Neu im Weinkeller: Mas Crémat - La Terre noir

unter Weinbrevier

La Terre noir

Julien Jeannin-Mongeard

Weinberge auf Mas Crémat

Rivesaltes kennen die Weinfreunde zumeist vom Muscat de Rivesaltes, einem frisch schmeckenden Süßwein, der gerne als Apéro getrunken wird. Dass hier, auf ganz besonderem Boden, auch noch ganz besonderer Wein wächst, war auch uns vorher nicht bekannt.

Espira-de-l'Agly liegt an der Grenze der Küsten- und Bergregion des Roussillon, hier windet sich eine enge Straße zwischen Katharer-Burgen und Felsen durch das nur spärlich besiedelte Fenouillet in die Pyrenäen. Nach Süden, hinter Rivesaltes, ist aber auch das Meer nicht weit. Auf dieser Grenze bekommt die Erde plötzlich eine ganz andere Farbe und Struktur. Der Boden ist steinig und staubig zugleich. Eine besondere Art von Schiefer kommt hier an die Oberfläche und zwischen den Felsbrocken liegt zu Staub zerriebenes Gestein. Alles ist dunkelgrau bis schwarz, aber von jener eigentümlich glänzend irisierenden Art, als hätte jemand alles mit Graphitstaub überzogen. Ein seltsamer Boden, von dem sich das Grün der Weinreben leuchtend abhebt.

Hier steht die Domaine Mas Crémat, wo Catherine, Christine & Julien Jeannin-Mongeard erstaunliche Weine ernten. Sie hatten unseren Roussillon-Verkostungs-Contest in der Sparte „Trinken & Spaß haben“ eindeutig gewonnen. Über einen holprigen Feldweg näherten wir uns dem kleinen Weingut, hinter dem die Berge direkt ansteigen. Wir wurden von zwei laut bellenden Hunden begrüßt, bei denen das aber eher normales Pflichtprogramm als Aggressivität war. Kaum hatte uns Julien die Hand gegeben, gehörten wir schon zur Familie und wurden nur noch dösend aus dem Augenwinkel beachtet und wohlwollend angewufft.

„Warum habt Ihr nicht die Straße genommen?“, kam Julien uns entgegen. Na ja, weil ein zugegeben etwas älteres Schild den Feldweg runterzeigte. Mal wieder typisch allemand, folgen immer den Schildern. Schnell gesellten sich seine Frau Christine dazu, seine beiden Schwestern und schließlich noch die Mutter. 12:30 Uhr. „Wir sollten vielleicht erst einmal was essen“, meinte Madame Mongeard, „ich hab da ein bisschen was vorbereitet.“ Ein bisschen ... Brot mit Schinken aus der Region, gegrillte Paprika mit Anchovis aus Collioure und dann ein typisches katalanisches Gericht, Bohnen mit Fleischklößchen, alles ganz leicht, versteht sich, und schließlich noch Käse und frische Erdbeeren mit Crème bavaroise. Danach ist man zu jeder Arbeit unfähig und ehrlich gesagt haben wir hier nicht nur aus Höflichkeit ordentlich zugelangt.

„Jaja“, meint Juliens Mutter, „die katalanische Küche ist sehr deftig. Aber wenn man den ganzen Tag im Weinberg hart gearbeitet hat...“ Haben wir aber nicht, wir haben den Vormittag im Auto gesessen. Also nach der letzten Erdbeere beschließe ich: Das Abendessen fällt heute aus. Eigentlich sind wir ja gekommen, um die Weinberge und den Keller zu sehen, aber beim gemeinsamen Essen erfährt man viel Interessantes. Also zog sich das Mittagessen hin. Die Familie Mongeard kommt eigentlich aus dem Burgund und hat dort natürlich auch Wein gemacht, aber Juliens Vater hat 1990 beschlossen, in den Süden zu gehen. Damals war Land hier unten noch billig und Weinland erst recht. „Ihn hat diese schwarze Erde, die Nähe zu Berg und Meer angezogen“, wirklich ein einmaliger Ort. „Mit den Know-how aus dem Burgund haben wir hier angefangen, aber hier mussten die Weine natürlich ganz anders werden“,erzählt uns Julien.

