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A. Christmann - "Ich hatte mit Sophie noch gar nicht gerechnet"

Steffen Christmann ist eigentlich noch nicht in dem Alter, in dem man sich ernsthaft einen Nachfolger wünscht. Als Präsident des VDP hat er zwar auch genug damit zu tun, die vielen meinungsfreudigen Winzer mit ihren unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen, aber in erster Linie ist er doch Winzer – einer der besten Deutschlands. Das Weingut in Gimmeldingen hat er erst 1996 von seinem Vater übernommen, ein altes Fachwerkhaus vorne an der Straße, die aus dem Ort runter kommt. Pittoresk, so wie man sich ein Traditionsweingut in Deutschland vorstellt. Mittlerweile hat er aber hinter dem Haus ein neues, praktisches Weingut und sein eigenes Wohnhaus errichtet. Hier sitzen wir im Esszimmer, mit seiner Tochter Sophie, die jetzt mit ihm zusammen das Weingut leitet.

Eigentlich hatte ich mit Sophie noch gar nicht gerechnet”, meint Steffen mit einem leicht ironischen Unterton, “Ich dachte, sie wollte noch drei, vier Jahre in die Welt hinaus. Aber dann kam plötzlich der Anruf: Papa ich komm dann mal nach Hause.”

“Ja, für mich war das plötzlich alles gut so. Ich hab in kurzer Zeit viel gemacht und viele Weingüter kennengelernt und nachdem ich dann noch zwei Jahre in Berlin gewesen bin hab ich einfach gemerkt, jetzt ist es gut” meint Sophie. Das erste Praktikum hat sie bei Tim Fröhlich an der Nahe gemacht, dann kam Weinbau in Geisenheim und Bordeaux, ein Praktikum in Pomerol, in Australien, bei Julian Huber im Badischen und bei Bürklin-Wolf nicht weit von zu Hause sowie einige Monate bei einem großen deutschen Weinhändler, um auch einmal die andere Seite der Medaille kennenzulernen. “Als ich damit durch war, hab ich die 15er Ernte auf dem Weingut mitgemacht und danach wollte ich noch einmal in eine größere Stadt gehen. Da stand die Entscheidung schon fest, dass ich das Weingut übernehme und bevor ich nach Gimmeldingen zurückkehrte hab ich noch meinen Master in Agriculture Economics in Berlin gemacht. Dann war aber auch gut.”

“Was hast du denn für eine Ausbildung?”, fragen wir Steffen, von dem wir zumindest wissen, dass er Jura studiert hat. “Abendschule”, sagt Sophie lachend. “Nun ja, ich bin Autodidakt …”, erklärt er mit souveräner Ironie, “das lag vielleicht auch am Zeitgeist. Als ich das Weingut von meinem Vater übernommen habe, galt das Winzer- handwerk nicht als wirklich erstrebenswerter Beruf. Bei uns zu Hause hat zwar keiner Druck in die eine oder andere Richtung aufgebaut, aber klar, ich bin die siebte Generation, da hat mein Vater mich schon gerne auf dem Weingut gesehen, während meine Mutter das Jurastudium eindeutig besser fand. Eigentlich hab ich erst mit Mitte 20 entschieden, das Weingut zu übernehmen und dann noch eine Ausbildung zum staatlichgeprüften Wirtschafter in Sachen Weinbau zu machen.”

“Wie war das denn bei dir?”, fragen wir Sophie. “Ich hab schon in der Grundschule den Freundinnen ins Poesiealbum geschrieben, dass ich Sommelière werden will. Meine Mutter hatte mir erzählt, dass man da viel Wein und Essen probieren muss und den Leuten dann empfiehlt, was zueinander passt. Das fand ich toll.”

Idig Weinberge Steffen Christmann Christmann - neues Gutshaus

“Nie Zweifel, nie die Idee raus zu müssen?” “Irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Natur, Genuss, das passt für mich alles zusammen, da wollte ich nie raus.” “Das war auch eine der Überlegungen, warum wir den Übergang schon jetzt eingeleitet haben”, erklärt Steffen, “bei uns ist es Tradition, dass immer nur ein Kind das Weingut übernimmt. Die paar Hektar aufzuteilen würde ja auch gar keinen Sinn machen, also hatten wir erst die Idee zu warten, bis auch das Jüngste unserer vier Kinder da eine Entscheidung treffen kann. Aber bei Sophie war klar, dass sie das unbedingt wollte und sie hat so zielstrebig darauf hingearbeitet, dass uns recht bald klar war, sie würde das Weingut weiterführen.”

“Ich hab ja schon immer auf Verkostungen und Präsentationen mitgedurft und das fand ich grandios. Das Tolle war: Wir mussten nie, wie auf vielen anderen, kleinen Weingütern, nach der Schule mit in die Reben oder im Keller helfen. Das war bei uns immer freiwillig, da gab es nicht den geringsten Zwang und deshalb hab ich das auch immer gerne gemacht” sagt Sophie.

