“ Um das Trio meiner großen Weine zu komplettieren, darf natürlich Domaine de Chevalier nicht fehlen, der perfekt extrahiert erscheint und über eine große Struktur verfügt. Das dürfte mit entsprechender Geduld einer der ganz großen Weine der Domaine werden. Eine echte Delikatesse. Bei den Preis-Genuss-Werten möchte ich Château Haut-Bergey nennen, der reif und rund ist und schon in seiner Jugend sehr schmackhaft werden dürfte. Und Château Brown, dessen Entwicklung in den letzten Jahren zum modernen Charmeur mit Charakter weiter erfolgreich voranschreitet. Er besitzt keinen Hauch der Rustikalität früherer Jahre mehr. Ein Klassiker mit straffer Art ist Château La Garde. Er wird Zeit brauchen, wer aber kürzlich mal einen perfekt gereiften 2004er im Glas hatte kann erahnen, wo die Reise hingehen könnte. Das ist etwas für Geduldige und Liebhaber echter Klassik, das Château ist, wie alle Weine von Dourthe, weiter auf dem Vormarsch.

 

Nun fehlt noch das rechte Ufer. Darüber können Sie im nächsten Beitrag lesen.