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1900 oder Riesling forever!

In Paris nimmt die erste Metro Strecke ihren Betrieb auf, der erste Zeppelin schwebt über den Bodensee, Antoine de Saint-Exupéry wird geboren und in Berlin ist Friedrich Wilhelm der II schon seit 12 Jahren deutscher Kaiser, als im Spätherbst in der Pfalz die Rieslingtrauben für einen sehr feinen Riesling geerntet werden. Stücklepfad steht auf der Flasche, der Jahrgang 1900 und das Weingut Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan. Sozusagen der einfache Lagenwein aus einer der Top Lagen der Pfalz.

Jetzt standen zwei Flaschen dieser Rarität in Deidesheim auf dem Tisch des Restaurants Freundstück und warteten darauf, verkostet zu werden.

Daneben noch elf weitere Weine von 1976 bis 1900 zurück, ein Dreivierteljahrhundert Weingeschichte, besser gesagt Pfälzer Weinkultur in der Verkostung, begleitet von einem erstklassigen Menü aus der Freundstück Küche. Die Weingüter Bassermann-Jordan, Reichsrat von Buhl und der Kölner Weinkeller hatten zu dieser einmaligen Probe eingeladen. Das besondere, es war eine live Show, kein doppelter Boden, keine Absicherung. Da von den Weinen oft nur noch wenige Flaschen in den Schatzkammern der beiden Weingüter liegen, waren die Weine vorher nicht verkostet worden. ?Wenn man nur noch sechs Flaschen vom 34er hat, reißt man nicht mal eben eine auf, um zu schauen ob die für die Verkostung geht?, meinte Christoph Graf vom Weingut Reichsrat von Buhl. Also, volles Risiko, oder?

Als Aperitif stand eine 1965er Riesling Eiswein-Spätlese aus dem Forster Ungeheuer von Reichsrat von Buhl auf der Liste. Ein schrecklicher Jahrgang! Man musste damals schon suchen um ein paar wirklich reife Trauben zu finden, fast alle Weine wurden daher aus unreifen, unharmonischen Lesegut bereitet. Zumindest in Deutschland und Frankreich gilt der 65er als einer der schlechtesten Jahrgänge der letzten fünfzig Jahre. Und ich glaube, alles was ich bisher aus verkostet hatte, konnte diese Meinung nur auf das schrecklichste bestätigen. Also ein 65er zum Auftakt, bei Buhl hat man Mut! Aber wahrscheinlich auch damals schon, denn aus der Not der erheblichen Unreife hatte man eine Tugend gemacht. Man ließ einfach eine große Zahl Trauben in der Spitzenlage Ungeheuer hängen. Irgendwann würden sie schon reif werden oder verfaulen. Hopp oder Topp.

Sie wurden reif und dann auch gelesen. Bei knackigem Frost Ende Dezember und wahrscheinlich brauchte es auch die vierzig Jahre bis die forsche Säure einigermaßen erträglich wurde, aber jetzt war daraus ein gelungener Wein geworden. Eine Art von Fino-Riesling. Von der Restsüße war nur noch wenig zu spüren und die frische Säure machte Lust auf mehr und regte den Appetit an. Ein überraschender Auftakt!

Zum Dreierlei von der Gänseleber mit jungem Lauch und Aprikose gab es zwei Weine aus den Siebzigern. 1971 Rupperstberger Hoheburg Riesling Spätlese von Buhl und 1976 Forster Jesuitengarten Riesling Auslese von Bassermann. Dieser etwas opulenter und mit den für die Forster Lagen typischen exotischen Noten, während jener sehr klar und offen, dabei aber auch wunderbar filigran war. Erstaunlich, dass beide Weine jetzt sehr trocken schmeckten. Dem Jesuitengraten mit einem leicht barocken Duft und unterschwelligen Kamille und Tabaknoten, merkte man seine einst 70g Restzucker kaum an, der Hoheburg ging jetzt problemlos als trocken durch. Beide Sommer waren extrem heiß gewesen und wenn man immer wieder die Warnungen hört, die 03er Weine lagern zu lassen, kann man das angesichts der 71er oder 76er alles recht gelassen sehen.

Dann folgte 59er Forster Elster Riesling Auslese von Buhl und 64er Forster Kirchenstück Riesling Spätlese von Bassermann zum Seeteufelmedaillon mit Hummerkruste an Petersilienwurzel. Die Lage Elster in Forst gibt es seit dem 71er Weingesetz nicht mehr, sie gehört jetzt zum Ungeheuer. Ein eigenwilliger Wein, kraftvoll mit torfigen Noten die irgendwie an einen Malt Whiskey erinnern, am Gaumen aber überhaupt nicht breit, sondern sehr klar strukturiert. Im Duft hatte er etwas von Sanddorn und Kräutern. Beim Kirchenstück waren die beiden geöffneten Flaschen sehr unterschiedlich, eine musste wohl beim Neuverkorken etwas viel Schwefel mitbekommen haben und stach daher leicht in der Nase. Die andere aber war betörend mit einem leichten Marzipanduft, einem Hauch Kreuzkümmel und rosinigen Noten. All das begleitet von einer kraftvollen Säure.