“Und wie war das als du nach Geisenheim kamst und plötzlich die graue Theorie kam?”, fragen wir. “Das Schockierende war eher, dass man da plötzlich Herbizide, Schönungsmittel und solche Dinge als state of the art präsentiert bekam. Das hatte ich zu Hause nie gesehen, sowas haben wir nicht benutzt. Aber man hat auch viele interessante Sachen gelernt und vor allem viele Menschen getroffen, die das Gleiche machen wollen. Für mich waren der Austausch und die Freundschaften das Wichtigste beim Studium”, erzählt Sophie. Im VDP übernehmen häufig die Töchter die Betriebe, ist uns aufgefallen. Wie sehen die Christmanns diese Entwicklung, wollen wir wissen. “Sie ist ja in den acht Generationen, die es das Weingut gibt, schon die vierte Frau, die es leiten wird”, meint Steffen. “Es scheint so, dass es mittlerweile viele Frauen im Weinbau gibt und in Geisenheim studieren ja aktuell auch 50 Prozent Frauen”, ergänzt Sophie, “aber ich hab da letztens in einer Statistik gelesen, dass 89 Prozent aller Weingüter in Deutschland von Männern geleitet werden. Davon sind 80 Prozent zwischen 46 und 50. Da wird sich in den nächsten Jahren also sicher einiges ändern.”

“Was wird sich denn in den nächsten Jahren ändern auf eurem Weingut?” fragen wir. “Und Steffen, hast du mit den Änderungen, die kommen werden, eigentlich ein Problem?” Steffen lacht. “Wenn man auf Mitte 50 zugeht und man recht erfolgreich gearbeitet hat, dann neigt man vielleicht dazu, bequem zu werden und es sich nett einzurichten. Also ist es mir so eigentlich lieber, dass wir da das ein oder andere Neue machen, bevor ich bequem werde. Von daher ist das vielleicht auch genau der richtige Zeitpunkt.”

“Und konkret?” “Für Riesling stehen wir ja schon”, meint Sophie, “da sind es eher viele kleine Stellschrauben, an denen wir noch drehen. Also hatte ich mir überlegt, mich stärker auf den Pinot Noir zu konzentrieren.” “Königsbach mit seinen Kalkböden”, erklärt Steffen, “ist altes Burgunderland. Der einzige Ort an der Mittelhaardt, der für große Pinot Noirs stand. Ein Edelburgunder aus dem Weingut Christmann stand immerhin 1906 bei der Eröffnung des Hotel Adlon auf der Karte.” “Also Riesling und Pinot Noir war die Idee”, erzählt Sophie, “aber als ich das dem Opa erzählt habe, hat der fast einen Nervenzusammenbruch bekommen. ʻWas ist denn mit dem Weissburgunder ʼ, hat er gefragt. Dafür standen wir schon immer und da haben wir so viele alte Parzellen, den könne man doch nicht einfach rausreißen. Also haben wir nochmal nachgedacht. Ich hatte ja bei Julian Huber gesehen, dass der Weissburgunder durchaus ein großes Potential hat und vor allem ist er so eng mit dem Chardonnay verwandt, dass man da vielleicht mal eher in die Richtung Chablis, als in die fruchtbetonter Sommerweine denken müsste.” “Das ist das Spannende im Moment”, meint Steffen, “hier sind jetzt alle ziemlich enthusiastisch unterwegs. Beim Spätburgunder wissen wir, dass da ein ganz großer Wein draus werden kann. Beim Weißburgunder müssen wir es einfach ausprobieren.” “Was wir unten im Keller verkostet haben, wird für den ein oder anderen Kunden vielleicht nicht ganz verständlich sein”, wenden wir ein. Steffen lacht. “Also wir sind ja schon seit mehr als 20 Jahren für unsere Kunden eine permanente Zumutung. 1995 hat mein Vater noch 25.000 Flaschen Königsbacher Idig Kabinett gemacht, 1996 gab es dann nur noch 1.200 Flaschen Idig als Großes Gewächs und der Rest war einfach Guts- oder Ortswein und seitdem ist unser Stil ja nicht einfacher und ansprechender geworden.”

“Und trotzdem habt ihr Erfolg und müsst mittlerweile die Weine eher zuteilen als anbieten.” “Man sagt ja eigentlich, der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Bei uns ist das zum Glück etwas anders, wir können die Weine so machen, wie wir sie haben wollen”, meint Steffen.

“Vielleicht gibt es auch mittlerweile genug Fische die so denken und schmecken wie ihr?”, vermuten wir. “Natürlich, der Verbraucher ist informierter und Weinfreunde, die vor zwanzig Jahren meinten, tolle Weine kämen nur aus Frankreich, kaufen mittlerweile auch deutsche Weine, nicht nur Riesling”, sagt Steffen. “Das ist eine Freiheit, die wir uns erhalten wollen,” ergänzt Sophie, “daher auch die Entscheidung, dass das Weingut nicht größer werden soll. Wir haben ja jetzt eine historische Top-Lage oberhalb von Neustadt dazu bekommen, dafür haben wir uns von Weinbergen in Deidesheim getrennt.”

