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Alles Hawaii...

Carl Clemens Hahn´s Schauspielerei hat nicht gerade für seinen bleibenden Nachruhm gesorgt, auch wenn er einmal mit Paul Hörbiger drehen durfte, so ist er zumindest dem deutschen Publikum aufgrund einiger ?genialer? Erfindungen bekannt geworden. Anders als so mancher talentlose Kollege war wohl sein Augenmerk nicht darauf gerichtet gute, ja wohlmöglich die besten Rollen zu spielen, es ging eher darum überhaupt eine zu spielen. Da kam das Fernsehen gerade recht. Eine geradezu moderne Ansicht und man könnte daher die Pilawas, Beckmänner und Kerners dieser Fernsehwelt als seine legitimen Nachfolger bezeichnen, auch wenn es bei ihnen eher trocken zugeht.

Im Hochbunker auf dem Hamburger Heiligengeistfeld in dem der neu gegründete Nordwestdeutsche-Rundfunk residierte soll ihm die Idee gekommen sein. ?Wir machen ein Omelette?, habe er zu seiner Frau gesagt und damit meinte er, im Fernsehen. Eine geradezu revolutionäre Idee.

?Ihr lieben, goldigen Menschen?, so lautete am 20. Februar 1953, zur besten Sendezeit um 21:30h, der erste Satz des Mannes, der sich nun Clemens Wilmenrod, nach seinem Geburtsort im Westerwald nannte. Dann ging es los: Fruchtsaft im Glas, italienisches Omelette, Kalbsnieren mit Dosen-Mischgemüse und türkischen Mokka oder was man dafür hielt.

Munter ging es weiter, aus den goldigen Menschen wurden irgendwann die ?Lieben Freunde in Lucullus? und er zeigte kaum Hemmungen mit Dosen-Ananas, Ketchup und allem was das Wirtschaftswunder plötzlich in die Regale spülte, freigiebig zu hantieren. Als Koch war er eigentlich eine Niete, er konnte nicht einmal ein Huhn einigermaßen korrekt zerlegen, aber hatte Karl May denn jemals wirklich mit dem Henry-Stutzen, mit dem er sich gerne ablichten ließ, geschossen? Beide, Brüder im Fabulieren, verkauften etwas ganz anderes. ?Durch das wilde Kurdistan?, wird zur Farce, wenn man es als Tatsachenbericht liest, zu großer Literatur, wenn man Sehnsüchte sucht. Wenn Wilmenrod Hackfleisch mit Gürkchen, Äpfeln, Eiern, Meerrettich, Tomatenmark und Sauerrahm schmorte, wurde aus einer ordinären Bulette ein ?arabisches Reiterfleisch?. Ein paniertes Schnitzel avancierte zum ?venezianischen Weihnachstschmauß?, den er original von einer Venedig-Reise, wo er wahrscheinlich niemals gewesen war, mitgebracht hatte. Und es durfte auch schon einmal ein ?päpstliches Huhn? oder ?Würstchen mit Austern? sein. Nur der Kosakenzipfel geht bekanntermaßen nicht auf sein Konto.

Er wusste, anders als heutige Fernsehbrutschler, deren Halbwertzeit deutlich niedriger liegen dürfte, dass man den Zuschauern keine Rezepte, verkaufen muss, sondern Sehnsüchte. Er war einer der ersten, die öffentlich mit Pizza und Pasta, Knoblauch und Olivenöl hantierten, wobei es ihm aber weniger um die Rezepte und noch weniger um original italienische Küche ging, sondern nur um das Land wo die Zitronen blüh´n, das ewige Sehnsuchtsland seiner Zuschauer.

Seine größte Erfindung, die heute weltweit immer noch als Inbegriff der deutschen Küche gilt und in keinem Ausfluglokal fehlen darf, verdankt er dem seltsamen Gerät eines Sponsors: einem Infrarotgrill namens ?Heinzelkoch?. So etwas will ja genutzt werden. Also nahm Wilmenrod eine Toastschnitte, belegte sie mit Schinken, Dosen-Ananas (!), Schmelzkäse und ab unter den Heinzelmann, äh Koch? Zum Schluss noch eine Belegkirsche und mit dem Namen Toast Hawaii war 1955 ein Gericht mit dem Geschmack von Ferne und Abenteuer, mit Hullahulla und faul am Strand liegen, während man zu Hause doch für das Wirtschaftswunder die Arme hochkrempeln musste, geboren. Das Stück Herdplattenescapismus hat sich so in das kollektiv-kulinarische Gedächtnis der Nation eingegraben, dass man es heute als Schnitzel, Pizza (!), Salat und was sonst noch findet. Den Ehrenpreis für die Clemens-Wilmenrod-Gedenkkarte bekommt wohl ein Imbissbesitzer aus der tiefsten Eifel. Neben Schnitzel Hawaii, Putenbrust Hawaii, Salat Hawaii und Pizza Hawaii, hat der türkische Inhaber es den hawaiiwilden Eifelern besonders recht machen wollen und ein Döner-Hawaii auf die Karte genommen.

Ich gebe zu, ich war zu feige es zu bestellen, aber eines ist gewiss, Wilmenrod wäre das nicht unter den Grill gekommen. Als lucullischer Bruder von Münchhausen und May, hätte die Kombination aus gegrilltem und geschabten Lammfleisch mit Ananas und Käse unter dem Heinzelkoch sicherlich: Dschingis Khan´s Abendschmauß geheißen und jedem wäre der Duft nach Sattelleder, Pferdeschweiß und die weiten Wiesen der Mongolei erschienen.

 

PS. Vom erfolglosen Schauspieler zur stilbildenden Ikone der deutschen Küche. Wir befinden uns ja gerade in der umgekehrten Entwicklungsphase. Wenn in der Kölnarena im November die Lichter angehen, damit ein bekannter Fernsehkoch zwei Stunden aus der Bratpfanne plaudert wird es wohl kulinarisch eher dunkler und es besteht nur zu befürchten, dass er eines Tages in der Talkshow bekennt er wolle einmal den Lear spielen. Und es bricht da sicherlich einer eine Lanze für ihn?

 

Den Narrn blüht heuer wenig Glück,

Denn Weise wurden Laffen;

Mit ihrem Witz gings sehr zurück,

Benehmen sich wie Affen, die Lieben goldigen Menschen.

 

Ach ja, zum "was auch immer" à la Hawaii trinkt man übrigens einen netten
Riesling ? wie er sich gehört (was aber ein anderes Thema wäre), denn da ist die Ananas mindestens schon drin und man kann sich die Dose gleich sparen.

 

Hier gibt es übrigens eine kulinarische Kostprobe: Rom, die Erdbeere, Hölderlin und ein moderner Vatel.