Die nächste Kombination versprach besonders spannend zu werden: Mild geräucherte Wachtelbrust auf Dattel-Cous-Cous mit Gewürzjus. Dazu gab es den einzigen Nicht-Riesling-Flight. 66er Königsbacher Idig Ruländer Auslese von Buhl und 1953 Dürkheimer Michelsberg Gewürztraminer von Bassermann, beide Lagen sind mittlerweile nicht mehr im Besitz der Weingüter, den Idig kennen wir ja als eine der besten Rieslinglagen der Pfalz. Steffen Christmann keltert jetzt hier seinen Paradewein. Der Gewürztraminer kam mir schon etwas ausgetrocknet vor, vielleicht der einzige Wein der Probe dem man nicht noch weitere zwanzig, dreißig Jahre zugestanden hätte. Tabaktöne, Salbei, ein wenig würzig und dann stelle ich mir die Frage schmeckt so trockenes Karamell?

Ruländer, die vielgescholtene Rebe, die als Grauburgunder trocken und schlank ihre Wiederauferstehung gefeiert hat. Eine absolute Überraschung und der Beweis, dass auch der mollige bortrytisstil wunderbar sein kann. Vielleicht muss man nur vierzig Jahre warten können. Orangenzesten im Duft, nasses Zedernholz, Bergamotte, Dörrobst und dabei mittlerweile fast trocken. Passte hervorragend zum Dattel Cous-Cous. Kulinarisch vielleicht die stärkste Kombination des Abends.

Dann kam der Jahrhundertwein. 1900 Stücklepfad Riesling von Bassermann. Eine Lage die heute zur Hoheburg gehört, also ein Ruppertsberger Wein. ?Der war damals fast trocken, vielleicht 25g Restzucker als er gefüllt wurde. Ein Großes Gewächs 1900 also?, meinte Gunther Hauck, der Leiter des Weingutes Bassermann-Jordan. Dunkle Farbe wie ein Oloroso Sherry, in der Nase konzentrierte Pfirsicharomen, doch ohne jeglichen kitschigen Anklang. Fest und trocken auf dem Gaumen, knackige, frische Säure. Ein regelrecht anstrengender Wein, der erst nach einiger Zeit auf dem Gaumen elegant wird. Man wagt gar keine Prognose abzugeben wie lange der noch liegen kann. Die nächsten zwanzig Jahre dürften jedenfalls keine Hürde darstellen, außer das es nur noch 15 Flaschen gab - vor der Probe. Dazu servierte die Freundstück Küche eine Ochsenschwanzessenz mit Sherry, perfekt.

Der Hauptgang: Hirschrücken mit Polentastrudel, Kürbis und Kaffeejus und dazu zwei Weine aus dem großen Jahrgang 1937. Forster Ziegler (jetzt auch Ungeheuer) Riesling Beerenauslese von Buhl und Forster Kirschenstück Riesling von Bassermann. Der Ziegler ein schmeichelnder Essensbegleiter. Elegante Kirschtöne, reife gelbe Früchte, entwickelte sich toll im Glas. Der Kirchenstück hatte bei der Füllung 60 bis 70g Restzucker, jetzt war auch er fast trocken. Trotzdem überreife Pfirsiche, Tabak und Karamell und voller Mineralität.

Dann die Paukenschläge zum Schluss, zwei Trockenbeerenauslesen. 1934 aus dem Forster Freundstück von Buhl und 1925 aus dem Deidesheimer Hohenmorgen von Bassermann. Beides Rieslinge versteht sich. Dazu eine Passionsfrucht-Gewürzschnitte mit Karamelleis und weißer Schokolade. Eine grandiose Küchenleistung den ganzen Abend, aber irgendwie hätte gegen diese beiden Weine kein Koch der Welt eine Chance gehabt. Das Dessert wurde so nebenbei gegessen. Das Freundstück war mit 152° Öchsle in die Presse gekommen und mit satten 10°° Säure. Erinnerte an einen großen Palo Caortado, Toffie, nussig, Pampelmuse, ein enorm vielschichtiger Wein, der so elegant war, dass man ihn kaum für eine TBA gehalten hätte. Da konnte man locker eine ganze Flasche von trinken.

Dann der 25er Hohenmorgen. Für viele am Tisch der Wein des Abends. Duft nach Kaffee, Mokka, Trockenfrüchten, wie ein Pedro Ximenez. Feigen, Bitterorange, wie würde das am Gaumen sein? Wer gute Pedro Ximenez Sherry kennt, weiß dass diese wunderbaren Aromen oft von dieser ungehemmten Zuckerattacke, die der Wein mit sich bringt, erschlagen wird und hier? Die pure Eleganz. Fast leichtfüßig wirkte der Wein, eine Diva die ganz natürlich das unvereinbare zusammen bringt. So muss es gewesen sein wenn die Duse d´Annunzio gespielt hat. Aber die war ja schon ein Jahr bevor dieser Wein geerntet wurde für immer von der Bühne abgetreten.

Eine unglaubliche, faszinierende Probe. Ein Gast berichtete von einer sagenhaften Bordeaux Probe auf der er vor einigen Wochen war. Dreißig Jahrgänge bis 45 zurück und da waren viele der großen Namen selbst aus Top Jahren ein Ausfall gewesen. Hier nicht eine einzige Flasche. ?Na kein Wunder?, meinte Gunther Hauck, ?um 1900 war ja ein Kirchenstück Riesling ja auch viermal so teuer wie ein Chateau Latour.? Eben und das ist er auch wert wie wir ja jetzt wissen.

Also, Riesling forever!

PS. Nach der Probe noch ein frisches Bier in der Lounge des Freundstück und dann die einzige Enttäuschung des Abends. Der FC hat in Leverkusen 2:0 verloren. Na, es kann ja auch nicht alles gut gehen an solch einem Tag.

 

Links:
www.bassermann-jordan.de
www.reichsrat-von-buhl.de
www.ketschauer-hof.com