“Steffen, dein Vater ist ja auch noch mit im Weingut, du bekommst also jetzt von zwei Seiten Druck. Funktioniert das und wie war das damals als du das Weingut übernommen hast?” Steffen lacht: “Oh ja, den Höhepunkt meiner Macht habe ich jetzt klar überschritten. Von nun an geht's bergab, ein paar Jahre versuche ich mich aber noch zu halten. Aber im Ernst, mein Vater hat mir nie wirklich rein geredet. Er hatte nur immer so eine Art Fragen zu stellen. Warum ich das denn so oder so mache? Das war subtiler und fast fieser, weil er oft getroffen hat. Irgendwann, als er meinte, das läuft jetzt alles schon, hat er dann aufgehört zu fragen. War mir dann auch nicht recht. Das hat mir richtig gefehlt.” “Irgendwie machen wir das jetzt auch so. Wir sprechen darüber, aber fast immer sind wir uns einig oder die Abweichungen sind so gering, dass wir es dann einfach machen”, meint Sophie.

Wir staunen über so viel Harmonie: “Keine Konflikte bisher?” “Doch”, antwortet Sophie sofort, “bei einem Wein hatten wir zwei Versionen, da ging es um 0,5 Gramm Restzucker. Ich fand den einen besser, Papa den anderen. Da hab ich dann gesagt, gut dann machen wir das so wie du das besser findest, da kam dann nur zurück. ‘Och nö, macht das doch wie ihr wollt’. Da hab ich ihn richtig zu einer Entscheidung zwingen müssen.” “Das war mir nicht so wichtig, weil beide Versionen gut waren und unserem Stil entsprachen. Der Unterschied war auch kaum schmeckbar”, sagt Steffen.

“Man streitet sich also um das Unwichtige?”, fragen wir. “Vielleicht. Aber eher darüber, dass am Ende des Tages jemand das letzte Wort haben muss, wenn es darauf ankommt. Im Moment bin ich das noch, aber in drei, vier Jahren wird das Sophie sein.”

“Was habt ihr denn im Vorhinein besprochen?” “Ich hab Sophie beim letzten Skiurlaub im Schlepplift mal gefragt, was denn da so auf mich zukommen wird …”, erzählt Steffen. “Für mich ist das intuitiv ganz klar. Papa hat die große Erfahrung, aber das Tolle ist, er gibt mir auch die Freiheit, Fehler zu machen und die Dinge nach meinen eigenen Vorstellungen entwickeln zu können. Als wir uns auf das Weissburgunder-Projekt verständigt hatten, haben wir dann auch direkt dafür investiert. Das ist schon toll. Im Studium hab ich genug Kommilitonen gehabt, bei denen ganz klar war, dass das anders laufen wird. Die werden, so lange die Eltern mit im Betrieb sind, kaum etwas an den Weinen ändern dürfen.”

“Steffen, bist du eigentlich zufrieden mit dem, was du in den letzten 20 Jahren mit dem Weingut erreicht hast?” “Die Pfalz hat den Vorteil, dass sie viele zufriedene Menschen hervorbringt. Wenn ich mich so umschaue, dann hab ich den Eindruck, dass die meisten Menschen links und rechts lieben was sie tun.” “Und wir haben ja zusammen auch noch ein bisschen was vor”, ergänzt Sophie.

 

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2016 Reiterpfad-Hofstück GG

Mit dem Jahrgang 2016 sind Steffen Christmann und Tochter Sophie mit allen Weinen einen spürbaren Schritt hin zu mehr Leichtigkeit und Frische gegangen, der uns sehr gut gefällt. So sind die Weine immer sehr aromatisch aber nie schwer oder füllig. Davon profitiert auch das GG vom Hofstück, der besten Parzelle innerhalb der Großen Lage Reiterpfad, wo es an Sonne und Wärme nie mangelt. Anfänglich noch etwas unruhig, offenbart es jetzt in seiner allerersten Reife einen großzügigen, dezent cremigen aber auch straffen Charakter mit kühler, intensiver Kalksteinmineralik. Trotz großer Kraft bleibt hier immer alles fokussiert und animierend. Kann sicher noch weiter zulegen, ist aber schon jetzt ein echtes Highlight des Pfälzer Rieslings.

Sommelier Choice Marco Lindauer:

"Ein großer Riesling lebt nicht von Fülle allein. Es geht immer auch um Spannkraft und Schliff."

0,75l 38,00 € shopping_basket

 

Angebote gültig bis 30.06., bzw so lange der Vorrat reicht.