Die 90er, das war die Zeit der Monsterweine aus Übersee, es konnte gar nicht dunkel und schwer genug sein. Ein Wein war dann top, wenn man sich nach dem ersten Glas schon fühlte, als habe man ein ganzes katalanisches Menü verputzt. „Der verwitterte Schiefer hier sorgt zwar für sehr reifes Traubengut, aber das Erstaunliche ist, dass es nicht so extrahiert wirkt.“ Wie überall, wo Wein auf Schiefer wächst. „Der kalte Wind, der hier das Tal der Agly von Maury herherunterweht, tut sein Übriges." Ja, davon erzählen alle Winzer, tags viel Sonne, nachts kühl ... Aber als wir nach dem Kaffee in die Weinberge gehen, weht es wirklich in Sturmstärke aus den Pyrenäen kühl herunter. Selbst mit dem Stativ ist es nicht möglich, ruhige Filmaufnahmen zu machen. Es wackelt und zittert in einem Stück. „Oben am Puig Carlit liegt noch jede Menge Schnee. Gerade mal 40 km Luftlinie von hier. Die kühle Luft fällt runter und wird durch das Tal wie in einer Düse in Richtung Meer geblasen.“ Ein natürlicher Windkanal, der die Trauben kühlt und trocken hält. „Wenn der mal bläst, dann hält das fünf bis sechs Tage an. Pausenlos und mit 90 km/h. Hält uns aber die Trauben trocken. Mehltau?“, meint Julien lachend. „Ich weiß gar nicht, wie der aussieht ...“

35 Hektar haben die Mongeards mittlerweile, fast alle direkt zwischen dem Flüsschen Agly und den Bergen gelegen. Natürlich gibt es hier den Muscat d'Alexandrine, aus dem der süße Muscat de Rivesaltes bereitet wird. Aber eben auch die anderen mediterranen Rebsorten. „Die Rolle, die in Italien Vermentino heißt, haben wir hier noch nicht solange, die ist aus der Provence rübergekommen.“ Und da hielt sie wohl vor einigen Generationen aus Italien Einzug. Der Mittelmeerraum lebt, in der Küche wie im Weinbau, vom Austausch. Kein Wunder, dass hier oft das Imperium Romanum noch so lebendig ist, da waren die Regionen enger zusammengeschweißt als jetzt in der EU.

Aber Julien und seine Familie denken auch schon weiter. Vor einigenJahren haben sie noch eine Parzelle mit rotem Tuffstein erworben, ca. 8 km von Agly entfernt. „Das ist gut, wenn es hier mal hagelt, wir haben ja sonst alles in einem kleinen Kreis ums Weingut. Außerdem ist die Parzelle was kühler und reift später, in wärmeren Jahren bewahrt das die Frische in unseren Weinen.“ Erstaunlich ist, dass selbst hier im Süden, wo man denkt, das Klima sei einheitlich und die Unterschiede nicht so groß, die Ernte vier bis sechs Wochen dauert. „Wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass der Lesezeitpunkt immer das Wichtigste ist. Man kann nachher und vorher viel machen, aber wenn man zu spät oder zu früh liest, bekommt man nie einen guten Wein. Für uns heißt das, lesen, wenn die Tannine schön reif sind und die Säure noch nicht zu stark abgefallen ist. Wir wollen Weine, die nicht lange auf der Flasche reifen müssen, daher brauchen wir runde, reife Tannine und eine nicht ganz so hohe Säure.“

Ein echter Preis-Genuss-Knüller ist, für das Roussillon ungewöhnlich genug, der Weißwein aus Macabeu und Grenache blanc, der Balmettes. Er gerät auf dem ungewöhnlichen Boden erstaunlich cremig und fast schlank. Dabei zeigt er eine tolle Frische und das bei sehr niedrigen Säurewerten. L´Envie ist eine starke Grenache-Syrah-Cuvée, die von dunklen eingekochten Früchten nur so strotzt, man denkt an Oliven-Tapenade und natürlich den schwarzen Boden. Sensationell ist die Trinkfreude, die dieser Wein versprüht, sicherlich ein Preis-Genuss-Top-Tipp. Bei der Cuvée Bastien ist die auch zu finden, aber hier kommen noch Lakritze, Nelken, Rote Bete und einige Kräuter hinzu. Ein Wein, der nach drei bis vier Jahren perfekt und trotzdem ein großer Südfranzose ist. Die Lebensfreude der Mongeards findet sich in jeder Flasche wieder.

 

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